antique_european Lucius Apuleius Der Goldene Esel

Der Goldene Esel des Apuleius, dieser wenigstens dem Namen nach allgemein bekannte satirisch-mystische Roman, ist mit so viel Menschenkenntnis, Witz, Munterkeit und Laune geschrieben, mit so angenehmen, wohlerfundenen, komischen, tragischen und poetischen Episoden durchwebt, dass nicht allein Boccaz und Raphael, Lafontaine und Lesage denselben stückweise, jeder in seinem Fache, benutzt, sondern dass auch alle um uns liegenden kultivierten Nationen sich denselben durch wiederholte übersetzungen völlig eigen zu machen gesucht haben.

de la August Rode
N/A 2015 DAE38774-7A90-4722-A347-5E088A72C31B 1.0

Lucius Apuleius

Der Goldene Esel

Ankündigung des Übersetzers

Der Goldene Esel des Apuleius, dieser wenigstens dem Namen nach allgemein bekannte satirisch-mystische Roman, ist mit so viel Menschenkenntnis, Witz, Munterkeit und Laune geschrieben, mit so angenehmen, wohlerfundenen, komischen, tragischen und poetischen Episoden durchwebt, daß nicht allein Boccaz und Raphael, Lafontaine und Lesage denselben stückweise, jeder in seinem Fache, benutzt, sondern daß auch alle um uns liegenden kultivierten Nationen sich denselben durch wiederholte Übersetzungen völlig eigen zu machen gesucht haben.

Ich habe mich seit einigen Jahren beschäftigt, ihn ins Deutsche zu übertragen. War es Mangel an Geschmack seines Zeitalters, war es zu weite Entfernung von der Hauptstadt, oder war es afrikanisches Genie oder alles dreies zusammengenommen: genug, des Apuleius Schreibart ist bei weitem nicht die beste. Er kettet ewig lange Perioden zusammen, ist sehr kostbar und schwülstig in seinem Ausdrucke, gebraucht unerhörte Wortfügungen und veraltete, ja wohl gar selbsterfundene Wörter und Redensarten. Ich habe mich dagegen bemüht, ihn im Deutschen sich so ausdrücken zu lassen, wie ein so feiner Mann, ein Mann von so lebhaftem bebauetem Geiste als er war – sich heutzutage in unserer Sprache über dieselben Gedanken und Gegenstände ausrücken würde. Übrigens bin ich meinem Originale ganz treu geblieben, auch selbst in den üppigen Szenen, denn ich habe nicht geglaubt, in unsern Tagen verschämter tun zu dürfen als ein vornehmer Priester und platonischer Philosoph zu den Zeiten des frommen Antonius.

Erster Teil

Prolog

Liebe Leser!

Ich, Lucius Apuleius, grüße Euch.

Baß erstaunt fragtet Ihr: Warum stiegst Du aus dem Schattenreich zu uns auf? Just das will ich Euch erzählen!

Ihr kennet die Märchen aus Tausendundeine Nacht, verstohlen leset Ihr auch Boccaccio, Balzac, Flaubert. Und reiset Ihr nach Italien und Rom, so stehet Ihr staunend in der Villa Farnese vor des großen Meisters Raffael »Amor und Psyche«. Und viele Künstler haben dieses mein berühmtes Liebespaar gar herrlich in Marmor gemeißelt.

Mich aber kennet Ihr nicht. Und das stimmt mich traurig. Voller Mitleiden gab daher des Schattenreiches Herrscherin Proserpina Urlaub, auf daß ich mich mit meinem Werk bei Euch in Erinnerung bringe.

Mäuschenstill schlich ich mich am schlafenden Zerberus vorbei. Der sonst so düstere Fährmann Charon setzte mich willig über den Styx – und schon bin ich bei Euch in der blendend strahlenden Sonne.

Und ich kündige Euch an: Mit Genuß werdet Ihr meine goldenen Eseleien lesen! Beim Hercules! Es wird viel zu lachen geben!

Saubere Früchtchen, alte Runkunkel, böse Molche treiben ihren schlimmen Schabernack. Über ihre Possen werdet Ihr Euch scheckig lachen! Aber auch ehrsamen Bürgern, Mönchen, Priestern werdet Ihr begegnen. Ich führe Euch mitten hinein ins bunte Leben, in Stadt und Dorf, auf Straßen und Märkte.

Bisweilen geht es schon derb und urwüchsig zu! Und Meister Langohr mit dem langen Zagel, der lederne Klopphengst, treibet es oft gar arg. Verzeihet ihm! Er ist ein unvernünftiges Geschöpf. Und wie oft hagelte ein Prügelhagel über den Armen, daß er hub-, bug- und blattlahm ward! Habt nur Mitleid mit ihm! Schreiet nicht gleich Zeter und Mordio! Er war halt – ein Esel! Auf die gleisnerischen Sitten- und Splitterrichter unter Euch hab’ ich einen Pik! Sie sollten nicht vergessen, daß wir damals noch arge Heiden waren.

Jetzt liest der Esel uns gar noch Moral! schimpfet Ihr. Nein – das will ich nicht. Ein Mucker bin ich nicht.

Leset also mit Vergnügen die seltsamen Erlebnisse meines eselhaften Taugenichts, und lachet nach Herzenslust und vergesset nicht

Euren Lucius Apuleius

»Laßt Euch desungeachtet die Mühe nicht verdrießen, weiter fortzuerzählen«, redete ich nochmals und schon mit mehr Zuversicht den andern an. »Sowenig es auch Euch da«, wandte ich mich an diesen, »zu Kopfe will, so kann es, beim Hercules! darum doch alles sehr wahr sein. Ach, guter Freund, nur allzuoft verwirft unser verkehrter Sinn dasjenige als eine Lüge, was ihm doch nur unerhört, unersehen ist oder was über das Ziel seiner Gedanken hinausreicht und er nicht fassen kann! Prüfte er es nur genauer, wie manchmal würde er nicht finden, daß es nicht allein ganz begreiflich, sondern auch gar wohl tunlich ist! Ich wäre zum Beispiel noch gestern abend schier an einem Stück Käsekuchen erstickt, weil ich zu gierig aß und zu große Bissen davon nahm; da mir denn die klebrige Masse dergestalt die Kehle verstopfte, daß ich genug zu würgen hatte, ehe ich wieder Luft bekommen konnte. Und gleichwohl habe ich neulich in Athen vorm Pökile5 mit diesen meinen leiblichen Augen einen herumziehenden Marktschreier einen scharfen Degen, die Spitze zuerst, hinunterschlucken sehen! Ja, kurz darauf nahm er sogar einen langen Jagdspieß, stach sich damit für ein Spottgeld, das man ihm gab, tief in den Leib hinein, und das Eisen, das er hier in den Unterleib stieß, kam samt dem Schafte aus dem Genicke hinten hoch empor, und oben auf der Spitze ließ sich ein bildschöner Junge sehen, der da mit solch einem Anstande, mit solch einer Gelenkigkeit tanzte und gaukelte, daß wir Zuschauer vor Verwunderung alle Maul und Nase aufsperrten. Wahrhaftig, geschickter hätte sich nicht der edle Drache des Gottes der Ärzte um den knotigen Stock desselben herumschlingen können! Wohlan also, Landsmann«, sprach ich zu jenem wieder, »laß mich nicht vergebens bitten! Will Euch Euer Kamerad nicht glauben, so tue ich’s für ihn mit, und in dem ersten Wirtshause, worin wir einkehren, bezahle ich aus Erkenntlichkeit Eure Zeche.« – »Nicht doch, lieber Herr«, versetzte er, »das verlange ich nicht! Ich kann Ihm ja wohl ohnedies mein Histörchen erzählen: Ich will’s ihm ganz von vorne wieder anfangen, weil er’s gerne hören mag. Zuvörderst kann ich’s ihm aber bei der Sonne, die uns bescheint, bei diesem allschauenden Gott zuschwören, da alles, was ich ihm da erzählen werde, die helle, klare Wahrheit und mir selbst begegnet ist! Er wird auch selber nicht daran zweifeln, wenn er erst in die nächste thessalische Stadt hier kommt, wo es sich öffentlich zugetragen hat und noch in aller Leute Mäuler ist. Laß er sich auch vorhero noch sagen, wer und woher ich bin und was mein Gewerbe ist: Ich heiße Aristomenes, bin aus Ägina und treibe in Thessalien, Ätolien, Böotien Handel mit Honig vom Berge Ätna, mit Käse und so dergleichen Waren mehr, die in den Gasthäusern gebraucht werden.

Einstmals nun zieh’ ich Kundschaft ein, daß zu Hypata, der angesehensten Stadt in ganz Thessalien, frischer, wohlschmeckender Käse um sehr billigen Preis zu haben sei. Ich mache mich eiligst dahin auf, gleich den ganzen Vorrat wegzuschnappen. Allein ich armer Schelm mußte zur bösen Stunde ausgegangen sein, meine Hoffnung, einen trefflichen Schnitt zu machen, schlug mir fehl; wie ich hinkam, hatte schon tags zuvor Kaufmann Wolf allen Käse weggekauft. Von der unnützen Eile ermüdet, begebe ich mich gegen Abend ins Bad: Siehe! da werde ich unterwegs meines alten Kameraden Sokrates ansichtig. Er saß auf der Erde, mit einem groben, lumpigen Mantel halb behangen, sich selbst fast nicht mehr ähnlich, totenblaß und ganz entstellt vor Magerkeit: kurz, vollkommen so wie die Stiefkinder des Glücks an den Ecken um Almosen zu bitten pflegen. In diesem erbärmlichen Zustande schämte ich mich meines Freundes und hätte fast getan, als kennte ich ihn nicht; doch ging ich endlich zu ihm hin: ›Um’s Himmels willen, lieber Sokrates, was ist das?‹ rief ich, ›wie siehst du aus? Sag mir, was hast du angefangen? Du bist zu Hause als tot ausgeschrien, beweint; die Gerichte haben deinen Kindern Vormünder bestellt, deine Frau hat die Trauer um dich schon wieder abgelegt und um deinetwillen sich so abgehärmt und abgeweint, daß sie beinahe unkennbar und blind geworden ist; eben dringen alle Verwandte in sie, ihren betrübten Witwenstand lieber gegen die Freuden einer zweiten Ehe zu vertauschen – und mittlerweile seh’ ich dich hier, zu unser aller größter Schande, wie ein leibhaftiges Gespenst einherziehen?‹ – ›Ach, Aristomenes‹, seufzte er, ›wie wenig mußt du noch des Glückes Launen, Unbestand und Wechsel kennen!‹ – Und mit den Worten verbarg er sein Gesicht, das blutrot vor Scham geworden war, dergestalt in seine Lumpen, daß kaum noch seine Blöße bedeckt war. Ich konnte den jämmerlichen Anblick nicht ertragen. Ich packte ihn an und will ihn aufrichten; aber mit verhülltem Kopfe, wie er war, rief er: ›O laß mich; laß das Glück noch länger des Siegeszeichens genießen, das es sich selber aufgestellt hat!‹ – Ich bringe ihn ungeachtet noch dahin, daß er mir nachgibt, ziehe auch meinen Oberrock ab und bekleide – oder, um recht zu sprechen, bedecke – ihn geschwind damit und eile mit ihm ins Bad. Da stecke ich ihn in die Wanne und wässere ihn erst, schaffe indes Salbe und Reibtücher herbei und scheure ihm dann den alten Schmutz tapfer ab, und nachdem ich seiner also auf das beste gepflegt, geleite ich ihn, da er ganz entkräftet, so müde ich auch selbst war und so sauer mir’s auch ward, nach einer Herberge, lege ihn zu Bette und gebe ihm zu essen und zu trinken und suche ihn durch allerhand Gespräche aufzumuntern. Schon waren wir auch wirklich guter Dinge, lachten, scherzten, stachen einander an, waren laut, als auf einmal mein Gast schmerzlich aus innigster Brust heraufseufzt, sich mit geballter Faust vor die Stirn schlägt und also anhebt: ›Ich Unglücklicher bin bloß durch die vermaledeite Lust, ein Fechterspiel zu sehen, wovon sehr viel Geredens gemacht wurde, in dies schmähliche Elend geraten! Denn, wie du weißt, reist’ ich, um mir ein bißchen Geld zu machen, nach Mazedonien. Kaum habe ich allda zehn Monate mein Wesen getrieben, so ist mein Beutel auch schon so wohl gespickt, daß ich mich wieder auf den Heimweg begebe. Allein wie ich dicht vor Larissa komme, wo ich durchwollte, um dort eben die verwünschten Fechterkämpfe mit anzusehen, fällt mich eine Straßenräuberbande in einem abgelegenen, winkligen Tale an, und ich muß alles, bis aufs Leben, im Stiche lassen. In dieser Not gelange ich zu einer braven Gastwirtin mit Namen Meroe. Ich erzähle ihr die Ursachen meiner Wanderschaft, und wie ich nun beim Nachhausegehen alles meines sauer erworbenen Gutes beraubt worden. Sie hört meine ganze Geschichte voller Mitleiden an und nimmt mich höchst liebreich bei sich auf, setzt mir auch, und zwar unentgeltlich, eine wohlzugerichtete Mahlzeit vor; am Ende aber, von Brunst hingerissen, nimmt sie mich mit sich zu Bette, und damit war mein Unglück fertig! Denn in der einen Nacht hat mir’s das Weib so angetan, daß ich ihr Saft und Kraft verschwendete, ihr auch selbst die Kleider, die mir die Räuber aus Erbarmen noch gelassen hatten, nebst allem dem hingab, was ich, da ich noch fortkonnte, durch Trödeln gewann; bis ich mich zuletzt – Dank sei meinem bösen Geschick und diesem gutherzigen Weibe! – in dem Zustande befand, worin du mich jetzt antriffst.‹ – ›Beim Pollux!‹ sprach ich. ›Du verdientest, daß es dir noch schlimmer erginge, womöglich, als es bereits dir geht, da du so um schnöde Lust und um einer verhurten Vettel willen Weib und Kind vergessen hast!‹ – Ganz verdutzt fuhr er darüber voll Schreckens mit dem Zeigefinger sich hastig auf den Mund. ›St! st!‹ rief er mir zu, sah sich höchst schüchtern überall um und sprach endlich: ›O Bruder, ich bitte dich, nimm dich in acht, daß du dir an dem Weibe die Zunge nicht verbrennst!‹ – ›So?‹ antwortete ich spöttisch. ›Was ist denn mehr mit deiner Frau Wirtin? Ist sie so mächtig? Sie ist doch wohl nicht etwa eine Königin?‹ – ›Eine Zauberin‹, versetzte er, ›ist sie, eine Fee! Sie kann dir den Himmel herniederlassen, die Erde emporhangen, die Quellen versteinern, die Felsen zerflößen, die Manen6 hinauf-, die Götter hinabbannen, die Gestirne verdunkeln, den Tartarus selbst erleuchten ...‹ – ›Halt, halt!‹ unterbrach ich ihn. ›Daß du nicht noch fällst über die tragischen Stelzen! Packe lieber den theatralischen Plunder ein und sprich mit mir wie andere Leute.‹ – ›Nu, nu‹, sprach er, ›soll ich dir eins und das andere von ihren Sächelchen erzählen? Daß sie die Einheimischen nicht allein, sondern die Indier auch, ja die beiden Äthiopier7 und selbst die Gegenfüßler8 sterblich in sich verliebt macht, das ist nur erst Kleinigkeit, lauter Spaß! Aber höre nur an, was sie alles vor vieler Leute Augen getan hat. Einer ihrer Buhlen hatte einmal ein Mädchen genotzüchtigt. Mit einem Wort hat sie ihn da in einen wilden Biber verwandelt, um ihn an dem zu strafen, womit er gesündigt; denn dies Tier entmannt sich, um sich nicht fangen zu lassen. Danach tat ihr wieder ein benachbarter Gastwirt zuviel Abbruch in der Nahrung; den hat sie zu einem Frosch gemacht, der bis jetzt noch immer in seinem Weinfasse herumschwimmt und daraus mit heiserer Kehle die alten Kunden zu sich einladet. Ein andermal hat sie einen Advokaten, der einen Prozeß gegen sie geführt hatte, zu einem Schöps umgestaltet. Du kannst den Schöps noch heutigen Tages vor Gericht advozieren sehen. Endlich hatte einmal das Weib ihres Liebhabers ihrer gar zu bitter gespottet. Was hat sie zu tun? Sie verschließt demselben in dem Augenblick, als es entbunden werden sollte, den Leib, treibt ihr die Geburt zurück und verdammt die arme Unglückliche zu einer ewigen Schwangerschaft. Es sind nun schon, wie ihr jeder nachrechnen kann, über acht Jahre, daß sie sich so mit dickem Bauche herumschleppt, gleichsam als sollte sie einen Elefanten zur Welt bringen. Kurz, durch diese und andere dergleichen Streiche kamen gar sehr viele Leute zu Schaden, und der Unwille der ganzen Stadt ward zuletzt darüber rege und nahm so überhand, daß man beschloß, die Unholde anderntags zu Tode zu steinigen. Allein es hat sich wohl, daß die es hätte dazu kommen lassen! Gleichwie Medea in einer vom Kreon9 ihr zugestandenen Tagesfrist Palast samt Tochter und Vater vermittels eines Kranzes zu Asche verbrannte, ebenso hat auch diese in einer einzigen Nacht (wie sie in einem Rausche es mir neulich selbst erzählt) vermittels fürchterlicher, in Gräbern angestellter Beschwörungen, alle Einwohner der Stadt, samt und sonders so fest in ihre Häuser hineingebannt, daß sie ganze zwei Tage weder Schlösser erbrechen noch Tür und Fenster ausheben, noch auch durch Mauern und Wände sich Öffnungen machen konnten; bis sie sich endlich insgesamt bequemten und einhellig schrieben und auf das heiligste sich vermaßen, nicht allein selbst nicht Hand an sie zu legen, sondern sie auch gegen jedermann, der etwas wider sie unternehmen würde, zu verteidigen und zu schützen. Damit zufrieden, hat sie stracks die ganze Stadt wieder entzaubert. Allein den Urheber des wider sie gefaßten Anschlags hat sie bei stockfinsterer Nacht samt dem ganzen Hause (das heißt Gemäuer, Grund und Boden), so verschlossen wie es war, hundert Meilen weit weg in eine Stadt hingetragen, die auf der Spitze eines so hohen Berges gelegen, daß beinahe gar kein Wasser da ist. Weil aber da die Gebäude der Einwohner so dicht aneinander standen, daß für den neuen Ankömmling kein Platz mehr übrig war, so hat sie das Haus nur vor das Stadttor hingeworfen und dann sich wieder heimbegeben.‹

›Nein, lieber Sokrates‹, schrie ich, ›das ist arg, das ist wundersam! Nun bin ich gleichfalls angst und bange, und hebt mir das Herz vor Furcht im Leibe, daß deine Alte diese unsere Gespräche nicht auch durch Hilfe eines Geistes wieder erfahre. Laß uns also nur früh Schicht machen, damit wir bald ausschlafen und uns morgen mit dem allerfrühesten aus dem Staube machen können!‹ – Ich hatte dies noch nicht ausgeredet, so war der gute Sokrates, weil er des Weines ungewohnt und vom Tage her müde war, schon eingeschlummert und schnarchte überlaut. Ich klemme also flugs die Türe zu, schiebe die Riegel ganz fest vor, stelle auch noch zur größeren Sicherheit mein Bette ganz dicht wider die Angeln und werfe mich hinauf. Die Furcht hielt mich erst eine lange Weile wach; endlich, um Mitternacht, fallen mir die Augen allgemach zu. Kaum war ich recht eingeschlafen, so wird auch mit einmal mit größerm Ungestüm, als sich von Dieben erwarten läßt, die Tür eröffnet oder vielmehr gesprengt und holter polter übern Haufen gerannt, daß die Angeln in Stücken zu Boden fallen. Mein Bette, ohnedies klein, dreibeinig und morsch, fliegt um und um und bleibt, da ich herausgepurzelt, um gestürzt über mir stehen. Da erfuhr ich, daß manche Affekte sich von Natur auf widersprechende Art äußern. Denn wie man oftmals vor Freude Tränen vergießt, so konnte ich mich auch jetzt bei meinem großen Schrecken des Lachens nicht erwehren, da ich so aus Aristomenes zu einer Schildkröte geworden. Wie ich aber auf der Erde unter meinem Bette hervorvigiliere, was es denn gibt, so seh’ ich zwei ziemlich betagte Mütterchen. Eine trägt eine helle Leuchte; einen Schwamm und einen bloßen Dolch die andere. In dem Aufzuge stehen beide am Bette des Sokrates, der in tiefem Schlafe lag. Die mit dem Dolche fängt an: ›Hier, Schwester Panthia, hier siehst du meinen treuen Endymion10, meinen Ganymed11, der so Tag als Nacht meine Schwäche gemißbraucht hat und der nun meine Liebe mit Füßen tritt, meinen guten Namen schändet und mich auf ewig fliehen will. Aber daß ich mich doch von diesem arglistigen Ulysses12 hintergehen ließe und wie ein zweite Kalypso13 um ihn in ewiger Sehnsucht und Einsamkeit weinte! Mag indessen‹, fuhr sie fort, mit ausgestreckter Rechten der Panthia mich zeigend, ›sein feiner Ratgeber da, Aristomenes, der ihm die Flucht in den Kopf gesetzt hat, jetzt aber, dem Tode nahe, nach aller Länge unter dem Bett ausgestreckt liegt und hier nach uns herschielt, mag er doch immerhin wähnen, allenthalben meine Schmach auszuposaunen; er soll mir schon über lang oder kurz, vielleicht nur allzubald, ja wohl gar noch jetzt, den Augenblick, all seine angebrachten Spötteleien so wie seine gegenwärtige Keckheit schmerzlich genug bereuen!‹

Als ich das hörte, brach mir der kalte Angstschweiß aus, und ich zitterte und bebte dergestalt unter meinem Bette, daß es auch nicht eine Minute ruhig stehen blieb, sondern unaufhörlich wie eine Stampfmühle schütterte und pochte.

›Ei‹, sprach Panthia, ›warum kühlen wir denn nicht also unsern Mut an dem zuerst? Laß uns ihn, Schwester, wie Bacchantinnen, in Stücke zerreißen oder binden und zum Verschnittenen machen!‹ – ›Keins von beiden!‹ versetzte Meroe – denn ich merkte an allem, daß es die war, von der Sokrates mir erzählte –, ›er muß am Leben bleiben, um den Leib dieses Armseligen in ein wenig Sand zu verscharren.‹ – Hiermit kehrt sie den Kopf des Sokrates auf die Seite, senkt ihm den Dolch bis an das Heft in die Gurgel und fängt das hervorspritzende Blut so geschickt und sorgfältig in einem Schlauche auf, daß auch kein Tröpfchen danebenkommt. Das haben diese meine Augen gesehen. Nun fährt sie – um keinen von den Opfergebräuchen aus der Acht zu lassen, wie mir dünkt – mit der rechten Hand durch die Wunde bis zu den Eingeweiden hinunter sucht darin herum und bringt dann das Herz meines armen Kameraden zum Vorschein, während der Zeit er aus abgeschnittener Kehle laut röchelt und seinen Geist mit dem strudelnden Blute aufgibt. Panthia aber stopft die Wunde, wo sie am weitesten voneinandersteht, mit einem Schwamme zu und murmelt dabei: ›Schwamm, Schwamm, in dem Meere geboren, geh in dem Flusse verloren!‹ Dies getan, so schieben sie das Bett von mir hinweg, treten mit auseinandergesperrten Beinen über mich, und jetzt regnen sie so lange auf mich herab, bis sie mich durchaus in den garstigen Böckel14 eingeweicht haben. Kaum verließen sie die Schwelle, so erhebt sich die Tür wieder und kehrt an ihren Ort zurück, die Angeln springen wieder in ihre Pfannen ein, die Haspen eilen den Pfosten zu, und die Riegel schieben sich von selbst wieder vor. Ich aber bleibe, wie ich war, am Boden hingestreckt liegen, atemlos, splitternackend, eiskalt und nicht minder benetzt, als ob ich eben erst aus Mutterleibe gekrochen; da ich doch schier halb ausgelebt, ja mich selber schon ganz überlebt hatte und mit allem Fuge als ein After-Ich, wenigstens als ein wohlbestallter Galgenkandidat anzusehen war. ›Was wird aus mir werden‹, sprach ich bei mir selbst, ›wenn man am Morgen den erwürgt im Bette finden wird? Wem wirst du nicht der Wahrheit zum Trotze ein Lügner scheinen? Du hättest ja nur um Hilfe rufen dürfen, wird man sagen, wenn du feige Memme dich vor einem alten Weibe fürchtest! Vor deinen Augen einen Menschen ermorden sehen und schweigen? Warum hat man dich nicht auch auf den Kopf geschlagen? Warum hätte denn die Mordlust der Hexe den Augenzeugen ihres Frevels verschont, von dem sie ja fürchten mußte, daß er sie verraten würde? Immer hin mit dir zum Tode, dem du also entronnen bist!‹

Ich überlegte das hin und her, unterdessen ging die Nacht zum Tage über. Am klügsten dünkte mir’s da, mich noch in der Dämmerung fortzumachen und so geschwind und so weit zu rennen, als die Füße nur laufen wollten. Ich nehme also mein Bündel auf den Buckel, schließe die Stubentür auf, wiewohl erst nach vieler Mühe und Not, denn das vertrackte Schloß, das nachts von freien Stücken aufgesprungen, ließ jetzt sich lange störlen und rütteln, ehe es aufwollte, und gehe und rufe den Hausknecht. – ›He‹, schreie ich, ›wo bist du? Mach das Tor auf, ich will fort!‹ – Er lag gleich hinter der Haustür auf einer Streu; noch halb im Schlafe, gab er mir zur Antwort: ›I, wißt Ihr denn nicht, die Straßen sind jetzt der Spitzbuben wegen so unsicher! Wo wollt Ihr denn noch bei Nacht hin? Rennt doch dem Tod nicht in den Rachen! Oder treibt Euch etwa ein böses Gewissen dazu? Nu, so dumm sind wir doch nicht, daß wir uns um Euretwillen sollten totschlagen lassen!‹ –›Es ist ja nicht mehr weit vom Tage‹, versetzte ich, ›und was können mir blutarmen Manne auch die Räuber stehlen? Weißt du nicht, Narr, daß selbst zehn Banditen einen Nackenden nicht ausplündern können?‹ – Ohne sich zu ermuntern, warf er sich auf die andere Seite herum und sagte: ›Ach, wo weiß ich auch, ob Ihr nicht gar Euren Reisegefährten, mit dem Ihr gestern so spät hierherkamet, umgebracht habt und Euch nun durch die Flucht retten wollt?‹ –

Ich denke nicht anders, als es tut sich in dem Augenblick die Erde unter mir auf, und ich sehe aus dem innersten Tartarus15 hervor den Zerberus16 heißhungrig auf mich zufahren.

Jetzt kam es mir erst zu Sinne, daß die ehrliche Meroe mitnichten aus Barmherzigkeit meiner Kehle geschont, sondern vielmehr aus Grausamkeit mich für den Galgen aufgespart habe.

Sobald ich also in die Stube zurückgekehrt, überlege ich in der Geschwindigkeit, wie ich mir das Leben nehmen will. Inzwischen, da kein ander tödliches Werkzeug anzutreffen war, als was mein Bette mir darbot, so wende ich mich zu demselben mit diesen Worten:

›Herzes, liebes Bette, das so viel Ungemach mit mir erlitten; du, das alles mit angesehen, was diese Nacht hier vorgegangen ist; du, der einzige Zeuge, den ich für meine Unschuld anrufen kann: o leihe mir zu meiner Reise in die Unterwelt gefälligen Beistand!‹ –

Während der Anrede knüpf’ ich den Strick los, womit es zusammengeschnürt war, werfe das eine Ende davon um einen Balken, der oben über das Fenster hervorragte, und befestigte es daran, und an dem andern mache ich eine Schleife. Nun steige ich auf das Bette in die Höhe, um mich zu erhenken, und streife mir die Schlinge über den Kopf.

Wie ich jetzt aber mit dem Fuße meine Stütze unter mir wegstoße, um durch meine Wucht im Herabfallen mir den Knoten um die Kehle desto fester zuzuziehen, so zerreißt mit einmal der alte verstockte Strick, und ich stürze auf den Sokrates, der dicht neben mir lag, so mächtig hin, daß wir uns beide überkollern und zusammen auf die Erde hinabrollen.

Und siehe, in demselben Augenblick reißt auch der Hausknecht die Tür auf und schnauzt herein: ›Wo seid Ihr denn nun, der bei stockfinsterer Nacht über die Maßen forteilet? Ihr seid ja wohl gar wieder in das Bette gekrochen?‹

Nun weiß ich nicht, war’s über unsern Fall oder übers überlaute Geschrei dieses Kerls, genug damit, so erwacht mein Sokrates und rafft sich zuerst auf.

›Wahrlich!‹ sprach er. ›Die Reisenden haben auch recht, daß sie so über das ungeschliffene Hausknechtsgesindel schimpfen. Was muß nun der Grobian da um jetzige Zeit seinen Rüssel zur Tür hereinstecken und so zahnbrecherisch schreien, daß er mich armen Ausgemergelten aus meinem allertiefsten Schlafe aufweckt? Er hat gewiß Lust, uns was zu mausen.‹

Gleich spring’ ich munter und lustig auf, kein kleiner Stein fiel mir vom Herzen. Begeistert von höchst unerwarteter Freude, ruf’ ich: ›Nu, da sieh einmal, du superkluger Hausknecht, ist er wohl ermordet, mein trauter Reisegefährte, mein Bruder, mein Vater? Schau, ist er ermordet, wie du’s mir vorher in deiner Dösigkeit schuld gabst?‹

Und mit den Worten falle ich dem Sokrates um den Hals und herze und küsse ihn. Aber der Wohlgeruch, den die alten Hexen über mich gegossen hatten, stieg ihm nicht so bald in die Nase, als er mich zurückstieß. ›O bleib mir vom Leibe‹, sprach er, ›riechst du doch wie ein alter Nachttopf!‹ Und lachend wollte er nun die Ursache dieses angenehmen Duftes erforschen. Allein ich wich ihm durch ein aus dem Stegreif erdichtetes Späßchen aus, nehme ihm beim Arm und sage: ›Warum gehen wir denn nun nicht und machen uns den Morgen zunutze?‹ – Ich hocke sofort mein Felleisen auf, bezahle dem Hausknecht das Nachtlager, und wir machen uns auf den Weg.

Wir waren schon ziemlich weit vorwärts, als erst die Sonne aufging und es helle ward. Nun betrachtete ich mir mit unruhiger Neugier die Kehle meines Reisegefährten, zumal auf der Seite, wo ich den Dolch hatte hineinsenken sehen. ›Alberner Mensch‹, sprach ich endlich bei mir selbst, ›was du auch auf deinen Rausch nicht all für tolles Zeug geträumt hast! Sieh nur, Sokrates ist ja frisch und gesund. Wo hat er wohl eine Wunde? Wo den Schwamm? Wo endlich die große frische Narbe?‹ Darauf wandt’ ich mich zu meinem Begleiter: ›Die Ärzte haben doch wirklich nicht unrecht‹, sprach ich, ›wenn sie der Meinung sind, daß das übermäßige Fressen und Saufen schwere Träume macht; denn ich habe diese ganze Nacht, weil ich gestern abend ein bißchen zu tief ins Glas geguckt, so entsetzliche Gesichte und Erscheinungen gehabt, daß ich mir noch immer von Menschenblut zu triefen scheine.‹ – ›Von Menschenblut?‹ versetzte er lächelnd, ›ich hätte eher auf etwas anderes geraten! Indessen habe auch ich geträumt, ich würde erwürgt. Ich fühlte an der Kehle große Schmerzen, und es war mir auch, als würde mir das Herz aus dem Leibe gerissen. Selbst jetzt kann ich noch keinen Atem kriegen, und die Knie werden unter mir so schwach, daß ich hin und her wanke. Ich möchte wohl etwas zu essen haben, um mich wieder zu erquicken.‹ – ›Geduld‹, sprach ich, ›es soll den Augenblick ein Frühstück für dich fertig sein!‹ – Mitdem werfe ich meinen Ranzen von der Schulter und reiche ihm ein Stück Brot und Käse hin. ›Komm‹, sage ich, ›laß uns dazu unter der Platane dort hinsetzen.‹ – Das geschieht, und ich nehme mir mein Teil auch. Indem wir nun so sitzen und es uns wohlschmecken lassen, werde ich auf einmal gewahr, daß dem Sokrates, bei der größten Geschäftigkeit seiner Kinnbacken, die Augen brechen, und daß er bleich und blaß wie ein Tuch wird. Bald, so hatte er so sehr das Aussehen einer Leiche, daß alle meine nächtlichen Schreckbilder sich von neuem meiner Vorstellung bemächtigen und vor Entsetzen mir der Bissen im Munde blieb. Was meine Furcht noch vermehrte, waren die vielen Leute, die vorübergingen. Was hätten sie anders denken können, als daß ich meinen Reisegefährten ermordet.

Doch als Sokrates seinen Appetit gestillt, so bekam er einen gewaltigen Durst; denn von dem besten Käse hatte er ein gutes Stück zu sich genommen. An der Platane, worunter wir saßen, floß ganz nahe ein kleines kristallenes Flüßchen so langsam und ruhig vorbei, daß es fast für ein stehendes Gewässer anzusehen war. – ›Sieh‹, sage ich also zu ihm, ›da kannst du ja aus einer schönen reinen Quelle deinen Durst löschen!‹ – Er steht auf, schlägt seinen Mantel zurück, und wo das Ufer am flachsten ist, kniet er nieder, hält sich fest mit den Händen an, und mit langem, vorwärts hinabgebeugtem Halse sucht er einen frischen Trunk zu schöpfen. Allein er hat seine Lippen noch nicht recht naß gemacht, so bricht die Wunde in der Kehle, so groß und tief sie war gemacht worden, auf, und der Schwamm fällt in den Fluß, von wenigen Blutstropfen begleitet. Schier wäre der ganze Körper in das Wasser gesunken, hätte ich ihn nicht bei einem Beine gefaßt und mit genauer Not aufs Ufer gezogen. Nachdem ich meinen armen Reisegefährten nach Beschaffenheit der Zeit bitterlich beweint und auf ewig in der Nachbarschaft des Flusses in den Sand verscharrt, floh ich schüchtern und bebend durch abgelegene, unwegsame Einöden davon, und nicht anders, als wäre ich eines Menschenmordes schuldig, verließ ich Vaterland und Haus und Hof und begab mich freiwillig ins Elend. Jetzt bin ich nun wieder verheiratet und in Ätolien ansässig.« Also Aristomenes.

Sein Begleiter, der sich gleich von Anfang ungläubig gegen diese Geschichte bewiesen hatte, sprach: »Ich bleibe dabei, das ist die abenteuerlichste aller Fabeln, die albernste Lüge, die es nur gibt! Und sag er mir nur, Herr«, wandte er sich zu mir, »er ist doch nun der Kleidung und dem Ansehen nach ein stattlicher Mann, mag er denn in aller Welt ein solches Märchen glauben?« – »Ich meines Teils«, geb’ ich ihm zur Antwort, »ich halte nichts für unmöglich, sondern bin der Meinung, daß, was das Schicksal nur fügt, alles den Sterblichen auch begegne. Es widerfahren uns ja, mir sowohl als Euch und allen übrigen Menschen, so manche wundersame und fast unerhörte Dinge, die, wenn wir sie einem Fremden wiedererzählen, gewiß nicht den mindesten Glauben finden würden! Daher glaube ich, beim Hercules! die herrliche Erzählung, womit uns Aristomenes so angenehm unterhalten hat, nicht allein vom Anfang bis zum Ende vollkommen, sondern ich weiß ihm auch den herzlichsten Dank dafür! Bin ich doch darüber weder der Länge noch der Rauheit des Weges gewahr geworden. Auch mein Gaul hat sich wohl dabei gestanden; da ich so sonder Beschwerde seines Rückens auf dem Vergnügen meiner Ohren bis vor das Tor dieser Stadt hergeritten bin.«

Hier hatte mit unserm Gespräche auch der gemeinschaftliche Weg ein Ende, denn meine beiden Reisegefährten gingen links ab nach benachbarten Dörfern, und ich in die Stadt hinein. Vor dem ersten Wirtshause, das ich antraf, halt’ ich still und frage die Gastwirtin, die schon bei Jahren war: »Bin ich hier recht? Heißt die Stadt Hypata?« – Sie nickte. – »Kennt Ihr nicht einen gewissen Milo, einen von den Ersten in der Stadt?« – Sie lachte. »Oh«, sprach sie, »Milo kann mit gutem Fuge der Allererste hier heißen; da er am Zwinger gleich zu Anfang der Stadt wohnt.« – »Scherz beiseite«, versetzte ich, »sagt mir doch, ich bitte Euch, gute Mutter, wer er ist und in welchem Hause er wohnt.« – »Sehen Sie da ganz unten nicht die Fenster«, sprach sie, »die zur Stadt hinausgehen? und auf der andern Seite die Tür mit dem kleinen nahen Gäßchen gegenüber? Allda wohnt der Milo, ein steinreicher, überaus wohlhabender Mann, der aber bei aller Welt als der abscheulichste, schmutzigste Geizhals verschrien ist. Kurz, er leihet immer auf Gold- und Silberpfänder gegen reichliche Zinsen, steckt wie eingeschlossen in seiner Hütte und brütet da überm Geldkasten, und ungeachtet er eine Frau zur Mitgenossin seines kümmerlichen Lebens hat, so hält er doch nur eine einzige Magd und zieht nicht ein Haar anders einher als ein Bettler.« – Ich lachte darauf in meinem Herzen und denke im Weiterreiten: »Da hat ja Freund Demeas ausnehmend wohl und gütig für dich gesorgt, daß er dich auf deiner Reise einen solchen Manne empfohlen hat, in dessen Hause du weder von Rauch noch von Küchendampf wirst beleidigt werden!«

Hiermit gelangte ich nach einem kurzen Wege vor der Tür an, die ich scharf verriegelt fand. Ich mußte lange anklopfen und »Holla« rufen. Endlich und endlich kommt die Magd heraus. – »He«, sprach sie, »wer pocht denn? Worauf gedenken Sie zu borgen, mein Herr? Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, daß hier keine anderen Pfänder denn Gold und Silber angenommen werden.« – »Ich komme in ganz anderer Absicht, mein Kind!« versetzte ich. »Sage sie mir nur, finde ich ihren Herrn zu Hause?« – »O ja«, sprach sie. »Warum?« – »Ich habe Briefe vom Demeas aus Korinth an ihn abzugeben.« – »So warten Sie nur ein wenig, ich will Sie melden.« – »Mit den Worten geht sie wieder hinein und riegelt hinter sich zu. Bald, so erscheint sie wieder, macht mir die Tür auf und sagt: »Sie möchten doch so gut sein und hereinkommen!« – Ich tu’s und finde den Milo eben bei Tische. Er lag auf einem kleinen Bettchen, und seine Frau saß ihm zu Füßen. Er zeigte auf die vor ihm stehende leere Schüssel und sprach: »Seien Sie freundlichst willkommen geheißen!« Ich dankte ihm und überreichte ihm sofort den Brief des Demeas. Als er ihn geschwind durchgelesen, sagte er: »Ich bin meinem Freunde außerordentlich viel Dank schuldig, daß er die Güte hat, mir einen so angenehmen Gast zuzuweisen.« Darauf läßt er seine Frau aufstehen und nötigt mich, ihren Platz einzunehmen. Da ich aber aus Höflichkeit mich weigerte, es zu tun, so zog er mich beim Kleide zu sich und fügte hinzu: »Machen Sie doch keine Umstände und lassen Sie sich nieder; denn wir haben hier weiter keine Stühle noch andere Geräte, weil wir uns vor den Dieben nichts anschaffen dürfen.« – Ich setzte mich also. – »Ich würde Sie«, nahm er das Wort wieder, »schon an Ihrem feinen Wesen und an Ihrer angenehmen Bescheidenheit für einen Mann von Stande erkennen, wenn auch mein Freund Demeas nichts davon in seinem Briefe erwähnt hätte. Um so mehr muß ich Sie aber ersuchen, unser kleines, enges Häuschen nicht zu verschmähen. Es soll Ihnen hier in dem Nebenzimmerchen an keiner anständigen Bequemlichkeit fehlen. Nehmen Sie nur gütigst mit uns vorlieb. Sie werden dadurch nicht allein uns eine große Ehre erzeigen, sondern zugleich den ruhmvollen Beispiele des Namensverwandten Ihres Vaters, des Theseus, folgen, der es vormals auch für keine Schande gehalten, unter dem niedern Dache der alten Hekale zu herbergen.« – Und nachdem er das Mädchen gerufen, sagt er zu ihr: »Fotis, packt den Mantelsack des Herrn ab und tragt ihn hier in das Zimmer daneben. Holt auch geschwind aus der Vorratskammer Öl und Badezeug und bringt dann meinen Gast in das nächste Bad; er wird von seiner weiten, beschwerlichen Reise müde sein.« – Als ich das hörte, besann ich mich in der Geschwindigkeit des Charakters und der Kargheit des Milo und suchte mich bei ihm in Gunst zu setzen, indem ich sagte: »Oh, dessen bedarf ich all nicht; ich pflege es auf Reisen beständig selbst mit mir zu führen, und nach dem Bade will ich mich auch schon allein hinfinden. Will sie mir aber einen Gefallen tun, Fotis, so sei sie so gut und nehme hier dies Geld und kaufe mir dafür Heu und Gerste für mein Pferd, mit dem ich heute einen tüchtigen Ritt getan habe.« – Sobald nachher der Mantelsack auf meinem Zimmer war, geh’ ich zum Bade fort, nehme aber meinen Weg über den Markt, um mich erst mit etwas Mundvorrat zu versehen. Ich finde da herrliche Fische feil, nur forderte man hundert Nummen dafür; ich handelte und bekomme sie noch für zwanzig Denar. Eben war ich vom Markte wieder herunter, so sah ich einen alten Schulkameraden von mir aus Athen, den Pytheas, hinter mir herkommen. Er erkanntem ich auch gar bald wieder, kam liebreich auf mich zu umhalste und küßte mich sehr freundschaftlich: »I, lieber Lucius«, rief er, »haben wir uns doch so lange nicht gesehen! beim Hercules! seitdem wir aus der Schule sind, nicht wieder! Nun, wie kommst du einmal hierher?« – »Das sollst du morgen erfahren«, versetzte ich. »Aber was seh’ ich? Oh, viel Glück zu den Liktoren, den Fasces und dem ganzen magistratlichen Ornate!« – »Ich bin hier Proviantverwalter«, antwortete er, »und Ädil, und wenn du was einzukaufen hast, so kann ich dir nützlich sein.« – Ich bedankte mich, weil ich an meinen Fischen schon zur Genüge hatte. Inzwischen fiel ihm mein Einkauf in die Augen. Er bückt sich danach herunter, schüttelt ihn herum, ihn desto besser zu besichtigen, und fragt mich: »Wieviel hast du für den Schund gegeben?« – »Mit genauer Not«, gebe ich zur Antwort, »hat mir ihn der Fischer noch für zwanzig Denar gelassen.« – Als er das hörte, nahm er mich bei der Hand und führte mich schnurstracks wieder auf dem Markt zurück. »Von wem«, sprach er da, »hast du den Bettel gekauft?« – Ich zeigte ihm meinen Mann, der auf einer Ecke feilbot. Den Augenblick fährt er demselben mit greller Stimme in völligem Amtseifer auf den Hals. – »Nun«, sprach er, »nun schont Ihr auch keinen Freund mehr, geschweige einen Fremden! Ist das wohl erlaubt, die Leute so unverschämt zu schnellen und für solch elendes Zeug von Fischen so viel zu fordern? Wollt Ihr denn mit Eurer gottlosen Überteuerung der Lebensmittel Thessaliens blühendste Stadt durchaus so öde wie einen Fels oder eine Sandwüste machen? Aber das soll Euch nicht ungestraft hingehen! Ich will Euch zeigen, wie man Schurken, wie Ihr seid, in meinem Amte züchtigen kann.« Damit schüttet er alle meine Fische mitten auf die Gasse hin, und ein Scherge muß sich hinstellen und sie mit Füßen treten. Nach dieser verübten exemplarischen Strenge wendet sich Freund Pytheas, höchst mit sich selbst zufrieden, wieder zu mir. – »Jetzt«, sprach er, »verweile ich nicht länger bei dir, lieber Lucius, laß dich von nichts abhalten, die öffentliche Beschimpfung dieses Betrügers ist mir nun schon hinlänglich.«

Ganz bestürzt und erstaunt über dies hochweise Verfahren meines wohlehrsamen Herrn Mitschülers, welches mich so um mein Geld und meine Mahlzeit brachte, verfügte ich mich hierauf in das Bad und von da wieder nach der Wohnung des Milo, in mein Zimmer. Alsbald kam Fotis, mich zum Essen zu rufen. Weil ich aber die Gerätlichkeit ihrer Herrschaft schon kannte, so laß ich mich sehr höflich entschuldigen: ich wäre von meiner Reise mehr müde denn hungrig. Auf dies Kompliment kommt Milo selber, mich zu holen. Er nötigt mich auf das dringendste und reißt mir ganz, wie man zu sagen pflegt, den Ärmel aus, mitzukommen; da ich mich aber immer mit großer Bescheidenheit weigere und es durchaus nicht tun will, so sagt er endlich: »Ich weiche und wanke nicht eher von Ihnen, bis Sie mich begleiten!« und bekräftigt dies noch mit einem großen Schwur. So ungern ich’s auch tat, mußte ich nun doch schon nachgeben. Ich gehe also mit zu ihm hinüber.

Wir setzen uns aufs Bett, und sogleich fängt er an: »Nun, wie befindet sich denn unser Demeas? Wie geht’s seiner Frau? Was machen seine Kinder? Wie steht’s um sein Gesinde?« – Ich geb’ ihm von allem und jeglichem umständlichen Bericht17. Hierauf geht’s an ein Fragen: warum, in welcher Absicht, auf wie lange und wohin ich denn eigentlich diese Reise unternommen hätte? Als ich ihm auch dies alles getreulich beantwortet, so nimmt er mich über mein Vaterland in Verhör; erkundigt sich nach allen darin angesehenen Familien auf das genaueste, und wie wir damit fertig sind, muß endlich auch sogar der Statthalter kein schlechtes bißchen herhalten. Kurz, er trieb das Ding so lange, bis er sah, daß mich die Müdigkeit von meiner Reise und seinem ewigen Gespräche ganz unter hatte, daß ich mitten in der Rede vor Schlaf stockte und stotterte und stammelte und gar nicht mehr wußte, was ich sprach, dann hob er an: »Ei wirklich, sind Sie doch auch so müde von Ihrer Reise, daß Sie nicht einmal mehr das Essen abwarten können! Das tut mir ja leid, aber zwingen Sie sich meinetwegen nicht. Machen Sie keine Umstände, gehen Sie, gehen Sie immer und legen Sie sich aufs Ohr.« – Damit entließ er mich, und froh, daß ich nur des filzigen Alten Plauder- und Hungermahl entkam, taumelte ich voll Schlafs, aber mit leerem Magen (denn kahle Gespräche machen nicht satt) auf mein Zimmer zurück und ergab mich der sehnlich erwünschten Ruhe.

Zweites Buch

Sobald nach vertriebener Nacht die aufgehende Sonne den Tag erneuet, erwache ich und verließ mein Bett voll ängstlicher Begierde, die Seltenheiten und Wunder der Stadt zu sehen. Der Gedanke, daß ich mitten in Thessalien, der Magie weltbekannter Heimat mich befände, und die Erzählung, wozu diese Stadt den ehrlichen Aristomenes veranlaßt hatte, befeuerten meine ohnehin heiße Phantasie noch mehr, und mit höchst gespannter Neugier staunte ich links und rechts alles mit großen Augen an.

Es war in ganz Hypata nichts, welches ich für das, was es war angesehen hätte. Alles und jedes mußte durch Hexerei in eine andere Gestalt verwandelt worden sein. Die Steine sogar, die ich antraf, hielt ich für vormalige Menschen. Die Vögel, die ich singen hörte, die Bäume, die im Zwinger standen, die Brunnen in den Gassen schienen mir alle ebensoviel befiedert, belaubte, zu Wasser zerflossene Menschen zu sein. Ja, ich erwartete, daß Bilder und Statuen einherspazieren, Wände reden, Ochsen und Vieh weissagen und vom Himmel herab mit einemmal aus der Sonnenscheibe Göttersprüche erschallen sollten.

So in schwärmerischen Vorstellungen entzückt oder vielmehr von übernatürlichen Wünschen verrückt, schwindelte ich umher, ohne auch nur eine Anzeige oder überhaupt eine Spur von alledem anzutreffen, was ich mir einbildete.

Ich taumelte wie ein Betrunkener Straße auf, Straße ab, bis ich endlich ganz unvermutet auf den Marktplatz komme.

Ein Frauenzimmer, von sehr vielen Bedienten umgeben, zog da meine Augen auf sich, und ich beschleunigte meine Schritte, sie einzuholen. Kostbarer Schmuck und goldbestickte Kleider verrieten in ihr eine sehr vornehme Frau. Zu ihrer Seite befand sich ein Herr, schon ziemlich in Jahren.

Dieser ward mich nicht sobald gewahr, als er rief: »Beim Hercules, das ist ja Lucius!«

Er umarmte mich sogleich und raunte dann der Dame, ich weiß nicht was, ins Ohr.

»Wollen Sie nicht«, sprach er jetzt, »näher herzutreten und hier eine Anverwandte begrüßen?«

»Ich weiß nicht, ob ich es mich unterstehen darf, da ich nicht die Ehre habe, sie zu kennen«, antwortete ich und blieb stehen, indem ich errötend die Augen niederschlug.

Die Dame lenkte ihre Blicke auf mich und sagte: »In der Tat, das ist der Sohn der vortrefflichen Salvia! Sie leibt und lebt in ihm. Ist doch sein ganzer Körper in unaussprechlichem Ebenmaß gebildet! Just die rechte Größe, die rechte Stärke! Welch eine sanftgemischte Gesichtsfarbe! Welch natürlich gelocktes blondes Haar! Die blauen Augen, wie voller Leben, voller Feuer, gleich den Augen des Adlers! Wie schön in allem. Betrachte! Wie edel, wie ungezwungen sein ganzes Wesen! Ich freue mich, Sie wiederzusehen, mein lieber Lucius«, redete sie mich endlich an, indem sie auf mich zukam. »Oft genug habe ich Sie sonst auf meinen Armen getragen; denn Sie sehen in mir eine Blutsverwandte Ihrer Mutter, die mit mir zusammen auferzogen worden ist. Wir stammen beide von Plutarchs Geschlechte ab und sind dazu Milchschwestern. In geschwisterlicher Eintracht und Gleichheit sind wir miteinander aufgewachsen, und nur unsere Verehelichung hat einen Unterschied zwischen uns gemacht; in dem sie einen vornehmen, ich aber einen Privatmann geheiratet. Ich bin die Byrrhenna, deren Namen Sie vielleicht oft von Ihren Erziehern gehört haben. Sie sind mir höchst willkommen, lieber Lucius, und Sie dürfen das Gastrecht nirgends anders als bei mir nehmen!«

Da sich während ihrer Rede meine Röte und Verlegenheit wieder verloren hatten, so antwortete ich:

»Für diesmal muß ich es sehr verbitten, liebe Tante! Ich würde sonst meinen Wirt Milo beleidigen, der mich sehr höflich bei sich aufgenommen hat. Indessen, sooft ich künftig wieder hieher reise, soll mir gewiß nichts angelegener sein, als dieser Gastfreundschaft unbeschadet Ihren Befehlen zu gehorchen und bei Ihnen abzusteigen.«

Unter diesen und anderen gegenseitigen Komplimenten gelangten wir zu Byrrhennens Wohnung, die nur wenige Schritte entfernt war. Ich wurde in einen überaus schönen Saal geführt.

In jeder der vier Ecken desselben stand eine Säule mit einer Victoria. Die Flügel ausgebreitet, den einen ihrer rosigen Füße zum eilenden Schritt vorgeworfen und mit der Spitze des andern eine rollende Kugel kaum noch berührend, schien die Göttin jetzt emporzufliegen.

Mitten im Saale prangte eine Diana aus parischem Marmor. Man kann nichts Herrlicheres sehen! In vollem Laufe, das Gewand flatternd im Winde, fällt sie gleich beim Hereintreten ins Auge und jagt durch überirdische Majestät Ehrfurcht und Schrecken ein. Hunde, aus demselben Steine gebildet, sitzen zu ihren Seiten. Drohend blicken sie um sich, recken die Ohren, halten die erweiterten Nasenlöcher in die Höhe, schnuffeln und schnaufen, und erschallt irgend aus der Nachbarschaft ein Gebell, so glaubt man getäuscht, es aus ihren Marmorrachen zu hören. Worin sich aber der vortreffliche Bildner am meisten hervorgetan, das ist in der Stellung dieser Tiere. Gleichsam in völligem Sprunge schweben Brust und Vorderläufe in der Luft, die Hinterfüße stehen auf.

Hinter dem Rücken der Göttin steigt ein Fels empor und wölbt eine Grotte allenthalben mit Moos, Kräutern und Blättern, Stauden, Reben und blühenden Gesträuchen, wiewohl auch nur von Stein, verwachsen und bis in das Innerste von dem Abglanze der marmornen Bildsäule erleuchtet. Um den Eingang der Grotte ziehen sich verwebte Ranken mit Früchten und meisterlichst gearbeiteten Weintrauben, in denen die Kunst so mit der Natur wetteifert, daß sie der Wahrheit gleich sind. Hauchte der mostreiche Herbst die Farbe der Reife über sie, man würde lüstern die Hände nach ihren Beeren ausstrecken. Und neigte man über die Quelle sich hin, welche unter dem Fußtritte der Göttin entspringt und rieselnd sich weiterergießt, so glaubt man, es gebreche derselben so wenig als den herniederhangenden Reben mit ihren Trauben, bei den übrigen Merkmalen der Wahrheit, auch nicht einmal die Bewegung.

Unter dem verschränkten Laube hervor erblickt man den Actäon18. Schüchtern, als wäre er schon Hirsch, richtet er seinen vorwitzigen Blick auf die Göttin und hofft, sie jetzt im Marmorquell baden zu sehen.

Indem ich dies alles mit Verwunderung und ausnehmendem Vergnügen nicht oft genug betrachten konnte, sagte Byrrhenna zu mir: »Sehen Sie dies alles als Ihr eigen an« – Und mit den Worten läßt sie alle übrigen hinausgehen.

Als wir nun ganz allein waren, sprach sie:

»Bei Dianen! liebster Lucius, ich bin um Ihretwegen in tausend Ängsten und wie um meinen eigenen Sohn bekümmert! Oh, hüten Sie sich vor Pamphilen, vor Ihres Wirtes Frau! Nehmen Sie sich äußerst vor ihren bösen Künsten und schändlichen Verführungen in acht! Sie gilt in der ganzen Stadt für eine Erzzauberin, eine recht ausgelernte Meisterin der Schwarzkünstelei, die durch das bloße Anhauchen gewisser Kräuter und Steinchen und solcherlei Kleinigkeiten imstande ist, das Licht des Sternenhimmels in die Tiefen des Tartarus zu versenken und hinwiederum das alte Chaos hervorzurufen. Sieht das Weib irgendeinen schönen jungen Menschen, gleich steht sie in voller Glut, hängt mit Blick und Seele an ihm und lockt ihn so lange durch alle ersinnliche Schmeichelei an sich, bis sie ihn endlich fängt; dann legt sie ihn in unzerreißliche Liebesbande. Ist ihr Bestreben aber umsonst und bleibt der Gegenstand ihrer Zuneigung unbeweglich oder entspricht er in seiner Leidenschaft nicht der von ihr gefaßten Erwartung, so verwandelt sie ihn voller Unwillen in einen Stein, ein Tier oder was ihr sonst einfällt. Ach, und wie manchen hat sie nicht gar aus dem Wege geräumt! Lassen Sie sich das von mir, lieber Lucius, zur Warnung gesagt sein; denn verliebt wie Ihre Wirtin ist, ist Ihre Jungend und Schönheit gerade ihre Sache.«

Also Byrrhenna zu mir in aufrichtiger Besorgnis.

Inzwischen wollte die Standrede bei mir nicht verfangen. Vielmehr ging mir das Herz auf, alsobald ich nur ein Wort von Magie hörte, und weit gefehlt, Pamphilen darum zu meiden, stach mich erst der Kitzel recht zu ihr, es koste was es wolle, in die Lehre zu gehen und also geraden Weges in den Abgrund des Verderbens hineinzurennen.

Kurz, ich mache mich in dem Schwindel eiligst von der Hand Byrrhennens wie von einer Kette, die mich zurückhielt, los, nehme plötzlich Abschied und fliege in aller Geschwindigkeit heim in mein Quartier. Unterwegs sprach ich bei mir selbst, während ich wie ein Unsinniger lief:

»Jetzt Lucius, aufgeweckt und fein bei dir! So eine erwünschte Gelegenheit, deinen alten Durst nach Wundern zu löschen, bekommst du nicht wieder. Nur alle kindische Furcht beiseite! Tritt, so nahe du kannst, hinzu und beschaue dir alles recht beim Lichte. Zwar mit deiner Wirtin mußt du dir nichts zu schaffen machen. Ehre als ein rechtschaffender Kerl des redlichen Milos Ehebette. Inzwischen auf Fotis keck den Angriff gewagt! Das Mädchen ist hübsch und wohl ebensowenig dumm als hartherzig. Gestern abend wenigstens, als du schlafen gingst und sie dich zu Bette brachte, war sie ziemlich scherzhaft und zutunlich; schien ganz zärtlich, als sie dich zudeckte und zur guten Nacht auf den Kopf küßte, und mich dünkt, ihre Mienen, ihr öfteres Umsehen beim Hinausgehen und ihr Stehenbleiben in der Tür sagten auch deutlich genug, daß sie weit lieber bei dir geblieben als weggegangen wäre. Frisch also, Glück und Stern an Fotis versucht!«

Unter dem Selbstgespräche und mit dem Entschluß komme ich zu Milos Wohnung. Weder er noch seine Frau war zu Hause.

Ich finde meine teure Fotis ganz allein in der Küche vor der Anrichte, wo sie ihrer Herrschaft ein Ragout zubereitete, dessen lieblicher Geruch mir schon von weitem den Mund wässerig machte.

Sie hatte ein nettes Leinenkleid an und war dicht unterm Busen mit einer schönen, fleischfarbenen Binde hoch und zierlich gegürtet.

Soeben schwenkte sie mit niedlichen Händen die Kasserolle um, worin sie das Essen zurechtmachte. Durch ihre rasche Bewegung gerieten alle ihre zarten Glieder, gleich Gallert, in das sanfteste Beben. Hin und her wallten die wohlgepflegten Lenden, und wollüstig zitterte unter ihnen die runden Hüften.

Ich stutzte bei dem Anblick und erstarrte fast vor Erstaunen und Bewunderung. Jeder schlummernde Sinn erwachte und empörte sich. Endlich rief ich:

»Ei, allerliebst, Fotis! Ja, mit solchem regen Kreuz läßt sich schon das Kasseröllchen schwenken und was Gutes zubereiten! Oh, wahrhaftig, mehr als glücklich, wer da nur mit dem Finger hineintunken darf!«

Das Mädchen, dem es gar nicht an Maulwerk fehlte, sah sich sogleich mit schelmischer Miene nach mir um und versetzte schalkhaft:

»Lassen Sie mich ungeneckt, mein schöner Herr, und verbrennen Sie sich nicht an meinem Herde, oder es wird Ihnen schlecht ergehen. Niemand als ich kann Ihnen dann helfen, und unerachtet ich gleich geschickt im Bette als in der Küche bin, so dürft’ ich Sie doch wohl ein wenig zappeln lassen.«

Ich ließ mich hierdurch nicht abschrecken, sondern blieb stehen und betrachtete mir ganz aufmerksam alle Reize dieses drolligen Mädchens. Ich schweige der übrigen, da ich für Kopf und Haar von jeher vorzüglich eingenommen gewesen. Bin ich in Gesellschaft, so sehe ich mich beständig danach um, und in der Einsamkeit habe ich im stillen meine Lust und Freude daran.

Der Grund, den ich mir von diesem Vorzuge anzugeben weiß, ist dieser:

Wäre der Kopf nicht der vornehmste Teil des Körpers, wie würde die Natur denselben so frei in die Augen fallen und, wie auf ein Fußgestelle, auf die Schultern erhoben haben? Das Haar aber ist durch seine eigentümliche Schönheit dem Haupte, was den übrigen Gliedern kaum nur der gesuchte Schmuck lachender Farben und prachtreicher Kleider ist. Ja, will eine Schöne recht sich sehen lassen und in all ihrem Reize erscheinen, so wirft sie die Bekleidung ab, jeglicher Schleier fällt: sie tritt allein in ihrer nackten Schönheit auf und vertraut mehr auf die Rosen ihrer Haut als auf das Gold ihres Gewandes. Allein (Frevel ist’s, es nur zu sagen, und niemals müßte sich ein Beispiel einer so abscheulichen Untat ereignen) entblößet das Haupt des schönsten Mädchens seines Haares, ihr raubt zugleich auch dem Gesichte all seine Liebenswürdigkeit! Und käme sie von dem Himmel hernieder, wäre sie aus dem Meere geboren und von den Wellen erzogen, ja wäre sie Venus selbst, umtanzt von den drei Huldgöttinnen, gefolgt von dem ganzen Volke der Amoretten, mit ihrem Gürtel geschmückt, duftete sie Zimt und tröffe von Balsam, ginge aber kahlköpfig einher, – gefallen könnte sie selbst Vulkan nicht. Im Gegenteil, was kann bezaubernder sein als ein Haar von schöner Farbe und blendendem Glanze, das hell in der Sonne blitzt oder nur einen sanften Widerschein von sich gibt und durch wechselnde Anmut seinen Anblick vervielfältigt; das jetzt wie Gold schimmernd, sanft zur Farbe des Honigs sich verdüstert, jetzt bei Rabenschwärze mit der Täubchen blauspielenden Hälsen wetteifert oder, gesalbt mit arabischem Wohlgeruch, von künstlicher Hand geteilt und glatt zurückgebunden, wie ein Spiegel des gegenüberstehenden Liebhabers Bild verschönert zurückwirft? Was kann man Edleres sehen, als wenn die Fülle desselben, in einem Schopf gewunden, den Scheitel krönt oder ringelnd über den Rücken hinabfließt? Kurz, die Würde des Haares ist so groß, daß, geht eine Schöne auch noch so geschmückt mit Gold, Stoff, Edelgesteinen und allem übrigen Staate und hat nur nicht für die Zierlichkeit ihrer Haare gesorgt, sie deswegen allein von niemand für angeputzt gehalten wird.

Meine Fotis trug die ihrigen mit einer glücklichen Nachlässigkeit geziert und war darum nur desto reizender. Aufgerollt am Ende und verloren auf dem Wirbel durch eine Schleife befestigt, fielen sie in ihrem ganzen Reichtum auf den Nacken herab, verteilten sich um den Hals herum und ruhten an desselben gekräuseltem Streif.

Ich konnte mich vor Übermaß der Wollust nicht mehr halten. Ich umfing Fotis und drückte den Spitzen ihrer Haare, wo sie sich über der Stirn in einen Knoten verschlangen, den honigsten Kuß auf.

Sie bog den Hals zurück, sah mich seitwärts mit durchtriebenen Augen an und sprach:

»He, kleiner Lecker, das ist bittersüße Ware! Lassen Sie die Näscherei, oder Sie werden sich mit dem zu vielen Honig endlich den Magen vergällen!«

»Wenn’s weiter nichts ist, immerhin!« versetzte ich. »Für einen einzigen Kuß von dir, du allerliebstes Mädchen, laß ich mich wohl lebendig auf diesen glühenden Kohlen braten.«

Mit den Worten drückte ich sie fester an mich und küßte sie. Und schon umschlang sie mich, von gleichen Trieben hingerissen und wie ich schmachtend von lechzendem Verlangen; schon sog ich ihren Zimtatem aus halbgeöffnetem Munde ein, saugte Nektar von ihrer der meinigen begegnenden Zunge und fühlte mich unwiderstehlich zum völligen Genusse der Wollust hingerissen, als ich ausrief:

»Ich sterbe, Fotis; erbarme dich, ich sterbe!«

Unter wiederholten feuervollen Küssen antwortete sie:

»Sei guten Muts! Dein Wunsch ist auch der meine, und später denn diesen Abend soll unser Vergnügen nicht verschoben sein. Sobald Licht angesteckt, bin ich auf deinem Zimmer. Jetzt geh und rüste dich zum Kampfe. Ich kündige dir Fehde auf die ganze Nacht an.«

Nach diesem und ähnlichem Gekose schieden wir voneinander.

Kaum war es Mittag, so schickte mir Byrrhenna zum Gastgeschenk einen fetten Schweinsbraten, fünf junge Hühner und einen guten Vorrat köstlichen alten Weins.

Ich rief gleich Fotis.

»Sieh hier«, sagte ich, »der Venus Ermunterer und Waffenträger, Bacchus, ist auch schon da. Schonen wir seiner heute nicht, auf daß er in uns alle träge Scham ertränke und rüstige Wollust dafür herbeischaffe! Denn frisch segelt das Schiffchen der Venus die Nacht hinunter, wenn nicht in der Lampe das Öl noch im Becher der Wein versiegt.«

Der Rest des Tages ging über dem Bade hin und dem schmalen Abendessen beim Milo, wozu ich eingeladen war.

Byrrhennens Warnung eingedenk, vermied ich bei Tische, soviel ich konnte, die Augen meiner Wirtin, und sah ich sie ja einmal ein, so war es so schüchtern, als ob ich in die Hölle blickte. Ich hielt mich dafür an Fotis schadlos; denn mit innigem Vergnügen schielte ich immer nach ihr hin, als sie hinter uns aufwartete.

Wie es etwas später hinkam, sah Pamphile die Lampe an und rief: »Ei, was werden wir morgen für Regen kriegen!« – »Woher weißt du denn das?« fragte der Mann. – »Das sagt mir die Lampe«, antwortete sie.

Milo fing darüber laut zu lachen an und sprach: »Potz Stern! Hab’ ich doch nimmermehr gedacht, daß wir an unsrer Lampe eine so kluge Sibylle19 hätten, die auf ihrer Leuchterwarte alle Verrichtungen des Himmels und selbst die Sonne beobachtet!« – Darauf nahm ich das Wort.

»Oh, von dergleichen Weissagungen«, sprach ich, »hat man Beispiele die Menge. Sie lassen sich auch leicht erklären. Denn ist gleich dieses Feuer noch klein und nur durch Menschenhände angezündet, so waltet dennoch zwischen ihm und dem großen himmlischen Feuer (von dem es ursprünglich abstammt) eine starke Sympathie ob. Es kann daher nicht allein selbst durch geheime Ahnungen die Veränderungen des hohen Äthers vorauswissen, sondern sie uns auch recht wohl vorher verkündigen. Wir haben auch jetzt einen gewissen Chaldäer20 bei uns zu Korinth, der die ganze Stadt mit seinen wunderbaren Antworten in Verwirrung setzt und den Leuten die Geheimnisse des Schicksals für Geld aufschließt. Er weiß auf ein Haar anzugeben, welcher Tag das eheliche Band am festesten knüpfe, welcher den Grund der Stadtmauern verewige, welcher dem Kaufmann vorteilhaft, welcher den Reisenden zu Lande und zu Wasser glücklich sei. Mir selbst hat er auf mein Anfragen über den Erfolg dieser Reise allerhand höchst wundersame und bunte Sachen prophezeit; denn er sprach bald von großem Ruhm, den ich erlangen, bald von einer sonderbaren, fast unglaublichen Geschichte, die mir widerfahren, bald von mancherlei Büchern, die ich schreiben würde.«

Milo lächelte und fragte:

»Wie sieht er denn aus und wie heißt er denn, dieser Chaldäer?«

»Es ist ein langer, schwarzbrauner Mann«, erwiderte ich, »und heißt Diophanes.«

»Ja, ja!«, sagte er, »es ist derselbe, der auch bei uns gewesen ist. Dem ehrlichen Kerl begegnete hier ein garstiger Streich. Er hatte sich von unseren Neugierigen schon ein hübsches Geld durch seine Wahrsagereien verdient und stand eines Tages mitten unter einer Menge Leute, denen er seine Orakel verkündigte, als mit einmal ein gewisser Kaufmann Cerdo zu ihm kommt und ihn um den besten Tag befragt, den er zu einer vorhabenden Reise zu erwählen hätte. Mein Diophanes, nach tausenderlei Krimskrams, bestimmt ihm einen Tag, und schon zieht der Kaufmann einen Beutel heraus, schüttet das Geld aus und fängt an, die hundert Denare aufzuzählen, die er für die Weissagung zu entrichten hat. Siehe, da drängt sich von hinterher ein junger Edelmann zu dem Seher hin, zupft ihn beim Rocke, und als dieser sich umsieht, fällt er ihm um den Hals und küßt ihn mit großer‚ Freude. Diophanes bewillkommnet ihn sogleich auch, nötigt ihn, niederzusitzen, und ganz außer sich über die plötzliche Erscheinung, vergißt er darüber sein vorhabendes Geschäft und sagt zu dem Edelmann: ›Welch eine Freude hab’ ich, Sie endlich wiederzusehen! Wann sind Sie angekommen‹ – ›Mit einbrechendem Abend‹, antwortet jener. ›Aber erzählen Sie mir doch auch, lieber Freund, wie es Ihnen zu Wasser und zu Lande ergangen ist, seit Sie so eilig von (der Insel) Euböa abfuhren?‹ – Der gute ehrliche Chaldäer, der noch gar nicht wieder bei sich selbst war, versetzte: ›Unsern Neidern und Feinden mag ich eine so grausame und wahrhaft ulyssische Reise nicht wünschen, als ich gehabt! Das Schiff, worauf wir fuhren, von Wind und Wellen gemißhandelt, verlor bald Ruder und Mast, und als wir es gleichwohl mit genauer Not an die jenseitige Küste treiben, strandete es und versank mit unsrer ganzen Habe in die Tiefe, kaum daß wir selbst noch mit dem Leben davonkamen. Alles, was wir noch durch das Mitleiden Fremder und durch die Bemühungen unsrer Freunde retteten, das nahmen uns kurz darauf Räuber wieder ab und erschlugen, noch dazu vor meinen Augen, meinen geliebten Bruder Arisuatus, der mit Tapferkeit sich ihnen widersetzte.‹ –

Derweilen Diophanes dies ganz betrübt erzählt, streicht mein Cerdo sachte sein Geld, das er bezahlen sollte, wieder ein und heidi, lauf, was du kannst, fort!

Nun ward mit einmal Diophanes aus seinem Traume wach und merkte, was für ein dummes Stückchen er hatte ausgehen lassen. Um so mehr, da wir Umstehenden alle ein lautes Gelächter aufschlugen.

Indessen wünsch’ ich von Herzen, Herr Lucius, daß der Chaldäer Ihnen nichts als Wahrheit möge prophezeit haben, daß Ihnen tausend Glück begegnen und Ihre Reise höchst ersprießlich sein möge!«

Während dieser endlosen Salbaderei des Milo seufzte ich stillschweigend und war bitter und böse, daß ich selbst das verdrießliche Gespräch aufgebracht, wodurch ich so um einen guten Teil des Abends und süßer Ergötzung kam.

Endlich riß dennoch meine Geduld aus, und ich sagte zu Milo:

»Überlassen wir den Diophanes seinem Schicksale, mag er doch ferner dem Meere und dem Lande alles Geld wieder entrichten, was er den Blöden durch Lug und Trug abgenommen hat! Ich bin von meinem gestrigen Ritte noch herzlich müde und bitte mir die Erlaubnis aus, etwas früher schlafen zu gehen.« – Und damit brach ich auf und begab mich in mein Zimmer, wo ich schon alles sehr artig zum Schmause zubereitet fand. Das Bedientenbett21 aus der Stube genommen und ganz weit von der Tür weg in einen Winkel gesetzt, damit man uns in der Nacht nicht behorchen könnte. Neben meinem Bett ein wohlbesetztes Tischchen mit zwei Bechern, schon halb mit Wasser angefüllt und nur auf die Vermischung des Weines wartend. Nächstdem eine ansehnliche Flasche, die zum desto bequemeren Herausschöpfen mit recht weiter Mündung versehen. Kurzum, alles auf einen rechten Vorgeschmack zum Liebeskampfe eingerichtet!

Kaum war ich im Bette, so hatte auch schon meine Fotis ihre Frau zur Ruhe gebracht und flog mir, mit Rosen bekränzt und eine einzelne Knospe vor dem schwellenden Busen, in die Arme.

Nachdem sie mir den feurigsten Kuß auf die Lippen gedrückt, windet sie mir Kränze um die Schläfe und bestreut mich mit Blumen. Dann nimmt sie einen Becher Wein, mit Wasser vermischt, reicht mir ihn hin, läßt mich daraus nippen, und ehe ich ihn noch ganz geleert, zieht sie mir ihn wieder sanft vom Munde hinweg und schlürft mit leiblich zugespitzten Lippen, zärtlich auf mich die Augen gerichtet, wollüstig den Rest aus.

Zwei- und drei- und mehrmals wechselten wir also den Becher untereinander.

Bald war mir der Wein zu Kopfe gestiegen. Geist und Körper sehnten sich mit gleicher Ungeduld nach der Liebe süßen Spiel. Aus Übermaß von Mutwillen und brünstigem Verlangen schlug ich endlich meinen Rock zurück und zeigte meiner Fotis meinen leidlichen Zustand.

»Erbarme dich«, sagt’ ich, »und hilf mir beizeiten! Du siehst, ich bin ganz fertig, den Kampf ohne Gnade zu kämpfen, wozu du mich aufgefordert hast. Sobald ich Amors ersten Pfeil tief im Innern fühlte, spannte ich gleich aus voller Kraft meinen Bogen, daß Horn und Sehne springen möchten. Allein, willst du mir ganz meine Wünsche gestatten, so löse dein Haar, daß es dich frei umwalle, und überlaß dich also meiner Umarmung.«

Ohne Verzug werden Speisen und Geräte beiseitegeschafft und, aller Kleidung entblößt, die Haare entfesselt zur süßen Lust, steht Fotis da, wie Venus, die des Meeres Fluten entsteigt und lügenhaftzüchtig ihren marmornen Schoß, mit rosiger Rechten beschattet, nicht deckt.

»Auf denn«, ruft sie, »zum Kampf! Mutig zum Kampfe! Ich halte dir stand und weiche nicht. Zeige, daß du ein Mann bist, sei tapfer und stirb tötend; denn heute gibt’s keinen Pardon!«

Mit den Worten ist sie in meinem Bette, sitzt rittlings auf mir, und schäkernd läßt sie ihr reges Kreuz so lange spielen, bis unser Vergnügen den Gipfel erreicht, die Sinne uns übergehen und, in gegenseitiger Umarmung die Seele aushauchend, wir beide hinsinken.

Unter diesen und ähnlichen Kämpfen durchwachten wir die Nacht bis nahe an den Morgen. Frische Becher stärkten von Zeit zu Zeit die ermatteten Kräfte, reizten die Begierden wieder und erneuerten das Gefühl der Wollust.

Noch manche Nacht verfloß uns nach diesem Muster.

Eines Tages bat mich Byrrhenna sehr inständig zu sich zu Gaste. Ich lehnte es ab, soviel ich konnte! Allein sie bestand schlechterdings darauf. Was war zu tun? Ich mußte zur Fotis gehen und aus ihren Augen wie aus dem Fluge der Vögel mir Rats holen.

Sie sah es zwar ungern, daß ich mich weiter als einen Finger breit von ihr entfernte; inzwischen erteilte sie mir dennoch in Huld und Gnaden Urlaub.

»Aber höre«, sprach sie, »komm auch ja nicht so spät nach Hause; denn eine liederliche Rotte vornehmer junger Leute aus der Stadt macht des Nachts die Straßen unsicher, hin und wieder trifft man beständig in den Gassen Erschlagene an, und da die Truppen des Statthalters so weit von uns liegen, so ist dem Unwesen gar nicht zu steuern. Dein Staat und die Geringschätzung, die man hier gegen Fremde hegt, könnte dich leicht Nachstellungen aussetzen.«

»Ich bitte dich, sei dieserhalb ohne Sorgen, liebe Fotis«, antwortete ich. »Ich würde ja selbst darunter leiden, wenn ich dem Schmause vor dem Vergnügen, bei dir zu sein, den Vorzug gäbe. Und jetzt, da es gar darauf ankommt, dich von dieser Furcht zu befreien, werde ich gewiß um so früher wieder hier sein. Gleichwohl will ich nicht ohne Geleit gehen. Ich will meine Lenden mit meinem treuen Schwerte gürten, um doch im Notfall einige Bedeckung bei mir zu haben.«

Also geschah es, und ich begab mich zum Gastmahl.

Ich fand große Gesellschaft und, als in einem der ersten Häuser von Hypata, lauter schöne Welt.

Das Mahl war herrlich. Die Tischbetten glänzten vor Elfenbein und waren mit goldenen Decken überhangen. Die Pokale groß, von mancherlei schönen Formen, doch von gleicher Kostbarkeit. Hier prangte künstlich geschliffenes Glas, dort helles Kristall. Anderwärts schimmerte blankes Silber oder glühte das feinste Gold. Auch Bernstein, zu den schönsten Gefäßen ausgehöhlt, lud den Mund zu trinken ein. Kurz alles, was nur Reichtum und die seltenste Kunst vermag, war allhier anzutreffen.

Vorleger die Menge, alles aufs stattlichste gekleidet. Gerichte im Überfluß.

Zur Aufwartung die artigsten Mädchen und schönfrisierte und wohlgeputzte Knaben, die in Gemmengläsern fleißig alten Wein herumreichten.

Man brachte Licht, und das Tischgespräch nahm überhand, ward lebhaft. Man lachte, scherzte, witzelte hin und wieder.

Da fing Byrrhenna zu mir an:

»Nun, mein lieber Lucius, wie gefällt es Ihnen bei uns? Meines Wissens tun wir uns vor anderen Städten durch Tempel, Bäder und andere öffentliche Gebäude hervor. Auch haben wir ganz hübsche Einrichtungen. Übrigens hat man hier völlige Freiheit, zu leben, wie man will. Der Freund der großen Welt findet bei uns das geräuschvolle römische Leben, und wiederum, wer die Eingezogenheit liebt – die Ruhe und Stille des Landes. Wer sich nur in der Provinz ein Vergnügen machen will, der kommt zu uns gereist.«

»Ich stimme Ihnen in allem bei, liebe Tante, was Sie auch sagen«, antwortete ich. »In der Tat habe ich mich auch nirgends noch so frei gefühlt wie hier. Wenn nur die böse Magie nicht wäre! Um ihretwillen bin ich immer in Ängsten. Sie schleicht hier so im Finstern, daß kein Mensch sich davor in acht nehmen kann. Selbst die Toten in ihren Gräbern sollen nicht davor sicher sein; man holt Reste und Gliedmaßen von Leichen, von Brandstätten und Scheiterhaufen hinweg, den Lebendigen damit Unheil zuzufügen. Ja, die Schwarzkünstlerinnen sollen es sogar oftmals mit den Verstorbenen nicht zum Begräbnisse kommen lassen, indem sie die Leichen mit unglaublicher Geschwindigkeit während des Begräbnisses von den Bahren herunterstehlen.«

»Ei, was noch mehr ist«, fiel ein anderer ein, »nicht die Lebendigen einmal werden hier verschont. Ich kenne jemanden, der ein Lied davon singen kann. Der arme Teufel hat Nase und Ohren eingebüßt und ist jämmerlich entstellt.«

Die ganze Gesellschaft schlug bei den Worten ein mutwilliges Gelächter auf, und aller Augen suchten jemanden, der in einer Ecke des Saales ganz allein gelagert war. Dieser ward äußerst beschämt und böse. Er sprang auf, schimpfte und fluchte etwas in den Bart hinein und wollte fort.

»Oh, nicht doch, lieber Telerophon«, sprach Byrrhenna zu ihm, »Sie werden doch nicht böse werden und fortgehen wollen? Bleiben Sie bei uns, ich bitte Sie, und haben Sie nochmals die Höflichkeit, uns Ihre Geschichte zu erzählen damit mein Neffe Lucius auch das Vergnügen habe, sie zu hören!«

»Sie, Madame«, versetzte er aufgebracht, »sind immer die Güte und Verbindlichkeit selbst. Aber gewisser Leute unverschämte Grobheit ist nicht auszustehen.«

Indessen, Byrrhenna ließ nicht nach. Sie setzte ihm auf eine so einnehmende, unwiderstehliche Art zu und sagte ihm so viel Verbindliches, daß Telerophon, er mochte nun wollen oder nicht, sich endlich besänftigen und bequemen mußte, ihrem Verlangen ein Genüge zu tun.

Er legte den Teppich, worauf er lag, auf einen Haufen zusammen, stützte den Ellbogen darauf, richtete sich auf dem Bette etwas in die Höhe, erhob die Rechte mit einer Rednergebärde, indem er die beiden untersten Finger der Hand zumachte und die andern, vom Daumen gestützt, ausstreckte, und hub also an:

»Als ich noch minderjährig war, machte ich von Milet eine Reise nach den Olympischen Spielen, und da ich auch gern die merkwürdigsten Plätze dieser hochberühmten Provinz in Augenschein nehmen wollte, so durchzog ich Thessalien die Kreuz und Quer, bis ich endlich, von meinem bösen Schicksal geleitet, nach Larissa kam.

Mein Reisegeld war dünne geworden, und, um Mittel zu finden, die Schwindsucht meines Beutels zu heilen, rannte ich lange überall herum, bis ich mitten auf dem Markte einen langen alten Mann wahrnahm, der auf einem Steine stand und mit lauter Stimme ausrief:

›Wer einen Toten zu bewachen Lust hat, der melde sich und fordere, was er dafür haben will!‹

›Was höre ich da?‹ sage ich zu einem Vorübergehenden, ›pflegen denn hier die Toten davonzulaufen?‹

›Spottet nicht!‹ antwortete dieser, ›Ihr seid noch zu jung und unerfahren, Ihr würdet sonst wohl wissen, daß mitten in Thessalien, wo Ihr Euch jetzt befindet, es gar nichts Seltenes ist, daß alte Hexen den Toten das Gesicht abfressen, weil sie davon allerhand als Ingredienzien zu ihren Schwarzkünsteleien brauchen.‹

›Und könnt Ihr mir nicht sagen‹, erwiderte ich, ›worin eigentlich diese Leichenwache besteht?‹

›Vor allen Dingen‹, versetzte er, ›kommt es darauf an, daß man die ganze geschlagene Nacht hindurch wirklich wache. Nicht blinken darf man, geschweige denn ein Auge zutun. Die Blicke müssen beständig auf den Leichnam geheftet sein und nie davon abgewendet werden. Verdreht man nur das Schwarze im Auge, gleich hat sich ein Alräunchen herbeigeschlichen! Denn sie wissen so gut die Gestalt von allerhand Tieren anzunehmen, daß sie darunter den Augen der Sonne und der Gerechtigkeit22 selbst entgehen könnten. Bald sind sie Vögel, bald Hunde, dann einmal wieder Mäuse, ja wohl gar Fliegen. Auch schläfern sie die Wächter durch gewisse Beschwörungsworte ein. Kurz, es läßt sich nicht alles sagen, was sie für Mittel und Wege anwenden, zu ihrem Endzweck zu gelangen! Bei alledem wird für dieses saure und gefährliche Geschäft niemals mehr als vier bis sechs Dukaten gegeben. Ach! und was ich bald vergessen hätte: Kann der Wächter andern Morgens die Leiche nicht unversehrt wieder abliefern, so ist er gehalten, alles dasjenige, was derselben abgebissen oder abgerissen worden ist, aus seinem eigenen Gesichte schneiden zu lassen, um den Schaden wiedergutzumachen.‹

Als ich dies gehört, ermanne ich mich alsbald und gehe an den Ausrufer heran.

›Höret nur auf zu schreien, guter Freund‹, sprech’ ich, ›hier ist schon ein Wächter! Wieviel wollt Ihr mir geben?‹

›Tausend Nummen‹23, sagt er ›sollen für Euch zur Belohnung deponiert werden. Nur müßt Ihr auch die Leiche auf das allersorgfältigste vor den bösen Harpyien24 bewachen; es ist der Sohn eines der Vornehmsten dieser Stadt!‹

›Alles nur Kleinigkeit, wahrer Spaß für mich!‹ antwortete ich. ›Denn Ihr müßt wissen ich bin von Stahl und Eisen und kenne gar den Schlaf nicht, wenigstens bin ich ganz Auge, ein echter Lynkeus, ein Argus‹25.

Kaum daß ich ausgeredet, so nimmt er mich unverzüglich mit sich nach einem Hause, dessen Eingang versperrt war. Er läßt mich durch eine kleine Hintertür hinein und führt mich in ein düsteres Zimmer mit verhangenen Fenstern, wo eine Dame in Trauer saß und weinte.

Er trat zu ihr und sagte:

›Hier bringe ich Ihnen jemand, Madame, der sich anheischig gemacht hat, Ihren Gemahl wohl zu bewachen.‹

Die Dame strich die Haare zurück, die von beiden Seiten über ein Gesicht hingen, das selbst in der Betrübnis entzückend schön war, sah mich an und sprach:

›Oh, lieber Freund, ich bitte Euch, tut es auch ja mit aller Sorgfalt!‹

›Seien Sie unbesorgt, Madame‹, gab ich zur Antwort, ›und halten Sie mir nur ein gutes Trinkgeld parat!‹

Das versprach sie mir, stand darauf schleunigst auf und brachte mich in ein anderes Zimmer. Da stand die Leiche in schneeweiße Leilachen eingeschlagen. Nachdem sieben Zeugen herbeigeholt, schlägt die Dame die Tücher voneinander, weint eine Weile über dem Toten und ruft endlich die Anwesenden zu Zeugen an, daß der Körper durchaus unversehrt sei.

Sie zeigte, indem sie das tat, pünktlich ein Glied nach dem andern an, und ein Notarius protokollierte es auf der Stelle.

›Sehen Sie, meine Herren‹, sprach sie, ›daß nichts der Nase fehlt, den Augen nichts, daß die Ohren unversehrt sind, die Lippen unbeschädigt, daß ganz ist das Kinn? Seien Sie hiervon meine Zeugen!‹

Hierauf ward das Protokoll unterzeichnet, und die Dame ging hinweg.

›Nun, Madame‹, rief ich ihr nach, ›seien Sie so gut und lassen mir alles geben, was ich brauche!‹

›Und was ist das?‹ fragt sie.

›Eine große Lampe‹, sagt’ ich, ›mit zureichendem Öl, sie, bis es wieder hell wird, brennend zu erhalten, eine Flasche Wein nebst einem Glase und ein Tellerchen Brosamen von Ihrer Tafel.‹

›Geht‹, sprach sie und schüttelte den Kopf. ›Ihr seid nicht gescheit: Wie könnt Ihr Überbleibsel von Mahlzeiten in einem Trauerhause suchen, worin seit so vielen Tagen kein Rauch gesehen worden ist? Denkt Ihr etwa, Ihr seid zum Schmause hierher gebeten? Laßt Euch das nicht einkommen und setzt Euch lieber hin und weint und wehklagt, wie es sich an einem solchen Orte geziemt!‹

Hiermit wendete sie sich zu ihrem Mädchen und sagte: ›Myrrhina, gib im gleich eine Lampe und Öl!‹ Als dies geschehen, ging sie samt den andern aus dem Zimmer, und ich ward eingeschlossen.

Also allein zum Schutze der Leiche gelassen, reibe ich mir die Augen aus, und nachdem ich sie genugsam zum Wachen gerüstet, fang’ ich mir eins zu singen an, um mich vor Furcht zu verwahren. Darüber wird es dämmrig, finster, Nacht, und tiefer und tiefer Nacht. Je später hin, je grausiger.

Mit einmal, siehe, da kommt ein Wiesel herbeigekrochen! setzt sich mir gerade gegenüber und guckt mir so starr ins Gesicht, daß ich über die Keckheit eines so winzigen Tierchens um ein haar gänzlich die Fassung verloren hätte.

Doch rufe ich ihm endlich zu:

›Willst du wohl fort, du garstige Bestie? Willst du bald zu deinesgleichen, oder es soll dir übel ergehen! Willst du fort?‹

Damit das Wiesel wie der Blitz um und zur Stube hinaus. Aber auch nicht einen Augenblick darauf, befällt mich ein so tiefer Schlaf, daß der delphische Gott selbst nicht hätte unterscheiden mögen, wer, von der Leiche und mir, dem Scheine nach am mehrsten tot sei. Ganz sinnlos liegend und selbst eines Wächters bedürftig, war es so gut, als wär’ ich nicht da.

Eben störten die munteren Hähne mit ihrem kreischenden Geschrei die tiefe Stille der Nacht, als ich wieder erwachte.

Äußerst erschrocken, raffe ich mich auf, springe nach der Leiche hin, decke sie auf, beleuchte sie und wollte eben untersuchen, ob auch noch alles daran sei, was mir überliefert worden, als auch die betrübte Witwe mit den gestrigen Zeugen ängstlich zur Tür hereintritt, über den Körper hinfällt, oft und lange ihn küßt und beim Scheine der Lampe Musterung seiner Gliedmaßen hält.

Bald, so wendet sie sich um, ruft ihren Haushofmeister Philodespotus und befiehlt ihm, mir für die wohlgehaltene Wacht den ausgemachten Lohn nicht länger vorzuenthalten.

Er wurde mir auf der Stelle ausgezahlt, und sie setzte hinzu:

›Ich danke Euch höchlichst, junger Mensch! Ihr habt mir mit Eifer gedient, und beim Hercules, ich werde Euch beständig dafür unter meine Freunde zählen!‹

Von Freuden über einen so unerwarteten ansehnlichen Verdienst berauscht und mit schmachtendem Entzücken meine blanken Dukaten in der Hand von allen Seiten betrachtend, erwiderte ich:

›Zählen Sie mich lieber unter Ihre treuen Diener, Madame, und befehlen Sie, sooft Sie meine Dienste wieder brauchen.‹

Kaum habe ich das gesagt, so speien alle Hausgenossen über die böse Vorbedeutung aus und fallen stracks alle, jeglicher nach seiner Weise bewaffnet, über mich her. Der eine ohrfeigt mich brav mit den Händen ab, der andere zerbläut mir die Schultern mit dem Ellbogen, ein dritter versetzt mir mit geballten Fäusten derbe Rippenstöße. Man tritt mich mit Füßen, rauft mich bei den Haaren, zerreißt mir die Kleidung, mißhandelt, zerfleischt mich nicht minder denn den schönen Adonis oder den Sohn der pimpleischen Muse26 und wirft mich zur Tür hinaus.

Derweilen ich mich in einer Nebengasse von dieser unsanften Behandlung wieder zu erholen suchte und meine unselige Rede leider nur ein wenig zu spät bedachte, auch mir selbst eingestand, daß ich von Rechts wegen wohl noch mehr Prügel dafür verdient hätte, derweilen war der Tote schon zum letzten Male zu Hause beweint und gerufen27 worden, und langsam und mit großem Pompe, wie es bei Vornehmen nach Landes Brauch und Sitte zu geschehen pflegt, kam der Leichenzug über den Markt daher.

Zugleich lief ein alter Mann, der unter lautem Jammer sein ehrwürdiges Haar zerriß, aus Leibeskräften seitwärts hinzu, faßte die Bahre mit beiden Händen an und rief mit zwar starker, doch von Schluchzen unterbrochener Stimme:

›Hilfe, ihr Larissäer! Ich beschwöre euch bei eurem Bürgereide, bei eurer Liebe fürs Vaterland! Hilfe! Nehmt euch diese ermordeten Mitbürgers an und rächet nach der Strenge die allerschändlichste Tat an diesem abscheulichen Weibe! Denn sie, und kein anderer Mensch in der Welt, hat diesen Unglücklichen, der mein Schwestersohn ist, aus Liebe zu einem Buhlen und aus Lüsternheit nach seiner reichen Verlassenschaft mit Gift ermordet.‹

So der Greis, wimmernd und weinend.

Das Volk nahm Anteil an seinem Leid. Die Wahrscheinlichkeit des Vorwurfs machte es leichtgläubig gegen die Tat. Es ward wütend, rief nach Feuer, suchte Steine und hetzte die Jungen an, die Dame zu vertilgen. Mit erlogenen Tränen aber schwur diese hoch und teuer bei allen Gottheiten, dergleichen Schandtat sei ihr nie in den Sinn gekommen.

›So lassen wir‹, sprach der Greis wieder, ›die Entscheidung der Wahrheit auf die göttliche Vorsehung ankommen! Hier ist Zachlas, ein vornehmer ägyptischer Prophet28. Ich habe für ein Ansehnliches von ihm erhalten, daß er mir den Geist des Verstorbenen aus der Hölle zurückrufe und diesen Körper auf einen Augenblick wieder belebe.‹

Mit den Worten führt er einen Jüngling herbei, in Leinen gekleidet, Palmenschuhe an, und das Haupt über und über geschoren.

Er küßt’ ihm lange die Hände, umfaßte selbst seine Knie und sprach zu ihm:

›Erbarme dich, heiliger Priester, erbarme dich! Bei den ewigen Sternen des Himmels, bei den Gottheiten der Unterwelt, bei dem Urstoffe des ganzen Alls, bei dem nächtlichen Schweigen, bei Koptos’29 Heiligtume, bei des Nils Anwachs, bei den memphitischen Geheimnissen und bei den pharischen Sistrums30 – flehe ich zu dir: Wolle diesem Leichnam nur ein kurzer Genuß der Sonne verleihen! Wolle nur ein geringes Licht den ewig verschlossenen Augen wieder eingießen! Nicht, daß wir den Gesetzen der Natur widerstrebten noch der Erde ihr Eigentum verweigerten: nein, nur um des Trostes der Rache willen erbitten wir von dir diesen Augenblick Leben.‹

Durch diese Anrufung günstig gemacht, legt der Prophet dreimal ein gewisses Kraut dem Toten auf den Mund und ein anderes auf die Brust. Darauf kehrt’ er sich gen Aufgang und richtete ein Gebet an die Sonne, zwar nur stillschweigend, aber mit so vieler Feierlichkeit und Andacht, daß er allen Anwesenden die tiefste Ehrfurcht einflößte und eines jeden Geist vollkommen zur Erwartung des großen Wunders vorbereitete.

Sofort mischt’ ich mich unter die Menge, stellte mich dicht hinter der Bahre auf einen etwas erhabenen Stein und sah da mit neugierigen Augen dem ganzen Wesen zu.

Alsbald begann die Brust des Toten sich zu heben; es schlägt die Pulsader. Belebt ist die Leiche!

Sie richtete sich auf und sprach:

›Warum rufst du mich, ich bitte, zu einem augenblicklichen Leben zurück? Geleert war der lethäische31 Becher, schon schwamm ich auf dem stygischen32 Pfuhl. Laß mich, ich flehe, laß mich und störe mich in meiner Ruhe nicht!‹

Jedermann hörte ganz deutlich die Worte.

In großem Zorne antwortete der Prophet:

›Sage unverzüglich dem Volke an, wie es mit deinem Tode zugegangen ist, und bringe dies Geheimnis ans Licht, oder du sollst erfahren, daß selbst die Plagegöttinnen meine Beschwörungen hören und ich nach Belieben deine müden Glieder martern kann.‹

Da sagte der Aufgeweckte von der Bahre herab mit einem tiefen Seufzer zum Volke:

›Durch die Schandtat meiner vor kurzem genommenen Frau bin ich ums Leben gekommen. Sie hat mir Gift in den Trunk getan, damit ich mein Hochzeitbett noch ganz warm einem Ehebrecher einräumte.‹

Hierauf raffte sich das saubere Weibsbild zusammen, trat ihrem Manne frech unter die Augen und hieß ihn mit der gottlosesten Dreistigkeit lügen und zankte sich tapfer mit ihm herum.

Das Volk tobt, ist geteilt.

Einen solchen Ausbund von Weibern müsse man gleich mit dem Manne lebendig begraben, rufen die einen.

Die Aussage eines Toten verdiene keinen Glauben, die andern.

Allein alles kam aufs reine durch folgende Rede der Leiche:

›Ich will‹, hub sie an, abermals tief seufzend, ›ich will euch sonnenklare Beweise geben, daß ich nichts als die lautere Wahrheit rede. Hört, was niemand sonst weiß als ich.‹

Hiermit zeigt sie mit dem Finger auf mich und fährt also fort:

›Diese Nacht, als dieser, mein treuer Hüter in seinem besten Wachen war, kamen alte Hexen und trachteten meinem Körper nach. Allein nachdem sie sich öfters in allerlei Gestalten verwandelt und doch seine genaue Achtsamkeit in nichts täuschen konnten, so warfen sie endlich einen Schlummernebel um ihn, vergruben ihn in den allertiefsten Schlaf und hörten dann nicht auf, mich bei Namen zu rufen, bis endlich meine kalten, erstarrten Glieder langsam und träge sich anschickten, der Magie zu gehorchen. Doch vor mir war auf das Gerufe dieser hier, der einerlei Namen mit mir führt, im Schlafe schon aufgestanden und wie ein Toter zur Tür gegangen. Allda schneiden ihm die Hexen durch das Schlüsselloch Nase und Ohren an meiner Statt ab und setzen ihm zur Verhehlung des Betrugs dergleichen aufs ähnlichste aus Wachs verfertigt, ganz genau wieder an. Er kann es selbst bezeugen. Betrachtet ihn nur, da steht er, der Unglückliche, mit dem Gelde in der Hand, das er minder der Wacht, als seiner Verstümmelung wegen verdient hat.‹

Betroffen über die Neuigkeit, fuhr ich gleich, die Wahrheit zu untersuchen, mit der Hand zur Nase; sie blieb darin, ich faßte an die Ohren, sie fielen ab. Ich war wie mit kaltem Schweiße begossen.

Da hätte man das Fingerzeigen, das Gegucke, das Gelache sehen sollen!

Allein wie ein Blitz bückte ich mich und verschwand unter der Menge.

Und von der Zeit an habe ich mich zu Hause nicht wieder blicken lassen; denn ich war auf eine zu lächerliche Art entstellt. Ich habe die Haare auf beiden Seiten über die Schultern herunterhängen lassen und auf die Art den Mangel der Ohren verhehlt. Der fehlenden Nase Übelstand aber habe ich bestmöglichst durch dies säuberlich aufgeklebte Pflaster zu maskieren gesucht.«

Sobald Telerophon seine Geschichte geendigt, erhoben die Zechbrüder alle von neuem ein großes Gelächter und fingen dann wieder an, allerhand Gesundheiten zu trinken.

Unterdessen sagte Byrrhenna zu mir:

»Morgen haben wir einen Tag, der unsrer Stadt von ihrer Erbauung an feierlich ist. Wir allein unter den Sterblichen begehen an demselben mit lustigen und fröhlichen Gebräuchen das Fest des heiligen Gottes des Lachens. Ihre Gegenwart, lieber Neffe, wird dabei unser Vergnügen vermehren. Besonders würden Sie uns aber verpflichten, wenn Sie als ein witziger Kopf etwas erfinden wollten, was zur Verherrlichung unseres Gottes beitragen könnte.«

»Mit Freuden, Madame, werde ich Ihrem Befehle nachkommen«, erwiderte ich, »und glücklich mich schätzen, wenn ich eines Einfalls fähig bin, der einer so großen Gottheit wohlgefallen mag!«

Jetzt erinnerte mich mein Kerl, daß es spät sei. Ich erhob mich also und empfahl mich bei Byrrhennen.

Beim Zechen hatte ich mich nicht geschont, ich taumelte, als ich nach Hause ging. Und zu unserm Verdrusse blies uns auch der Wind an der ersten Straßenecke das Licht in der Laterne aus. Pechfinster war’s. Was haben wir uns nicht da Zehen und Schienbeine zerstoßen und hundsmüde gelaufen, ehe wir uns wieder zu finden wußten!

Endlich, als wir in die Gasse kamen, wo wir wohnten, sahen wir drei große starke Maschinen wider unsre Tür mit Gewalt Sturm rennen. Unsere Dazwischenkunft zerstreute sie im geringsten nicht. Vielmehr schienen sie nur desto geflissener in ihrem Bestreben, miteinander zu wetteifern.

Wir dachten nicht anders, als daß es die entschlossensten Banditen wären.

Besonders war ich ganz fest davon überzeugt; also gleich meinen Degen unter dem Rocke hervor, wo ich ihn schon bar und blank trug, und unter sie hinunter. Ich hieb und stach fürchterlich um mich herum, bis ich endlich meine Gegner alle drei, wie sie mir im Kampfe begegnet, vor meinen Füßen, zerstochen und zerfetzt, den Odem aushauchen sah.

Fotis, vom Tumulte erwacht, öffnete eben die Tür, als das Gefecht zu Ende war. Keuchend und triefend von Schweiß, schleppte ich mich hinein, und ermüdet von dem Siege über die vermeinten Banditen, als ob ich den dreifachen Geryon33 bekämpft hätte, übergab ich mich alsbald dem Bette und der Ruhe.

Drittes Buch

Eben fuhr Aurora ihren Rosenarm über das purpurne Gespann geschwungen, den Himmel herauf, als mich, der sorgenlosen Ruhe entrissen, die Nacht dem Tage wiedergab.

Erinnerung der gestrigen Tat überströmte mein Gemüt mit Angst und Sorge

Mit übereinandergeschlagenen Füßen, die gefalteten Hände auf die Knie gestemmt, saß ich ganz krumm zusammen auf meinem Bette und weinte bitterlich. Ich stand schon im Geiste vor dem hochnotpeinlichen Halsgerichte, sah jede herzerschütternde Formalität, sah den Henker immer im Hintergrunde.

»Wo ist der gelinde, der gnädige Richter, der dich von einem dreifachen Morde, von dem Blute so vieler Bürger, womit du befleckt bist, lossprechen könnte? Ach, war dies der Ruhm, welchen der Wahrsager Diophanes dir so zuverlässig auf deiner Reise verhieß?«

Also sprach ich mehrmals zu mir selber, aus Herzensgrund über mein trauriges Geschick heulend.

Unterdessen ließ sich ein wiederholtes Geklopfe an der Haustür hören und lautes Geschrei und Getümmel in der Gasse. Es währte nicht lange, so brach man zum Hause herein, und alles war mit Magistratspersonen und Gerichtsdienern nebst einem zahlreichen Gefolge von allerlei Leuten angefüllt.

Auf obrigkeitlichen Befehl bemächtigten sich meiner sofort zwei Schergen und schleppten mich, ohne daß ich im geringsten widerstrebte, davon.

Sie waren mit mir noch nicht ganz das Viertel der Straße hinunter, so war schon die ganze Stadt in Aufbruch und zog in dickem Schwarme hinter uns her.

Den Kopf zur Erde gesenkt oder, wenn ich so sagen darf, zur Hölle hinabgebeugt, ging ich tiefbetrübt dahin. Als ich jedoch einmal auf die Seite blickte, war ich die sonderbarste Sache von der Welt gewahr. Wenn doch unter so vielen tausend Menschen, welche sich um mich herumdrängten, auch nur ein einziger gewesen, der nicht vor Lachen hätte bersten mögen!

Endlich, nachdem wir lange genug von Gasse zu Gasse gezogen und ich, wie ein Sühnopfer34, durch alle Winkel der Stadt in Prozession geführt worden, so wurde ich auf dem Markte vor den Richterstuhl gestellt.

Schon saß der ganze Magistrat auf seinem erhabenen Gerüste, schon gebot der Stadtherold Stillschweigen, als mit einmal alle Anwesenden einstimmig riefen: »Die Versammlung ist zu groß, das Gedränge gefährlich, dies so wichtige Gericht muß auf dem Theater gehalten werden!«

Unverzüglich schwärmte der ganze Haufen des Volks dahin.

Sitze, Gänge, das Dach sogar ward in weniger als einem Augenblick bis zum Ersticken angefüllt.

An den Säulen empor kletterte man, man saß auf Statuen, lag ganz oben aus den Kaplöchern und Fenstern bis über den halben Leib heraus. Vor Begierde zu sehen blind, achtete niemand der Lebensgefahr.

Die Gerichtsdiener führten mich über die Bühne hinweg und stellten mich mitten in das Orchester.

Abermals gebot der Herold mit brüllender Stimme Stillschweigen und lud den Ankläger vor.

Ein alter Mann stand auf.

Man füllte die Wasseruhr, um ihm die Zeit zu bestimmen, welche er zu reden, und er sprach also zum Volke:

»Ich habe euch, meine Mitbürger, eine höchst wichtige Sache vorzustellen. Eine Sache, welche die Ruhe der ganzen Stadt betrifft und die uns allen zu einer ernsten Warnung gereichen muß. Um so mehr ziemt es sich, daß ihr insgesamt dem öffentlichen Ansehen gemäß dahin trachtet, daß dieser verruchte Mörder für das Blut so vieler Bürger mit eben der Strenge gestraft werde, als mit Grausamkeit er es vergossen hat. Glaubt indessen nicht, daß ich, nur von Privathaß angetrieben, meiner eignen Feindschaft durch diese eifrige Anklage Genüge zu leisten suche! Ich bin der Hauptmann der Scharwache, ich tue nur meine Pflicht, die ich jederzeit mir der pünktlichsten Treue erfüllt habe. Hier ist die Sache, wie sie sich in vergangener Nacht zugetragen hat, ganz unverfälscht! Ich mache um Mitternacht mit möglichster Aufmerksamkeit meine Runde durch die Stadt; da sehe ich diesen schändlichen Burschen mit blankem Degen wie wütend um sich herumhauen, und drei Leute an der Zahl stürzen zu seinen Füßen, wälzen sich zappelnd in ihrem Blute und geben den Geist auf. Diese erschreckliche Tat vollbracht, säumte er nicht, sich zu retten. Unter dem Schleier der Finsternis wischte er zu einem Haus hinein, worin er die ganze Nacht verborgen blieb. Allein die Vorsehung der Götter, welche jegliche Missetat an den Schuldigen heimsucht, machte, daß ich ihn diesen Morgen ganz früh, bevor er durch heimliche Schliche entrinnen konnte, belauerte. Hier stelle ich ihn vor euer allerheiligstes Gericht. Seht da einen Missetäter, der mit dreifachem Morde befleckt, der auf der Tat ertappt worden und der noch dazu ein Fremder ist! So richtet denn kühn über ihn, über diesen Fremden, in einem Verbrechen, das selbst an einem einheimischen Bürger mit exemplarischer Strenge müßte geahndet werden«

Nachdem mein Ankläger also mit heftiger Stimme gesprochen hatte, schwieg er still.

Nun ward ich vom Herold aufgefordert, was ich dagegen zu antworten hätte, vorzubringen. Allein noch mochte ich nichts denn weinen, und das wahrlich nicht sowohl um der gräßlichen Anklage willen als wegen meines verletzten Gewissens.

Doch endlich kam mir die Kühnheit und Kraft von oben herab, und ich begann:

»Ich fühle nur allzusehr, welch eine schwere Sache es sei, hier neben den hingestellten Leichen dreier Bürger, wegen deren Ermordung ich angeklagt werde, durch aufrichtige Aussage der Wahrheit und selbst durch Eingeständnis der Tat eine so zahlreiche Versammlung von meiner Unschuld zu überzeugen. Gleichwohl, wenn Sie, meine Herren, mir auf wenige Augenblicke ein geneigtes Gehör vergönnen wollen, so bin ich gewiß, Ihnen auf das deutlichste zu erweisen, daß ich mich keineswegs durch eigenes Verschulden jetzt in dieser Lebensgefahr befinde, sondern daß allein ein unglücklicher Zufall über einen nur allzu gerechten Unwillen den Schein eines Verbrechens verbreitet. Gestern, als ich ganz spät von einem Schmause, wobei ich (die Wahrheit zu gestehen) ein wenig zu viel getrunken hatte, nach Hause gehe, sehe ich drei Räuber vor dem Haus des Milo, eines Ihrer biedern Mitbürger, bei dem ich logiere. Sie sind über die Tür her und suchen sie mit aller Gewalt zu erbrechen oder aus den Angeln zu heben. Schon stürzen Riegel und Schlösser gesprengt zur Erde, und sie beratschlagen untereinander über den Tod der Einwohner des Hauses. ›Hört Kerls!‹ spricht einer von ihnen, der mannhafter und von größerer Taille schien als die übrigen, ›laßt uns sie wacker und frisch im Schlafe anfallen. Kleinmut und Feigheit weiche aus unserem Herzen, und Mord wandle mit gezücktem Dolche durchs ganze Haus! Erwürgt werde, wer im Schlafe liegt, und das Schwert schlage den ,der sich zu verteidigen aufsteht. Nur dann können wir mit Sieg gekrönt und Beute beladen sicher wiederum zurückziehen, wenn wir niemandes im ganzen Hause geschont haben!‹ Ich leugne es nicht, meine Herren (ich glaubte als ein braver Bürger zu handeln, ich glaubte es meinen Wirten, glaubte es mir selber schuldig zu sein), ich griff diese Banditen mit dem Degen an, den ich aus Vorsicht mitgenommen hatte, um im Notfall nicht wehrlos zu sein; ich dachte sie in Schrecken zu setzen und zu verjagen. Allein die verruchten Bösewichter gedachten an keine Flucht! Als sie mich mit bewehrter Faust auf sich zukommen sahen, machten sie Front gegen mich und leisteten tapfern Widerstand. Nach einem hartnäckigen Gefechte drang endlich ihr Rädelsführer auf mich ein, faßte mich mit beiden Fäusten bei den Haaren und zog mich nieder; indem er aber nach einem Steine ruft, mir den Rest damit zu geben, bringe ich ihm einen tödlichen Stich bei und strecke ihn glücklich zu Boden. Dem andern, der sich unterdessen in meinen Füßen verbissen hatte, stoße ich gleich darauf den Degen durch den Rücken, und der dritte rennt sich ihn selbst durch die Brust, indem er ganz blindlings auf mich hineinläuft. Nachdem ich dergestalt die öffentliche Sicherheit wiederhergestellt, meines Gastfreundes Haus und unser beiderseitiges Leben geschützt hatte, fiel es mir nur nicht ein, daß ich eine strafbare Handlung begangen hätte, wohl aber eine Tat, die eher des öffentlichen Lobes und Dankes würdig sei. Dieser Gedanke stand mir um so mehr zu, da ich niemals in meinem Leben auch nicht des mindesten Verbrechens beklagt, sondern beständig in meinem Vaterlande als ein Bürger von unsträflichem Wandel geachtet worden bin, der jederzeit ein reines, unbeflecktes Gewissen jeglichem Gewinne vorgezogen hat. Auch kann ich bis jetzt nicht begreifen, wie ich durch die allergerechtsamste Rache von der Welt an so abscheulichen Banditen mein Leben sollte verwirkt haben? Kann doch niemand erhärten, daß Privatfeindschaft zwischen uns obgewaltet, noch daß mir überhaupt dieses Gesindel nur bekannt gewesen! Kann doch niemand auch nur einen Strohhalm hervorzeigen, dem zu Begier ich eine solche Mordtat begangen haben möchte!«

Nach dieser Rede flossen meine Tränen aufs neue, und mit ausgestreckten Händen bat ich gar tragisch bald diese, bald jene um der allgemeinen Menschenliebe willen, um ihrer Kinder willen, sich meiner zu erbarmen.

Bereits sollte nach meinem Gutdünken jedes Herz gebrochen und genugsam zu Tränen gerührt sein. Ich rufe also das Auge der Sonne und der Gerechtigkeit zu Zeugen an und befehle mich möglichstem Pathos meine Sache der göttlichen Vorsehung.

Allein indem ich dabei meine Augen aufschlage, seh’ ich das ganze Volk im herzlichsten Gelächter begriffen und mitten darunter meinen teuren Gastfreund Milo sich ganz vor Lachen ausschütten.

»Da sehe man«, sprach ich betroffen und stillschweigend bei mir selbst, »da sehe man heutige Freundschaft und Dankbarkeit! Du gutwilliger Tropf machst dich, deinem Wirte das Leben zu retten, zum Mörder und läßt dich auf den Tod anklagen, und er, nicht zufrieden, dir weder Trost noch Hilfe zu verschaffen, lacht sich noch scheckig über deinen Untergang!«

Indem kommt ein Weib in Trauer mit einem kleinen Kinde auf dem Arm heulend und schreiend über das Theater gerannt und hinter ihr her noch eine alte Runkunkel im jämmerlichsten Aufzuge von der Welt und mit einem ebenso kläglichen Geschrei. Beide Ölzweige in Händen.

Sie stellen sich um das Bette, worauf die Leichen der Erschlagenen zugedeckt lagen, und erheben ein erbärmlich Geschrei und Wehklagen.

»Bei dem Mitleiden, das Bürger von Bürgern, bei dem Rechte, das Mensch von Menschen fordern darf«, riefen sie, »habt Barmherzigkeit mit diesen so schändlich ermordeten Jünglingen und schenkt uns armen betrübten Witwen den Trost der Rache! Zum wenigsten steht dieser unglücklichen Waise bei, die so beim Eintritt ins Leben aller Hilfe beraubt worden, und vergießt wieder das Blut dieses Mörders zur Aufrechterhaltung eurer heiligen Gesetze und zur Steuer aller bösen Zucht!«

Hierauf erhob sich der Älteste unter den Magistratspersonen und sprach folgendermaßen zum Volke:

»Allerdings liegt uns ob, dieses Verbrechen, welches der Missetäter selbst nicht zu leugnen vermag, auf das allerschärfste zu ahnden. Inzwischen können wir nicht dazu schreiten, bevor wir nicht hinter die Mitgenossen dieser Schandtat gekommen sind. Wahrscheinlich ist es nicht, daß ein einzelner Mensch allein drei so handfeste Jünglinge entleibt habe. Also die Wahrheit herauszubringen, müssen wir zur Tortur erkennen. Denn da der Bursche, welchen der Missetäter bei sich gehabt, heimlich davongelaufen, so tut es not, ihn selbst auf der Folter seine Gehilfen bekennen zu lassen, damit wir die ganze Räuberbande mit einmal vertilgen und fernerhin davor nicht in Furcht zu stehen brauchen!«

Unverzüglich werden mir, nach griechischem Brauch, Feuer, Rad und allerhand Geißeln vorgelegt.

Ich wollte im Leid vergehen, daß ich nicht einmal mit ganzer Haut sterben sollte.

Allein das Weib, das mit seinem Geheul alles weichherzig gemacht hatte, sprach:

»Bevor ihr, beste Bürger, diesen Straßenräuber, diesen Mörder meiner unglücklichen Kinder an das Kreuz schlagt, so gestattet mir, die Leichen der Erschlagenen aufzudecken, damit ihr, durch Betrachtung ihrer Gestalt und ihres Alters je mehr und mehr zu einem rechtmäßigen Unwillen gereizt, eure Strenge desto genauer nach der Größe der Missetat abmessen möget!«

Allgemeiner Beifall wird dem Vorschlage zugeklatscht, und der alte Ratsherr befiehlt mir auf der Stelle, selber mit eigener Hand die hingestellten Leichen aufzudecken.

Ich weigere mich mit aller Macht. Ich wollte schlechterdings nicht durch Vorzeigen der Erschlagenen die Anwesenden noch mehr gegen mich erbittern und aufbringen.

Allein auf des Magistrats Geheiß packen Stadtknechte mich an, strecken mir den Arm, mit dem ich nach der Bahre hin stand und den ich fest an dem Leibe angeklemmt hatte, gewaltsam aus und führen denselben trotz allem Widerstreben auf die Leichen.

Überwältigt, schicke ich mich endlich in die Not, fasse wider meinen Willen das Tuch und reiße es von den toten Körpern herunter.

Allmächtige Götter, welch ein Anblick! Welch ein Wunder! Welcher schleunige Wechsel meines Schicksals! Denn, war ich bereits ein Raub des Todes, war ich nicht mehr unter die Lebendigen zu zählen, so war auch im Nu alles, alles umgekehrt!

Worte fehlen mir, den Grund dieser sonderbaren Erscheinung zu erzählen.

Genug, jene Leichen der erschlagenen Jünglinge waren nichts anderes denn – drei aufgeblasene Schläuche, die verschiedentlich und, wie ich mich noch ganz wohl aus dem gestrigen Gefecht erinnern konnte, gerade da durchstochen waren, wo ich die Straßenräuber verwundet hatte.

Das Lachen, welches man bisher aus Schalkheit verbissen hatte, brach nunmehr frei und allgemein aus.

Die Freude war ohne Grenzen.

Die einen wünschten mir Glück, die andern hielten sich vor Lachen den Leib. Kurz, alle insgesamt gingen höchst vergnügt aus dem Theater heraus, das Gesicht immer auf dem Rücken nach mir gekehrt.

Aber ich – ich blieb von dem Augenblick an, da ich das Leichentuch berührt, dornensteif und eiskalt wie eine von den Statuen oder Säulen des Theaters, auf demselben Flecke dastehen.

Ich kam nicht eher wieder zu mir, bis mein Wirt Milo mich anfaßte und, alles meines Weigerns ungeachtet, mit freundlicher Gewalt mit sich fortriß. Die Tränen stürzten mir häufig an den Backen hinunter, und ich schluchzte aus allem Vermögen.

Milo vermied alle volkreichen Straßen mit mir und führte mich durch lauter entlegene Gäßchen nach Hause.

Unterwegs ließ er es an keinerlei Zuspruch ermangeln, um mich zu trösten. Aber das war nur umsonst. Ich zitterte am ganzen Leibe und konnte mich schlechterdings nicht zufriedengeben, das Gefühl der mir angetanen Schmach war zu tief in das Innere meiner Seele gedrungen.

Nach einer Weile kam der Magistrat selbst mit all seinen Insignien zu uns ins Haus und suchte mich durch folgende Worte zu besänftigen:

»Ihr Stand, Herr Lucius, und Ihre Familie sind uns allen sehr wohl bekannt, da sowohl hier als in der ganzen Provinz Ihr vornehmes Geschlecht höchst ausgebreitet ist. Was Ihnen also jetzt widerfahren und Sie so außerordentlich schmerzt, ist Ihnen sicherlich nicht zum Schimpf von uns angetan worden. Lassen Sie Ihre Betrübnis darüber fahren und vertreiben Sie den Gram aus Ihrem Herzen. Alles war nur ein Scherz zu Ehren unseres holdseligen Gottes des Lachens, dessen Fest wir bei jährlicher Wiederkehr jedesmal durch eine neue lustige Erfindung feiern. Es wird sich dieser Gott dafür allewege Ihnen dankbar erzeigen. Von nun an wird er Ihnen beständig seinen wohlgefälligen Schutz angedeihen lassen, jegliche Traurigkeit von Ihnen entfernen und stete Fröhlichkeit auf Ihre Stirn lagern. Unsere Stadt aber entbietet Ihnen, aus Erkenntlichkeit für die ihr erwiesene Gunst, ihre höchste Verehrung. Sie erklärt Sie zu ihrem Schutzpatron und will Ihnen eine ehrende Bildsäule errichten.«

Hierauf antwortete ich, ich erwidere Thessaliens hochlöblicher Hauptstadt den gebührensten Dank für die große Ehre, die sie mir anzutun gesonnen ist. Indessen, mein Rat wäre, sie behielte lieber für verdientere und größere Männer, als ich bin, Schutzpatronat und Bildsäulen auf.

Nach diesem glimpflichen Komplimente, das ich mit einem freundlichen Lächeln begleitete, stellte ich mich so vergnügt, als ich nur konnte, und als der Magistrat endlich wieder wegging, nahm ich von ihm mit der größten Höflichkeit und Ehrerbietung Abschied.

Unmittelbar darauf kam ein Bedienter herein und sagte zu mir:

»Ihre Frau Tante Byrrhenna läßt ihre Empfehlung machen und Sie erinnern, daß Sie sich gestern bei ihr auf heute zum Essen versagt hätten; Sie würden sich doch einstellen? Bald wäre es Zeit.«

Vor Furcht und Abscheu bei bloßer Erwähnung dieses Hauses zurückschaudernd, geb’ ich dem Kerl zur Antwort:

»Von Herzen gern wollte ich dem Befehl meiner Tante Gehorsam leisten, allein ich darf es mit gutem Gewissen nicht tun. Mein Wirt Milo hat mich bei des heutigen Tages obwaltender Gottheit beschworen, heute mich bei ihm zu versprechen, und er läßt mich nun ebensowenig weg, als er selbst von mir gehen würde. Ich bitte meine Tante also, mich für diesmal zu entschuldigen.«

Ich war noch nicht einmal hiermit fertig, als mich schon Milo bei der Hand faßte, das Badezeug uns nachzubringen befahl und mit mir in das nächste Bad ging.

Aller Augen meidend und dem Gelächter der Vorübergehenden, das ich selbst veranlaßt hatte, ausweichend, schlich ich ihm zur Seite mit verdecktem Gesicht.

Kein Wort weiß ich davon, wie ich gebadet, abgetrocknet worden und wieder nach Hause gekommen bin. So sehr außer aller Fassung war ich über alles Ansehen, Winken und Fingerzeigen!

Als ich endlich in der Geschwindigkeit Milos armseliges Mahl eingenommen, schützte ich Kopfweh vor, welches das beständige starke Weinen mir verursacht, und erhielt gar bald Erlaubnis, schlafen zu gehen.

Ich warf mich auf mein Bett hin und dachte traurig allem nach, was sich zugetragen hatte, bis endlich meine Fotis ihre Frau zu Bette gebracht hatte und zu mir kam.

Sie war sich selbst ganz unähnlich. Freude lachte nicht auf ihrem Gesicht. Von ihren Lippen floß kein Scherz. Finster, die Stirne gerunzelt, stumm trat sie herein.

Nach einer Weile fing sie endlich schüchtern und stockend an:

»Ich«, sprach sie, »von freien Stücken bekenn’ ich’s selber, ich allein bin an allem schuld, was dir begegnet ist.«

Hiermit holte sie aus ihrem Busen einen Riemen und reichte ihn mir dar.

»Da!« sprach sie, »ich bitte dich, räche dich damit am treulosen Mädchen! Oder weißt du noch eine andere härtere Strafe? Ich erlaube es dir, wähle sie! Doch beteure ich dir, glaube nicht, daß ich dir mit Willen diesen Kummer gemacht habe! Eher sollten mich die Götter verderben, ehe ich dir das geringste Leid zufügen möchte! Ja, könnte ich mit meinem Blute ein Unglück abkaufen, welches dein Haupt treffen soll, ich tät’s! Allein ich mußte etwas zu ganz anderer Absicht tun, da durch mein böses Geschick zu deinem Unheil ausgeschlagen ist.«

Meine alte Neugier erwachte sogleich wieder. Ich fühlte ein unwiderstehliches Verlangen, der Sache geheime Bewandtnis zu wissen.

»Eher«, hub ich an, »eher soll dieser schändliche, verwegene Riemen, welchen du dir zur Geißel ausersehen hast, in tausend Millionen Stücke von mir zerschnitten und zerhackt werden, ehe er deine sammetne Lilienhaut nur berühren soll! Ich bitte dich aber, erzähle nur aufrichtig, was das für eine Tat gewesen, die unglücklicherweise so zu meinem Nachteil ausgefallen ist! Denn bei deinem mir unaussprechlich teuren Haupte kann ich’s dir zuschwören, daß weder die ganze Welt noch du selbst mich zu überreden vermagst, daß du die Absicht gehabt haben könntest, mir wehe zu tun! Der unglückliche Ausgang aber einer auf Gutes abzweckenden Handlung macht niemanden einiger Schuld teilhaft.«

Mit Entzücken heftete ich nach diesen Worten die zärtlichsten Küsse auf Fotis’ feuchte, zitternde, wollusttrunkene und bereits halbgeschlossene Augen. Hierdurch zur Freude wieder aufgerichtet, sprach sie:

»Ich bitte dich, laß mich die Stubentür nur erst zumachen, damit ich mir durch mein Geklatsche kein Unglück zuziehe.«

Indem sie das sagte, verriegelte und verkettelte sie dicht und fest die Tür. Dann fiel sie mir mit beiden Armen um den Hals und fuhr ganz leise und heimlich also fort:

»In der Tat trag’ ich Bedenken und fürchte ich mich herzlich, dieses Hauses Heimlichkeiten aufzudecken und die Geheimnisse meiner Frau zu verraten. Doch kann ich mich unmöglich Böses zu dir und deiner Klugheit versehen; du bist ja auch so edler Abkunft, hast einen so hohen Geist und bist überdies in so mancherlei heilige Geheimnisse eingeweiht, daß dir die heilige Unverbrüchlichkeit des Stillschweigens notwendig auf alle Weise bekannt sein muß. Was ich also nur dem Schreine deines Herzens anzuvertrauen habe, das wirst du alles mit Vorsicht darin verwahren und wirst mir gewiß mein ungemessenes Zutrauen zu dir mit ewiger Verschwiegenheit vergelten, wenn ich dich auch nicht ausdrücklich und feierlich darum beschwöre und bitte. Nur die Gewalt der Liebe, womit ich an dir hange, treibt mich an, dir dasjenige zu entdecken, was ich unter allen Sterblichen allein weiß. Vernimm denn die ganze Beschaffenheit unseres Hauses. Höre die erstaunlichen Geheimnisse meiner Frau, durch welche sie über die Verstorbenen Gewalt hat, Sterne verdunkelt, Geister bannt und ihr alle Elemente dienstbar sind. Dieser Macht aber bedient sie sich niemals so ganz, als wann ihr die Reize eines jungen Menschen das Herz gefangen haben, welches gar oft ihr Fall ist.

Alleweile ist sie sterblich in einen schönen Böotier verliebt. Seinetwegen zieht sie alle Saiten ihrer Kunst auf und setzt mit dem heißesten Eifer alle ihre Triebräder in Bewegung.

Meine Ohren haben es gestern abend noch gehört, daß sie die Sonne mit Verdunklung und ewiger Finsternis bedrohte, wo sie nicht sofort vom Himmel wich und der Nacht Platz machte, damit sie desto früher ihre Bezauberungen durchführen könnte.

Gestern, als sie aus dem Bade kam, hatte sie diesen jungen Menschen von ungefähr in einer Barbierstube sitzen sehen. Gleich mußt’ ich hin, die ihm abgeschorenen, auf der Erde liegenden Haare heimlich wegzuholen.

So verstohlen ich auch dabei zu Werke ging, so ertappte mich dennoch der Barbier darüber, und weil wir einmal allenthalben schädlicher verbotener Künste wegen verschrien sind, so fuhr er mich auch an wie die Sau den Bettelsack.

›Du Spitzbübin‹, schrie er, ›wirst du mir bald das Wegstibitzen der Haare unserer schönen Kerls lassen? Wo du mir das noch lange so treibst, so werde ich dich ohne Gnade und Barmherzigkeit bei den Gerichten angeben.‹

Bei der schönen Anrede ließ er es aber nicht bewenden, sondern faßte mich und visitierte mich vom Kopf bis auf die Füße und riß mir in größter Bosheit alle aufgelesenen Haare wieder aus dem Busen, wohin ich sie gesteckt hatte.

Höchst betrübt über den Vorfall, denk’ ich nicht anders, als ich muß nun zum Tore hinauslaufen. Denn ich kenne meine Frau schon. So eine fehlgeschlagene Hoffnung kann sie wie rasend machen, und gewöhnlich muß ich es ihr entgelten.

Dennoch, aus Liebe zu dir, konnte ich mich zu Flucht nicht entschließen. Ich machte mich also wieder nach Hause auf.

Um gleichwohl nicht mit leeren Händen zu erscheinen, nehme ich ein paar Ziegenhaare mit, welche ich unterwegs von einigen fix und fertigen Schläuchen abscheren sah.

Sie waren dem blonden Haar des Böotiers sehr ähnlich, und meine Frau ward richtig davon getäuscht.

Wie wahnsinnig steigt meine Pamphile bei einbrechender Nacht, noch ehe du vom Schmause zurück warst, auf ihren Erker. Mit Schindeln gedeckt, allenthalben frei, dem Wind offen und nach jeglicher Himmelsgegend aussehend, ist dieser zu den magischen Hantierungen höchst bequem und wird von ihr immer insgeheim besucht.

Erst rüstet sie diese ihrer Werksatt mit all ihrem abscheulichen Geräte aus. Mit jeglicher Art von Spezereien, mit Platten, die mit unkennbaren Zeichen beschrieben, mit alten Steuern gescheiterter Schiffe. Auch tote, halbverweste Körper müssen mit ihren Gliedmaßen aufputzen helfen. Hier stellt sie Nasen und Finger auf, dort Galgennägel mit Stücken Armersünderfleisch, da aufbewahrtes Blut von Erschlagenen, dort verstümmelte Schädel, welche den Zähnen wilder Tiere entrissen worden.

Sodann bespricht sie rauchende Eingeweide und gießt opfernd bald Quellwasser aus, bald Kuhmilch, bald Berghonig, bald auch Met.

Endlich, nachdem sie die vermeintlichen Haare ihres Liebhabers in mancherlei Knoten geknüpft und vielfach durcheinandergeschlungen, übergibt sie dieselben lebendigen Kohlen und läßt sie nebst vielem Rauchwerke verbrennen.

Nicht sobald knistern und knastern diese Haare in der Glut, als vermöge der unwiderstehbaren Kraft der Magie und der Hilfe gebannter Geister jene Maschinen, denen sie zugehören, menschliches Leben annehmen. Sie fühlen, hören und gehen, und dem Geruche ihrer verbrannten Hülle folgend, kommen sie, anstatt des Böotiers, gegen unsere Tür anmarschiert und wollen herein.

Da mußtest du, mein Lucius, nun eben mit einem kleinen Räuschchen nach Hause kommen, von Wein und Finsternis getäuscht, sie war weiß wofür ansehn und mit gezücktem Schwerte, gleich dem rasenden Ajax35, über sie herfallen, um nicht zwar wie er eine Herde lebendiger Schafe niederzumetzeln, sondern noch eine weit herrlichere Heldentat zu verrichten, um drei aufgeblasene Bockschläuche zu entseelen, damit ich dich nach rühmlich vollbrachter Niederlage deiner Feinde, unbesudelt von Blut, nicht als Menschen-, sondern als Schlauchmörder in meine Arme schließen möchte.«

Um Fotis an Witz nichts schuldig zu bleiben, versetzt’ ich: »Ei, so kann ich ja diesen ersten meiner Siege schon neben die zwölf Arbeiten des Hercules stellen! Denn gleichwie er den dreifachen Geryon oder den dreiköpfigen Zerberus, so habe ich drei Schläuche mit einmal besiegt. Allein willst du, daß alle Schuld, die mir so viel Herzeleid verursacht hat, dir aufrichtig und ganz von Herzen vergeben sei, so mußt du mir zugestehen, worum ich dich jetzt auf das inständigste bitte: Zeige mir einmal deine Frau, liebe Fotis, wann sie in einem magischen Prozeß begriffen ist und die Götter anruft, oder laß sie mich nur sehen, wann sie sich verwandelt hat! Denn von Magie kann niemand ein eifriger Liebhaber sein als ich. Auch bist du gewiß selbst nichts weniger als neu und unerfahren darin, das merke ich am besten. Würdest du sonst einen Menschen, der sich nie etwas aus Mädchen gemacht hat, durch diese funkelnden Augen, diese Rosenwangen, dies glänzende Haar, diese wollüstigen Küsse, diesen duftenden Busen so sehr an dich haben fesseln können, daß er dir freiwillig wie ein Leibeigener zugetan ist? Denn frage ich wohl nach meiner Heimat oder denke ich an die Abreise? Ich lebe, webe und bin allein in deiner Umarmung.«

»Wie sehr wünscht’ ich«, antwortete Fotis, »daß ich dir gewähren könnte, was du von mir verlangst, lieber Lucius! Wenn nur meine Frau nicht immer aus Abgunst die Einsamkeit suchte und jedermanns Gegenwart mied, sobald sie dergleichen heimliche Sachen vornimmt. Indessen soll dennoch dein Begehren meiner Gefahr vorgehen und bei erstem gelegenem Augenblick, den ich wahrnehme, ihm Genüge geschehen. Aber du mußt in dieser wichtigen Sache auch hübsch verschwiegen sein, so wie ich es gleich anfangs von dir gefordert habe.«

Während dem Gespräche waren unvermerkt unsere Lüste und Begierden wach geworden und hatten unsere Sinne erregt.

Wir entledigten uns jeglicher Hülle und überlassen uns also dem Taumel der Wollust.

Schon ermattete ich und glaubte alles Vergnügen erschöpft, als Fotis aus eigener Freigebigkeit eine neue Quelle der Lust mir eröffnete und zum Beschluß mich noch der Freuden Übermaß schmecken ließ.

Nun sank auf unsere vom Wachen schweren Augenlider der Schlaf und schloß sie bis zum hellen Morgen.

Kaum waren uns auf diese Art noch ein paar Nächte in Wonne verstrichen, als Fotis eilfertig und schüchtern eines Tags zu mir hereingehuscht und mir verkündigt: Diese Nacht würde ihre Frau sich befiedern und zu ihrem Geliebten hinfliegen; denn ihre übrigen Künste wollten bei dieser ihrer Liebe alle nicht anschlagen. Ich sollte mich also fertig halten, diesen wichtigen Prozeß insgeheim mitanzusehen.

Sobald es Nacht war, holt sie mich ab und führt mich leisen, unhörbaren Tritts hinauf an die Erkerstube. Da zeigt sie mir eine verborgene Ritze in der Tür und läßt mich hindurchgucken; wo ich denn folgendes sah:

Allererst zieht sich Pamphile fasernackt aus. Nachher schließt sie eine Lade auf, woraus sie verschiedene Büchschen nimmt. Eines von diesen Büchschen öffnet sie und holt daraus eine Salbe, die sie so lange zwischen beiden Händen reibt, bis sie völlig zergangen ist, alsdann beschmiert sie sich damit von der Ferse bis zum Scheitel.

Nun hält sie ein langes, heimliches Gespräch mit ihrer Lampe.

Darauf schüttelt und rüttelt sie alle ihre Glieder. Diese sind nicht sobald in wallender Bewegung, als daraus schon weicher Flaum hervortreibt. In einem Augenblick sind auch starke Schwungfedern gewachsen, hornicht und krumm ist die Nase; die Füße sind in Krallen zusammengezogen.

Da steht Pamphile als Uhu!

Sie erhebt ein gräßliches Gekrächze und hüpft zum Versuche am Boden hin. Endlich hebt sie sich auf ihren Flügeln in die Höhe und in vollem Fluge hinaus zum Erker!

Also ward Pamphile vorsätzlicherweise durch ihre magische Wissenschaft verwandelt. Sonder Zauber aber und vor bloßem Wunder über das Gesehene wußte ich nicht, was aus mir geworden war. Die Haare standen mir auf dem Kopfe zu Berge, ohne alle Besinnung phantasierte ich.

Ich rieb mir lange Zeit die Augen und fragte, ob ich wirklich wache.

Wie ich endlich wieder zum Bewußtsein meiner selbst und dessen, was vorgegangen, gelangt war, so ergriff ich Fotis’ Hand und drückte sie gegen meine Augen und sprach:

»Teures, liebes Mädchen! schlage mir jetzt, da die Gelegenheit sich dazu darbietet, den seltensten Beweis deiner Zuneigung nicht ab! Bei deinen schönen Augen bitte ich dich: gib mir von der Salbe da und verbinde dir durch diese unaussprechliche Wohltat deinen Sklaven auf ewig! Mache, daß ich befiedert hier neben dir stehe, wie der Venus zur Seite Cupido36

»So?« versetzte sie hastig. »Ei, über dich schlauen Gast! Ich sollte mir so selbst eine Grube graben? sollte meinen Lucius den thessalischen Mädchen mutwillig in die Hände spielen? Nein, nein, guter Freund, daraus wird nichts, laß dir das vergehen! Wo in aller Welt sollt’ ich dich suchen, wenn ich dich zum Vogel gemacht hätte, und wann würde ich dich wohl einmal wiedersehen?«

»Behüten mich die Götter vor der schweren Sünde«, war meine Antwort, »daß selbst als Adler, dessen stolzem Fluge der ganze Himmel offensteht, der Botschafter des erhabenen Zeus und rüstiger Waffenträger ist, da, sag’ ich, trotz aller Würde des Königs der Vögel ich dennoch nicht beständig hier herab als in mein geliebteres Nest steigen sollte! Ich schwöre dir bei diesen deinen verschlungenen Locken, die mir das Herz gefangen haben, daß unter der Sonne mir kein Mädchen lieber ist denn du, meine Fotis! Bedenkst du denn auch nicht, daß, wenn ich einmal durch diese Salbe zu solchem Vogel geworden bin, ich vorsichtig alle Häuser zu meiden habe? Denn geschweige, daß ein Uhu eben kein so reizender Liebhaber für die Schönen ist, so darf sich der arme Kauz auch nur in einem Hause blicken lassen, gleich hat man ihn bei den Schlafitten und nagelt ihn an die Tür, wo er unter jämmerlichen Qualen für alle bösen Vorbedeutungen, die je sein unseliger Flug den Leuten gegeben hat, büßen muß. Aber hätt’ ich doch bald mich zu erkundigen vergessen, was ich denn nachher zu sagen oder zu tun habe, um die Federn abzulegen und wiederum Lucius zu werden?«

»Was dies betrifft, sei ganz unbesorgt«, versetzte Fotis, »meine Frau hat mir schon alles gezeigt, was wiederum zum Menschen umwandelt, und nicht etwa aus Wohlgewogenheit hat sie’s getan, sondern lediglich, damit ich ihr, wenn sie nach Hause kommt, zu ihrer Wiedermenschwerdung hilfreiche Hand leiste. Übrigens solltest du nicht glauben, mit wie wenigen unbedeutenden Kräutern solch ein Wunderwerk öfters zu bewerkstelligen ist! Heute zum Beispiel bereite ich ihr nur ein Bad und einen Trunk Brunnenwasser mit etwas Dille und ein paar Lorbeerblättern vermischt.«

Unter hohen Beteuerungen, daß dies die genaue Wahrheit sei, schleicht sie zitternd und zagend in den Erker, nimmt in der Geschwindigkeit eine Büchse aus der Lade und bringt sie mir.

Ich empfange diese mit Entzücken, küsse sie inbrünstig und bete, sie wolle mir eine glückliche Reise durch die Lüfte verleihen.

Und nun mit allen Kleidern herunter, gierig die Hände in die Salbe, eine ganze Menge genommen, und über und über alle Glieder meines Leibes gerieben.

Schon schwinge ich zu wiederholten Malen die Arme und versuche zu fliegen. Hoch klopft mir vor Verlangen das Herz, mich nun als Vogel zu sehen.

Umsonst! Nicht Busen, nicht Federn wachsen hervor.

Zu kurzen Borsten erstarren alle Haare an meinem Leibe, statt der zarten Haut umhüllt mich ein dickes derbes Fell.

Die Zahl der Finger und Zehen verliert sich in jeder Hand du jedem Fuße in einem Huf, und am Ende des Rückgrats hinten streckt sich ein langer Zagel hinunter.

Unförmig wird das Gesicht und dehnt sich je mehr und mehr. Mit großem Maule, weit offenen Nasenlöchern und schlotternden Lippen schließt es unten. Oben recken sich ein paar lange, rauhe, spielende Ohren empor.

Das einzige, was in dieser unglücklichen Verwandlung noch meinen Trost hätte abgeben können, wenn für mich Armen nun noch eine Fotis gewesen, war der Zuwachs des Werkzeugs des sechsten Sinnes.

Wie ich mich nun betrachte, seh’ ich mit Entsetzen, daß ich statt des Vogels zu einem Esel geworden bin.

Ich wollte mich bei Fotis beklagen, allein mit menschlicher Stellung und Gebärde hatte ich zugleich auch die Sprache verloren. Alles, was ich tun konnte, war, daß ich mit bebender Unterlippe und nassem Blick sie von der Seite ansah und also stillschweigend ihr Vorwürfe machte.

Sobald sie mich aber als Esel sah, fuhr sie sich mit beiden Händen ins Gesicht und schrie:

»Ich bin des Todes! In Eile und Angst habe ich mich vergriffen und eine unrechte Büchse genommen. Zum Glück ist ein höchst leichtes Mittel zur Wiederverwandlung vorhanden. Denn sobald du Rosen ißt, legst du den Esel wieder ab und bist wiederum mein Lucius. Und wenn ich nur wie gewöhnlich diesen Abend Kränze für uns in Bereitschaft hätte, so dürfe es nicht die Nacht mit Anstand haben; so aber mußt du bis morgen früh warten, eher kann ich dir dein Rettungsmittel nicht verschaffen.«

Also Fotis mit großem Herzeleid.

So vollkommen ich aber auch dem Äußeren nach von Lucius zu Meister Langohr geworden, so war ich doch innerlich Mensch und ganz ich selbst geblieben.

Lange ging ich darüber zu Rate, ob ich nicht an der boshaften Hexe mein Mütchen kühlen und sie für den schnöden Schabernack zu Tode beißen und schlagen sollte?

Den raschen Gedanken ließ ich aber bald wieder fahren, als ich überlegte, daß ich leicht durch diesen Mord mich um alle Mittel, mich zu enteseln, bringend könnte.

Lieber fraß ich die mir angetane Schmach in mich, faßte auf die kurze Zeit Geduld und trollte mich ganz tiefsinnig mit gesenktem Haupte und hängenden Ohren in den Stall hinunter, wo mein getreues Reitpferd stand, nebst noch einem Esel meines vorherigen Wirts Milo.

Ich dachte: »Wenn die stummen Tiere irgend etwas Sympathetisches in ihrer Natur haben, so wird dein Roß gewiß dich erkennen und gastfreundlich bei sich aufnehmen und bewirten.« Aber Jupiter, Gott der Gastfreundschaft, und du, heilige Treue, steckt nicht der elende Gaul mit dem Esel den Kopf zusammen und verschwört sich mit demselben zum Untergange seines Herrn?

Wie sie mich nur der Krippe näher kommen sehen, denken sie, es ist auf ihr Futter gemünzt, und gebärden sich ganz unbändig. Sie legen beide die Ohren zurück, und somit, hast du nicht gesehen, aus Leibeskräften hintenaus nach mir gesengelt, und weit mich von der Gerste weggetrieben, die ich den Abend noch mit eigenen Händen meinem treuen Tiere vorgeschüttet hatte!

Nach diesem garstigen Willkommen drängte ich mich ganz abseits in einen engen einsamen Winkel.

Indem ich da voller Mißmut die Unhöflichkeit meiner beiden Herren Kollegen überdenke und mir heilig vornehme, es den boshaften Bestien andertags, wenn ich durch Hilfe der Rosen wieder Lucius geworden, schon wieder einzutränken, so werde ich beim Umsehen, ungefähr in der Mitte des Stalles, in dem Hauptpfeiler, auf dem alles Gebälke ruhte, der Vorsteherin der Ställe, der Göttin Epona37 Bild gewahr, das eben mit frischen Rosen bekränzt worden.

Kaum habe ich dieses mein Entzauberungsmittel entdeckt, so wende ich auch voller Hoffnung alles an, es zu erhalten.

Ich klettere, so hoch ich kann, mit den beiden Vorderfüßen an dem Pfeiler empor, und mit langgestrecktem Halse und vorgereckter Schnauze strebe ich unter beständigem Getrampel und manchem kräftigen Satz auf das begierigste nach den Kränzen.

Unglücklicherweise aber muß mein Reitknecht dieses fruchtlose Bemühen bemerken; grimmig springt er von seiner Streue auf und ruft:

»I, was richtet denn der verdammte Klopphengst da all für Unfug an! Frißt erstlich dem Vieh das Futter weg und will nun auch nicht einmal die Bilder der Götter verschonen? Warte, du gottlose Bestie, dein Frevel soll dir übel bekommen, ich will ja dich gleich kreuz- und lendenlahm schlagen!«

Damit sieht er sich allenthalben nach einem Prügel um und findet leider nur allzubald ein ganzes Bündel Knüttel. Daraus sucht er sich den dicksten, knotigsten aus, und nun läßt er auch solch ein Wetter von Schlägen auf mich Unglücklichen niederfallen, daß ich zuverlässig noch darunter hätte erliegen müssen, wenn nicht plötzlich mit entsetzlichem Getöse und Gepolter wider die Haustür wäre geschlagen und gerannt worden und die ganze Nachbarschaft in Angst und Schrecken »Räuber, Räuber« gerufen hätte. Dies hemmte den geschäftigen Arm meines Schinders und jagte ihm so viel Furcht ein, daß er, ohne sich weiter zu besinnen, über Hals und über Kopf davonlief.

Es währte nicht lange, so war die Tür mit Gewalt aufgesprengt. Eine ganze Räuberbande drang herein. Diese plünderten alles aus; jene umringten die Hausgenossen mit bewaffneter Hand, und noch andere besetzten die Zugänge und hielten Wache, daß die von allen Seiten zu Hilfe eilenden Leute ihnen nichts anhaben möchten.

Allesamt mit blanken Degen und brennende Fackeln versehen, erleuchten sie die Nacht. Es schimmerte das Feuer und der Stahl wie die aufgehende Sonne.

Mitten im Hofe stand ein Magazin wohlverrammelt und verschlossen und von unten bis oben mit Milos Reichtümern vollgestopft.

In einem Augenblick war das mit Äxten an mehreren Orten geöffnet und ausgeleert. Der ganze Raub wurde in aller Eile in Bündel geschnürt und verteilt. Allein da waren mehr Hucken als Träger.

Äußerst in Verlegenheit über die Fülle des Reichtums, womit sie nicht wußten wohin, machten sie endlich unsern Stall ausfindig.

Mein Pferd und wir beide Esel wurden sogleich herausgezogen und bepackt, was nur das Zeug halten wollte.

Als nun das ganze Haus ausgeräumt, trieben sie uns mit Stöcken heraus, ließen einen von sich zum Kundschafter in der Stadt zurück, um sie wegen der erfolgenden Nachforschung zu benachrichtigen, und darauf jagten sie uns unter verdoppelten Schlägen durch unwegsame Gebirge immer vor sich her.

Schon war ich von übermäßiger Bürde, die ich trug, von dem steilen Aufsteigen der Berge und von dem starken übereilten Marsche dermaßen abgemattet, daß ich hätte umfallen mögen. Da faßte ich zwar spät, aber um desto ernstlicher, den Entschluß, mich der Gerechtigkeit in die Arme zu werfen und den heiligen Namen des Kaisers anzurufen, um mich aus diesem Trübsale zu erretten.

Es war schon ganz heller Tag, als wir eben durch einen ansehnlichen Flecken kamen, worin Jahrmarkt war. Wie wir nun mitten in dem größten Gewimmel der Leute waren, versuchte ich es, mit lauter Stimme in der Landessprache den Namen des glorreichen Kaisers auszurufen.

Oh! – brachte ich ganz klar und deutlich zur Welt. Nur mit des Kaisers Name selbst wollt’ es nicht gehen; er blieb mir zwischen den Zähnen stecken, und an seiner Statt kam das lauteste, langgedehnteste, unangenehmste Iahen hervor.

Die Räuber ärgerten sich über meinen übel angebrachten, mißtönenden Gesang und luden mir dafür von allen Seiten eine solche Tracht Prügel auf, daß meine Haut auch nicht einmal zum Siebe noch tauglich blieb.

Endlich aber, ehe ich es mich versah, bescherte mir der allgütige Jupiter mein Rettungsmittel.

Denn, nachdem wir schon vor manchem kleinen und großen Landhause vorbeigezogen, so sah ich mit einmal in einem geringen Gärtchen unter anderen herrlichen Blumen schöne jungfräuliche Rosen in frischem Morgentau gebadet vor mir stehen.

Voller Begierde nach denselben und voller Freude über die nunmehrige Erlösung aus dem leidigen Eselsstande trabte ich hastig und munter darauf zu.

Zum guten Glück mußte mir noch, indem ich schon die Lippen spitzte, um sie abzufressen, einfallen, welcher offenbaren Lebensgefahr ich mich aussetzte, wenn ich so vor den sichtlichen Augen der Räuber mit einmal von einem Esel zum Menschen würde; denn ebensowohl aus Furcht vor Zauberei, als weil ich sie verraten könnte, müßten sie mich ja notwendigerweise auf der Stelle ermorden.

Stracks ließ ich die Rosen wieder fahren, blieb lieber noch Esel und verbiß in dem Gebisse meinen Schmerz über das gegenwärtige Mißgeschick.

Viertes Buch

Gegen Mittag, als die Sonne zu stechen anfing, kehrten wir in einem Dorfe bei alten Bauersleuten ein. Die Räuber mußten Freund und vertraut mit ihnen sein; obschon ich Esel auch war, konnt’ ich das an der Begrüßung, an den langen Gesprächen, die sie mit ihnen hielten, und an ihren wechselseitigen Umarmungen merken. Sie schenkten ihnen auch allerhand Sachen, die sie mir vom Rücken herunternahmen, und es kam mir vor, als ob sie ihnen dabei zuflüsterten, daß sie solche soeben gestohlen hätten.

Wir wurden unserer Bürde entledigt und auf die nächste Weide gelassen. Ich konnte aber weder mit dem Esel noch mit meinem Pferde Gemeinschaft machen, denn ich war des Heufressens noch völlig ungewohnt.

Gleich hinter der Hütte hatte ich ein klein Gärtchen bemerkt. Da schlich ich mich, schwiemlig vor Hunger, hinein und an allerhand, wiewohl nur rohem Gemüse, fraß ich mir den Ranzen dick. Auch richtete ich Gebete an die Götter und spähte allenthalben umher, ob nicht etwa in den umliegenden Gärten ein blühender Rosenstock zu sehen. Denn da ich so seelenallein war, zweifelte ich nicht, daß ich abseits hinter Gesträuchen, von niemand gesehen, dieses mein Rettungsmittel einnehmen und sicher die zur Erde gebeugte Tiergestalt ablegen und hinwiederum Mensch werden könnte.

Indem ich so auf dem Meere dieser Gedanken umhertrieb, erblickte ich in einiger Entfernung ein schattiges Tal voller Gebüsche, und mitten in demselben lachte mir aus mancherlei Gesträuchen und lustigen Stauden der glühende Purpur blühender Rosen entgegen.

Mein Herz, das von meiner äußern Gestalt weit verschieden war, glaubte jetzt den Lusthain der Venus und der Grazien zu sehen, in dessen wehenden Schatten, auf dessen wonniggrünen Wiesen die liebliche Königin der Blumen ihren herrlichen Glanz samt ihrem Wohlgeruch verbreitet.

Stracks rufe ich den Gott des freudigen Erfolges an und eile in so großen Sprüngen und so schnellem Laufe dahin, daß ich mich in demselben Augenblicke selbst nicht für einen Esel, sondern für den raschesten aller Wettläufer hielt. Doch so leichtfüßig und schwipp ich mich auch immer erwies, so konnte ich dennoch meinem bösen Geschicke nicht zuvorlaufen. Denn, als ich ganz nahe hinzukam, so traf ich nicht jene zarte duftende Rose, die mit Tau des Himmels und mit Nektar getränkt glückseligen Dornensträuchern entblüht; ja, nicht einmal ein Tal fand ich irgendwo, sondern nur ein buschiges Ufer eines Flusses, wo viele Bäume blühen, die wie der Lorbeer längliche Blätter haben, eine geruchlose, aus einem blaßroten, kleinen, länglichen Kelche bestehende Blüten tragen und vom ungelehrten Landmanne ganz passend Lorbeerrosen genannt werden, dem Vieh aber tödlich zu fressen sind.

Also vom Schicksale hintergangen, verfluchte ich mein Leben und war willens, mich mit diesem giftigen Rosen zu vergeben. Allein indem ich langsam hinzugehe, um welche abzupflücken, so kommt ein junger Kerl, der wahrscheinlich der Gärtner war, in dessen Gartengewächsen ich so tapfer gewirtschaftet hatte, und der es nun innegeworden, mit einem großen Prügel, wütend mir nachgerannt, griff mich an und gerbt auch dermaßen auf mein Fell los, daß ich Gefahr lief, mein Leben unter seiner Hand zu lassen, wenn ich mir nicht noch klüglich zu raten gewußt hätte. Ich hob mich hinten und versetzte ihm mit beiden Füßen mit aller Kraft einen so nachdrücklichen Treff, daß er auf einmal genug hatte und am Fuße eines nahen Berges liegenblieb, derweilen ich mich durch die Flucht zu retten suchte.

Indessen, seine Frau hatte ihn von der Höhe herab halbtot hinsinken sehen und stürzte alsbald heulend und schreiend zu ihm hinunter. Ihr Zetergeschrei und Wehklagen erregte ein solches Mitleid, daß ich beinahe darüber in die Brüche gekommen wäre. Denn die ganze Dorfschaft rief die Hunde zusammen und hetzte sie hinter mir her.

Ich dachte, ich wäre des Todes, als ich den Schwarm großer abscheulicher Bullenbeißer auf mich zufliegen sah. Doch besann ich mich kurz, und anstatt weiter fortzulaufen, machte ich Kehrum und heidi, im gestrecktesten Galopp, dessen ich fähig war, der Hütte zu, in welcher wir eingekehrt waren.

Allein die Bauern fingen mich auf, klatschten die Hunde mit Mühe und Not von mir ab, banden mich mit einer Halfter an einem Ring fest, und nun drosch ganz unbarmherzig auf mich los, wer nur dreschen konnte. Ich bin versichert, sie hätten mit dem Zeitvertreib nicht eher aufgehört, bis ich meinen Geist aufgegeben, hätte sich nicht mit einmal mein von dem Prügelregen zusammengepreßter und von dem rohen Gemüse aufgeschwellter Leib Luft gemacht und die Schinder alle, teils durch den Strahl, den er einigen von ihnen ins Gesicht schoß, teils durch den unausstehlichen Gestank, der sich sogleich umher verbreitete, in einem Augenblick von meinen zerschlagenen Lenden hinweggetrieben.

Gleich darauf, da die größte Hitze nun vorüber war, packten die Räuber uns unsere Bündel wieder auf, ja mir noch weit schwerere als vorher, und zogen weiter.

Wir hatten bereits ein gut Stück Weges zurückgelegt, als wir an einen kleinen, sanftrieselnden Bach kamen. Müde vom weiten Marsche und schweren Tragen, mürbe von allen empfangenen Schlägen und hinkend und stolpernd der abgelaufenen Hufe wegen, dachte ich die gute Gelegenheit mir zunutze zu machen, in die Knie zu sinken und mich vorwärts in das Wasser hinabzustürzen, wohlentschlossen, um keine Hiebe in der Welt wieder aufzustehen und weiterzugehen, ja, eher tausendmal lieber mich totprügeln oder – stechen zu lassen. Denn abgemüdet und entkräftet wie ich war, erwartete ich eine ehrenvolle Entlassung meiner Dienste; aufs höchste, dacht’ ich, würden die Räuber, es sei nun aus Ungeduld oder aus Furcht, sich aufzuhalten, die Last meines Rückens unter den beiden übrigen Tieren verteilen und mich statt aller härteren Rache den Geiern und Wölfen zum Raube zurücklassen.

Allein auch diesem vortrefflichen Anschlag bog mein böses Geschick wieder vor.

Der andere Esel, nicht anders, als hätte er meine Gedanken gerochen und vor dem Munde mir weggeschnappt, fiel auf einmal, ehe es sich jemand versah, vor erlogener Müdigkeit um. Mit Sack und Pack lag er da wie tot; es half auch kein Knüppel, kein Stachel. Man mocht’ ihn noch soviel schütteln und rütteln, bei den Ohren, beim Schwanze, bei den Füßen aufheben, nichts. Er rührte und regte sich nicht, ja geschweige, daß er Miene gemacht hätte, wieder aufzustehen.

Die Räuber sahen nun wohl, daß da alle Hoffnung vergebens und daß sie sich nicht nur unnötigerweise beim verreckten Viehe verweilten, das alle viere so steif von sich streckte, als ob sie versteinert wären. Sie besprachen sich also untereinander und verteilten darauf sein Gepäck unter mir und dem Pferde. Dann hieben sie ihm die Hessen ab, schleppten ihn beiseite und stürzten ihn von einem hohen Felsen noch halb lebendig in das nächste Tal hinunter.

Da ging mir ein Licht auf. Ich spiegelte mich gewaltig am Schicksal meines armen Bruders Langohr und tat von Stunde an auf alle weitere List und Ränke Verzicht. Ich nahm mir fest vor, hinfort meinen Herren hübsch treu und redlich, in Geduld und Gelassenheit zu dienen; zumal, da ich aus ihren Gesprächen vernahm, daß nun unser Nachtlager und überhaupt das Ziel unsres ganzen Marsches, das Ende all unsrer Beschwerden ganz in der Nähe wäre.

In der Tat, wir legten nicht mehr als noch einen mäßigen Hügel zurück, so waren wir zum Orte unsrer Bestimmung, zum Sitz und zur Burg der Räuber gelangt.

Alle Sachen wurden sogleich abgepackt und in Verwahrung gegeben.

Ich, sobald ich nur meinen Rücken frei und ledig fühlte, kollerte und wälzte mich nach Herzenslust im Sande. In Ermangelung eines Bades blieb mir kein anderes Mittel übrig, mich von meiner Strapaze zu erquicken.

Hier ist der Ort, eine Beschreibung von der Gegend und Höhle zu machen, wo sich die Räuber aufhielten. Ich kann dabei gelegentlich meinen Geist versuchen und zu gleicher Zeit auch den Lesern eine Probe geben, ob ich damals ebenso wirklich dem Innern als dem Äußern nach Esel war.

Es war ein rauher, waldiger und vorzüglich hoher Berg. Über seinem schrägen Abhange wanden sich aneinanderhängende Ketten schroffer, unzugänglicher Felsen, zwischen welche tiefe, unergründliche Täler, mit Dornengebüschen verwachsen, nach allen Seiten sich hinzogen und eine natürliche Verschanzung ausmachten.

Vom Gipfel herab rann sprudelnd ein reicher Quell, stürzte mit Silberschaum über hervorragende Klippen hin, und in mehrere Bäche verteilt durchwässerte er die Täler und sammelte unten sich zu einem großen stehenden See, der alles umschloß.

Da, wo die Felsenriffe aufhörten, öffnete sich die hochgewölbte Burg der Räuber: eine Höhle von so weitem Umfange, daß sie einem geräumigen, mit starken Hürden wohlverwahrten Schafstalle glich. Den Eingang verkleidete eine dichte Hecke wie eine vorgezogene Wand. Wer diesen Ort nur sah, konnte ihn mit gutem Gewissen für nichts anders als für ein Raubnest ansehen.

Weit und breit umher war nichts als eine kleine, oberflächlich mit Rohr bedeckte Hütte zu sehen, worin, wie ich nachher erfuhr, allemal diejenigen von den Räubern, welche das Los getroffen hatte, des Nachts Schildwache zu halten pflegten.

Nachdem uns die Räuber vor dem Eingange ihrer Höhle angebunden, zwängten sie sich alle, einer nach dem andern, hinein. Drinnen war dies ihre freundliche Anrede an ein altes, von Jahren tiefgebeugtes Mütterchen, dem allein das Heil und die Pflege so vieler junger Kerle anvertraut schien:

»Nun, du alter Molch, du garstiges Totengerippe, du Scheusal der Lebendigen! Hast du uns wieder nichts zurechte gemacht und müßig zu Hause gesessen und die Hände in den Schoß geschlagen? Wirst du, alte Saufbulle, uns wohl bald was recht was Kräftiges zu essen geben, woran wir uns wieder von unseren langen, gefährlichen Strapazen erholen mögen?«

Zitternd und mit kreischender Stimme gab ihnen das arme, alte erschrockene Weib zur Antwort:

»Ei, liebe, brave Jünglinge, ich werde ja für euch, für meine trauten Beschützer gesorgt haben! Kommt, kommt, euer wartet die leckerste, reichlichste Mahlzeit und des Brotes und Weines die Fülle. Blank und rein ausgeschwenkt, stehen die Krüge da; auch ist siedend Wasser parat zum Bade, wie ich weiß, daß ihr’s gern habt, wenn ihr nach Hause kehrt.«

Sobald sie das hörten, zogen sie sich nackend aus und schwitzten an einem sehr großen Feuer; wuschen sich dann mit warmem Wasser, rieben sich mit Öl und gingen zu Tische, wo der größte Überfluß herrschte.

Kaum daß sie Platz genommen, so kam noch eine größere Rotte junger Kerle, die ich ebenfalls für Räuber ansah; denn auch sie brachten eine ganze Tracht Gold- und Silbermünzen, Gefäße und seidne und goldgestickte Kleider mit.

Sie badeten sich auf dieselbe Art wie die vorigen und lagerten sich zu ihnen, nachdem sie vorher gelost, wer bei Tische aufwarten sollte.

Nun ging es an ein Fressen und Saufen! Die aufgehäuftesten Schüsseln waren ausgeleert, die größten Brote verschwunden – im Nu, und es war, als ob die Becher keine Boden hätten.

Alle zugleich schreien sie unordentlich durcheinander. Bald brechen sie in wieherndes Gelächter aus, bald stimmen sie brüllenden Gesang an. Raserei ist hier Freude und Hohnneckerei Witz; ganz wie vormals beim Bankett der thebanischen Lapithen39 und halbtierischen Zentauren!

»Wir andern«, hub der vierschrötigste unter ihnen an, »wir sind noch brave Kerle! Wir haben doch Milos Haus zu Hypata erobert; haben überschwengliche Reichtümer mit Heldenmut erfochten und, weit gefehlt, dabei auch nur einen einzigen von unserer Anzahl einzubüßen, sind wir noch mit acht Füßen mehr in unser Standquartier wieder zurückgekehrt. Aber euch da, die ihr nach den böotischen Städten ausgegangen seid, euch nenne ich alte Memmen! Seht nur, zu welch einem geringen Häuflein ihr zusammengeschmolzen seid! Und dann euren tapferen Anführer, unsern Lamachus, so im Stiche zu lassen! Nein, all der Plunder, den ihr da mitgebracht, ist wahrlich nicht das Leben eines einzigen Mannes wert! Doch getrost! Er ist als Held gestorben, seine eigene übergroße Herzhaftigkeit hat ihn zugrunde gerichtet, und ewig wird sein Andenken samt dem Andenken der besten Heerführer und größten Feldherren mit Ruhm gepriesen werden! Während ihr elendes Diebesgesindel nun und immerdar wie Schurken zitternd und zagend in Bädern und alter Weiber Buden umherschleichen werdet, um durch kleine, nichtswürdige Spitzbübereien euer verächtliches Leben zu fristen.«

Ihm erwiderte einer von diesen letzteren:

»Tust du doch, als ob du allein nicht wüßtest, daß große Häuser am allerleichtesten zu bestehen sind! Denn wohnt gleich ein zahlreiches Gesinde darinnen, so ist doch jedweder weit mehr um sein Leben als um des Herrn Gut besorgt. Schlechte und gerechte Leute aber, die so ganz in der Stille leben und von ihrem bißchen Gelde kein Wesen machen, die verteidigen ihre Habe aufs hartnäckigste und selbst mit Gefahr ihres Leibes und Lebens.

Was ich hier sage, kann ich durch dasjenige erweisen, was uns begegnet ist.

Kaum daß wir nach Theben, mit den sieben Toren gekommen und uns, nach unseres löblichen Handwerks Sitte und Brauch, unter der Hand nach den wohlhabendsten Einwohnern umzusehen angefangen hatten, als wir von einem gewissen Chryseros, einem steinreichen Wechsler, Kundschaft einzogen. Aus Furcht vor öffentlichen Bedienungen, wobei etwas zuzusetzen ist, tut dieser, als ob er noch so arm sei, wohnt in einem ganz kleinen, aber wohlverwahrten Häuschen mutterseelenallein, geht schmutzig und zerlumpt wie ein Bettler einher und kommt weder Tag noch Nacht von seinen Goldsäcken hinweg.

Auf den münzten wir es nun sogleich. Da wird’s nicht einmal was zu streiten geben mit einem so einzelnen Menschen, dachten wir; im Spielengehen nehmen wir dem all seine Habseligkeiten ab!

Aber warte ein wenig! Er beluchste uns garstig.

Mit einbrechender Nacht waren wir vor seiner Tür. Wir hielten insgesamt nicht für ratsam, sie auszuheben, aufzusprengen oder durchzubrechen, damit wir kein Geräusch machten, wovon die Nachbarn aufwachen könnten; denn das dürft’ uns übel bekommen. Was hat da mein Lamachus, unser kreuzbraver Anführer, zu tun?

In einem edeln Vertrauen auf seine bewährte Tapferkeit greift er leise mit der Hand durch das Schlüsselloch40 und sucht inwendig das Schluß abzureißen.

Aber Chryeros, das allerärgste, das abscheulichste von allen Geschöpfen, die auf zwei Beinen herumlaufen, immer wach, immer die Ohren gespitzt, hatte uns lange schon gemerkt und war auf den Zehen stockmäuschenstill herbeigeschlichen. Sobald nun Lamachus’ Hand zum Schlüsselloch hereinkommt, stößt er plötzlich mit aller seiner Macht einen großen Nagel durch dieselbe und heftet sie, so fest er nur kann, an das Tor.

In diesem Zustande läßt er ihn wie am Galgen zappeln, und somit im Hui auf den Boden seiner Hütte hinauf, und von da aus vollem Halse, als ob er am Spieße stecke, in die Gasse hinuntergeschrien: ›Feuer! Diebe! Diebe! Feuer!‹ Einen jeden seiner Nachbarn bei Namen gerufen und nichts anders getan, als brennte sein Haus schon heller lichter Lohe, und als würden den Augenblick auch die übrigen von der Flamme ergriffen werden, wenn sie nicht flugs zur Hilfe kämen.

Erschrocken über die nahe Gefahr, eilten alle ängstlich herbei.

Wir sahen uns unterdessen in der jämmerlichen Verlegenheit, entweder selber allesamt draufzugehen oder unsern Hauptmann im Stiche zu lassen. Zur rechten Zeit aber noch schlugen wir mit seiner Bewilligung einen glücklichen Mittelweg ein. Wir hieben unserm Anführer im Ellbogen den Arm ab, ließen den zurück, wickelten etwas um den Stummel, damit von dem herausfließenden Blut unsere Spur nicht verraten würde, und nun Reißaus genommen mit unserm Lamachus!

Da uns jedoch tapfer nachgesetzt wurde und wir beständig über Hals und über Kopf fliehen mußten, Lamachus aber ebensowenig schnell uns folgen als sicher zurückbleiben konnte, so bat dieser großmütige, erztapfere Mann bald diesen, bald jenen von uns aufs flehentlichste, rührendste, bei der Rechten des Mars, bei dem Eide unsers Bundes, ihn, unsern biedern Kameraden, doch den Qualen und der Gefangenschaft zu entreißen. ›Wozu‹, sagte er, ›wozu sollte ein rechtschaffender Räuber seine Hand überleben, ohne die er doch weder rauben noch morden kann? Jetzt bin ich sattsam glücklich, wenn ich durch Freundeshand mit eigenem Willen sterbe!‹

Unterdessen, er konnte niemand von uns überreden, ihn zu töten.

Da zog er mit der Linken sein Schwert, küßte es zärtlichst und stieß es sich selbst aus allem Vermögen mitten durch die Brust.

Mit stummen Erstaunen verehrten wir den hohen Mut unseres edlen Hauptmanns, nahmen seinen Leib mit uns, hüllten ihn sorgfältig in weiße Leilachen ein und übergaben ihn dem Meere. Und so ist ein ganzes Element das Grab unseres Lamachus, der ein ruhmwürdiges Leben mit einem ruhmwürdigen Tode gekrönt hat!

Was aber den Alcimus betrifft, so hat er, wie aufgeweckt er auch war, doch dem bösen Geschicke nicht entgehen können.

Er brach in die Hütte eines alten schlafenden Mütterchens ein und stieg zu ihr in die oberste Bucht hinauf. Anstatt aber da mit dem Erwürgen der alten Vettel anzufangen, ließ er sich einfallen, uns lieber alle ihre Sachen zum Fenster herunterzuwerfen. Er war nicht faul, bald war alles ausgeräumt, und nun sollte es auch über das Bette hergehen, worin die Alte lag. Er schmiß sie also heraus auf den Boden und wollte ihr auch nicht einmal die Decke lassen; aber auf ihren Knien bat ihn der alte Nickel: ›Oh, habe Erbarmen, mein Sohn, und wolle doch nicht auch diese so elenden Lumpen eines armen unglücklichen alten Weibes ihren steinreichen Nachbarn schenken, in deren Hof dieses Fenster geht!‹

Alcimus, überlistet, nimmt das für bares Geld. Damit nun sowohl das, was er vorher hinabgeschmissen, als auch das, was er noch hinabwerfen wollte, nicht aus Irrtum in fremde, sondern in unsere Hände fallen möchte, so hängt er sich bald mit halbem Leibe zum Fenster hinaus, um die Sache zu untersuchen und zu gleicher Zeit auch in dem Hause der reichen Nachbarn, wovon die Alte sprach, die Gelegenheit abzusehen. Darüber vergißt er sich aber so sehr, daß er sich immer weiter und weiter zum Fenster hinausreckt, bis er endlich ganz im Gleichgewicht schwebt. Da erwartete ihn die schlaue Alte. Mit schwacher Hand hilft sie ihm, ohne daß er es sich versieht, unten bei den Füßen nach und stürzt ihn so, Kopf unten, Kopf oben, in die Gasse hinab.

Außerdem, daß er sehr hoch fiel, schlug er noch unten auf einen großen Eckstein auf, daß er sich auch gleich Rückgrat und alle Rippen im Leibe zerschmetterte und das Blut ihm aus Maul und Nase herausströmte.

Er quälte sich nicht lange. Kaum konnte er uns erzählen, was sich zugetragen, als er verschied.

Wir bestatteten ihn gleich dem Lamachus, der an ihm einen Nachfolger erhielt, der gewiß seines nicht unwert war.

Nachdem uns diese zweite schmerzliche Wunde geschlagen, taten wir auf alle weiteren Unternehmungen in Theben Verzicht und stiegen zur nächsten Stadt, Platää, hinab.

Das Gerücht machte uns da sogleich einen gewissen Demochares bekannt, der eben ein Fechterspiel geben wollte. Er war ein Mann von der edelsten Geburt, von großem Vermögen und von ausnehmender Freigebigkeit, und die Zurüstung zur öffentlichen Lustbarkeit geschah mit einer Pracht, die vollkommen seiner würdig war.

Ich müßte ein ganzer Kerl an Geist und Beredsamkeit sein, wenn ich euch alle die mancherlei Anstalten, die er getroffen hatte, schicklich beschreiben könnte. Genug, da sah man eine Menge der behendesten Tierkämpfer; da waren arme Sünder, die wilden Tieren zum Fraße gemästet wurden, und auf dem Orte, wo die Kampfspiele sollten gehalten werden, war sehr zierlich ein hölzernes übersetztes Gerüst gleich einem Gebäude, das sich um einen Versammlungsplatz herumzieht, aufgerichtet und mit den schönsten Gemälden ausgeschmückt. Und welch eine Anzahl wilder Tiere und von welcher Größe; denn er hatte diese lebendigen Gräber der zum Tode verurteilten Menschen von den entlegensten Orten her mit äußerster Sorgfalt zusammengeholt.

Vorzüglich aber vor allen übrigen Zubereitungen zu diesem herrlichen Feste ließ er sich eine Menge großer Bären überaus viel kosten. Außer denen, die er auf seinen eigenen Jagden gefangen, außer denen, die er mit dem teuersten Pfennig erkauft hatte, unterhielt er noch viele, die ihm verschiedene seiner Freunde zum Geschenk gemacht hatten.

Indessen, ungeachtet Demochares diesen Tieren es weder an hinlänglichem Futter noch an der sorgfältigsten Wartung fehlen ließ, so konnte er sie dennoch nicht vor dem Tode in Sicherheit stellen. Bei der langwierigen Gefangenschaft, der übermäßigen Sonnenhitze und dem beständigen faulen Daliegen zehrten sie sich ab, wurden krank, und ehe man es sich versah, war das Sterben unter ihnen. In sehr kurzer Zeit war fast nichts davon mehr übrig.

Das Volk, anstatt sich an der Hetze dieser stattlichen Tiere zu erlustigen, sah sie nun jämmerlich verreckend hin und wieder auf den Straßen liegen, und arme Elende, welche Mangel und nagenden Hunger selbst nach widrigem Aase lüstern macht – kamen und holten sie sich zur Speise.

Dieser Umstand gab mir und dem Babulus folgenden listigen Anschlag ein:

Wir tragen uns den größten, feistesten von diesen Bären nach unserer Herberge und stellen uns, als wollten wir uns damit recht was zugute tun. Wir ziehen ihm das Fell ab, lassen aber die Tatzen unversehrt sowie den Kopf bis ans Genicke. Darauf schaben wir die Haut sorgfältig aus, streuen brav Asche hinein und lassen sie an der Sonne trocknen. Derweilen diese durch die Hitze ihrer Strahlen sie gar macht, erlaben wir uns mit unsern Kameraden an dem fetten Fleische und verabredeten zum bevorstehenden Unternehmen diesen Plan:

Einer aus unserer Mitte, der alle übrigen noch weit mehr an Herz und an Leibeskräften überträfe, solle sich freiwillig in die Haut stecken und den Bären spielen, sich als solcher in Demochares’ Wohnung bringen lassen und dann bei nächtlicher Weile, wenn alles schliefe, den andern die Haustür eröffnen.

Wie viele unserer unerschrocknen Gesellschaft waren nicht gleich zu dieser glänzenden Tat bereit! Doch einstimmig wurde vor allen andern Thrasileon erwählt, und mit Freuden unterzog er sich dem gefährlichen Wagnis. Er fährt heiteren Angesichts in das geschmeidige wohlgegerbte Fell hinein. Wir nähen es mit einer feinen Naht zu, die wir bestmöglichst unter den langen dichten Zotten verbergen. Seinen Kopf stecken wir in des Tieres Hals, und zum Atemholen und Sehen machen wir ihm um die Gegend der Nasenlöcher und der Augen kleine Öffnungen. Und nachdem wir also unsern tapfern Kameraden zu einem fürchterlichen Bären umgeschaffen, kaufen wir für ein Geringes einen Käfig, in den er stracks von selbst mit dem standhaftesten Mute hineinkroch.

Nach diesen Vorbereitungen schreiten wir folgendermaßen zur weiteren Ausführung unseres listigen Anschlags.

Wir hatten auskundschaftet, daß ein gewisser Nikanor aus Thrazien ein sehr genauer Freund des Demochares sei. In seinem Namen schrieben wir einen Brief, da er dem Demochares hiermit die Erstlinge seiner Jagd überschicke, um von seiner Seite auch etwas zur Pracht der Spiele seines Freundes beizutragen.

Nun war der Abend herangekommen. Unter dem Schleier der Finsternis tragen wir unsern Thrasileon in dem Käfig samt dem falschen Sendschreiben zum Demochares.

Er erstaunte über die Größe der Bestie und freute sich außerordentlich, daß ihn sein Freund just so zur gelegenen Zeit beschenkte. Er zog den Beutel heraus und gab uns zehn Dukaten Trinkgeld, daß wir ihm ein Geschenk überbracht, das ihm so viel Freude machte.

Unterdessen zog die Neugier viele Leute herbei. Sie standen alle voller Bewunderung um unsern Bären herum. Thrasileon war aber immer wohl auf seiner Hut. Sobald sich jemand zu nahe an ihn wagte, so fuhr er grimmig auf ihn los und wies den Vorwitzigen ab.

Man pries einhellig den Demochares glücklich, daß er fast dem Schicksale zum Trotz den großen Abgang der Tiere gleich wieder durch einen so guten Zuwachs ersetzen könnte.

Er gab Befehl, den Bären sofort nach einem seiner Landgüter zu bringen und desselben allda aufs beste zu warten. Allein das gab ich nicht zu! – ›Gnädiger Herr!‹ fing ich an, ›ich weiß nicht, ob Sie gut tun, daß Sie ihn jetzt, da er von der Sommerhitze und der Reise abgemattet ist, zu einem Haufen anderer Bären tun wollen, die sich obendrein, wie ich höre, nicht so recht wohlbefinden sollen. Wäre es unmaßgeblich nicht besser, wenn Euer Gnaden ihn hier im Hause an einen schattigen, luftigen Ort hinbringen ließen, wo auch allenfalls ein Teich in der Nähe wäre, damit er sich abkühlen könnte? Denn Euer Gnaden wissen wohl, daß dergleichen Tiere sich gern in dichten Hainen, feuchten Höhlen oder auf anmutigen Hügeln und an kühlen Quellen aufzuhalten pflegen.‹

Meine Bedenklichkeit jagte den Demochares ins Bockshorn, und damit dieser Bär nicht auch verrecken möchte, pflichtete er ohne weitere Umstände sogleich meinem Vorschlage bei und gestattete uns, den Käfig in seinem Hause hinzustellen, wo wir es nur für gut befänden.

›Wir wollen, mit Eurer Gnaden Wohlgenehmen, hier auch wohl des Nachts beim Käfig wachen‹ – fügt’ ich hinzu –, ›damit das arme Tier nach der ausgestandenen Hitze und Beschwerde der Reise auch mit aller Pünktlichkeit und, wie’s gewohnt ist, gefüttert und getränkt werde.‹ –

›Was das anlangt‹, gab er zur Antwort, ›so bedarf ich dazu Eurer Hilfe nicht. Fast mein gesamtes Gesinde weiß durch die lange Gewohnheit recht gut mit Bären umzugehen.‹

Darauf empfahlen wir uns und gingen fort, gingen zur Stadt hinaus und suchten uns ein Grabmahl, das etwas abseits von der Landstraße an einem entfernten verborgenen Orte gelegen.

Da öffneten wir vorläufig zur Aufbewahrung der künftigen Beute verschiedene Särge, die vor Fäulnis und Alter nur halb noch bedeckt waren und nichts als den Staub verwester Toter enthielten, und warteten’s ab, wie wir’s immer zu machen pflegen, daß es finster wurde und die Leute im ersten Schlafe tief begraben lagen.

Nun bricht unsere ganze Schar wohlbewaffnet auf, und nicht anders, als hätte sie sich zur Plünderung verbürgt, stellt sie sich vor Demochares’ Tür ein.

Thrasileon seinerseits paßt gleichfalls der Nacht raubgünstigen Augenblick ab, kriecht aus dem Käfig heraus, ermordet erst die neben ihm schlafenden Wächter alle miteinander, dann auch den Pförtner, und nun macht er die Haustür auf, läßt uns flugs hinein und zeigt uns die Kammer, worin er abends einen großen Vorrat Silbergeschirr hatte verwahren sehen.

Ohne lange zu fackeln, legen wir insgesamt Hand an, und mit Gewalt hineingebrochen!

Dies getan, befehle ich einem jeden von uns, so viel Gold und Silber aufzusacken, als er nur fortbringen könnte, es in aller Geschwindigkeit in der Behausung unserer biederen Toten zu verbergen, dann spornstreichs wieder zurückzukehren und wiederum also zu tun. Ich wollte mich unterdessen, zum gemeinschaftlichen Besten, vor die Tür pflanzen und bis zu ihrer Wiederkunft genau alles beobachten, was von außen vorging, derweilen Thrasileon, immer noch als Bär, im Hause umginge und das Gesinde fürchten machte, wenn etwa jemand davon erwachen sollte, denn wer würde nicht, wenn er auch noch so tapfer und unerschrocken wäre, bei dem Anblicke eines so ungeheuren Tieres, zumal bei Nacht, sogleich davonlaufen und mit großem Herzklopfen sich hinter Schloß und Riegel in seiner Kammer verschanzen?

Trotz dieser herrlichen Anordnungen mußte doch alles unglücklich ablaufen!

Derweilen ich ganz ängstlich die Zurückkunft unserer Kameraden erwarte, stiehlt sich einer von den Bedienten im Hause, den das Gelärm aufgeweckt hatte, leise auf den Zehen aus seinem Winkel heraus, sieht den Bären los und frei im Hause herumspazieren und schleicht dann wieder stillschweigend zurück und erzählt’s den andern.

Den Augenblick ist der ganze Flur mit dem Hausgesinde angefüllt, und Fackeln, Laternen, Lampen, Wachs- und Talgkerzen, und was es sonst noch für Arten von Nachtlichtern gibt, erhellen die Finsternis.

Jedweder ist bewaffnet, der mit einem Knüppel, der mit einem Spieß, der mit einem blanken Degen, und so besetzen sie die Türen. Die großen zottigen Doggen werden auch herbeigerufen und an den ergrimmten Bär angehetzt.

Da war keine Zeit zu verlieren; ehe noch das Getümmel überhandnahm, war ich zum Hause hinaus und versteckte mich hinter der Tür, von wo aus ich den Thrasileon sich bis zum Erstaunen gegen die Hunde wehren sah. Obgleich er jetzt am äußersten Rande des Lebens stand, so war er doch nimmer seiner selbst, noch unser, noch seiner vormaligen Tapferkeit uneingedenk, sondern kämpfte noch frisch, da er dem Tode gleichsam schon im Rachen steckte; ja, er spielte selbst seine Rolle, die er freiwillig übernommen hatte, bis auf seinen letzten Atemzug fort. Bald floh er, bald stellte er sich wieder zur Wehr und verteilte, auf den Hinterfüßen sitzend, mit den Vordertatzen rechts und links Maulschellen.

Endlich erwischte er sogar durch eine jähe Wendung aus dem Hause hinaus, ohne sich jedoch durch die Flucht retten zu können, wenn er gleich im Freien war. Denn alle Hunde von der Gasse, die nicht in geringer Anzahl waren, stießen mit lautem Gebell und voller Wut zu denen, die dicht hinter ihm her zum Hause herauskamen; und da sah ich das traurigste, jämmerlichste Schauspiel, unsern armen Thrasileon unter unzähligen Hunden und von ihren wütenden Bissen zerfleischt und zerfetzt.

Ich konnte den Anblick nicht ertragen, er zerriß mir die Seele. Ich mischte mich unter den Haufen des zusammenlaufenden Volks und suchte meinem armen Kameraden zu helfen, so gut ich wenigstens ohne mich selbst zu verraten, konnte, indem ich dem vornehmsten Anhetzer zuschrie:

›Nun wahrlich, das ist auch unverantwortlich, daß wir ein so großes kostbares Tier von den Hunden zerreißen lassen.‹

Doch der Pfiff war umsonst. Es kam ein großer starker Kerl aus dem Hause herausgestürzt, der rannte den Bären mit einem Spieße gleich mitten durch die Brust; seinem Beispiel folgten mehrere. Nun hatte ein jeder Mut, alle Furcht verschwand; wer nur ein Mordgewehr erhaschen konnte, der kam und stach mit drauflos.

Thrasileon bezeigte sich inzwischen immerfort als die Krone unsres Ordens. Eher war sein der Unsterblichkeit würdiger Geist erschöpft, denn seine Geduld; nicht durch Geschrei, nicht einmal durch Gewimmer brach er seinen getanen Eid der Treue. Von Hunden zerrissen, von Schwertern und Spießen zerhackt und zerstochen, besiegte er als Held mit unüberwindlicher Standhaftigkeit seine Schmerzen. Er grunzte und brummte gleich einem Bär bis auf den allerletzten Augenblick, da er sein junges Leben dem Schicksal für ewig unerlöschlichen Ruh zurückgab.

Furcht und Schrecken, so er den Leuten eingejagt, waren so groß, daß es hell wurde und auch noch ein großer Teil des Tages verging, ehe sich jemand getraute, das tot am Boden hingestreckte Tier auch nur mit einem Finger anzurühren! Endlich faßte noch ein Fleischer Mut, wagte sich heran, schlitzte ihm den Bauch auf und schälte somit, zur allgemeinen Verwunderung, den unvergleichlichen Räuber heraus.

Also büßten wir den Thrasileon auch ein! Indessen mit ihm ist uns nicht zugleich auch sein Ruhm verloren.

Wir andern packten schleunigst alles zusammen, was die Toten uns treu und redlich verwahrt hatten, und damit fort über die platäische Grenze.

Unterwegs überdachten wir bei uns selbst, wie natürlicherweise keine Redlichkeit mehr unter den Lebendigen zu finden sei, da sie sich so, aus Abscheu vor dem Betrug, in die Gräber zu den Verstorbenen geflüchtet.

Und so bringen wir euch denn nach drei Mann Verlust, ganz abgemattet vom Tragen und Marschieren, diesen unsern Raub zu, den ihr da sehet!«

Nach Endigung dieses Gesprächs gossen die Räuber alle aus goldenen Bechern lautern Wein zum Gedächtnis ihrer verlorenen Kameraden aus, sangen auch verschiedene Liederchen zum Lobe ihres Schutzpatrons, des Mars, und legten sich dann ein wenig schlafen.

Derweilen hatte uns die Alte Gerste ohne Maß und zur Genüge vorgeschüttet. Mein Pferd, das den ganzen Überfluß allein auf sich nahm, stand sich sehr wohl dabei, allein ich, der die Gerste nur allenfalls in Graupensuppen leiden mag, ich stöberte bald den Winkel aus, wo die Überbleibsel der Mahlzeit waren hingetan worden, und machte da meinen vor langem Hunger fast verstarrten und aufeinandergewachsenen Kinnbacken gar weidlich zu tun.

Als es weiterhinkam in die Nacht, wurden die Räuber wieder wach und brachen auf. Sie rüsteten sich verschiedentlich; die einen bewaffneten sich mit Gewehr, die andern verkleideten sich als Gespenster. So zogen sie aus.

Weder hierdurch noch durch Schlaf ließ ich mich in meinem Eßeifer stören. Als Lucius war ich stets mit ein, zwei Broten zufrieden und stand vom Tische auf. Jetzt, bei der bodenlosen Tiefe meines Bauches, fühlt’ ich den dritten Korb voll noch nicht, und der helle Tag überraschte mich noch bei voller Arbeit.

Da schämte ich mich aber doch trotz aller meiner Eselhaftigkeit, hörte auf und ging und trank einmal aus dem frischen Bache.

In kurzem waren die Räuber wieder da, aber voller Angst und Besorgnis. Diesmal hatten sie weder Pack noch Bündel, noch sonst das Allergeringste; alles, was sie mit blanken Schwertern, in großem Schwarm und Getümmel mitbrachten, war ein Mädchen; aber auch was für ein Mädchen!

Ihre Gestalt und ihr Wesen verrieten offenbarlich, daß sie von den Vornehmsten in der Provinz sei, und ihre Reize machten selbst einen solchen Esel, als ich war, lüstern. Sie jammerte unablässig und zerriß ihre Kleider, zerraufte ihr Haar.

Als die Räuber sie in die Höhle absetzten, sprachen sie ihr Trost zu.

»Seien Sie ruhig«, sagten sie, »Sie dürfen bei uns weder für Ihr Leben noch für Ihre Ehre besorgt sein. Haben Sie nur kurze Zeit Geduld, daß wir ein Stück Geld mit Ihnen verdienen können, weiter geht unsre Absicht nicht. Wir können uns nicht helfen, aus Not und Armut müssen wir einmal schon dies Handwerk treiben; aber Ihre Eltern, die so überschwengliche Reichtümer besitzen, werden Sie nicht lange bei uns lassen. Bei dem Lösegeld für ihre einzige Tochter werden sie gewiß nicht knausern, und wenn sie auch sonst noch so geizig wären!«

Mit diesem und ähnlichem Gewäsche dachten sie des Mädchens Schmerz zu mildern, aber vergebens. Mit auf die Knie gelegtem Haupte saß sie und weinte immerfort.

Die Räuber riefen darauf die Alte und befahlen ihr, sich zu dem Mädchen zu setzen und ihr so gut, als sie nur wüßte und könnte, zuzureden; sie selbst aber gingen wieder ihren Geschäften nach.

Aber keine Reden der Alten vermochten das Mädchen, daß sie mit Weinen aufhörte; vielmehr heulte und schluchzte sie nur immer ärger, so daß sie mir endlich selbst Tränen auspreßte.

»Wie soll ich nicht weinen«, schrie sie, »wie kann ich nur leben, da ich Unglückliche einem so ahnsehnlichen Hause, so zahlreichem, so teurem Gesinde entrissen bin? Ach, verwaist bin ich der besten Eltern und ein Raub geworden sträflicher Hände, meine Freiheit verloren habe und wie eine Sklavin mich hier eingekerkert sehe in diesen Felsen, jeglicher Gemächlichkeit, jeglicher Freude beraubt, worin ich geboren und erzogen bin, und in augenblicklicher Gefahr meines Lebens und meiner Ehre, unter dieser Menge abscheulicher Straßenräuber und Banditen?«

Also wehklagte sie, bis endlich vor Betrübnis der Seele, vor Heulen und Schreien und Abmattung des Körpers ihr die Augen zufielen und sie einschlief.

Kaum hatte sie eine Weile geruht, als sie mit einmal wie wahnsinnig aus dem Schlafe aufschreckte und weit heftiger als vorher sich zu beklagen anfing, um sich den Busen mit wütenden Händen zu schlagen und ihr allerliebstes Gesicht zu verletzen.

Die Alte drang lebhaft in sie, ihr die Ursache ihrer neuen verstärkten Betrübnis zu entdecken, aber sie seufzte immer nur tiefer auf und schrie:

»Ach, nun, nun ist’s vollends mit mir aus! Nun ist auch der letzte Schimmer von Hoffnung für mich dahin, und nichts als Strick, Dolch oder Abgrund bleibt mir zur Rettung übrig!«

Endlich ward die Alte böse und befahl ihr ganz ernstlich, zu sagen, welch neues Unglück sie denn beweine und was ihren Jammer wieder so lebhaft aus dem Schlummer erwecke?

»Ei, wollt Ihr denn mit aller Gewalt durch Euer übermäßiges Gehärme meine Herren um Euer ansehnliches Lösegeld bringen?« sprach sie. »Wo Ihr nicht gleich Euch zufriedengebt, so werden wir uns viel um Eure Tränen scheren (die rühren Straßenräuber so niemals!) und werden Euch bei lebendigem Leibe verbrennen!«

Diese Drohung jagte dem Mädchen großen Schreck ein. Sie küßte dem alten Tiere mit Inbrunst die Hände und sprach in der äußersten Bewegung:

»Mütterchen, liebes Mütterchen, schonet mein! Tragt aus Menschlichkeit Erbarmen mit meinem harten Schicksal, denn das graue Alter, das Euch ehrwürdig macht, wird ja nicht in Eurer Brust alles Mitleid erstickt haben. Seht nun hier das Gemälde meines unaussprechlichen Elends!

Ein Jüngling, schön von Gestalt, der Vornehmste seiner Stadt, den jedermann wie sein eigen Kind liebt, mein leiblicher Vetter, nur etwa drei Jahre älter als ich, mit mir erzogen, mit mir von Kindesgebein an in solcher Vertraulichkeit und unschuldigen gegenseitigen Lieben aufgewachsen, daß wir fast beständig nur ein Haus, eine Kammer, ein Bett selbander gehabt, mir seit geraumer Zeit ehelich verlobt – dieser wird nun endlich nach errichteter Ehestiftung von unsern beidseitigen Eltern einstimmig zur Hochzeitsfeier aufgefordert und geht mit zahlreichem Gefolge naher Anverwandter in alle Kapellen und Tempel der Stadt umher, den Göttern Freuden- und Dankopfer zu bringen. Das ganze Haus ist mit Blumen und Lorbeeren ausgeschmückt, die Hochzeitsfackeln glänzen. Der Hymenäus41 erschallt. Meine unglückliche Mutter, mich in ihrem Schoß haltend, legt mir freudig den Brautputz an, umarmt mich mit herzlicher Zärtlichkeit und verstärkt meine nahe Hoffnung künftiger Kinder durch die wärmsten eifrigsten Wünsche.

Siehe, indem fällt plötzlich eine Räuberbande ein. Alles gewinnt das Ansehen des Krieges, Waffen klirren, gezückte Schwerter blitzen. Indessen niemand raubt, niemand mordet. In geschlossenem Zuge dringen die Räuber unaufhaltsam bis in unser Gemach vor, und da – ohne daß ein einziger unserer Leute sich widersetzt, ohne daß einer auch nur einen Augenblick Widerstand tut – entreißen sie mich Arme, ohnmächtig vor übermäßigem Schrecken, aus den Armen, rauben sie mich aus dem Schoße meiner teuren, zitternden und zagenden Mutter, und zerstört und vernichtet ist meine Hochzeit wie vormals die Hochzeit der Tochter des Athrax mit dem Pirithous42!

Jetzt nun, erneuert, häuft mein Unglück noch ein entsetzlicher Traum. Ich träumte: ich sähe mich mit Gewalt aus dem Hause, aus der Brautkammer, ja selbst aus dem Brautbette hinweg durch abgelegene Einöden schleppen. Ich rief den Namen meines unglücklichen Bräutigams. Bald, so erblickt’ ich ihn selbst. Sowie er mich nur vermißt, hatte er, triefend von Salben und mit Kränzen geschmückt, wie er war, mir, die ich ihn so wider meinen Willen floh, auf der Spur nachgesetzt. Mit lauten Geschrei klagt er die Entführung seiner Braut, flehet alle Leute um Hilfe an. Da raffte endlich einer von den Räubern, aus Verdruß über sein ungestümes Verfolgen, einen großen Stein auf, der ihm vor den Füßen lag, und warf damit den armen Jungen, meines Herzens Geliebten, meinen Bräutigam, tot zur Erde nieder. Über diesen entsetzlichen Anblick erschrak ich so sehr, daß ich außer mir aus dem Schlaf auffuhr.«

Die Alte seufzte zu den Tränen des Mädchens und hub darauf an:

»Seid getrost, gutes Kind, und laßt Euch nicht durch eitle Träumereien in Schrecken setzen. Denn Traumgesichter bei Tage werden ja allgemein für falsch gehalten, und die nächtlichen Träume bedeuten noch dazu oft das Gegenteil von dem, was sie verkündigen. Wer da träumt zum Beispiel, er weine, bekomme Schläge, werde erwürgt, dem steht zuweilen just ein großer Gewinn oder sonst ein Glück bevor. Hingegen Lachen, Schmausen, Genuß der Liebe und dergleichen deuten zumeist nur Betrübnis, Krankheit und Verlust von allerlei Art an. Ich will Euch lieber durch kurzweilige Märchen und Erzählungen zu zerstreuen suchen!«

Sie begann sogleich43:

»In einem gewissen Lande lebten einst ein König und eine Königin, welche drei Töchter hatten. Reiz und Anmut schmückten die beiden ältesten in sehr hohem Grade. Doch verschwanden beide wie im Schatten neben dem strahlenden Glanze ihrer jüngern Schwester.

Die Natur schien an dieser all ihren Reichtum erschöpft zu haben, ihre Schönheit war weit über das Menschliche, kein Lob konnte sie erreichen; ja, jede Sprache war zu arm, sie nur zu beschreiben.

Auch zogen Eingeborene sowohl als Fremdlinge, durch den Ruf von dieser Wunderschönheit neugierig gemacht, in Menge dahin. Alle wurden so vor Bewunderung darüber außer sich, daß sie die Prinzessin, nicht anders als ob sie die Göttin Venus selbst wäre, in aller Förmlichkeit anbeteten.

Hierdurch entstand in allen umliegenden Städten und Ländern die Sage: Die Göttin, welche aus des Meeres blauer Tiefe geboren und von dem Taue schäumender Wellen ernährt worden, verstatte jetzt ihrer Gottheit Anblick und wandle sichtbarlich in den Versammlungen des Volks einher; oder es habe gar durch einen neuen Einfluß der himmlischen Gestirne jetzt die Erde, wie ehemals das Meer, eine neue jungfräuliche Venus hervorgebracht.

Dieses Gerücht verbreitete sich mit jedem Tage weiter und weiter. In kurzem war es in den entferntesten Inseln und Landen erschollen.

Nun kamen von nahe und von ferne, über Berge und über Täler und über die Schlünde des Meeres unzählige Scharen, diese glorreiche Seltenheit des Jahrhunderts zu schauen. Niemand schiffte mehr nach Paphos zur Göttin Venus, niemand nach Knidos, noch selbst nach Cythera. Die Heiligtümer der Göttin werden vernachlässigt, die Tempel verfallen, ihre Kissen werden mit Füßen getreten, unbekränzt stehen ihre Bildsäulen, und die verwaisten Altäre sind mit kalter Asche bedeckt. Jedermann betet zur Prinzessin. In ihr wird jene große Gottheit verehrt. Des Morgens bei ihrem Erscheinen dampften der Sterblichen Opfer, um der abwesenden Göttin Gunst zu erhalten. Man feierte ihr Fest. Wandelt sie auf den Straßen, so begleitet sie in Gepränge das Volk, wirft sie mit Sträußen und Kränzen und streuet ihr Blumen.

So unmäßig ward die Ehre der Himmlischen einem sterblichen Mädchen zugewandt. Venus Aphrodite entbrannte darüber in Zorn. Im bittersten Unwillen schüttelte sie das Haupt und sprach bei sich selbst: ›Wie, ich, der Natur erste Mutter, der Elemente Urheberin, des ganzen Alls ewige Erhalterin, ich soll mit einer Sterblichen die Ehre der Anbetung teilen? Mein himmlischreiner Name soll an irdischer Niedrigkeit entweiht werden? Wie? Ein Kind des Todes soll gemeinschaftliche Opfer mit mir haben? soll mich der Ungewißheit fernerer Verehrung bloßstellen? soll mein Bild auf Erden sein? Mein Bild? So hätte ja Paris, dessen Treue und Gerechtigkeitsliebe der große Jupiter selbst billigte, mir vergebens den Preis der Schönheit vor so großen Göttinnen zuerkannt? Nein! Wer sie auch sei, sie soll sich wahrlich lange der angemaßten Ehre nicht freuen! Soll nur zu bald selbst diese ihre freventliche Schönheit verfluchen!‹

Und sogleich rief sie ihren Sohn, den geflügelten, kühnen Knaben, der mutwillig und frech aller Zucht spottet; des Nachts in den Wohnungen der Sterblichen umherschweift, die Eheleute verführt, die größten Ruchlosigkeiten ungestraft ausübt und überall nichts als Unheil stiftet.

Diesen, von Natur schon zu Bosheit geneigt, reizt sie nun durch Worte noch mehr an. Sie führt ihn in die Stadt, wo Psyche, denn so heißt die Prinzessin, sich aufhält: zeigt sie ihm, erzählt ihm die ganze Geschichte von Psychens Wetteifer mit ihr um den Vorzug der Schönheit, ruft endlich seufzend und mit dem Ausdrucke des allerheftigsten Unwillens:

›Bei dem Bande der mütterlichen Liebe, das mich mit dir vereint, mein Sohn, bei deiner Pfeile süßen Wunden, bei der seligen Glut, welche deine Fackel entzündet – beschwöre ich, flehe ich dich an: Verleihe deiner Mutter Rache, volle, überschwengliche Rache, züchtige diese freche Schönheit andern zu Scheu! Besonders aber erfülle mir dies Einzige, dies vor allem anderen Wichtigste: Verwunde das Mädchen mit der allerheftigsten Liebe zu dem niedrigsten der Menschen, dem das Schicksal Ehre, Gut und Gesundheit geraubt hat; ja, der so verworfen ist, daß er auf dem ganzen weiten Erdboden nicht seinesgleichen an Elend finden mag!‹

Nachdem sie so geredet, umarmt sie den Sohn lange und innigst mit süßen Küssen, begibt sich nach dem nahen Gestade des Meeres und schwebt mit rosigen Füßen über den obersten Schaum gekräuselter Wellen dahin.

Sie hatte kaum die Höhe des tiefen Meeres erreicht, siehe, so sind auf ihren bloßen Wunsch, als auf einen längst vorgegebenen Befehl, alle Meeresgottheiten dienstwillig um sie her versammelt. Da sind des Nereus Töchter und singen im Chor, da ist Portunus mit langem, blauem Barte, und Salacia, den Schoß von Fischen schwer, und der kleine Delphinritter Palämon. Der Tritonen Scharen durchschneiden hin und wieder des Meeres glänzende Fläche; einer bläst lieblich auf der tönenden Muschel, ein anderer schützt mit seidenem Schirme vor der Hitze der feindseligen Sonne, dieser trägt der Göttin einen Spiegel vor, noch andere unterstützen schwimmend den zweispännigen Wagen. In diesem Aufzuge begibt sich Venus zum Ozean.

Unterdessen gereicht Psychen ihre sich selbstfühlende Schönheit keineswegs zum Glück. Ein jeder staunt sie an. Ein jeder bricht über sie in Lobeserhebungen aus. Allein nicht ein einziger, nicht König, nicht Fürst, noch jemand vom Volke begehrt ihrer und wirbt um sie. Man bewundert sie, und das ist alles. Man bewundert sie gleich einer Bildsäule von Meisterhand. Ihre beiden älteren Schwestern hingegen, deren mäßige Schönheit kein Ruf fernen Völkern gepriesen hatte, waren früh an königliche Freier verlobt und genossen jetzt schon das Los glücklicher Ehen.

Allein in ihres Vaters Hause zurückgeblieben, ohne Hoffnung, jemals der seligen Freuden der Liebe zu genießen, weint die unglückliche Psyche ihre leeren Tage hin. Sie dünkt sich in einer öden Wüste verlassen, wird krank an Körper, krank an Seele; ihre Schönheit, welche die Bewunderung ganzer Nationen ausmacht, ist ihr selbst ein Greuel.

Ihr Vater betrübt sich darüber nicht weniger als sie selbst. Er glaubt endlich, irgendeine zürnende Gottheit müsse ihren Haß auf seine Tochter geworfen haben. Daher befragte er das uralte Orakel des milesischen46 Gottes. Er denkt, vielleicht durch Flehen und Opfer von dieser mächtigen Gottheit für seine verschmähte Tochter einen Gemahl zu erhalten. Allein Apoll antwortet ihm:

›Stelle die Tochter, zur Hochzeit wie zur Leiche geschmücket, Auf des erhabensten Berges felsigen Gipfel dahin. Ihr ist von sterblichen Stamm kein Ehegenosse bestimmet, Sondern ein Ungeheuer, falsch, grausam wie Otterngezücht; Hoch erhebt sich’s auf Schwingen, noch über den Äther; allmächtig Waltet’s mit Feuer und Stahl über die zitternde Welt. Jupiter scheuet es selbst, den alle Götter doch fürchten. Ja, der rächende Styx scheut es und bebet davor.‹

Wie schmerzlich traf dieser heilige Ausspruch die Seele des Königs! Sein ehemaliges Glück scheint ihm jetzt ein Traum. Langsam und traurig geht er nach Hause zurück und eröffnet seiner Gemahlin den schrecklichen Befehl des Gottes. Da ist Jammer! Tränen und Wehklagen nehmen kein Ende viele Tage lang.

Schon nahet die schreckliche Erfüllung des Orakels heran, wie zum Begräbnis werden die Anstalten zur Hochzeit der unglücklichen Prinzessin gemacht. Düster brennen die angezündeten Brautfackeln. Die hochzeitlichen Flöte seufzt nur klagende, lydische47 Töne. Dumpf schallt der sonst so fröhliche Hymenäus, schließt traurig wie ein Sterbelied. Und mit Tränen der Verzweiflung netzt die Braut den geweihten Schleier.

Das Mißgeschick des königlichen Hauses rührt die ganze Stadt zum Mitleiden; die Trauer ist allgemein, Geschäfte, Gericht, alles unterbleibt.

Aber die Notwendigkeit, dem göttlichen Befehle zu gehorchen, rief die unglückliche Psyche zu dem bestimmten Ort. Sobald in tiefster Betrübnis alle nötigen Zurüstungen zur traurigen Hochzeitsfeier gemacht sind, so beginnt der Zug in Begleitung des ganzen Volkes.

Psyche schwimmt in Tränen, ihre Brust bebt von Schluchzen und Seufzen; sie geht zum Leichenbegräbnis, nicht zur Hochzeit. Ihren Eltern bricht das Herz; sie zögern soviel sie nur können, so abscheulichen Greuel zu verüben.

Der unaussprechliche Schmerz des Vaters und der Mutter macht endlich die Tochter ihres eigenen Schmerzes vergessen, sie spricht ihnen mit diesen Worten Mut ein:

›Quält doch nicht durch so stetes Jammern eure alten Tage, Vater! Mutter! Verkürzt nicht so euer teures Leben, das ich gern durch das meine noch verlängere! Was helfen diese ohnmächtigen Tränen, die euer ehrwürdiges Angesicht entstellen? – Haltet ein! Haltet ein! Oh, tut meinen Augen nicht weh durch Verletzung der eurigen, schonet doch eures grauen Haares, schonet eurer mir heiligen Brust; andern Lohn konntet ihr euch ja für meine große Schönheit nicht versprechen! Spät genug fühlt ihr jetzt erst des leidigen Neides tödliche Wunde. Als uns das Volk und fremde Nationen göttliche Ehre erweisen und einhellig mich die neue Venus nannten, da hättet ihr klagen, da weinen, da mich schon als tot betrauern sollen; denn ich fühlt’ es, ich seh’ es, dieser Name ist allein mein Unglück. Jetzt führt mich getrost fort. Stellt mich auf den angedeuteten Felsen hin, ich eile der glücklichen Vermählung entgegen, zu der ich bestimmt bin. Ich eile, meinen edlen Gemahl kennenzulernen. Denn wozu soll ich noch lange zögern? Wie soll ich dem entfliehen wollen, der zum Untergange der ganzen Welt geboren ist?‹ So sprach sie zu ihren Eltern und mischt sich nun mit gesetztem Tritt unter die Menge des begleitenden Volkes.

Der Zug geht zum angewiesenen Berge fort, man langt bei ihm an, führte die arme Psyche auf den obersten Gipfel desselben und läßt sie da allein. Bei ihr bleiben die Brautfackeln, mit denen war vorgeleuchtet worden, aber verlöscht von Tränen, denn jeder schied nur mit strömenden Tränen von dannen.

Auf dem Rückzuge hörte man keinen Laut. Ein jeglicher geht stillschweigend, in Gedanken vertieft, das Haupt zur Erde geneigt. Vater und Mutter sind ganz in Jammer niedergebeugt, sie verschließen sich im Innersten ihres Palastes, und trauriges Dunkel umhüllt ihre Tage. Mittlerweile stand Psyche oben auf dem Gipfel des Felsens, ganz allein, in der bangsten Erwartung. Sie zittert, sie bebt und weint bitterlich; auf einmal aber fühlt sie sich sanft überm Boden schweben.

Ein Zephyr hob unvermerkt sie empor; er schwellt mit lindem Hauche den Busen ihres Gewandes – rauschend flatterte der Saum umher – und so trug er sie ruhig in den Abgrund des darunter liegenden Tales und legte sie sanft in den blumigen Schoß eines weichen Rasens nieder.

Fünftes Buch

Hier ist Psyche augenblicklich aller quälenden Unruhe entledigt. Sanft gebettet auf zartem Lager von betautem Grase, entschlummert sie allgemach. Nach langem erquickendem Schlaf erwacht sie endlich wieder heiterer als je und steht auf. Welch Anblick bietet sich da ihren Augen dar!

Sie befindet sich in einem anmutigen Lustwalde, wo unzählige Geschlechter der herrlichsten Bäume ihren Schatten ausbreiten. Eine Quelle, glänzender als Kristall, windet in mannigfaltigen Krümmungen sich mitten hindurch, und da, wo sie sanftrauschend vom Felsen herabstürzt und über sich leichten Silbernebel bildet, steigt auf grünem Ufer ein Palast empor, nicht von Menschenhand und Kunst erbaut. Gleich beim ersten Eintritt in denselben erkennt man ihn für eines Gottes Lustwohnung. Die Decke ist künstlich gewölbt, mit Elfenbein und Zitronenholz eingelegt und von goldenen Säulen unterstützt. Getriebene Arbeit von Silber überdeckt alle Wände, wilde und andere Tiere springen wie lebendig den Hereintretenden entgegen; eine Vollkommenheit der Kunst, die niemand erreicht, ohne ein Zauberer, wo nicht ein Halbgott oder ganz ein Gott zu sein! Der Fußboden prangt mit den köstlichsten Steinen, kleingeschnitten und von verschiedenen Farben, so meisterlich zusammengestellt, daß sie die vortrefflichsten Gemälde bilden. Oh, zwei- und mehrmals glücklich diejenigen, die da Gold und Edelsteine mit Füßen treten!

Gleicher unaussprechlicher Reichtum herrscht in allen anderen Teilen dieses weitläufigen Gebäudes. Die Mauern sind mit gediegenem Golde über und über bekleidet; von allem Glanze werden die Augen geblendet. Ja, wollte auch die Sonne diesem Palaste ihr Licht entziehen, es würden in demselben die Zimmer, die Gänge, die Türen durch ihren Schimmer einen eigenen Tag hervorbringen. Auch die Geräte stimmen allenthalben mit der übrigen Pracht überein. Kurz, alles, und jedes erweckt hier den Gedanken: der große Jupiter habe sich diese himmlische Wohnung zum Umgange mit den Menschen zubereitet.

Die Schönheit dieses Aufenthaltes zog Psychen an. Sie ging näher hinzu. Bald schon dreister geworden, wagt sie sich in eine Tür hinein; Neugierde und Bewunderung leiteten sie dann immer weiter und weiter, bis sie endlich, vom Größten bis zum Kleinsten, alles besehen hatte.

Nun besucht sie auch die Vorratsräume, die, bei der edelsten Bauart, mit den allergrößten Schätzen angefüllt sind. Was hier sich nicht findet, ist nirgendwo in der Welt.

Psyche war über so unermeßlichen Reichtum erstaunt. Doch ihre höchste Verwunderung war, daß sie zur Verwahrung dieses Schatzes aller Schätze weder eines Riegels noch eines Schlosses, noch sonst eines Hüters gewahr ward.

Wie sie dieses alles mit staunender Wonne noch immer betrachtet, wurde sie auf einmal erweckt. Eine Stimme sprach zu ihr, ohne daß sich ein Körper dazu sehen läßt:

›Wie kannst du, o Gebieterin, so lange bewunderungsvoll diese Kostbarkeiten anstarren? Sie sind doch alle dein. Gehe lieber in das Schlafzimmer, um dich auszuruhen, und begib dich, wenn es dir ansteht, in das Bad. Ich, deren Stimme du vernimmst, und noch viele unsichtbare Mädchen mehr sind deinem Dienste gewidmet. Unsere Emsigkeit wird es dir an nichts fehlen lassen; jegliche Bequemlichkeit und die köstlichste Tafel erwarten nur deinen Wunsch.‹

Psyche merkt jetzt, daß sich irgendeine Gottheit ihrer annimmt, sie folgt dem Rat der Stimme und erquickt sich durch einen leichten Schlummer und dann durch ein Bad, nimmt darauf an einer Tafel Platz, die für sie zubereitet dazustehen schien. Sogleich ist diese mit einer Menge der lieblichsten Weine und der auserlesensten Gerichte bedeckt. Niemand trägt sie auf, sie scheinen wie von der Luft getragen von selbst herbeizuschweben. Auch ist niemand von denen, die aufwarten, zu sehen. Psyche hört nur zuweilen einzelne Laute.

Nachdem sie abgespeist hat, tritt jemand auf und singt, und ein anderer begleitet den Gesang mit der Zither; der Sänger ist so wenig als der Zitherspieler noch die Zither selbst sichtbar.

Darauf läßt sich ein volltöniges Konzert von den lieblichsten Stimmen hören und ergötzt die Ohren Psychens, ohne daß wiederum ihre Augen die Kehlen zu entdecken vermögen, welche diese süße Harmonie hervorbringen.

Nach allen diesen Ergötzlichkeiten geht Psyche auf Anmahnen der einbrechenden Nacht endlich schlafen.

Schon tief in der Nacht weckt sie ein leises Geräusch. Da schaudert es ihr durch alle Glieder. In der großen Einsamkeit ist ihr für ihre Unschuld bange. Zwar weiß sie nicht, was sie befürchtet, aber sie fürchtet es mehr als den Tod.

Siehe, es ist ihr unbekannter Gemahl. Er besteigt das Brautbett, macht Psychen zu seiner Gattin und eilt noch vor Anbruch des Tages von ihr.

Kaum hat er sie verlassen, so sind auch schon die dienstfertigen Stimmen in dem Schlafgemache, um der Neuvermählten alle nötigen Hilfeleistungen zu reichen.

So währte es eine Weile fort. Es ging Psychen mit der neuen Lebensart, wie es immer zu gehen pflegt, anfangs war ihr alles so fremd, so unbehaglich, bald ward sie es durch die Dauer gewohnt, und endlich fand sie Gefallen daran. Die Gespräche mit ihren Unsichtbaren ersetzten ihr alle Gesellschaft.

Unterdessen verzehrten ihre armen alten Eltern sich in Gram und steter Betrübnis. Auch war das Gerücht von dem Orakel und seiner Vollziehung inzwischen zu den älteren Schwestern gekommen. In größtem Leidwesen verlassen beide schleunigst ihre Männer und eilen um die Wette, Vater und Mutter zu trösten und bei ihnen nähere Kundschaft wegen der Schwester einzuziehen.

In eben der Nacht spricht Psychens Gemahl, den sie nie sah, nur fühlte und hörte, also zu ihr:

›Geliebte Psyche, du mein süßes Weib, ein feindliches Schicksal drohet dir, eine große Gefahr! Aber achte nur genau auf diese meine Warnung, so ist ihr vorgebeugt. Deine Schwestern trauen dem Gerücht von deinem Tode nicht. Sie werden bald hier sein und deiner Spur oben auf dem Felsen nachsuchen. Kommt nun ihr Geschrei und Gewimmer dir zu Ohren, so antworte ja nicht, sieh auch nicht einmal nach ihnen hin. Du bereitest sonst mir den größten Schmerz und dir selbst das größte Unglück.‹ Psyche verspricht’s ihrem Gemahl; sie beteuert, nur seinem Rate zu folgen.

Allein kaum ist er mit der Nacht zugleich von ihr geschieden, als sie in Seufzer, Jammer und Tränen ausbricht:

›Jetzt‹, ruft sie, ›jetzt erst bin ich mit Recht unglücklich zu nennen! In einem goldenen Kerker eingesperrt, aller menschlichen Gesellschaft abgestorben, darf ich meine Schwestern nicht einmal trösten; meine Schwestern, die um meinetwegen sich härmen! Ach, ich darf sie nicht einmal sehen!‹

Und so geht es den ganzen Tag. Sie ißt nicht, trinkt nicht, genießt keine Erquickung, begibt sich nicht ins Bad. So fort ohne Maß weinend, legt sie sich endlich schlafen. Bald findet sich ihr Gemahl bei ihr ein, diesmal früher als gewöhnlich; aber auch seine Umarmung hemmt ihre Zähren nicht.

Leutselig wollte er ihr da ihre Empfindlichkeit verweisen: ›Wie, meine Psyche‹, sagte er, ›ist das die Art, womit du den Bitten der sorgsamen Liebe deines Gatten willfährst? Da bleibt mir wenig von deiner Folgsamkeit zu hoffen übrig! So Tag und Nacht und in meinen Armen selbst in Tränen zu zerfließen! Nein, lieber handle nach deinem eigenen Gefallen, tue, was dein Herz dir eingibt; aber sehen wirst du, wie schädlich das ist! Dann wirst du’s bereuen, daß du mir nicht gefolgt bist; aber dann ist’s zu spät!‹

›Flehentlich bitte ich dich, Geliebter‹, erwiderte ihm aber Psyche, ›gewähre mir den Wunsch meiner Seele! Laß mich meine Schwestern sprechen, sie trösten, oder ich muß sterben! Ich mache diesem meinem verhaßten Leben ein Ende!‹

Wie hätte er dieser fürchterlichen Drohung zu widerstehen vermocht? Augenblicklich ergibt er sich den Bitten seines jungen Weibes. Ja, in seiner zärtlichen Schwachheit stellt er es ihr frei, ihre Schwestern mit so viel Golde und so vielen Juwelen zu beschenken, als sie nur immer wolle.

Doch warnt er sie unaufhörlich, bald in Liebe, bald im Ernst, ja sich nicht von dem unglücklichen Rate derselben verleiten zu lassen, seine Gestalt zu erforschen. Dieser sträfliche Vorwitz werde sie ohne Rettung von dem Gipfel ihres Glückes in das äußerste Elend hinabstürzen und auf ewig seinen Umarmungen entreißen.

Mit aufwallender Freude dankt nun Psyche ihrem Gemahle.

›Eher‹, sagt sie, ›eher mag ich hundertmal sterben, als deinen geliebten Armen entrissen werden! Denn ich, wer du auch seiest, dich liebe ich mit ganzer Seele, wie mein Leben liebe ich dich, dich vertausche ich mit Amor selbst nicht! Doch dies Einzige gewähre meinen Bitten noch: Gebiete deinem Zephyr, auf eben die Art wie mich auch meine Schwestern hierherzubringen.‹

Jetzt schlingt sie ihre lilienweißen Arme um seinen Hals und küßt und liebkost ihn so viel und überhäuft ihn mit so vielen zärtlichen Namen der Liebe: heißt ihn ihre Wonne, ihr Leben, ihre Seele, bis sie endlich obsiegt. Von der Gewalt der Liebe bezwungen, erlag ihr Gemahl wider Willen und Vorsatz und versprach ihr, daß alles geschehen solle, und verschwand, noch ehe es dämmerte, wieder aus ihren Armen.

Bereits waren Psychens Schwestern bei ihren Eltern angelangt. Sie erkundigten sich nach allem, begaben sich dann eiligst auf den Felsen und an den Ort, wie ihre Schwester allein war verlassen worden. Da sie dort nirgends eine Spur von ihr antrafen, so weinten sie überlaut und schlugen sich bei dem Klagen an die Brust. Von ihrem Jammergeschrei hallten traurig die Felsen wider. Endlich riefen sie ihre unglückliche Schwester bei Namen. Der durchdringende Laut ihrer ängstlichen Stimmen klang bis tief hinunter in das Tal.

Psyche vernahm es. Mit Ungestüm stürzt sie wie wahnsinnig aus dem Schlosse heraus und schreit:

›Schwestern, was betrübt ihr euch so ohne Ursache? Ich, die ihr beweint, bin hier. Stellt eure Klage ein. Trocknet eure Tränen und kommt herab in meine Umarmung!‹

Darauf ruft sie den Zephyr und sagt ihm, was ihr Gemahl befohlen. Ohne Verzug gehorcht dieser und bringt alsbald auf seinem milden Odem ihre Schwestern wohlbehalten und gemächlich hernieder.

Voller Ungeduld fliegen sie sich gegenseitig in die Arme und drücken sich einander lange sprachlos inbrünstig in die Arme und drücken sich einander lange sprachlos inbrünstig ans Herz. Freudentränen fließen auf ihren Wangen. Endlich spricht Psyche:

›Kommt nun auch mit mir in meine Wohnung, Ihr Lieben! Vergeßt jetzt das vergangene Leid und freuet euch einmal wieder mit Eurer Psyche!‹

Darauf geht sie mit ihren Schwestern in den Palast48.

Diese wissen nicht, was sie daran am meisten bewundern sollen: Lage, Gebäude oder Reichtum? Sie erstaunen besonders, als sie das Gewimmel der dienstbaren Stimmen um sich her vernehmen.

Nach einem erfrischenden Bade lagern sie sich mit Psychen an eine Tafel, wo nichts zu vermissen war, was nur immer dem Geschmack eines Gottes auf das angenehmste schmeicheln mag. Da lassen sie es sich beisammen wohl sein und sind guter Dinge.

Endlich verliert sich nach und nach bei Psychens Schwestern der erste Eindruck des Erstaunens über alle die blendende Pracht und alle die himmlische Herrlichkeit, gleich tritt in ihre Seelen hämischer Neid an dessen Stelle.

Nun fangen sie an, mit der größten Verschlagenheit und Neugierde nach dem Herrn aller dieser Wunder zu fragen: wer und was denn ihr Gemahl sei?

Jedoch, so schlau und verfänglich sie auch immer ihre Fragen anlegen, Psyche bleibt auf alle Weise dem Befehl ihres Gemahls treu. Sie läßt sich das Geheimnis ihres Herzens nicht ablocken, sondern erdichtet aus dem Stegreif:

Ihr Gemahl sie ein wohlgestalteter Jüngling, dessen blühende Wangen nur erst zarter Flaum bekleide; er sei fast beständig in Wäldern und Bergen mit der Jagd beschäftigt.

Doch fürchtet sie selbst, sich etwa in fernerem Gespräche noch zu verraten. Darum beschenkt sie nach dieser Antwort alle beide reichlichst mit Goldgeschmeide und Juwelen, ruft dann den Zephyr und übergibt sie ihm wieder, um sie auf den Fels zurückzutragen.

Dies geschieht sofort.

Auf der Rückkehr zu ihren Eltern zeigen die sauberen Schwestern in ihren Reden nur zu sehr, wie des Neides schwarzes Gift in ihrem Innern wüte.

›O, Glück‹, ruft die eine aus, ›wie blind, grausam und wie ungerecht bist du doch! Uns, die von eine und eben demselben Vater und Mutter abstammen, so himmelverschiedene Lose zuzuwerfen, und wir, noch dazu die Ältesten, wir, der Gewalt ausländischer Ehemänner nicht anders als Sklavinnen überliefert, fortgestoßen in die Fremde, fern vom väterlichen Hause, fern vom Orte unserer Geburt und getrennt, abgeschnitten von allen Verwandten, müssen unser Leben wie Verbannte hinkümmern! Und sie, von uns die Jüngste, die letzte Frucht einer erschöpften Natur, muß einen Gott zum Manne bekommen, um im unsäglichen Überflusse zu prassen, um sich ganz in Reichtum vergraben zu sehen, den sie doch sowenig zu schätzen als zu nutzen weiß! Denn hast du wohl gesehen, Schwester, wie in ihrem Hause das köstlichste Geschmeide herumliegt, wie prächtige Kleider sie trägt, wie alles von Edelgesteinen blitzet? wie man das Gold bei ihr allenthalben mit Füßen tritt? Ist vollends ihr Gemahl so schön, wie sie’s sagt, wahrlich, so ist sie die glücklichste Frau auf dem Erdboden. Und, wer weiß, macht ihr göttlicher Gemahl (wenn erst Gewohnheit seine Zuneigung zu ihr immer mehr befestigt hat), sie nicht noch gar zur Göttin? Gib acht, das geschieht. Sie führte sich auch schon so auf, betrug sich ganz vollkommen so. Als eine Göttin sieht sie sich schon im Geiste. Wie sollte sie auch noch wissen, daß sie eine Sterbliche ist wie wir, da unsichtbare Zofen sie bedienen und die Winde selbst ihr gehorchen? Dafür muß mir armen Unglückseligen an einem Manne genügen, der Alters wegen weit eher mein Vater sein könnte, kahler ist als meine Hand, ohnmächtiger denn ein Kind und dabei so geizig, daß er das ganze Haus verschlossen und verriegelt hält.‹

›Bin ich besser daran?‹ nimmt die andere das Wort. ›Der Meinige ist gar ein Krüppel, ganz krumm zusammen von der Gicht gezogen und so an allen Gliedern gelähmt, daß mir leider wenig Freude bei ihm zuteil wird. Beständig muß ich seine versteinerten Finger reiben und die ekelhaftesten, scheußlichsten Umschläge machen und meine zarten Hände dabei gänzlich verwahrlosen; statt seiner geliebkosten Frau bin ich seine geplagte Krankenwärterin. Aber, Schwester, du magst nun dies alles so demütig (um dir’s frei herauszusagen, wie ich’s eigentlich meine), so sklavisch erdulden, wie es dir nur immer beliebt! Ich für mein Teil werde das nie. Ich kann gegen diese schreiende Ungerechtigkeit, so übel angebrachte Gunst des Glückes nicht einen Augenblick gleichgültig bleiben. Erinnerst du dich, wie hoffärtig und aufgeblasen sie sich gegen uns betrug? Ihrer Prahlerei nahm gar kein Ende, ihr Stolz ward je länger, je mehr unausstehlich. Merktest du, wie sie nur erst nach großem Kampfe uns von ihren grenzenlosen Reichtümern diese Kleinigkeiten hinwarf und gleich auch unserer Gegenwart überdrüssig war und uns von ihren Winden wieder fortbringen ließ? Aber ich will nicht Weib heißen, will jetzt zum letzen Male Odem geschöpft haben oder sie muß mir dafür büßen! Sie muß hinab, muß mir zum Boden hinab von ihrer stolzen Höhe! Ich hoffe doch, wie’s wohl billig wäre, daß unsere Schmach dich ebenso rührt als mich. So laß uns denn gemeinschaftlich auf einen kräftigen Anschlag bedacht sein! Laß uns fürs erste gleich diese ihre Geschenke weder unseren Eltern noch sonst jemand zeigen. Stellen wir uns lieber, als ob wir gar nichts von ihr gehört hätten! Genug, daß wir selbst mehr erfahren haben, als wir wünschen! Was sollen wir noch hingehen, um ihr Glück bei unseren Eltern und bei allen Völkern auszuposaunen. Nein, ein unbekanntes Glück ist kein Glück. Sie soll es schon inne werden, daß wir nicht ihre Mägde, sondern ihre älteren Schwestern sind. So wollen wir uns denn vor der Hand nur wieder zu unseren Männern, in unsere freilich ärmliche, doch bescheidene Wohnung begeben. Aber da bei Muße, nach den reiflichsten Überlegungen, laß uns die untrüglichsten Maßregeln ergreifen, und damit ausgerüstet, endlich ihren Stolz zu demütigen, wieder hierherkehren.‹

Dieser böse Anschlag findet bei den zwei Elenden mehr Beifall denn irgendein guter, den ihnen die Dankbarkeit hätte eingeben mögen.

Sie verbergen also alle die kostbaren Geschenke, die sie von ihrer Schwester empfangen haben; zerraufen das Haar, zerkratzen sich ihr schändliches Angesicht, und durch ihr neues Gewinsel und Wehklagen reißen sie ihren armen Eltern alle Wunden des Herzens von neuem auf.

Bald, so verlassen sie diese auch wieder und eilen heim, sich ganz wie wahnsinnig in ihrer verstellten Betrübnis gebärdend, und brüten allda ruchlose, ja endlich meuchelmörderische Anschläge gegen ihre arme, unschuldige Schwester.

Mittlerweile warnt der unbekannte Gemahl Psychen in nächtlichen Gesprächen wiederum.

›Das Schicksal‹, sagt er, ›ist gegen dich in feindlichem Anzuge, o Psyche! Sieh dich da aufs sorgsamste vor; sonst kommt es mit seiner Wut über dich. Wie tückische Wölfe kommen deine Schwestern wieder, dich zu beschleichen. Meine Gestalt auszuspähen, wollen sie dich bereden. Du weißt aber, was ich gesagt habe: hast du mich einmal gesehen, so siehst du mich nimmermehr wieder! Kommt also die verruchte Brut mit ihrem giftigen Anschlage zu dir (und kommen wird sie gewiß, das weiß ich!), so ist es das Beste für dich, sie gar nicht zu sprechen; aber kannst du dies aus zu großer Zärtlichkeit nicht über dich erlangen, so mußt du, ich bitte dich, wenigstens nicht das Geringste, was mich betrifft, weder von ihnen anhören noch selber reden. Denn du wirst mir, o Psyche! Ein Kind gebären, das schon unter deinem Herzen lebt und das, je nachdem du mein Geheimnis bewahrst oder entweihst, unsterblich oder sterblich sein wird.‹

Bei dieser Nachricht schoß Psychen vor Freuden das Blut ins Angesicht. Das Herz wallte ihr auf. Sie genoß in dem Augenblick all den Trost, all die Wollust, all die Glorie, die nur der Gedanke, Mutter eines Götterkindes zu werden, geben kann.

Von nun an zählt sie ängstlich jeden kommenden Tag, jeden verstrichenen Monat, und ganz neu in ihrem Zustande, denkt sie mit Bewunderung dem unmerklichen Anwachse, vom Unfühlbaren bis zur drückenden Bürde, nach.

Allein schon hatten ihre Schwestern, diese höllischen, Natterngift atmenden Furien, sich eingeschifft und steuerten in gottloser Eile nach ihr hin.

Jetzt ermahnt, voller banger Besorgnis, Psychens nächtlicher Gemahl sie abermals.

›Der letzte, der entscheidende Tag. Psyche, ist nun da‹, sagt er. ›Deine abscheulichen Schwestern sind schon angekommen und halten den Dolch gezückt, welcher dir das Herz durchbohren soll. Ach, erbarme dich deiner selbst und rette mich, dich und dieses unschuldige Kind vom bevorstehenden Verderben! Bewahre mein Geheimnis heilig und unverbrüchlich, und wenn die ruchlosen Weiber (denn sie, die dir tödlichen Haß geschworen und alle Bande des Blutes mit Füßen treten, darf ich nicht mehr deine Schwestern nennen), wenn sie gleich Sirenen sich über den Felsen erheben und mit Unglückstimmen jeglichen Widerhall wecken, so höre sie nicht, so sieh sie nicht!‹

Ihm antwortete Psyche weinend und schluchzend:

›Du hast, soviel ich weiß, bisher meine Verschwiegenheit immer bewährt gefunden und fürchtest, ich möchte jetzt geschwätzig sein? Setze mehr Vertrauen in mich und befiehl getrost dem Zephyr, daß er mir wieder gehorche. Da mir der Anblick deiner heiligen Person versagt ist, so laß mich wenigstens meine Schwestern sehen! Laß mich sie sehen, ich bitte dich bei diesen duftenden, deinen Nacken umfliegenden Locken, bei deinen runden, zarten, den meinen so ähnlichen Wangen, bei deinem von unaussprechlichem Feuer glühenden Herzen. Sie sollen mich nicht verführen. Was sollte ich zu meinem Verderben nach deinem Anblick streben? Wird doch bald dies Kind mich dein Angesicht in dem seinigen erblicken lassen. Damit verstatte mir unbesorgt der Schwestern frohe Umarmung und ergötze mit Freuden die Seele deiner dir gänzlich geweihten, dich innigst liebenden Psyche, der in deinen Armen auch die tiefste Finsternis Licht ist.‹

Von diesen Worten, die mit den zärtlichsten Umarmungen begleitet waren, bezaubert; trocknete Psychens Gemahl ihre Tränen mit seinen Locken ab, gab ihrer Bitte nach und schied, noch ehe es tagte, wieder von ihr.

Sobald das verborgene Schwesternpaar gelandet, verläßt es in der größten Geschwindigkeit den Strand, denkt nicht daran, Vater und Mutter zu besuchen, sondern eilt geraden Weges auf den bekannten Felsen hin und stürzt sich mit tollkühner Wut, ohne den Wind zu erwarten, der sie hinabtrüge, sogleich von da in die Tiefe hinunter.

Jedoch Zephyr, des empfangenen Befehls wohlgedenk, fängt sie, wiewohl höchst ungern, auf und läßt sie in wallenden Lüften auf den Boden hernieder.

Nun beflügeln sie ihre Schritte zum Palaste hinein, umarmen ihre Beute, nennen sie unter tausend gleich falschen Beteuerungen ihre geliebte Schwester und verbergen unter gleißnerischen Worten und Mienen die höllischen Absichten ihres Herzens.

›Ei‹, sagen sie, ›wie in der Zeit sich unsere kleine Psyche verändert hat! Sieh, will sie nicht gar schon Mutter werden?! Du glaubst nicht, liebe Psyche, welche Freude das für uns ist. Das ist ein Glück für unsere ganze Familie. Oh, eine Seligkeit muß das sein, so ein Götterkind miterziehen zu helfen, das, wie natürlich, der Schönheit seiner Eltern entsprechen und so ein leibhafter kleiner Liebesgott werden muß!‹ Durch solche Schmeichelei und verstellte Zärtlichkeit stehlen sie Psychen unvermerkt das Herz.

Sie heißt sie gleich von der Reise auf weichen Polstern ausruhen, führt sie dann ins Bad und bewirtet sie in dem herrlichsten Saale aufs stattlichste an ihrer Göttertafel.

Sie winkt, und die lieblichste Zither läßt sich hören. Sie winkt wieder, da erhebt sich das sanfte Geflüster wechselnder Flöten. Sie winkt noch einmal, und unzählige Stimmen beginnen den volltönigsten Chor.

Die seelenschmelzende Gewalt der süßen Harmonie war um desto zauberischer, unwiderstehlicher, da man niemand sah, der sie hervorbrachte. Doch blieben die beiden Gäste davon gänzlich ungerührt. All die himmlische Musik vermochte ihre Bosheit nicht zu besänftigen. Sie schreiten zur Ausübung ihrer Ränke.

Verabredetermaßen wenden sie das Gespräch wie von ohngefähr auf Psychens Gemahl, und, als ob sie das erstemal von ihm sprächen, tun sie mitten in der Vertraulichkeit wiederum die Frage: Wer er denn eigentlich wäre und welches seine Abkunft sei?

Die gute Psyche hatte unglücklicherweise in der Einfalt ihres Herzens das vergessen, was sie das erstemal geantwortet hatte. Sie nimmt also zu einer neuen Erdichtung ihre Zuflucht.

Ihr Gemahl, sagt sie, sei aus der nächsten Provinz, führe einen großen Handel, sei sehr reich und ein Mann in den besten Jahren, der jedoch schon graues Haar stellenweise habe.

Sie bricht darauf sogleich das Gespräch ab; überhäuft die Schwestern wiederum mit den reichsten Geschenken und sendet sie auf ihrem Luftfahrzeug wieder fort.

Indem diese, von Zephyrs stillem Hauche erhoben, nach Hause zurückkehren, sprechen sie also miteinander:

›Was meinst du, Schwester‹, sagt die eine, ›zu der albernen Lüge, die uns die Närrin da aufbürden will? Erst war’s ein Jüngling, auf dessen blühender Wange sich eben der erste Bart kräuselte, und nun ist’s auf einmal ein Mann in den besten Jahren, dessen Haar sich schon versilbert! Wer mag der sein, der in so kurzer Zeit alt und grau werden kann?‹

›Mir, Schwester‹, antwortete die andere, ›kommt’s nicht anders vor, als ob das garstige Weib uns mit ihren Lügen zum besten haben wolle oder gar selbst nicht wisse, wie ihr Mann aussieht. Sei es von beiden, was es immer wolle, so kann ich sie nicht länger in dem Überflusse wissen. Ich ruhe nicht, sie muß alles verlieren. Sollte sie wirklich nicht wissen, wie ihr Mann aussieht, so ist sie zuverlässig an einen Gott verheiratet und geht dir auch mit einem Gotte schwanger; aber wird sie (was ich doch nicht hoffe) wirklich Mutter eines Götterkindes, so erhänge ich mich den Augenblick. Indes laß uns zu unseren Eltern gehen und morgen einmal, dieses Verdachtes wegen, bei ihr auf den Strauch schlagen.‹

Das wird getan.

Scheineshalber werden die Eltern besucht. In brennender Ungeduld wird die Nacht durchwacht. Als der Morgen graut, sind sie schon wieder auf dem Felsen.

Mit Hilfe des Windes steigen sie, wie gewöhnlich, zu Psychen hinunter.

Sie pressen und reiben sich die Augen so viel, bis sie Tränen vergießen müssen. Dann reden sie voller Arglist das arme harmlose Weib mit diesen Worten an:

›Wohl dir, Psyche, daß du hier so in seliger Unwissenheit von allem Unglück und in ruhiger Sorglosigkeit wegen jeder dir drohenden Gefahr dahinlebst, indes wir mit zärtlicher Besorgnis Tag und Nacht für dein Wohl wachen und genug über dein unseliges Schicksal jammern; auch dürfen wir’s als wahre Mitleidende dir nicht länger verbergen. Wir haben für gewiß erfahren: ein großer, ungeheurer Drache, in verschlungenen Ringen einherkriechend, triefend von Blut und tödlichem Gifte und gräßlich, mit weitem, aufgerissenem, unergründlichem Rachen, soll heimlich die Nächte bei dir zubringen. Das hast dir nun just auch das pythische Orakel49 prophezeit; denn du wirst dich erinnern, daß es lautete: Du solltest einem schrecklichen Ungeheuer vermählt werden. Und Bauern, Jäger und Nachbarn dieser Gegend haben ihn abends vom Fraße zurückkehren und sich hier im nahen Strome baden sehen. Alle sagen, am längsten würde er dich hier im Wohlleben gemästet haben; sobald nur erst deine Schwangerschaft völlig zur Reife gediehen, würde er dich, als einen desto fetteren Bissen, verschlingen. Es steht nunmehr bei dir, ob du unserem, deiner für dein Leben besorgten Schwestern Rate folgend, dem Tode entfliehen und bei uns fern von aller Gefahr leben oder lieber in den Bauch dieser entsetzlichen Bestie dich begraben lassen willst? Sollte dir in dieser Einöde deine Stimmengesellschaft und die schnöde, heimliche, gefahrvolle Lust in deines giftigen Drachens Armen vor allem am besten behagen: Wohlan! so haben wir wenigstens als zärtliches Schwestern uns nichts vorzuwerfen, wir haben vollkommen das unsere getan.‹

Diese grausige Rede bemächtig sich der Einbildungskraft der guten treuherzigen Psyche. Sie verlor plötzlich alle Fassung. Ihres Gemahls Warnung, ihr eigen Versprechen schwanden aus ihrem Gedächtnis. Blind stürzte sie sich in des Elends Abgrund hinein. Am ganzen Leibe zitternd, totenblaß, stammelte sie mit fast ausgehendem Atem diese Worte heraus:

›Oh, ihr gebt mir einen neuen Beweis von eurer Liebe, ihr teuren Schwestern! Und ach, die euch jenes gesagt haben, haben wohl keine Lügen erdichtet. Noch niemals hab’ ich meines Mannes Angesicht gesehen. Ich weiß nicht, wer er ist. Nur bei dunkler Nacht hör’ ich ihn und unterhalte mich mit ihm. Warum gäbe er sich sonst mir nicht zu erkennen? warum wäre er so lichtscheu, wenn ihr nicht wahr redetet? Ich stimme euch bei. Ja, er ist ein Ungeheuer! Seine ewigen Warnungen: ich sollte ja nicht Verlangen tragen, ihn zu sehen, sein ernstes Drohen mit dem äußersten Elend, falls ich meiner Neugierde nachgäbe, bestätigen es nur zu sehr. Wohlan denn, wißt ihr Mittel, mich der bevorstehenden Gefahr zu entreißen, oh, so eröffnet sie, ich bitte, so eröffnet sie, ohne Zurückhaltung, eurer Schwester!‹

So verdarb ein Augenblick Übereilung auf einmal alles, was lange, behutsame Vorsicht gutgemacht hatte.

Die gottlosen Weiber hatten nun gewonnen Spiel. Sie stürmen aus ihrem Hinterhalte hervor, dringen durch die geöffneten Pforten des Herzens ihrer Schwester auf die bestürzten Gedanken der armen Einfalt mit gezückten Dolchen ein und machen sich darin zu Meisterinnen.

›Wir sind Blutsfreunde‹, spricht eine, ›dich zu retten, setzen wir gern jede Gefahr aus den Augen. Nach allem Hin- und Herdenken aber ist das allereinzigste, wozu wir dir raten können, dieses: Verbirg dir insgeheim auf der Bettseite, wo du zu liegen pflegst, ein äußerst scharfes Messer, das auch bei der leisesten Berührung schon einschneidet, und unter irgendeiner Decke halte ein kleine helle Lampe in Bereitschaft. Laß dir dann nichts merken. Kommt nun der Drache, seiner Gewohnheit nach, in das Schlafgemach hineingekrochen und liegt nun, neben dir gestreckt, tief im ersten Schlafe versunken, so stehle dich aus dem Bette, und mit schwebendem Gang, auf nackten Zehen, schleiche zu deiner Lampe, zieh sie unter ihrer Decke hervor und brauche ihr Licht zu deiner herrlichen Tat. Dann halte das zweischneidige Eisen in deiner Rechten hoch und kühn trenne des schädlichen Ungeheuers Kopf und Nacken durch einen mächtigen Streich. Auch soll unser Beistand dir nicht fehlen. Sobald du durch deines Mannes Tod dein Leben gesichert hast, sind wir bei dir, geschwind wollen wir dann zusammen hier alles ausräumen, und du wählest dir nach Gefallen, statt dieses Drachen, einen Gatten, der Mensch ist wie du.‹

Mit solchen anfeuernden Worten entflammen sie die Seele der unruhigen Schwester und verlassen sie dann unverzüglich. Sie fürchten, bei so großem angerichtetem Unglück in der Nähe zu bleiben, damit sie es nicht auch mittreffe. Als sie auf den Flügeln des Windes den Felsen wieder erreicht, begeben sie sich flugs an Bord und segeln davon.

Psyche, sich selbst oder vielmehr allen Furien der Hölle überlassen, schwankt auf einem Meere von Sorgen hin und her.

Alle ihre Entschlossenheit ist dahin, da jetzt der Augenblick zur Ausführung des vorher so festgefaßten Vorsatzes näher kommt.

Sie ist ein Raub sich widerstreitender Affekte. Ungeduld und Scheu, Mut und Furcht, Zweifel und Wut wechseln unaufhörlich in ihr ab.

Was sie am meisten ängstigt, ist: ein und derselbe Gegenstand ist ihr als Ungeheuer verhaßt und zu gleicher Zeit unaussprechlich teuer als Gemahl.

Nach langem Kampfe macht sie endlich doch, als der Abend schon die Nacht herbeiführt, noch über Hals und Kopf die Zurüstung zur abscheulichen Tat.

Jetzt war es Nacht.

Der Gemahl kam. Nach den ersten Umarmungen der Liebe sinkt er in tiefen Schlaf.

Nun überwältigt Psychen ihr böses Schicksal. Sie, sonst an Leib und Seele gleich zärtlich, ist jetzt stark und kühn genug, Lampe und Messer herbeizuholen. Sie ist kein Mädchen mehr.

Allein, was entdeckt sie, als nun des Lichtes Schimmer das Geheimnis beleuchtet? – Von allen Ungeheuern das holdeste, das liebenswürdigste!

Es ist – Cupido. Der süße Gott der Liebe ist es! Da liegt er in all seiner Schönheit. Auch die Lampe freut sich seines Anschauens und flammt heller auf, und dem Messer tut es weh, daß es so scharf ist.

Psyche stutzt. Es faßt sie Reue und Entsetzen; außer sich, leichenblaß und bebend sinkt sie in die Knie. Verbergen möchte sie das Messer; aber in ihrer Brust. Sie hätte es auch getan, wäre nicht der Stahl aus Scheu vor einem so großen Verbrechen ihrer frevlen Hand entsunken und weit von ihr hinweggeflogen.

Allgemach erholt sie sich wieder von der Schwachheit; denn ihr Auge erquickte sich an der göttlichen Schönheit des Schlummernden, und jeder Blick auf ihn war für sie ein neues Leben. Ach welch ein Anblick! In der Haare Gold das niedlichste Köpfchen eingehüllt. Ambrosiaduftende Locken in zierlichem Gewirre über Rosenwangen und einen Nacken, weiß wie Marmor, hinab auf Brust und Rücken irrend. Umher Glanz verbreitend, daß selbst der Lampe Licht davor erbleichte. Blendendpurpurne Fittiche an den Schultern des kleinen Fliegers, die Schwingen zwar ruhig, aber die zarten Busen der Federn in zitternder Wallung und mutwilliger Unruhe. Überhaupt ein Leib so glatt, so glanzvoll, so ganz schön, so ganz seiner Mutter, der göttlichen Venus würdig!

Am Fuße des Bettes lagen Bogen, Köcher und Pfeile, des mächtigen Gottes seliges Geschoß. Unstillbares Verlangen ergreift jetzt Psychen; neugierig beschaut sie die Waffen ihres Gemahls, befaßt sie, bewundert sie. Sie zieht einen Pfeil aus dem Köcher und versucht mit zartem Finger dessen Spitze. Noch hatte sich das Zittern der Glieder nicht gelegt, stärker als sie will, berührt sie das Eisen und verletzt sich, daß gleich Tröpfchen rosigen Blutes ihre Hand betauen. Von nun an liebt sie Amor. Ihre eigene Schuld, doch ohne ihr Wissen.

Mit jeglichem Augenblicke wird diese Liebe brünstiger; schmachtend hängt sie eine Weile über ihn hin und verliert sich im Genusse des Anschauens. Endlich sinkt sie sanft auf ihn nieder, heftet ihre Lippen an ihn und berauscht sich in Wollust: ›Ach, daß er noch nicht erwache, daß er noch nicht erwache‹, lallt ihr Herz in unnennbarem Taumel.

Allein indem sie so trunken von Entzücken sich und alles außer ihr vergißt, so weiß ich nicht, war es Meineid oder Mißgunst, was der unglücklichen Lampe anwandelte; oder fühle auch sie sich hingerissen, solch einen Leib zu berühren und gleichsam zu küssen, genug, sie sprühet einen Tropfen glühenden Öls auf die rechte Schulter des Gottes.

Weh und Fluch dir, verwegene Lampe! Du erfrechst dich, selbst den Urheber alles Feuers zu brennen? Ist das der Dank, womit du der Liebe lohnst? Sie, die dich schuf, ihren Genuß die Nacht hindurch zu verlängern!

Vor Schmerz springt der Gott aus dem Schlafe auf. Er sieht, wie Psyche schändlich wider ihr Versprechen gehandelt hat, und gleich, ohne ein Wort zu sagen, entflieht er aus ihren Armen. Zwar erhascht ihn das unglückselige Weib noch mit beiden Händen beim Fuß und bestrebt sich, ihn zurückzuhalten. Aber jämmerlich reißt er sie also mit sich empor, bis ihr die Kräfte entgehen und sie dann zur Erde zurückstürzt.

Der Gott liebte sie. So an der Erde, vermochte er nicht, sie zu verlassen.

Er flog auf die nächste Zypresse, und als dem luftigen Wipfel derselben sprach er in heftiger Bewegung also zu ihr hernieder:

›Sieh, was du nun angerichtet hast, zu leichtgläubige Psyche! Ich habe den Befehl meiner Mutter hintangesetzt, und statt dich, nach ihrem Willen, durch Liebe und Ehe dem allernichtswürdigsten der Menschen zu verbinden, bin ich selbst dein Liebhaber geworden. Ja, ich war noch leichtsinniger, ich herrlicher Bogenschütze, habe mich selbst mit meinen eigenen Pfeilen verwundet und dich zu meiner Gattin gemacht, und das alles, damit du mich für ein Ungeheuer hieltest, mit einem Messer mir den Kopf abschnittest, aus dem diese Augen dich so liebevoll anblickten? Ich hatte dir deswegen so oft auf deiner Hut zu sein geheißen, hatte dich immer so wohlmeinend gewarnt. Allein deine trefflichen Ratgeberinnen sollen mir auch auf der Stelle ihren schändlichen Unterricht büßen. Dich aber strafe allein meine Flucht.‹

Mit den letzten Worten erhob er sich auf seinen Fittichen in die Luft.

Psyche, am Boden liegend, sah, so weit ihre Augen reichten, unter entsetzlichem Jammer und Händeringen dem Fluge ihres Gemahls nach. Als ihn aber endlich das Ruder der Flügel in unermeßlicher Höhe ihrem Gesichte entführte, riß sie sich auf und stürzte sich in Verzweiflung von dem jähen Ufer in den nahen Fluß.

Es scheute der milde Fluß den Gott, dessen Flamme auch selbst dem Gewässer furchtbar ist, und schonte der Unglücklichen. Sorgfältig trug er sie auf unschädlichen Wellen an das blumenreiche Gestade.

Dort saß eben der Gott Pan50. Er hielt seine geliebte Syrinx in dem Rohre umfaßt worin sie war verwandelt worden, und lehrte sie allerlei liebliche Töne angeben. Seine Ziegen schweiften um ihn her und hüpften und weideten und kletterten am Rande des Ufers.

Der geißfüßige Gott, von Psychens Unfall unterrichtet, ruft mitleidig sie zu sich und spricht ihrem herben Schmerz sanften Trost ein.

›Artiges Kind‹, redete er sie an, ›ich bin zwar nur ein schlechter Hirt, doch hat mich eine lange Reihe wohltätiger Jahre mit vieler Erfahrung ausgerüstet. Wenn ich dann deinen ungewissen wankenden Tritt, dein bleiches Ansehen und dein tiefes Stöhnen richtig auslege (weissagen heißt bei klugen Leuten nichts mehr), so ist unglückliche Liebe dein ganzes Leiden. Folge mir also, suche nicht wieder dein Leben auf irgendeine gewaltsame Art zu enden, sondern gib dich zufrieden und weine nicht so untröstlich. Richte nur dein Gebet fleißig an den Cupido, den größten der Götter. Er ist jung, zärtlich, liebreich, er wird sich deiner gewiß erbarmen.‹

Psyche antwortet dem Hirtengotte nicht, sondern betet stillschweigend diese günstige Gottheit an und geht weiter.

Sie hatte sich noch nicht lange in der Irre trauernd herumgeschleppt, als sie auf einem unbekannten, einen Abhang herunterleitenden Fußpfade zu einer Stadt kommt, worin der Gemahl einer ihrer Schwestern seinen königlichen Sitz hatte.

Als Psyche das erfährt, läßt sie sich bei ihrer Schwester melden. Sie wird sogleich angenommen und zu ihr geführt.

Umarmungen von beiden Seiten! Dann folgt eilfertig Gefrage der Schwester, welcher glückliche Zufall denn Psychen zu ihr bringe?

›Du weißt wohl‹, antwortete ihr diese, ›daß ihr mir rietet, dem Ungeheuer, das unter dem erlogenen Namen meines Gemahls bei mir schlief, die Kehle abzuschneiden, bevor es mich arme Unglücklichselige verschlänge. Als ich mich nun dazu anschickte und mit der Lampe in der Hand – gleichfalls nach eurem Rate – dem Bette mich näherte, wurde ich von dem allerunerwartetsten, himmlischsten Anblick überrascht. Lag doch der Sohn der Göttin Venus, Cupido selbst, in sanfter Ruhe eingeschlummert da! Freude und Fülle der Wollust durchströmte mich, als ich ihn erblickte. Nur zu bald aber verwirrten sich meine Sinne über dem staunenden Betrachten seiner göttlichen Schönheit, und lüstern nach mangelndem Genusse, vergaß ich mich. Da mußte, zu meinem Unglück, die verwünschte Lampe von siedendem Öl überwallen und dem Gott die Schulter verletzen. Der Schmerz schreckte ihn den Augenblick aus dem Schlafe auf, und da er mich mit Feuer und Stahl bewaffnet vor sich sah, rief er: Abscheulich! Du? Mich? Auf der Stelle räume das Ehebette. Nun habe ich mit dir weiter nichts zu schaffen! Nein! Deine Schwester – und hier nannte er deinen Namen – soll deine Stelle vertreten, sie nehme ich förmlich zur Gemahlin. Und sogleich ließ er mich vom Zephyr weit aus dem Bezirk seines Palastes wegtragen.‹

Kaum hatte Psyche ihre Erzählung vollendet, als jene schon, von dem Sporn wütender Begierden und boshaften Neides getrieben mit einer schnellgeschmiedeten Lüge vom Tode ihrer Eltern, ihren Mann hintergeht, sich zu Schiffe begibt und in aller Eile nach dem Felsen hinsegelt.

Oben sein, ausrufen: ›Empfange, Cupido, deine würdige Gattin, und du, Zephyr, nimm deine Gebieterin auf!‹ und, ganz blind vor ungeduldiger Hoffnung, hinabspringen, obgleich ein ganz anderer Wind bläst, ist eins.

Allein auch nicht einmal tot gelangt sie an den erwünschten Ort.

An den hervorragenden Klippen zerschmetterte und zerstückte sich im Fallen ihr Leib, und, nach Verdienst, werden ihre umher zerstreuten Glieder ein Raub der Vögel und der wilden Tiere.

Die Strafe der anderen Schwester verzögerte sich auch nicht lange. Denn, indem Psyche wiederum irrend umherschweifte, gelangte sie ebenfalls bald zu der Stadt, worin sich diese aufhielt.

Gleiche List, gleiche Wirkung. Mit eben derselben lasterhaften Begierde als die erste eilte auch diese nach dem Felsen hin und fand auch da den nämlichen Tod.

Mittlerweile Psyche Cupido bei allen Völkern aufsuchte, lag er in dem Zimmer seiner Mutter und seufzte und litt an der verletzten Schulter große Schmerzen.

Eine Seemöwe bekommt das zu wissen. Geschwind taucht sie sich in den Ozean und fährt bis in die unterste Tiefe hinab, wo Venus sich eben mit Baden und Schwimmen belustigte.

Da erzählt sie ihr, ihr Sohn habe sich verbrannt, er liege am Wundfieber sehr krank, und es sähe mißlich um seine Wiederherstellung aus. Überhaupt, setzt sie hinzu, stände ihr Sohn sowohl als auch sie selbst auf der ganzen Welt eben nicht im besten Rufe. Von ihm sage man, er verbuhle seine Zeit im Gebirge bei einer Beischläferin, und sie lebe in Herrlichkeit und in Freuden beim Ozean im Bade. Unterdessen gehe es auf Erden bunt zu. Lust, Witz und Grazie seien davon entflohen. Alles sei wild, rauh, ungesittet. Man kenne gar Ehe, Freundschaft und kindliche Liebe nicht mehr. Die abscheulichsten Ausschweifungen und die gräßlichsten Laster herrschten überall.

Also schwatzt der schmähsüchtige Vogel und verleumdet Amor bei seiner Mutter.

›Wie?‹ ruft Venus voll jähen Zornes, mit lauter Stimme aus, ›also hätte mein allerliebstes Söhnchen sich schon ein Mädchen zugelegt! Geschwind, sage mir ihren Namen, o du, die du mir allein noch mit Liebe zugetan bist! Nenne mir die, welche den unschuldigen Knaben verführt hat! Ist’s eine Nymphe, Hore oder Muse oder eine von meinen Grazien?‹

›Das weiß ich nicht‹, erwidert die plauderhafte Möwe. ›Ich glaube aber, es ist nur eine Sterbliche, in die er verliebt ist; wenn ich mich recht auf ihren Namen besinne, so heißt sie Psyche.‹

›Psyche?‹ versetzt Venus mit zunehmendem Grimme. ›Entsetzlich! In Psyche hätt’ er sich verliebt, in Psyche, meine Nebenbuhlerin in der Schönheit, die sich meinen Namen angemaßt hat, die ich selbst, sie zu strafen, ihm gewiesen habe! Und verliebt hat er sich in die? So hält er mich wohl gar für seine Kupplerin? Empfindlicher konnte er mich nicht kränken!‹

Und hiermit erhebt sie sich aus dem Meere und begibt sich sogleich nach ihrer goldenen Wohnung, wo sie ihren Sohn in dem ihr beschriebenen Zustande antrifft.

Sie rief ihm gleich aus der Türe im bittersten Grimme ihres Herzens mit dem größten Ungestüme zu:

›Oh, brav, herrlich, ganz wieder deiner würdig! Recht so, unter die Füße mit den Befehlen der Mutter, der Gebieterin! Was da lange ihre Nebenbuhlerin mit schmählicher Liebe quälen! Lieber aus ihr einen Zeitvertreib gemacht, die Mutter muß es sich wohl gefallen lassen! Aber warte, du mutwilliger Bube, es soll dir übel bekommen! Trotze nur darauf, daß du der einzige Sohn bist, dein Dünkel soll dir bald benommen werden, ich bin noch gar nicht zu alt, noch einen weit besseren Sohn zu haben als du sauberes Früchtchen bist! Allein dich desto empfindlicher zu beschimpfen, will ich lieber einen von meinen Leibeigenen an Kindes Statt annehmen. Er soll diese Flügel, die Fackel, den Bogen und die Pfeile, die ganze Rüstung haben. Sie kommt von mir her, und zu solchem Gebrauche war sie dir nicht verliehen. Du Bösewicht hast schon von klein auf nichts getaugt, hast dich beständig an allen vergriffen, denen du Ehrerbietung schuldig bist! Wie hast du nicht deiner Mutter selbst stets frevelhaft mitgespielt, wie oft mich nicht bis ans Leben verwundet, welche Schmach tust du mir nicht noch täglich an. Verächtlicher kann wohl niemand einer armen hilflosen Witwe begegnen! Und vor deinem Stiefvater, dem großen Kriegsgott, hast du wohl Furcht und Achtung noch? Deine kindliche Pflicht müßte denn darin bestehen, daß du ihm immer Mädchen zuführst – oh, und du weißt, in welche Verzweiflung ich dadurch gesetzt werde. Aber ich will dir das Spiel nun für immer legen, und lange, lang sollst du an diese deine feine Buhlschaft denken!‹

›Aber wie räche ich nun meine Schmach?‹ fährt sie darauf bei sich selbst fort. ›An wen wende ich mich? Wie züchtige ich den Taugenichts nach Verdienst? Ob ich mir von meiner Feindin Mäßigkeit Hilfe ausbitte? Von ihr, die ich eben dieses übermütigen Knaben wegen so vielfach beleidigt habe, und nun sollte ich mich dieses garstigen groben Weibes Spott aussetzen und mich vor ihr erniedrigen? Hart, hart! – Doch, süße Rache, dich erkauft man nicht zu teuer; ja, ich will zur Mäßigkeit gehen! Ihr will ich den Buben zur Züchtigung überliefern. Sie soll ihm den Köcher leeren, die Pfeile stumpfen, die Bogensehne zerschneiden und ihn ohne Barmherzigkeit kasteien! Eher, eher will ich mich nicht befriedigen, als bis ich seine Haare, die ich so oft mit eigenen Händen mit Gold durchflochten habe, kahl abgeschoren, bis ich seine Flügel, die ich so manchmal, wenn er auf meinem Schoße saß, in Nektar gebadet, kurz abgestutzt sehe.‹

Also eifert sie und verläßt, das Herz voll bitterer Galle, ihren Palast.

Doch bald begegnen ihr Ceres und Juno51. Sie lesen ihr den Zorn gleich in den Augen und fragen, warum sie so finster aussehe, warum sie die Holdseligkeit ihrer Blicke in Unmut einhülle?

›Wie gelegen‹, antwortet sie ihnen, ›kommt ihr für mein brennendes Herz. Helft mir Gewalt und Rache ausüben, helft mir, ich bitte euch, die landstreicherische, flüchtige Psyche aufsuchen. Denn gewiß wißt ihr schon meines unwürdigen Sohnes schändliche Aufführung, das Gerücht davon ist zu kundbar!‹

Die Göttinnen wußten in der Tat schon um alles. Nun suchten sie durch Zureden der Venus überwallenden Zorn in etwa zu besänftigen.

›Was, o Göttin‹, sagen sie ihr, ›was hast denn dein Sohn so Großes verbrochen, um sein Vergnügen so gewalttätig zu stören, um die, die er liebt, so mit Haß zu verfolgen? Rechnest du ihm für Sünde, daß er einem hübschen Mädchen gut ist? Er ist ja einmal von männlichem Geschlechte und endlich schon Jüngling! Oder vergißt du, wie alt er ist, und denkst, weil er noch immer so jung und zart aussieht, er sei auch immer noch ein Kind? Du bist Mutter, bist eine kluge Frau und willst deines Sohnes kleinen Ausschweifungen immer so neugierig nachspähen, seine Galanterien tadeln, seine Liebeshändel stören; kurz, was deine eigene Kunst, deine einzige Glückseligkeit ist, bei dem schönen Sohne ahnden? Welcher Gott, welcher Mensch wird hinfort ertragen können, daß du überall Liebe verbreitest, wenn du dieselbe Liebe an deinem eigenen Sohne so bitter bestrafst, wenn du ihm den Umgang mit gefälligen Schönen verwehrst, wenn du deinen Zorn gegen ein Mädchen ausläßt, das sich der ihr verliehenen Gabe, zu gefallen, glücklich bedient hat?‹

Also sprachen Ceres und Juno zum Vorteil Cupidos, selbst in seiner Abwesenheit; denn sie fürchteten sich vor seinen Pfeilen.

Venus aber nimmt ihre Rede als Verspottung ihrer Schmach auf, verläßt die Göttinnen desto unwilliger und wendet sich mit beschleunigten Schritten nach dem Meere hin.

Sechstes Buch

Unterdessen trieb Psychen Tag und Nacht rastlose Sehnsucht nach ihrem Gemahl aller Orten umher. Sie dachte denselben noch irgendwo anzutreffen und seinen Zorn, wo nicht durch zärtliche Liebkosungen, doch wenigstens durch demütiges Bitten zu besänftigen.

Auf dem Gipfel eines hohen Berges wird sie jetzt eines Tempels ansichtig. ›Ach, wenn da mein Geliebter sich aufhielte!‹ ruft sie und richtet sogleich ihre Schritte dorthin. Hoffnung und Wunsch erneuen ihre ermatteten Kräfte, behend hat sie die höchste Spitze erreicht.

Als sie in den Tempel tritt, sieht sie darin hin und wieder Weizenähren haufenweise zerstreut oder auch in Kränze gebunden am Boden liegen. Gerstenähren mit darunter gemischt. Auch findet sie Sicheln und alles andere Erntegeräte ohne Ordnung untereinander hingeworfen, so wie nach vollendeter Arbeit die müden Landleute es nachlässig hinfallen lassen.

Psyche macht sich gleich darüber her. Sorgfältig sondert sie jegliches voneinander und bemüht sich, alles in schickliche Ordnung zu bringen; denn sie glaubte, keines Gottes Dienst vernachlässigen zu dürfen, sondern aller Mitleiden und Gunst suchen zu müssen.

Mitten in dieser emsigen Beschäftigung trifft die allernährende Ceres sie an.

›Ach, arme Psyche!‹ ruft diese ihr schon von ferne zu, ›entrüstet sucht Venus dich in der ganzen Welt auf; droht Tod dir und Verderben, spart keine Macht, ihren Mut nur an dir zu kühlen! Und du, auf nichts weniger bedacht als auf deine Rettung, stehst ruhig hier und trägst Sorge für das Geräte meines Heiligtums?‹

Da warf Psyche sich vor ihr auf die Knie nieder, netzte ihre Füße mit einem Storm von Tränen und flehte die Göttin mit den rührendsten Worten um ihren Schutz an. Ihre goldene Locken schleppten am Boden.

›Ich bitte dich, o Göttin‹, spricht sie, ›bei dieser Fülle der Früchte ausspendenden Rechten, bei den fröhlichen Erntefesten, bei deinen heiligen, geheimnisvollen Körben, bei deinem drachenbespannten Wagen, bei Siziliens Fruchtbarkeit! Ich beschwöre dich, bei dem Raube deiner Tochter, bei der Erde, die sie verbarg, bei deinem fackelerleuchteten Hinabsteigen zu ihrer Hochzeit in der Unterwelt, bei deiner Wiederkehr und bei allem übrigen, was das attische Eleusis in unverbrüchliches Stillschweigen einhüllt! Erbarme dich, du milde Ceres, hilf der unglückseligen Psyche, die zu dir ihre Zuflucht nimmt! Verstatte mir, nur wenige Tage unter diesen zusammengetragenen Ähren verborgen zu liegen, bis der mächtigen Venus Zorn durch Zeit sich besänftigt oder bis wenigstens meine so unablässig angestrengten und nun völlig erschöpften Kräfte durch einige Ruhe wiederhergestellt sind!‹

›Deine Tränen‹, antwortet ihr Ceres, ›und deine Bitten rühren mich, und von ganzem Herzen wünschte ich, dir helfen zu können; allein die genauesten Bande der Verwandtschaft und Freundschaft verknüpfen mich mit der Venus, und sie ist auch sonst eine so gute Frau. Es ist mir unmöglich, etwas zu tun, wodurch ich sie mir (wie ich voraussehe), zur Feindin machen würde. Geh also nur gleich aus meinem Tempel, Psyche! Du kannst hier weder Schutz noch Herberge finden und wirst es mir wohl selbst nicht verdenken.‹

Abgewiesen zu werden, hatte Psyche keineswegs erwartet; doppelte Traurigkeit beklemmt also ihr Herz.

Sie geht den gekommenen Weg wieder zurück. Beim Herabsteigen vom Berge erblickt sie unten im Tale in einem dämmernden Haine einen Tempel von künstlicher Bauart. Neue Hoffnung belebte sie. Welcher Gottheit auch dieser Tempel geweihet sei, sie will die Huld derselben anrufen.

Als sie sich der heiligen Pforte naht, sieht sie an den Ästen naher Bäume und an den Türpfosten viele reiche Geschenke aufgehangen, bei jedem ein Tuch, dessen Goldstickerei die erhaltene Wohltat und den Namen der Göttin des Ortes erzählt.

Nun wischt sie die Tränen von ihren Augen, kniet hin, umfaßt den noch lauen Altar mit beiden Händen und betet also:

›Schwester und Gattin des großen Jupiter! Du bewohnst nun den uralten Tempel von Samos, das deiner Geburt, deines ersten kindlichen Lautes und deiner Erziehung sich rühmt, oder du besuchst deinen seligen Sitz im hohen Karthago, das dich als Jungfrau im löwenbespannten Wagen himmelan fahrend verehrt, oder du waltest an den Ufern des Inachus52 über die hochberühmten Mauern der Argiver, die dich als Vermählte des Donnerers und der Göttinnen Königin anrufen! Du, die der ganze Aufgang als Vorsteherin der Ehe und der ganze Niedergang als Geburtsgöttin anbetet: O hilfreiche Juno, verlaß mich in meinem Drangsale nicht! Ich erliege unter der Last meines Elendes, stehe mir bei, entferne von mir die drohende Gefahr! Ich vertraue dir, o Göttin; deine Hilfe entgeht ja niemals notleidenden Schwangeren!‹

Kaum hat sie ausgebetet, so steht Juno in aller Majestät ihrer Gottheit vor ihr.

›Wie gern, o Psyche‹, so sagt sie, ›gewährte ich dein Gebet! Allein Venus ist meines Sohnes Weib, und ich habe sie von jeher wie mein eigenes Kind geliebt, ich müßte mich schämen, wollte ich mich deiner, ihrer Feindin, gegen sie annehmen.‹

Psyche, abermals in der Hoffnung, Schutz und ihren Gemahl zu finden, getäuscht, verzagt nun ganz und gar. Lauter Unglück ahnend, spricht sie also bei sich selbst:

›Umsonst, umsonst! Für mich ist keine Rettung mehr! Der Göttinnen bester Wille selbst ist ja für mich ohnmächtig! Was fliehe ich noch? Bin ich nicht überall mit Garnen umstellt wie ein gefangenes Reh? Und welches Dach, welche Finsternis mag mich vor dem allschauenden Auge der großen Venus verbergen? Auf denn, Psyche, ermanne dich! Hinweg mit der eitlen Hoffnung! Geh, liefere der Göttin dich freiwillig in die Hände. Unterwürfigkeit mag sie vielleicht allein noch erweichen, mag ihren Zorn mildern! Und ach, wer weiß? Triffst du nicht gar den bei seiner Mutter an, den du schon so lange allenthalben vergebens gesucht hast?‹

So war Psyche nun völlig zur mißlichen Demütigung vor Venus, ja selbst zum gewissen Verderben bereit. Sie sann nur noch auf den Anfang ihrer bittenden Rede, den ersten Ausbruch des Zornes der Göttin doch wenigstens zu schwächen, wen n sie ihn nicht ganz vermeiden könnte.

Mittlerweile war Venus müde, auf der Erde nach Psychen herumzuziehen. Sie erhebt sich gen Himmel. Schon läßt sie sich den Wagen rüsten, welchen Vulkan ihr zum Hochzeitsgeschenke gemacht hatte. Sauber und künstlich hatte ihn der Gott selber verfertigt. Er strahlte von Glanze. Was die nagende Feile ihm an Golde geraubt, hatte seine Kostbarkeit nur um so mehr erhöht.

Alsbald flattern vier von den weißen Täubchen herzu, welche in unzähliger Menge um die Wohnung der Göttin nisten. Sie wenden girrend ihre farbewechselnden Hälse, streifen das von Edelgestein blitzende Joch über, nehmen ihre Gebieterin ein und fliegen fröhlich mit ihr empor. Mit lautem Gezwitscher umgaukelt den Wagen ein Heer buhlerischer Spatzen, andere kleine liebliche Sänger schweben vorauf, in süßen Weisen der Göttin Ankunft verkündigend, sonder Furcht insgesamt vor den begegnenden Adlern oder den räuberischen Habichten.

Die Wolken schwinden, es öffnet sich der Himmel vor seiner Tochter; mit Freuden empfängt der hohe Äther die Göttin.

Sie begibt sich sogleich zu Jupiters königlicher Burg. Mit stolzer Bitte fordert sie als notwendige Hilfe den Merkur53 zum Herold. Sie bedürfe seiner höchst notwendig. Zeus winkt ihr mit den hohen schwarzen Augenbrauen Gewährung ihrer Bitte zu.

Frohlockend steigt sie nun augenblicklich in Begleitung Merkurs vom Himmel herab und eröffnet ihm unterwegs ihr Anliegen.

›Bruder‹, sagte sie, ›du weißt es, ohne deinen Beistand tat deine Schwester Venus überall nichts. Auch jetzt weißt du, wie lange ich schon umher nach der versteckten Dirne suche. Umsonst! Sie entgeht allen meinen Nachforschungen. Ich wende mich wieder zu dir, lieber Merkur! Mach es doch auf der Erde bekannt, daß ich jedem, der sie mir zuweist, hohe Belohnung verspreche! Aber tu mir diesen Gefallen recht bald, bezeichne sie dabei höchst genau, auf daß sie allen Menschen kennbar werde und niemand, der sie verbirgt, hoffen dürfe, sich mit der Entschuldigung zu schützen, er habe sie nicht gekannt?‹

Darauf gibt sie ihm einen Zettel mit Psychens Namen und ihren übrigen Kennzeichen, verläßt ihn und begibt sich nach ihrem Palaste.

Merkur erfüllt geflissentlich ihren Auftrag. An allen Orten, bei allen Völkern des Erdbodens ruft er aus:

›Kund sei es jedermann, wie eine gewisse Königstochter, mit Namen Psyche, sich an Venus schwer vergangen hat und heimlich nun entwichen ist, sich ihrer verdienten Strafe zu entziehen. Sollte jemand sein, der diesen Flüchtling aufgefangen hat oder nur nachweisen kann, wo sie sich verborgen hält, der finde sich bei den Murcischen54 Pyramiden ein und gebe es bei mir, dem Merkur, an, der ich dieses als Herold jetzt bekanntmache. Er soll für seine Mühe von Venus in Person sieben Küsse zur Vergeltung bekommen einen noch insbesondere, der mit allen Süßigkeiten gewürzt ist, welche nur der Liebesgöttin Honigmund zu geben vermag.‹

Auf diesen Ausruf Merkurs beeiferten sich alsbald alle Sterblichen um die Wette, eine so hohe Belohnung zu verdienen. Um so mehr beschleunigt Psyche die Ausführung ihres vorgefaßten Entschlusses.

Und schon nahet sie zur Tür der Venus, als ihr die Gewohnheit, eine von der Göttin Hofgesinde, begegnet und so laut, als sie nur immer kann, zu schreien anfängt:

›Ha, du Nichtswürdige! So erkennst du endlich, mit wem du es aufnimmst, und demütigst dich jetzt, nachdem du dich in der ganzen weiten Welt hast aufsuchen lassen, und wir uns um deinetwillen Tag und Nacht haben plagen müssen. Doch gut, daß du gerade mir in die Hände gerätst, in den Klauen des Todes wärest du nicht sicherer aufgehoben, und besser als ich könnte dich selbst keine Furie bewillkommnen.‹

Und nun keck, mit beiden Händen zugleich, Psychen in die Haare, und sie so fortgeschleift, ohnerachtet sich diese nicht im mindesten ihr zu folgen sträubt.

Sobald als Venus Psychen also zu sich hereinschleppen sieht, schlägt sie das laute Gelächter auf, das der wütige Zorn zu erheben pflegt, schüttelt den Kopf und sagt zu ihr mit den höhnischsten Gebärden:

›Ei! So würdigst du mich doch noch endlich, mich als deine Schwiegermutter zu begrüßen! Oder gilt der Besuch etwa dem Herrn Gemahl, dem das glühende Öl, womit du ihn gesalbt hast, so schlecht bekommen ist? Gleichviel, nur näher! Es soll dir darum nicht weniger alle verdiente Ehre widerfahren!‹

›Angst, Sehnsucht! Wo seid ihr?‹ ruft sie jetzt, sich zu ihrem Gefolge wendend. Sie erscheinen sogleich.

›Ich überlasse euch diesen Gast‹, spricht sie zu ihnen, ›und empfehle ihn euch bestens.‹

Beide verstehen nur zu gut ihre Gebieterin. Sie führen gleich Psychen mit sich hinweg und sparen an der armen Unglücklichen weder Geißeln noch andere Qualen. Dann bringen sie sie wieder zur Göttin zurück.

Venus empfängt sie mit neuem Spottgelächter: ›Seht nur‹, ruft sie aus, ›wie sie ihre Schwangerschaft so vorteilhaft zu zeigen weiß, um unser Mitleiden damit zu erschleichen. Die Verschmitzte hat die schwache Seite meines Herzens ausgespäht! Sie spiegelt mir das süße Glück vor, nun bald Großmutter zu heißen! Wie? Ich? Großmutter? in der Blüte meiner Jahre? Und durch wen? Durch ein so schnödes Geschöpf? Irre dich nicht, du Elende! Deine Brut kann nie Kleinkind der Venus heißen. Wer bist du, daß du dich mit meinem Sohne vermählen könntest? Die Ehe wäre zu ungleich, auch ist sie überdies nicht gültig! Nur auf dem Lande, ohne Zeugen, ohne des Vaters Einwilligung geschlossen! Sie ist null, sie ist nichtig! Nur einen Bastard wirst du zur Welt setzen, wenn ich es anders noch so weit kommen lasse!‹ Mit den Worten fliegt sie Psychen ins Angesicht, zerrauft ihr das Haar, reißt ihre Kleidung in Stücke und mißhandelt sie aufs erbärmlichste.

Dann nimmt sie Weizen, Gerste, Hirse, Mohn, Erbsen, Linsen und Bohnen, mischt es alles untereinander und schüttet es auf einen Haufen zusammen.

›Da‹, spricht sie nun, ›du Scheusal! Sieh zu, ob dir hier deine Emsigkeit eben wie im Buhlen will zustatten kommen! Lies mir dies vermengte Gesäme auseinander! Mache von jeglicher Art einen besonderen Haufen, und eh es noch Abend wird, sei mir damit fertig!‹

Nach so angewiesener Arbeit begibt sie sich zu einem Hochzeitsschmause.

Psyche bleibt stumm und starr vor ihrem aufgegebenen Geschäfte stehen. Die Unmöglichkeit, es zu vollenden, benimmt ihr den Mut, nur Hand daran zu legen.

Allein eben hielt sich eine kleine Ameise da auf. Es jammerte sie so große Bedrückung der Gattin eines mächtigen Gottes und erregte all ihre Abscheu gegen die Grausamkeit der Schwiegermutter. Stracks läuft das gute Tierchen und ruft und bittet in aller Geschwindigkeit sein ganzes benachbartes Geschlecht zusammen.

›Herbei!‹ schreit es, ›herbei! Ihr arbeitsamen Kinder der allgebärenden Erde! Kommt, erbarmt euch Amors schönen Weibes und rettet es durch schleunige Hilfe aus der sonst unvermeidlichen Gefahr!‹

Wie ein Strom stürzen die Ameisen der Gegend alle, eine über die andere, in Eile herzu. Der Boden wimmelt. Sie fallen über den ungeheuren Gesämhaufen her, sondern mit Sorgfalt Art von Art55, machen von jeglicher einen eigenen Haufen und verschwinden wieder, nachdem alles vollbracht ist.

Als nun bei einbrechender Nacht Venus, vom Weine triefend und duftend von Balsam und mit tausend blühenden Rosen geschmückt, vom Hochzeitsgelage nach Hause zurückkehrt, erstaunt sie nicht wenig, da sie Psychens Aufgabe getan findet. ›Oh‹, ruft sie, ›das ist nicht dein, nicht deiner Hände Werk, du Nichtswürdige! sondern dessen, dem du zu deinem und seinem Unglück gefallen hast!‹ Hiermit wirft sie ihr nur ein Stück grobes Brot hin und geht schlafen.

Aber Cupido war in dem nämlichen Palaste, ganz im Innersten des Hauses, in einem besonderen Zimmer, allein, unter äußerst strenger Aufsicht, damit er nicht etwa Mutwillen treiben und seinen Schaden verschlimmern oder gar entwischen und seiner Geliebten zufliegen möchte.

So zusammen unter einem Dache, einander so nahe und darum nicht weniger getrennt: welche Nacht, welche abscheuliche Nacht für beide Liebende.

Kaum aber fährt Aurora herauf, so ruft Venus schon Psychen.

›Siehst du den Wald da‹, sagte sie ihr, mit der Hand nach demselben hinzeigend, ›welcher sich längs den Ufern jenes Flusses erstreckt, dessen Quellen dort auf dem nahen Berg entspringen? Ungehütet weiden darin fette Schafe mit goldenen Vliesen; stracks gehe hin und sieh zu, wie du mir einen Flocken von ihrer köstlichen Wolle herbringst!‹

Willig machte sich Psyche dahin auf den Weg. Zwar nicht in der Absicht, den Befehl zu vollbringen, sondern sich vom Ufer in die Tiefe zu stürzen, um endlich einmal vor allen Leiden Ruhe zu haben Allein bald wisperte ihr vom Flusse her das grüne melodische Schilf, von einem Gotte durch sanfter Lüfte lindes Geflüster beseelt, diese Worte entgegen:

›Besiege deine Verzweiflung, Psyche! und entweihe nicht mein heiliges Gewässer durch deinen Tod, noch begegne jetzt, ich bitte, diesen furchtbaren Schafen! Sie pflegen, solange die Sonne im Mittag brennt, die Glut derselben zu teilen und toben in unbändiger Wut, mit spitzem Gehörn, mit eisernem Schädel, ja mit giftigem Gebisse, jeglichem Sterblichen den Untergang drohend. Warte, bis der nahende Abend die Sonnenhitze mildert und dann sich die Tiere im frischen Wehen vom Gestade her abkühlen und besänftigen. Verbirg dich inzwischen unter der breitblättrigen Palme dort, die einen Strom mit mir trinkt. Sobald sich aber der Schafe Wut gelegt hat, gehe hervor und schleich dich näher herzu in den Wald, wo du an Gesträuchen und Stämmen hin und wieder Flocken wolligen Goldes wirst hängen finden.‹

Diesen heilsamen Rat erteilte das mitleidige Schilf der verzweiflungsvollen Psyche. Sie verschmäht ihn nicht, pünktlich befolgt sie ihn, und sonder Mühe bringt sie der Venus den Schoß voll verlangter Goldwolle zurück.

Aber so gefahrvoll auch diese zweite Arbeit gewesen war, sie besänftigte dennoch die Göttin so wenig als die erste; denn sie schrumpfte die Augenbrauen und sagte mit bitterem Lächeln:

›Du hast Ursache, dich bei deinem Gehilfen zu bedanken, in der Tat, er hat dir gute Dienste geleistet! Doch jetzt auch ein Pröbchen von deinem unerschrockenen Mut und deiner großen Klugheit! Du siehst doch auf dem hohen Berge da die schroffe Felsenspitze so kühn emporstreben? Oben auf derselben strömen schwarze Fluten aus der finstern Quelle und stürzen sich tief in ein verschlossenes Tal hinunter, wo sie den stygischen Pfuhl anfrischen und das dumpfe Getöse des Kocytus56 unterhalten, da gehe hin und schöpfe mir mitten aus der Quelle innerstem Strudel diesen Krug voll!‹

Mit diesen Worten reicht sie ihr, unter den entsetzlichsten Drohungen, ein glattes, kristallenes Gefäß.

Psyche nimmt es und eilt mit beschleunigten Schritten davon, des Berges oberster Spitze zu. Dies, denkt sie, sei nun gewiß ihr letzter mühseliger Gang; auch nahete sie nur erst von ferne dem Gipfel, so zeigte sich ihr schon ganz deutlich unvermeidliche Todesgefahr bei Ausführung des ihr erteilten Befehls. Denn der Fels, der unermeßlich hoch in die Luft ragt und überall schroff und unzugänglich ist, speit nur erst auf der äußersten Höhe, aus weitgeöffnetem Schlunde das fürchterliche Gewässer aus, und sobald dieses aus der Tiefe hervorgebrochen, stürzt es jäh den Abhang schäumend hinunter in eine enge, grundlose Felsenkluft und wälzt sich mit Ungestüm da hindurch zu dem benachbarten Tale hinab. Rechts und links lauern wilde Drachen in Höhlen. Sie drohen und zischen, ihre langen Hälse schrecklich emporreckend. Nimmer schließt der Schlaf ihre unermüdlichen Augenlider; darum sind sie hierher zu ewigen Wächtern gebannt, wiewohl schon die heulenden Wellen allein sich Schutzes genug wären. ›Hinweg von hier!‹ lautet immerfort ihr wechselseitiges Gebelle, ›nicht zu nahe, sie dich vor, was machst du, nimm dich in acht, fleuch! Hier bist du verloren!‹

Der Anblick all dieser unübersteiglichen Schwierigkeiten versteinert Psychen. Wie entseelt steht ihr Körper da; vor Übermaß des Schmerzes gebricht ihr auch der letzte Trost – Tränen.

Aber die Not der unschuldig Leidenden war vor den Augen der allgütigen Vorsehung nicht verborgen. Denn siehe, es erscheint des hohen Jupiters königlicher Vogel, der starke Adler, hoch im Winde sich wiegend auf ausgespreiteten Schwingen. Eingedenk, daß ihm einst Cupido gefällig beistand, als er für den Zeus den phrygischen Mundschenken57 raubte, eilt er jetzt, aus Dankbarkeit, des Gottes Gattin in ihrer Bedrängnis zu helfen. Flugs verläßt er seine hohe Himmelsbahn, bleibt still vor Psychens Angesicht schweben und redet sie also an:

›O blödsinnige, unerfahrene Psyche! Wie kannst du hoffen, dieser heiligen, furchtbaren Quelle auch nur einen Tropfen zu entwenden, ja nur, dich ihr zu nahen? Hast du nicht gehört, daß sogar die Götter und Jupiter selbst dies stygische Gewässer scheuen und daß, wie ihr bei ihrer Gottheit schwört, also sie bei der Majestät des Styx zu schwören pflegen? Aber gib her deine Urne!‹

Stracks nimmt er sie aus ihren Händen, und im Nu war sie gefüllt. Denn dicht über dem Schlund hängt er sich, künstlich sich schwingend, und mit immer regen Fittichen zu beiden Seiten der giftigen Drachen Biß und dreigespaltene Zunge meidend, schöpft er ein die widerstrebende, scheltende Flut, nachdem er sie mit angeblichem Befehl der Venus getäuscht.

Mit Freuden empfängt Psyche den angefüllten Wasserkrug wieder zurück und überbringt ihn eiligst der Venus.

Allein auch hierdurch wurde das rachsüchtige Herz der Göttin nicht gerührt. Vielmehr ergrimmte sie jetzt um desto ärger gegen die arme Psyche und trachtete nur eifrig nach ihrem Verderben.

Mit schnödem Spotte hebt sie also zu ihr an: ›Ei, ich glaube gar, du bist eine Zauberin! Mag dir doch unsereins in der Welt nichts mehr aufgeben, was nicht bloß Kleinigkeit für dich wäre! Indes, mein Kind, nur noch einen kleinen Dienst. Da nimm die Büchse, geh damit in die Unterwelt, bis zu des Orkus finstern Berg hinunter und stelle sie da Proserpinen zu. Sag ihr dabei: Venus läßt dich bitten, ihr doch so viel von deiner Schönheit zu schicken, als sie auf einen Tag wohl bedarf. Die ihrige wäre bei der Wartung ihres kranken Sohnes zunichte gegangen. – Komm aber ja bald wieder zurück, denn ich will sie gleich noch auflegen, um damit in der Versammlung der Götter zu erscheinen.‹

Nun erkannte Psyche mit Zuverlässigkeit der Göttin letzte grausame Absicht. Auch lag sie klar genug am Tage: der Befehl zum Tartarus hinunterzuwandern und zu den Manen, ist überall nur eindeutig.

Ungesäumt richtet sie jetzt ihren Weg nach einem sehr hohen Turme hin, sich von da herabzustürzen; denn kürzer und schöner, glaubt sie, könne sie zur Unterwelt nicht gelangen. Allein der Turm bricht plötzlich in diese Stimme aus:

›Und warum willst du, Ärmste, dich von meiner Höhe herabstürzen und dich töten? Warum so ohne Not der allerletzten gefährlichen Arbeit unterliegen? Ist deine Seele einmal vom Leibe geschieden, so kommst du freilich in den tiefen Tartarus hinunter; allein von dort auch nie wieder zurück. Merk also lieber auf meine Rede! Nicht weit von hier liegt Griechenlands edles Lakedämon. In der Nachbarschaft desselben, nur etwas abseits und versteckt, findest du Tänar58. Dort ist der Eingang zum Dis59; dort die Pforte, welche den rauhen Weg zur Unterwelt öffnet. Da hindurch begib dich und verfolge dann den geraden Fußsteig; so gelangst du unmittelbar zu des Orkus Burg. Leer indessen darfst du diesen Weg der Finsternis nicht antreten, in jeder Hand mußt du einen Honigfladen und im Munde zwei Stüber mitnehmen. Unterwegs wirst du einen hinkenden Esel, mit Holz beladen, antreffen, samt einem gleichfalls hinkenden Eselstreiber. Letzterer wird dich bitten, ihm die vom Esel herabgefallenen Holzscheite wieder aufzuheben; aber gehe du, ohne ein Wort zu verlieren, stillschweigend vorüber. Nun kommst du gleich zum Totenfluß, worüber Charon60 gesetzt ist. Ehe er die Ankömmlinge in seinem wandelbaren Nachen an das jenseitige Ufer hinübersetzt, fordert sich erst Fährgeld von jedem ein.‹ – Wehe! Also auch bei den Toten herrscht Habsucht? Sowenig Charon als Vater Dis, ein so großer Gott er auch ist, tut das Geringste umsonst! Und der Arme muß zum Sterben sich erst mit einem Reisepfennig versehen, sonst darf er nicht fort! – ›Gib dann diesem schmutzigen Greise einen von deinen beiden Stübern Schifferlohn, oder vielmehr, laß ihn sich denselben aus deinem Munde selbst nehmen. Kaum werdet ihr euch auf dem trägen Pfuhl eingeschifft haben, so wird euch der Schatten eines Alten nachgeschwommen kommen und seine nichtigen Hände zu dir aufheben und aufs erbärmlichste flehen, ihn doch in das Schiff zu ziehen. Doch fern sei von dir ein so unzeitiges Mitleiden! Seid ihr aber den Fluß hinüber, dann wirst du so gar nicht weit gehen, so werden dich wieder alte Weiber, die mit Weben beschäftigt sind, bitten, doch auch ein wenig Hand mit anzulegen und ihnen zu helfen. Allein auch damit laß dich unvermengt. Denn dies und noch weit mehreres geschieht alles auf Betrieb der Venus, um dir nur einen von den Kuchen aus den Händen zu spielen; und das siehe ja nicht bloß für einen geringen Teigverlust an! Wisse, mit eines einzigen Verlust ist dir die Rückkehr zum Lichte auf ewig versperrt. Denn durch sie allein kannst du dich vor dem Zerberus schützen. Gleich vor dem Eingange zu den düsteren Gemächern Proserpinens liegt dies schreckliche, dreiköpfige Ungeheuer und bewacht des Dis leere Behausung, indem es mit donnerndem, dreigespaltenem Rachen den Toten, denen es weiter nichts Böses zufügen kann, Entsetzen entgegenbellt. Zolle ihm einen Honigkuchen, so ist seine Wut bezähmt, und sonder Gefahr kannst du vorbeischlüpfen. Gehe sofort zu Proserpinen. Freundlich und huldreich wird sie dich empfangen, wird dich einladen, neben ihr auf den weichen Polstern Platz zu nehmen, um an ihrer herrlichen Tafel mitzuspeisen. Aber schlage du alles aus und setze dich auf den platten Boden und laß dir nichts als etwas schwarzes Brot reichen, und das iß. Darauf entledige dich deines Auftrags, nimm, was sie dir dann geben wird und kehre damit zurück. Und wenn du wieder mit dem dann noch übrigen Honigfladen beim Höllenhunde dich lösest, nachher dem geizigen Schiffer den zurückbehaltenen Stüber gibst, den Fluß herüberfährst und auf dem gekommenen Wege zurückgehst, so wirst du zuletzt zum Glanze der himmlischen Sternenheere wohlbehalten wieder heraufkommen, wofern dich nicht gelüstet (sei aber davor auf das kräftigste von mir gewarnt), die Büchse zu eröffnen, um den darin verwahrten Schatz göttlicher Schönheit vorwitzig zu besichtigen oder gar zu berauben!‹

Also der weitschauende Turm. Psyche säumt nicht. Sie geht nach Tänar; versieht sich vorgeschriebenerweise mit den Stübern und Fladen, steigt damit in den Höllenschlund hinab, zieht stillschweigend an dem gebrechlichen Eseltreiber vorüber, zollt dem Schiffer das bestimmte Fährgeld, achte nicht des nachschwimmenden, alten Gespenstes Begehren, nicht der tückischen Weberinnen hinterlistige Bitte, schläfert des bösen Höllenhundes Wut durch einen vorgeworfenen Kuchen ein und dringt bis zu Proserpinens Gemach.

Allda widersteht sie jeder freundlichen Einladung. Nicht der weichgepolsterte Thron der Königin der Hölle, nicht ihre Göttertafel verführt sie. Demütig setzt sie sich zu den Füßen ihrer leutseligen Wirtin auf den harten Boden, begnügt sich mit dem schwarzem Brote und richtet alsdann getreulich der Venus Gesandtschaft aus.

In kurzem bekommt sie die Büchse, insgeheim mit dem Verlangten gefüllt, zurück.

Sie verschließt nun wieder mit dem andern Kuchen des Zerberus fürchterlichen Rachen, fährt für den andern Stüber zurück über den schleichenden Acheron61, und schon verläßt sie hochgemut die Hölle; schon erblickt sie, schon trinkt ihr Auge wieder mit Wonne das schimmernde Tageslicht und beflügelt sich mit Eile ihr Fuß, im Nu das gefährliche Geschäft zu vollenden – indem, so beschleicht, betört verwegener Vorwitz ihren Sinn.

›Siehe‹, spricht sie, ›wärest du nicht eine Törin, Psyche! Du hättest hier die Götterschönheit in Händen und legtest dir nicht einmal ein ganz klein wenig davon auf? Dadurch könntest du ja allein deinem schönen Liebhaber wieder gefallen!‹

Gedacht, versucht. Auf ist die Büchse. Allein wehe! Da ist keine Schönheit, da ist nicht das Geringste darin. Nur ein höllischer Schlaf, ein wahrer Todesschlaf.

Sobald der Deckel geöffnet ist, fährt er hervor, ergreift Psyche, gieß sich in einem Gewölk schwerer Schlummerdünste um all ihre Glieder und streckt sie sofort unbeweglich am Boden hin. Da liegt sie auf dem Wege, eine schlafende Leiche!

Aber Cupido war allbereits wiederhergestellt von seiner Wunde und vermochte nicht länger die langwierige Abwesenheit seiner Psyche zu ertragen. Er entschlüpft durch ein Fenster aus der Kammer, worin er eingesperrt gehalten wurde, und seine Flügel, die desto mehr Schwingkraft durch die lange Ruhe erhalten hatten, tragen ihn schneller als je davon, hin zu seiner Psyche.

Sorgfältig nimmt er sogleich den Schlaf von ihr hinweg, verschießt ihn wiederum in die Büchse und erweckt dann Psychen mit der Spitze eines unschädlichen Pfeiles.

›Sieh‹, sagt er zu ihr, ›warst du nicht schon wieder durch deinen Vorwitz verloren? Doch gehe nur jetzt und entledige dich geflissentlich deines Auftrages bei meiner Mutter, ich will schon weiter für uns sorgen.‹

Mit den Worten hebt sich der holde Flieger in die Luft; Psyche aber trägt allsofort der Venus Proserpinens Geschenk hin.

Cupido, nicht minder von der Liebe zu Psyche als von der Furcht genagt, seine Mutter möge ihn doch noch der Mäßigkeit übergeben, da ihr Blick noch immer zürnet, nimmt hinwiederum zu seinen gewöhnlichen Ränken seine Zuflucht. Er schwingt sich auf rüstigem Gefieder zum hohen Pole des Himmels, klagt da dem großen Jupiter seine Not und macht denselben alsbald seinen Wünschen geneigt.

Liebreich küßt ihn Zeus, mit der einen Hand den kleinen Mund sanft zudrückend, mit der andern ihn zu sich hinziehend, und spricht zu ihm also:

›Du kleiner loser Schelm! hast dich zwar jederzeit mehr als mein Herr betragen, denn als mein Sohn, hast mir nie die von allen Göttern mir einhellig zugestandene Ehre erzeigt! So könnte ich es denn nun wohl ahnden, daß du mich, den Gesetzgeber der Elemente, mich, den Roller der Sphären, fast beständig zum Ziele deiner Pfeile genommen und zu so vielen Torheiten mit irdischen Schönen, zu so vielen Verstößen gegen alle Gesetze der Zucht und Ehrbarkeit verleitet hast, daß ich beinahe allen Anspruch auf Ehre und Glimpf verloren habe. Hat mich doch dein Mutwille bis zu Drachen, zu Feuer, zu Vögeln, zu allerhand wilden und zahmen Tieren herabgewürdigt. Allein, ich will mich nur meiner Liebe zu dir erinnern. Du bist ja unter meinen Augen aufgewachsen. Ich will alles tun, dich glücklich zu machen; nur bleibt die Sorge, dich vor Nebenbuhlern zu schützen, dein eigen! Doch weißt du, was ich mir bei dir kleinem Schalk für diese Huld zur Vergeltung ausbedinge? Das hübscheste Mädchen auf Erden!‹

Er sprach’s und erteilte dem Merkur Befehl, augenblicklich die gesamten Götter zur Versammlung zu berufen und anzukündigen, wer fehle, solle mit zehntausend Nummen büßen. Aus Furcht vor der Strafe ist in kurzem kein Platz im weiten himmlischen Versammlungssaale mehr leer.

Majestätisch vom erhabenen Throne herab spricht nun Jupiter also:

›Ihr sämtlichen Götter und Göttinnen, deren Namen in den Denkbüchern der Musen verzeichnet sind, ihr kennt alle diesen Jüngling, der hier unter meinen Augen auferzogen worden. Es ist jetzt meines Erachtens Zeit, dem feurigen Ungestüm seiner ersten Jugend einen Zügel anzulegen. Schon übel genug ist er durch allerlei böse Nachrede von Ehebruch und anderen Ausschweifungen berüchtigt. Laßt uns ihm die Gelegenheit rauben, auf dem Wege weiter fortzugehen, laßt uns seinen jugendlichen Flattersinn mit den Fesseln der Ehe binden. Er hat sich schon selbst ein Mädchen gewählt und mit ihr gebuhlt. Diese laßt uns zu eigen ihm geben! Er vermähle sich mit ihr diesen Augenblick! In Psychens Umarmung genieße er fortan ewige Fülle der Liebe!‹

›Du aber‹ – fährt er fort, zur Venus sich wendend –, ›meine Tochter, darfst dich keineswegs darüber betrüben. Nicht im mindesten soll dein hohes Geschlecht und dein Stand unter dieser Verbindung deines Sohnes mit einer Sterblichen leiden. Ich will stracks allem abhelfen, was dabei dem Wohlstande oder den Gesetzen entgegen sein könnte.‹

Jetzt winkt er, und Merkur verschwindet, holt Psyche und führt sie in den Himmel ein.

Der Gott der Götter reicht ihr selbst den Becher der Unsterblichkeit dar. ›Nimm, Psyche‹, spricht er, ›und sei unsterblich! Niemals wird Cupido wieder von dir weichen, denn euch verknüpft von nun an ein ewiges Band!‹

Fröhlich wird alsbald das herrlichste Hochzeitsmahl gerüstet.

Man lagert sich umher; obenan Psyche, ihrem Neuvermählten im Schoß. In gleicher Lage Jupiter und daneben seine Juno. Dann die sämtlichen Götter nach der Reihe.

Dem Jupiter reicht sein Mundschenk Ganymed, der schöngelockte Hirt vom Ida, den Nektar. Die übrigen bedient Bacchus. Vulkan legt vor.

Die Horen bepurpurnen Tafel, Polster und Fußboden mit frischen Rosen und anderen Blumen.

Die Grazien erfüllen die Luft mit Wohlgeruch des Balsams, und die Musen ergötzen die Gäste mit silbernen Stimmen.

Zuweilen singt auch Apoll zu der gewölbten Leier melodischen Saiten; Venus tanzt mit entzückender Anmut, jede ihrer Bewegungen in bezaubernder Harmonie mit der angegebenen Weise; die Musen stimmen alsdann dazu im Chore Lieder an, und wechselweise begleitet sie jetzt die Doppelpfeife eines Satyrs und die Flöte eines jungen Pans.

Also ward Psyche feierlich mit Cupido vermählt. Sie genas bald einer Tochter, die in der Sprache der Sterblichen ›Wollust‹ genannt wird.«

Also erzählte die alte verwirrte Saufschwester dem entführten Mädchen vor. Ich, der ich nicht weit davon stand, beklagte herzlich, daß ich weder Schreibtafel noch Griffel hatte, ein so herrliches Märchen niederzuschreiben.

In dem Augenblick kehren die Räuber von irgendeinem großen Gefechte wieder ganz beladen nach Hause. Die muntersten unter ihnen eilen, die Verwundeten zu verbinden und zu Bette zu bringen, um dann, wie sie sagten, wieder fortzuziehen, den in einer Höhle versteckten Überrest der Beute nachzuholen.

Nachdem sie das Essen in aller Geschwindigkeit hintergeworfen, nahmen sie mich und das Pferd zum Tragen der zurückgebliebenen Sachen mit, und so bergauf und bergab, die Kreuz und Quer fort, unter manchem derben Lendenhieb, den sie uns mit ihren Knütteln versetzten, bis wir endlich ganz gegen Abend zu der Höhle gelangten. Ohne uns da die mindeste Zeit zum Ausruhen zu lassen, beluden sie uns mit erstaunlich vielen Sachen, und augenblicklich wieder rückwärts, und zwar mit solcher Eile, daß über dem unaufhörlichen Prügeln und Stoßen ich endlich über einen an der Straße liegenden Stein zu Boden stürzte. Hatte es vorher schon Prügel geregnet, so regnete es ihrer nun über alle Maßen, bis ich, so lahm und geschunden ich auch am rechten Hufe und linken Buge war, mich dennoch wieder aufraffen mußte.

»Wie lange«, hub darauf einer von den Räubern an, »wie lange werden wir doch wohl die alte Schindmähre so umsonst ernähren?«

»Jawohl!« gab ein anderer zur Antwort, »und es scheint wirklich, als ob das Unglück auf dieser alten Kracke zu uns geritten gekommen. Seitdem wir sie haben, haben wir auch keinen einzigen Vorteil davongetragen, wohl aber Wunden und so manchen Verlust an tapferen Kerlen.«

»Nun«, versetzte der erste wieder, »die Tracht da muß das träge Tier noch heimtragen, es mag sich nun auch dazu anstellen, wie es wolle; aber dann breche ich ihm auch zuverlässig den Hals und gebe es den Geiern zur Beute!«

Derweilen meine wilden Herren also über meinen Tod wortwechselten, waren wir wieder heim; denn Furcht hatte meine Fersen beflügelt.

Sie schafften hurtig alles, was wir mitgebracht hatten, beiseite, bekümmerten sich weiter weder im Guten noch Bösen sowenig um das Pferd als um mich, sondern sahen nur nach den Verwundeten, die sie zurückgelassen hatten, und dann rannten sie abermals fort, um, wie sie sagten, noch die letzte Nachlese zu halten.

Inzwischen blieb mir die geschehene Drohung des Todes wie ein Stachel im Herzen zurück.

»Was stehst du da, worauf wartest du noch, Lucius?« sprach ich zu mir selber. »Dein Urteil ist gesprochen, dir ist der bitterste Tod bereitet! Wie du siehst, braucht’s auch weiter keiner großen Anstalten zur Exekution, die nahen Felsen da mit den spitzen, hervorragenden Klippen scheinen nur darauf zu warten, dir den Garaus zu machen. Wohin du auch fallen magst, du wirst nicht ganzbeinig davonkommen. Hätte dich deine heillose Magie doch nur gänzlich zum Esel gemacht. Aber da hat sie dir nur des Esels Ansehen und Elend gegeben und statt seines dicken, unempfindlichen Felles, die feine dünne Haut eines Blutegels! Ermanne dich denn und rette dich, da es noch Zeit ist! Jetzt, da die Räuber abwesend sind, hast du die schönste Gelegenheit zur Flucht; denn vor dem alten Gespenste von Weib wirst du dich ja nicht fürchten? Die kannst du dir mit einem einzigen Schlage, und wär’s auch nur mit dem lahmen Fuß, vom Halse schaffen. Aber wohin fliehen, wo unterkommen? Nun, da haben wir den Esel! Als ob nicht jedweder Vorübergehende einen Kauz wie dich mit offenen Armen aufnehmen würde, auf dem er, statt des mühseligen Gehens, ruhig nach Hause reiten kann!«

Und somit war auch der Riemen, mit dem ich angebunden, den Augenblick zerrissen, und dahin trollte ich.

Unterdessen konnte ich den Spionenaugen der alten Hexe nicht entgehen. Sie sah mich mich losmachen, lief herbei, und mit einem Mute, den ich weder ihrem Geschlechte noch ihrem Alter zugetraut hätte, fiel sie mir in den Zügel und suchte mit all ihren Kräften und mit den besten Worten von der Welt mich zurückhalten. Allein alles verfing bei mir nicht. Der Drohung der Räuber wohl eingedenk, ließ ich mich von keinem Mitleide rühren. Ich versetzte ihr mit den Hinterfüßen einen solchen Schlag, daß sie die Beine in die Höhe kehrte. Gleichwohl ließ sie den Zügel nicht fahren. Ich schleppte sie eine weite Strecke hinter mir her. Sie kreischte laut auf, sie rief, sie schrie aus vollem Halse um Hilfe. Niemand kam, denn es war niemand da, der ihr helfen konnte, außer dem einzigen gefangenen Mädchen. Diese kam am Ende auf das gelle Geschrei wirklich herbei; aber sie sah nicht sobald das merkwürdige Schauspiel – die alte Dirce62, zwar nicht von einem Stier, sondern von einem Langohr geschleift –, als sie schier mit männlicher Kühnheit die schönste Tat unterfing.

Sie riß der Alten den Zügel aus den Händen, besänftigte mich durch schmeichelhaftes Klopfen, schwang sich dann behend auf meinen Rücken und sprengte mit mir davon.

Ich, der ich schon vorher von Begierde, zu entfliehen, entflammt war und jetzt sowohl durch den Wunsch, das Mädchen zu retten, als durch die oft wiederholten Streiche, die ich bekam, dazu noch weit mehr angereizt wurde, ich schlug wie ein edles Roß mit leichtem Hufe den Boden und wieherte fröhlich in den sanften Zuruf des Mädchens. Auch drehte ich zuweilen meinen Nacken zurück, und unter dem Scheine, mit auf dem Rücken zu jucken, küßte ich meiner holden Reiterin niedliche Füßchen.

Endlich holte das Mädchen einen tiefen Seufzer, sah mit kummervollen Blicken gen Himmel und sprach:

»Oh, ihr Götter! Stehet mir bei in dieser äußersten Gefahr! Und du, o Unglück! Höre endlich auf, gegen mich zu wüten; ich habe dir ja sattsam durch unaussprechliche Leiden gedient! Du aber, du mein Befreier, mein Erretter, wenn du mich wohlbehalten meinen teuren Eltern, meinem geliebten Bräutigam zurückbringst, o dann, wie werde ich dir danken, wie hoch werde ich dich ehren, wie köstlich werde ich dich speisen! Deine Mähne sollen meine Hände mit Sorgfalt kämmen und mit meinem jungfräulichen Geschmeide ausschmücken, deinen Schopf will ich kräuseln und zierlich putzen, die Haare deines Schwanzes, die jetzt schmutzig und verworren aus Vernachlässigung herabhangen, mit Geflissenheit will ich die säubern und gefällig sie sondern; du sollst über und über von goldenen Buckeln wie von himmlischen Sternen schimmern. Mit Jauchzen und Frohlocken soll dich das Volk empfangen, sooft du erscheinst, und in großem Gepränge dich begleiten. Und täglich sollst du aus meinem seidenen Schoß dich in Mandelkernen und Zuckerbrot sättigen. Doch bei all den leckeren Speisen, bei Ruhe und Gemächlichkeit und sonst allen Freuden des Lebens soll es dir auch nicht an Ruhm fehlen! Ich will das Andenken meiner gegenwärtigen Flucht und des glücklichen Entkommens durch ein herrliches Denkmal verewigen. Ich will uns fliehend malen lassen, und feierlich soll dies Bild in der Halle meines Hauses aufgehängt werden. Bald, so wird man unsere Geschichte auch in Liedern und Komödien zu hören und zu sehen bekommen, und wer weiß, welch ein stattlicher Roman noch einst zum Titel führt: ›Die auf deinem Esel der Gefangenschaft entronnene königliche Prinzessin.‹ Du, guter Esel, wirst vielleicht auch noch die alten Wunder bestätigen helfen! Um der Wahrheit willen deines neueren Beispiels wird man hinfort um so fester glauben, da Phrixus63 auf einem Widder durch den Hellespont geritten, Arion64 von einem Delphin gerettet und Europa65 von einem Stiere nach Kreta getragen sei. Und hat Jupiter wirklich in Stieresgestalt gebrüllt, so kann ja wohl auch unter diesem Esel ein Mensch oder gar ein Gott verborgen sein!«

Unterdessen das Mädchen also betete, schwatzte und mitunter wohl auch einmal tief und schwer seufzte, unterdessen kamen wir an einen Scheideweg.

Sie ergriff sogleich die Zügel und wollte mich links lenken, weil da der Weg zu ihren Eltern ging.

Da ich aber wußte, daß die Räuber diesen Weg genommen hatten, das Zurückgebliebene nachzuholen, so sperrte ich mich aus Leibeskräften dagegen, und in meinem Sinne hielt ich ihr folgende Standrede: »Was machst du, was beginnst du, unglückseliges Mädchen? Was eilst du dem Tode gerade entgegen? Nie, nie werde ich meine Füße dazu herleihen, dich und mich ins Verderben zu tragen!«

Sie hörte nicht auf, mich links und immer wieder links zu zerren, sie peitschte, sie stieß mich; aber keine Gewalt ward über mich Herr, ich stand und machte Männerchen und wich lieber gar nicht von der Stelle.

Indem wir so miteinander uneins waren, kamen die Räuber mit dem letzten Rest ihres Raubes dazu. Sie hatten uns schon von ferne beim Mondenschein erkannt und wollten sich ganz tot über uns lachen.

»Ei, gehorsamer Diener!« rief uns einer von ihnen ganz spöttisch zu. »Wohin so eilig noch so spät in der Nacht? Und Sie fürchten sich nicht vor Gespenstern? Vermutlich wollen Mamsell inkognito einen kleinen Besuch bei Ihren Eltern abstatten? Mit Ihrer gütigen Erlaubnis werden wir Ihnen Gesellschaft leisten und auch einen nähern Weg zeigen.«

Mit diesen Worten hatte er mich schon beim Zügel erwischt und drehte mich um, nach der Höhle zu, und ließ dabei mit vieler Behendigkeit den Knüttel gar nachdenklich auf meinem Leder spielen.

Sobald ich wieder dem Tod, dem ich so zu entlaufen gedachte, wider Willen entgehen mußte, so war ich auch gleich wieder huf-, bug- und blattlahm. Ich hinkte, daß der Kopf ellenhoch auf- und niederschlug, und ich hätte das Spiel noch weiter getrieben, wenn mir nicht der Räuber, der mich wieder gehascht hatte, mit einem gewissen Tone zugerufen hätte:

»Fängst du schon wieder an zu zippern, zu humpeln und zu stolpern, du faule Bestie? Wart, ich will dir die Füße kurieren. Sie schienen doch vorher eben so morsch nicht, als es aufs Entfliehen ankam! Da ging’s ja wahrhaftig rascher noch mit dir vom Flecke als mit dem geflügelten Pegasus66

Während das Prügelwetter, das dies Kompliment begleitete und erst gar kein Ende nehmen wollte, gelangte wir zur äußersten Schanze der Räuberburg.

Siehe, da hing die Alte, einen Strick um den Hals, an dem Ast einer hohen Zypresse. Sie schnitten sie flugs ab und schleuderten sie, so wie sie war, an ihrem Halsbande in den nächsten Abgrund hinunter. Nach dem Leichenbegräbnis wurde das Mädchen erst in Ketten und Bande gelegt, und dann ging’s gleich wie reißende Tiere über die Mahlzeit her, welche das arme alte Weib ihnen noch zu guter Letzt zubereitet hatte.

Nach Verlauf einiger Zeit, während welcher die Vielfraße nur mit einem dumpfen Geräusch ihrer Gefräßigkeit opferten, kam endlich unsere Flucht auf das Tapet, und es wurde Rats gepflegt, wie man uns dafür am füglichsten zu bestrafen hätte. Bunt ging’s da zu: so viele Köpfe, so viele Sinne. Der eine wollte, das Mädchen sollte lebendig verbrannt werden, der andere war der Meinung, man müsse sie wilden Tieren vorwerfen, der dritte hängte sie an den Galgen, der vierte zerfleischte sie auf der Folterbank. Nur darin stimmten sei allesamt überein, daß sie den Tod erwirkt habe.

Zuletzt, als der größte Lärm sich gelegt hatte, hub einer mit vieler Gelassenheit also zu reden an:

»Kameraden! Es würde nicht der Regel unseres Ordens, nicht mit der Sanftmut eines jeglichen unter uns, nicht mit meiner eigenen Gerechtigkeitsliebe übereinstimmen, wenn ich zulassen wollte, daß ihr jetzt bei Bestrafung des gegenwärtigen Verbrechens so alles Maß überschrittet und alles Ziel. Hinweg mit den wilden Tieren, dem Galgen, dem Feuer, der Folterbank und überhaupt mit jedem frühen, schleunigen Tode. Wollt ihr meinem Rate folgen, so schenkt dem Mädchen das Leben; aber schenkt es ihr so, wie sie es verdient. Ihr erinnert euch, was ihr schon längst über den Esel da beschlossen habt. Schon immer unausstehlich faul auf den Füßen, aber desto geschäftiger mit den Kinnbacken, hat er sich durch verstelltes Unvermögen und durch gutwillige Beihilfe zur Flucht des Mädchens jetzt noch schuldiger gemacht als jemals. Laßt uns diesen morgenden Tags erwürgen, ihn völlig ausnehmen; das Mädchen, das er uns hat davontragen wollen, nackend in seinen Bauch einnähen, so daß sie nur mit dem Gesichte hervorragt, mit dem übrigen Leibe aber ganz in ihm eingefuttert ist; darauf laßt uns diesen gefüllten Esel nehmen und auf einen hohen freien Felsen tragen und ihn da an den Strahlen der Sonne braten. Auf diese Art leiden beide Verbrecher, was ihr ihnen mit so vieler Klugheit bestimmt hattet. Der Esel den Tod, den er längst schon verdient gehabt; das Mädchen aber die Bisse der wilden Tiere, wenn die Würmer ihre Glieder zernagen, die Glut des Feuers, wenn die allzugroße Sonnenhitze ihre Hülle entzündet, alle Marter des Galgens, wenn Hunde und Vögel ihr die innersten Eingeweide aus dem Leibe reißen, und außerdem noch weit andere größere Qualen und Drangsale mehr. Denn lebendig muß sie den Bauch eines verreckten Viehes bewohnen, muß beständig den unausstehlichen Gestank des Aases einatmen, muß vor Hunger elendiglich, allmählich hinsterben, ohne daß ihre freien Hände ihr den Tod zu geben vermögen.«

Als er so gesprochen, ging alles einmütig zu seiner Meinung über. Mir, der ich’s mit gereckten Ohren so mit anhörte, blieb weiter nichts übrig, als meine morgende Leiche zu beweinen.

Zweiter Teil

Siebentes Buch

Sobald nach vergangener Finsternis der Tag anbrach und der glänzende Sonnenwagen alles erleuchtete, kam noch ein neuer Kamerad der Räuber an. Nach gegenseitiger freundlicher Begrüßung setzte er sich in den Eingang der Höhle hin, ließ sich ein wenig zu Atem kommen und erstattete darauf seinen Kollegen folgenden Bericht:

»Was des Hypaters Milo Haus anlangt, das wir neulich beraubt haben, so dürfen wir deshalb ganz ruhig und außer Sorgen sein. Nachdem ihr, tapfere Kameraden, alles ausgeräumt hattet und nach unserem Standquartier zurückgezogen waret, mischte ich mich, wie ihr es mir befohlen, unter die zusammengelaufenen Leute, schimpfte und klagte weidlich mit ihnen über die geschehene Untat, paßte aber wohl auf, was man wegen Untersuchung derselben beschließen möchte, und ob überhaupt oder inwiefern darüber Nachsuchung angestellt werden sollte.

Hier ist, was ich eingezogen!

Jedermann gibt, nicht auf Mutmaßung, sondern aus wahrscheinlichen Gründen, einen gewissen Lucius für den unzweifelhaften Täter des geschehenen Diebstahls an. Dieser Schelm habe sich vor kurzem durch falsche Empfehlungsschreiben bei dem Milo eingeschlichen und sei von demselben als Gastfreund in sein Haus aufgenommen worden. Daselbst habe er sich verschiedene Tage aufgehalten, während welcher er die Magd des Milo durch unerlaubten Umgang auf seine Seite gebracht und alle Schlösser des Hauses und alle Behältnisse, worin der Wirt sein Vermögen verwahrt, untersucht und ausgekundschaftet. Es wäre auch nicht die geringste Spur von dem Bösewichte zu entdecken. Er wäre mit dem Augenblicke, da der Diebstahl geschehen, verschwunden und nirgend mehr anzutreffen. Auch hätte es ihm nicht an Mitteln gefehlt, seine Flucht zu beschleunigen und den Nachsetzern zu entgehen, da er gleich zu der Absicht mit einem schönen Schimmel versehen gewesen. Zwar habe man seinen Kerl noch im Hause gefunden und denselben in Verhaftung genommen, weil man geglaubt, er würde die Anschläge seines Herrn verraten. Allein ungeachtet dieser den andern Tag lange gefoltert und fast bis auf den Tod gemartert worden, so habe er doch nicht das geringste Nachteilige von seinem Herrn bekannt. Gleichwohl habe man viele Abgesandte nach dieses Lucius’ Vaterland geschickt, um daselbst wegen Bestrafung des Verbrechers anzusuchen.«

Während dieser also erzählte, verglich ich bei mir selbst meine vormalige Glückseligkeit als Lucius mit meinem jetzigen Elende als Esel und seufzte aus dem Innersten meines Herzens. Ich begriff jetzt, daß die klugen Alten nicht ohne Grund das Glück blind und völlig augenlos gebildet; da es mit seiner Gunst nur immer gegen böse und unwürdige Leute verschwenderisch ist, nie mit Beurteilung unter den Menschen eine Wahl trifft, vielmehr die am meisten vorzieht, vor denen es selbst laufen würde, wenn es sie sehen könnte, und (was von allem das Ärgste ist) über unsere Meinung ebenso wunderlich als widersinnig waltet, so daß der Schurke oft für einen rechtschaffenden Kerl gilt, indem der Biedermann wie ein Bösewicht behandelt wird.

»Dich« – sagte ich bei mir selbst –, »den es schon in seiner schlimmsten Laune zu dem allerverächtlichsten Tiere herabgewürdigt hatte, dessen Unglück auch dem verruchtesten Menschen Erbarmen und Mitleiden abgelockt haben würde, dich noch mit dem Verdachte der Beraubung, ja der Ermordung deines teuren Gastfreundes zu beladen! Und du mußt es noch so mit anhören und kannst dich nicht einmal verteidigen oder die Sache nur mit einem Worte leugnen!«

Endlich übernahm mich die Ungeduld: »Stehst du so dabei«, dachte ich, »und sagst nichts, so scheint’s, als habest du ein böses Gewissen und sei die abscheuliche Beschuldigung wahr.« Ich wollte also wenigstens ausrufen: »Ich bin unschuldig!«

Das erste Wort kam ganz gut und laut und mehr als einmal heraus, allein die übrigen vermocht’ ich auf keine Weise hervorzubringen. Ich mochte meinen unförmigen, ungeschickten Lippen noch so viel Gewalt antun, ich mochte sie noch so sehr vorstrecken und spitzen, es blieb bei demselben Tone. Ich! Ich! i-ate ich mehrmals, daß alles widerhallte.

Das alles Hadern mit dem Glücke umsonst war, blieb nichts anderes zu tun, als alles zu verschmerzen. Hatte ich mich doch schon darein geben müssen, daß ich mit meinem eigenen Reitgaule Dienst-, Last- und Krippengenosse geworden war.

Ich versank darauf in eine wichtigere Sorge, als es die über die Verletzung meines guten Leumundes war. Das über mich gesprochene Urteil, wodurch ich zum Schlachtopfer für die Seele des Mädchens verdammt worden, kehrte mir wieder zu Sinne, und ich blickte so wehmütig nach meinem Bauche hin, als wäre er schon mit dem armen Mädchen trächtig.

Unterdessen holte der Räuber, der soeben die falsche Nachricht von mir mitgebracht hatte, tausend Goldstücke hervor, die er in einem Zipfel seines Kleides eingenäht hatte. Er hätte sie, sagte er, verschiedenen Resienden abgenommen; als ein redlicher Kerl aber brächte er sie treulich zur gemeinschaftlichen Kasse. Er erkundigte sich auch sehr geflissentlich nach seiner Kameraden Befinden.

Als er hörte, daß einige von ihnen, und zwar die wackersten, bei verschiedenen gefährlichen Vorfällen draufgegangen wären, so tat er den Vorschlag: »Man solle eine Weile die Landstraßen in Frieden lassen und allgemeinen Waffenstillstand beobachten; unterdessen aber sich auf Anwerbung junger Leute legen, damit ihr martialisches Herr völlig rekrutiert und wieder so vollzählig als ansehnlich würde. Die Widerspenstigen könne man ja mit Gewalt zwingen und die Unentschlossenen durch Geschenke gewinnen, davon nichts zu erwähnen, daß sehr viele herzlich gern freiwillig zu ihrer Gesellschaft übergehen würden, um sich nur dem Joche der Knechtschaft zu entziehen und bei ihnen ein freies Herrenleben zu führen. Er für sein Teil sei unlängst einem großen, vierschrötigen, handfesten, jungen Kerl begegnet und habe ihm angeraten und endlich ihn auch überredet, die Nerven seines Armes nicht in steter Faulheit erschlaffen zu lassen, sondern zu etwas Besserem anzuwenden, den Vorteil einer festen Gesundheit sich noch zur rechten Zeit zunutze zu machen und nicht schüchtern nach kärglichen Almosen seine starke Faust auszurecken, mit der er gebieterisch große Geldsummen einfordern könnte.«

Der Rat ward beliebt; es wurde beschlossen, sowohl den halb und halb Angeworbenen aufzunehmen, als auch aufs Rekrutieren auszugehen.

Darauf ging der Werber fort, und nach Verlauf kurzer Zeit kehrt er wieder mit einem so schönen, großen Kerl, wie er versprochen hatte, zurück. Fast keiner von den Anwesenden konnte sich mit demselben vergleichen. Ohne von seiner übrigen stammhaften Leibesstatur zu reden, war er noch einen Kopf größer als alle insgesamt, und das Milchhaar kräuselte sich kaum erst auf seinen Wangen. Sein Anzug bestand aus lauter Lumpen von allerhand Farben, die übel zusammengefügt waren, kaum bedeckten sie ihn halb; allenthalben strebte daraus eine breite Brust und ein mit dicker Schmutzrinde überzogener Leib hervor.

Als er hereintrat, sprach er:

»Seid gegrüßt, ihr wackeren Diener des Gottes Mars, bald meine Brüder! Und wollet willig unter euch einen Menschen aufnehmen, der sich freiwillig anbietet, sein Leben schon oftmals gewagt hat, lieber Wunden als Geld empfängt und dem Tode, den andere scheuen, kühn Trotz zu bieten weiß! Glaubt nicht, daß Mangel oder Verworfenheit mich zu euch treibe, und beurteilt meine Verdienste nicht aus diesen Lumpen; denn, wie ihr mich hier seht, bin ich Hauptmann der allerstärksten Bande gewesen und habe ganz Mazedonien verwüstet. Ich bin jener berühmte Straßenräuber, der thrazische Hämus, bei dessen Namen ganze Provinzen zittern. Mein Vater hieß Thero und ist gleichfalls unter den Straßenräubern namhaft. Er hat mich mit Menschenblut gesäugt und mitten unter seiner Banditenbande erzogen. Ich bin Erbe und Nacheiferer seiner hohen Eigenschaften. Allein die ganze zahlreiche Gesellschaft, die er mir hinterließ, mitsamt den großen Schätzen allen hab’ ich innerhalb eines kurzen Zeitraums verloren, weil ich den ersten kaiserlichen Finanzminister, der in Ungnade gefallen war, im Vorbeigehen an der Seeküste angefallen hatte. Doch ich will euch die ganze Sache in ihrer Ordnung erzählen:

Es lebte am kaiserlichen Hofe ein mit vielen Würden und Ämtern bekleideter Herr in großer Gunst und Ansehen. Neid machte sich an ihn, feindete ihn an, stürzte ihn; er ward verbannt. Seine Gemahlin, eine gewisse Plotina, eine Frau von seltener Treue und Tugend, die ihrem Gatten schon zehn Kinder geboren, verschmähte und verachtete der Hauptstadt üppige Ergötzlichkeiten, teilte den Kummer ihres Gemahls und gesellte sich ihm im Elende als Gefährtin zu. Sie schor sich das Haar ab, kleidete sich wie eine Mannsperson, versteckte Juwelen, Geschmeide und Spargeld in ihrem Gürtel und ging so unerschrocken unter der Wache und unter den blanken Schwertern einher, jeglicher Gefahr teilhaftig, immer wachsam auf die Wohlfahrt ihres Gemahls und mit echtem männlichen Mut alle Mühseligkeiten erduldend.

Schon waren fast alle Beschwerlichkeiten und Gefahren der Reise zu Wasser und zu Lande glücklich überstanden und man steuerte auf Zakynthus los, welches dem Verbannten vor der Hand zum Aufenthalt war angewiesen worden, als man sich einfallen ließ, vorher am aktiischen Gestade noch anzulegen, allwo wir eben, nachdem wir von Mazedonien herabgekommen waren, unser Wesen trieben. Die ganze Schiffsmannschaft verließ den Bord, um in einem kleinen Wirtshaus nicht weit vom Meere zu übernachten. Wir überfielen sie darin und plünderten sie rein aus, wiewohl nicht ohne die allergrößte Gefahr; denn sobald nur Plotina das erste Geräusch an der Haustüre hörte, stürzte sie in die Stube hinein und machte durch ihr ängstliches Geschrei alles wach. Soldaten, Bediente, die ganze Nachbarschaft rief sie zu Hilfe, und hätten sich nur die Leute nicht alle selbst gefürchtet und vor Angst verkrochen, wir wären nimmermehr so ungestraft davongekommen.

Hierauf kam das treue Biederweib (denn ich muß ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen) mit ihren Bitten bei dem Kaiser ein, und da sie ihrer Klugheit und ihres guten Herzens wegen allgemein beliebt ist, so erhielt sie sowohl die schleunige Zurückberufung ihres Gemahls als auch vollständige Rache wegen der Beraubung.

Kurz, der Kaiser wollte nicht, daß des Hämus’ Straßenräubergesellschaft ferner bestehen sollte; den Augenblick war es auch damit aus. So viel vermag der bloße Wink eines großen Fürsten!

Als nun einige Kompanien Soldanten nachsetzten und alle meine Leute niedermachten, entwischte ich noch mit genauer Not und ganz allein davon.

Ich entkam dem Tode, der mich gleichsam schon in seinen Klauen hielt, auf folgende Art: Ich legte ein geblümtes Weiberkleid an, das hübsch weit und lang war und recht schlotterig saß, setzte eine Mütze auf, zog weiße dünne Schuhe an, wie das andere Geschlecht zu tragen pflegt, und also vermummt bestieg ich einen Esel, der Gerste trug, und ritt glücklich mitten durch die Haufen der mir nachstellenden Soldaten hindurch. Sie ließen mich frei und ungehindert passieren, weil sie mich für eine Eseltreiberin ansahen; denn ich hatte damals noch keinen Schein von Bart.

Inzwischen, so enge ums Herz es mir auch unter den Schnapphähnen ward, so blieb ich dennoch des Ruhms und der Tapferkeit meines Vaters eingedenk. Unter meiner Vermummung fand ich leicht in den Schlössern und Landhäusern Zugang, und war ich gleich allein, so scharrte ich demungeachtet einen ansehnlichen Reisepfennig zusammen.«

Hiermit schnallte er sein Wams auf und schüttete zweitausend Goldstücke aus.

»Da«, sprach er, »diese Kleinigkeit biete ich von ganzem Herzen eurer Gesellschaft zum Antrittsgeld und mich selbst unmaßgeblich zum Anführer dar mit der Verheißung, diese eure steinerne Wohnung in gar kurzer Zeit in eine goldene zu verwandeln!«

Ohne Anstand und ohne Bedenken übertrugen die Räuber ihm einstimmig die Hauptmannschaft. Sie brachten sogleich ein stattliches Kleid hervor und ließen es ihn statt des zerlumpten Kleides anziehen. Als er geputzt war, küßte er sie die Reihe herum. Nun wurde er bei Tische auf den Ehrenplatz gesetzt und unter weidlichem Gebecher bei einem fröhlichen Schmause eingeweiht.

Unterm Tischgespräche ward er von des Mädchens Flucht und von meiner willigen Beihilfe und von dem uns zugedachten abscheulichen Tode unterrichtet. Er erkundigte sich, wo das Mädchen wäre, und ließ sich zu ihr führen. Als er sie gesehen, wie sie krumm zusammengeschlossen dalag, ging er mit gerümpfter Nase wieder hinweg und sprach:

»Ich bin weder so einfältig noch so verwegen, daß ich dasjenige, was ihr beschlossen habt, geradezu aufheben sollte. Inzwischen würde ich mir doch auch Vorwürfe machen, euch das zu verhehlen, was mir gut dünkt. Hört mich in dem Vertrauen an, daß euer Vorteil mir am Herzen liegt! Mißfällt euch meine Meinung, nun, so bleibt die Erfüllung der eurigen euch ja immer unverwehrt.

Ich denke also: Räuber, die ihr Handwerk verstehen, müssen nichts in der Welt ihrem Vorteile vorziehen, selbst die Rache nicht, mit der man ohnehin nur allzuoft ebensosehr sich selbst als andern schadet! Gesetzt, ihr lasset das Mädel im Esel umkommen, so ist’s wahr, euer Mütlein habt ihr gekühlt; aber euer Vorteil, was gewinnt der?

Darum, so wäre mein unmaßgeblicher Rat: Bringen wir die Dirne lieber nach irgendeiner Stadt, und da sie verhandelt! Für solch eine Jugend kann man etwas lösen. Ich kenne Kuppler, die sie uns mit tausend Freuden für bare alte Dukaten abnehmen. Laßt denn das gnädige Fräulein eine Bordelldame werden! Die Lust zu einer anderweitigen Flucht wird ihr da schon vergehen, und bei dieser so trefflichen Versorgung seid ihr wahrhaftig nicht minder gerächt.

So wäre mein Vorschlag nach meinen besten Einsichten! Ich halt’ ihn für ersprießlich, stelle ihn euch aber völlig anheim. Es ist eure Sache, ihr seid Herren und Meister, zu tun oder zu lassen, was ihr wollt!«

Also sprach er und erwies sich dadurch zu gleicher Zeit als einen ebenso eifrigen Plusmacher denn Erretter des Mädchens und von mir armen Grauchen.

Die anderen ratschlagten ein Langes und Breites. Mir war bei ihrer Unschlüssigkeit nicht wohl; mein Herz war in der Klemme. Endlich und endlich traten sie alle einhellig der Meinung des neuen Ankömmlings bei, und dem Mädchen wurden sogleich die Fesseln abgenommen.

Wer hätte es geglaubt? Sobald das Mädchen nur den jungen Kerl gesehen und von Bordell und Kuppler gehört, wußte sie sich vor Freuden nicht mehr zu lassen. Das empörte mich gewaltig. Ich ward auf das ganze Geschlecht ungehalten, als ich sah, wie ein junges Ding, das so viele Liebe zu ihrem Bräutigam und so großes Verlangen nach einer ehelichen Verbindung bezeugt hatte, so ehrvergessen und bei erster Erwähnung eines liederlichen, unzüchtigen Hauses so über die Maßen erfreut sein konnte.

»Ach, sie haben alle weder Sitten noch Charakter!« brach ich bei mir selbst voller Unwillen aus. Das schöne Geschlecht verzeihe es! Ich sprach’s als – Esel.

Der neue Hauptmann nahm darauf wieder das Wort.

»Jetzt«, sprach er »laßt uns vorerst unserem Beschützer, dem Mars, ein Dankfest feiern und dann auf Verkauf des Mädels und auf Anwerbung neuer Rekruten ausziehen! Aber, mir deucht, es fehlt uns wohl an Opfertier und an hinlänglichem Vorrate von Wein zum Trinken. So gebt mir nur ihrer zehn Gefährten zu, mehr braucht’s nicht, damit ich nach dem nächsten Schlosse gehe und dort Ernte halte zu unserem Schmause!«

Das geschah, und er marschierte mit ihnen fort.

Unterdessen zündeten die übrigen ein großes Feuer an und errichteten aus frischen Rasen dem Gotte Mars einen Altar.

Nach Verlauf kurzer Zeit kehrten jene wieder zurück, große Weinschläuche auf den Schultern und eine Herde Vieh vor sich her.

Ein großer, bejahrter, langhaariger Ziegenbock ward gleich zum Opfer auserlesen und dem helfenden und schützenden Mars geschlachtet. Darauf ging es an die Zubereitung des herrlichen Gastmahls.

»Nicht genug«, begann endlich der Hauptmann, »daß ich bei euren Auszügen und Räubereien euer rüstiger Anführer bin, ich will es auch bei eurem Vergnügen sein.«

Und damit schickt er sich an, mit großer Geflissenheit alles zu besorgen. Er wischt, kehrt, schwenkt, deckt, kocht, richtet an, trägt auf, legt vor – es war ein Vergnügen, ihn zu sehen. Vor allen Dingen aber ließ er sich angelegen sein, die großen Humpen recht fleißig anzufüllen. Und unter dem Scheine, als holt er etwas, das bei Tische fehle, ging er von Zeit zu Zeit dahin, wo das Mädchen lag. Bald brachte er ihr Essen, das er heimlich wegpraktiziert, bald ließ er sie aus seinem Becher trinken, nachdem er vorher selbst kredenzt. Er war seelenvergnügt.

Das Mädchen ihrerseits nahm alles mit Freuden an, was er ihr zusteckte, und wenn er ihr zuweilen eine Kuß geben wollte, reichte sie ihm zuvorkommend den Mund hin. Das verdroß mich ungemein.

»Pfui«, apostrophierte ich sie unwillig bei mir selbst, »bist du ein ehrliches Mädchen und kannst du so der Eheverlobung und deines Geliebten vergessen? Kannst dem Bräutigam, den deine Eltern dir zugedacht, diesen wildfremden, blutdürstigen Räuber vorziehen? Du mußt ja gar kein Gewissen haben, daß du deine Liebe so mit Füßen trittst und hier unter Lanzen und Schwertern Unzucht treibst! Weißt du wohl, daß, wo es die anderen Räuber merken, du gleich wieder zur alten Strafe verurteilt werden und mir also das Leben rauben wirst? Wahrhaftig, das heißt, aus anderer Leute Leder Riemen schneiden!«

Indem ich aber noch so in meinem Herzen mit ihr haderte, merkte ich mit einmal aus einigen dunklen Reden die aber doch für einen Esel von Verstande Sinn hatte, daß ich gegen das arme, unschuldige Kind einen gar falschen Verdacht hegte, indem der vermeinte berühmte Straßenräuber Hämus kein anderer war als Tlepolem selbst, ihr Bräutigam. Aus der Folge ihres Gesprächs ward mir’s vollends offenbar, denn meine Gegenwart legte ihnen nicht den geringsten Zwang an.

»Nur guten Muts, süße Charite!« – sagte er etwas laut zu ihr – »bald sollst du diese deine Feinde alle als deine Gefangenen sehen!«

Mit den Worten ging er und schenkte den Schwelgern bei Tische, die schon alle ihre völlige Ladung hatten, lauter ungemischten und nur etwas laugemachten Wein ein, munterte sie dabei noch unaufhörlich zum Trinken auf, tat ihnen aber nur immer aus leeren Bechern Bescheid.

Wahrlich, ich habe ihn im Verdacht, daß er ihnen ein schlafbringendes Mittel in den Trunk getan; denn stracks lagen sie allesamt wie tot da, in Schlaf und Weine begraben.

Nun war er drüber her, sie dicht und fest zu knebeln und zu binden, und als er damit fertig war, setzte er sein Mädchen mir auf den Rücken und sofort der Heimat zugewandert!

Wie wir uns derselben näherten, ergoß sich schier die ganze Stadt aus den Toren. Eltern, Anverwandte, Freunde, Pflegekinder, Gesinde, alles kam jauchzend uns entgegengerannt; in allen Augen blitzte die Freude des Wiedersehens. In kurzem hatten wir ein unzähliges Gefolge. Groß und klein, jung und alt, Mann und Weib wimmelte in fröhlichem Getümmel um uns her. Auch war es in der Tat ein seltenes und merkwürdiges Schauspiel, ein Mädchen im Triumph auf einem Esel einziehen zu sehen.

Was mich betrifft, um gleichfalls meinen Anteil an der gegenwärtigen erfreulichen Begebenheit blicken zu lassen und bei der allgemeinen Freude nicht gleichgültig zu scheinen: Ich stolzierte hochtrabend einher, und mit emporgereckten Ohren und offenen Nüstern frohlockte und jubilierte ich dermaßen aus vollem Halse, daß alles nur dröhnte.

Also gelangten wir zu Charitens Wohnung.

Ihre Eltern trugen sie auf ihren Händen hinein und pflegten ihrer mit der allerzärtlichsten Sorgsamkeit. Mich aber trieb Tlepolem unverzüglich mit anderen Saumtieren mehr, von einer großen Menge Leute begleitet, wieder zur Räuberhöhle zurück. Ich sah es gern. Da Neugier überhaupt sehr meine Sache ist, so wünschte ich, die Räuber aufheben zu sehen.

Wir fanden sie nicht so sehr mehr vom Weine als von den Stricken gebunden.

Man säumte nicht, die meisten, so gebunden wie sie waren, in die nahen Steinklüfte hinunterzustürzen. Die übrigen stießen sich ihre Schwerter durch den Leib und ermordeten sich selber.

Hierauf würde das ganze Raubnest ausgeräumt. Man belud mich und die anderen Lastträger mit dem vorgefundenen Gold und Silber und den übrigen Sachen und zog, über die genommene Rache vergnügt und zufrieden, nach der Stadt zurück.

Die mitgebrachten Reichtümer wurden in die öffentliche Schatzkammer gelegt; dem Tlepolem aber ward sein wiedergeholtes Mädchen gesetzmäßig zur Gattin gegeben.

Hinfort hat mich die schöne Charite beständig ihrem Erretter genannt und sehr geflissentlich für mich gesorgt. An ihrem Hochzeitstage ließ sie mir so viel Heu und Gerste geben, daß ein baktrisches Kamel daran genug gehabt hätte. Was wünschte ich der armem Fotis nicht all für Böses an, daß sie, anstatt in einen Esel, mich nicht lieber in einen Hund verwandelt hatte: denn diese machten sich wenigstens fette Mäuler beim Schmause und stopften sich bis zum Übermaße mit den leckersten Überbleibseln voll.

Am Morgen nach der Brautnacht, nach dem ersten Genusse der süßen Freuden der Liebe, hatte die holde Charite nichts Angelegeneres, als ihre Eltern und ihren Gemahl aufs neue recht dringend an die große Verbindlichkeit zu erinnern, die sie schuldig zu sein glaubte. Man versprach ihr, mich nach Verdiensten zu belohnen, und sofort wurde eine Versammlung der ältesten Hausfreunde angestellt, um über die Art und Weise wohlweislich zu beratschlagen.

Einer von den Mitgliedern dieses hohen Rates schlug vor, man solle mich, von aller Arbeit frei, im Stalle mit gestampfter Gerste, mit Bohnen und Wicken totfüttern.

Allein ein anderer redete meiner Freiheit das Wort und trug den Beifall davon. Er riet, mich lieber auf offenen Triften frei unter den Pferden herumlaufen zu lassen, dabei würde mein Vergnügen ebensosehr gewinnen als die Herrschaft den Vorteil; denn ich würde mit den Stuten schöntun, und da würden dann brav Maulesel fallen.

Unverzüglich wurde der Gestütmeister gerufen und ich ihm mit den schönsten Empfehlungen übergeben.

Froh und fröhlich trollt’ ich vor ihm hin, in meinen Gedanken nun auf immer alles Gepäcks und aller Lasten entledigt und voll der besten Hoffnung, da ich völlige Freiheit hätte, mit Anfang des Frühlings, wenn die Wiesen grün würden, irgendwo Rosen auszugattern. Oft ging mir auch der Gedanke durch den Sinn, da man sich jetzt schon so erkenntlich gegen mich erwies und mich als Esel so in Ehren hielt: was man alsdann nicht erst tun möchte, wenn ich die menschliche Gestalt wiederum angenommen hätte!

Allein sobald mein Gestütmeister mich nur erst weit von der Stadt weg hatte, so war leider für mich weder an Vergnügen noch an Freiheit zu gedenken. Sein altes garstiges Weib, ein wahrer Ausbund eines Geizhalses, spannte mich sogleich vor eine Zugmühle, stellte sich mit einem Prügel neben mich hin, mir damit Mut einzusprechen, und ließ mich in einem fort für sich und alle die Ihrigen Mehl mahlen. Ja, was sage ich? Sie war damit noch nicht zufrieden, daß ich ihr ganzes Hauswesen mit Mehl versah; ich mußte ihr auch noch Geld verdienen und für alle ihre Nachbarn Getreide mahlen.

Und wenn sie mir armen Schelm bei der sauern Arbeit nur noch das mir ausgemachte Futter gegeben hätte; aber da verkaufte sie meine Gerste (die ich noch selbst in mühseligem Umlaufe zermalmen mußte) an die Bauern, und mir setzte sie statt dessen, wenn ich den ganzen Tag in der Mühle gegangen war, gegen Abend ein wenig grobe unreine Kleie vor, die ich vor Steinen fast nicht fressen konnte!

Nachdem ich durch solcherlei Ungemach schon ganz zahm geworden war, übergab das grausame Geschick mich noch neuen Qualen. Der treue Gestütmeister ließ sich mit einmal, wiewohl etwas spät, einfallen, dem Befehle seiner Herrschaft nachzukommen, und tat mich zu den Pferden auf die Weide.

Ich hatte anfangs eine solche Freude, ich guter Esel, mich endlich frei und ledig zu sehen, daß ich mich nicht zu lassen wußte; ich hüpfte, tanzte, kapriolte. Mit lüsternem Auge ersah ich mir schon die schönsten Stuten zur Kurzweil aus. Allein wie bald, wie schrecklich ward ich aus dem süßen Wahne erweckt! Ich hätte schier das Leben drüber eingebüßt.

Die Zuchthengste, wilde, ungeschlachte, wohlgenährte starke Tiere, gegen die ein armseliges Eselein, wie ich war, gar nicht in Betracht kam, verstanden meinen Spaß unrecht und wurden eifersüchtig. Aus Furcht, ich möchte ihnen ins Handwerk pfuschen, setzten sie alle Gastfreundschaft hintan und verfolgten mich alle miteinander als ihren Nebenbuhler mit dem grimmigsten Haß. Der eine, von breiter Brust, langem Halse, kleinem Kopfe, bäumte sich hoch und hieb mit den Vorderfüßen auf mich ein. Der andere kehrte mir sein fleischichtes Hinterteil zu und strich mit den Hufen mir sehr unsanft in die Seiten. Der dritte kam mit boshaftem, grellem Gewieher, die Ohren zurückgelegt, die Zähne fletschend, und zerkaute mich über und über wie einen Krautstengel. Ich hatte in der Geschichte von einem gewissen thrazischen König gehört, der seine unglücklichen Gäste wilden Pferden vorwarf und sie von ihnen zerreißen und fressen ließ. Bei all seiner großen Macht war der Tyrann so geizig, daß er lieber mit Menschenfleisch als mit Hafer fütterte. Ich glaubte schier, ich wäre zu ihm geraten, so sehr waren alle Pferde des ganzen Angers auf mich erpicht. Sehnlich wünscht ich mich in meine Zugmühle zurück.

Indessen, das Glück war noch nicht müde, mich zu quälen. Es bereitete mir noch anderen neuen Jammer. Ich ward nunmehr bestimmt, Holz vom Berge herunterzuholen, und ein erzböser Bube, der seine Freude daran hatte, mich bis aufs Leben zu martern, wurde mir zum Treiber bestellt.

Nicht genug, daß ich höchst mühsam auf den hohen, steilen Berg hinaufzuklettern hatte und mir auf den spitzen Steinen ganz das Horn von den Füßen abstieß, lag der Gauner mit seinem verdammten Knüttel mir noch unaufhörlich auf den Lenden. Bis in dem innersten Mark meines Gebeins fühlt’ ich Schmerz von seinem ewigen Geprügel; weil er immer nur auf einen Fleck schlug, war auf der rechten Seite endlich gar die Haut von der Hüfte weggegangen und alles unterkötig geworden; es sah zum Erbarmen aus, doch das rührte ihn nicht. Er karniffelte drauflos, Eiter und Blut mochten noch so sehr aus der Wunde umherspritzen. Dabei überlud er mich dermaßen mit Holz, als ob ich ein Elefant gewesen wäre, und traf es sich, daß er schief gepackt hatte und die Last zu sehr auf einer Seite hing, so warf er nicht etwa einige Kloben von der zu schweren Seite ab, damit ich nicht gedrückt würde, oder legte sie nur auf die andere Seite, damit das Gleichgewicht hergestellt würde; weit gefehlt! Er nahm Steine und brachte damit meine Ladung in die Richte. Gleichwohl, wenn wir durch den Fluß setzten, der mitten in unserem Wege floß, so dachte er nicht an die ungeheure Überlast; sondern, um sich nur nicht die lieben Füßchen naß zu machen, wenn er durch die Furt watete, stieg er noch dazu auf mich und ließ sich durchtragen. Und wollte der Zufall, daß mir auf dem schlüpfrigen Ufer ein Fuß ausglitschte, und ich mit meiner Last mich nicht mehr halten konnte, sondern stürzte: anstatt dann, wie andere Eseltreiber es zu machen pflegen, mir hilfreiche Hand zu reichen, mich bei der Halfter aufzurichten, beim Schwanze in die Höhe zu heben oder einen Teil der Bürde abzuladen, bis ich wenigstens nur wieder aufgestanden, so bestand alle kräftige Hilfe, die er mir leistete, darin, daß er mir fast das Fell über die Ohren zog und mit seiner Keule mich beinahe zu Mus stampfte, bis ich endlich von selbst wieder auf die Beine kam.

Ja, das war das gebrannte Herzeleid noch nicht alles, das der Bärenhäuter mir antat! Nahm er nicht einmal Dornen mit giftigen Spitzen, band sie in ein Bündel zusammen und hing sie mir unten an den Schwanz, so daß sie, wenn ich ging, beständig hin und her baumelten und mich bei jedem Tritte, den ich tat, aufs empfindlichste verwundeten? Ich wußte nicht, was ich anfangen sollte. Lief ich zu, so kamen die Dornen dadurch in einen stärkeren Schwung und stachen beim Aufprallen nur desto schärfer; blieb ich stehen, meinen Schmerz zu lindern, so regnete es Schläge.

Kurz, alles Dichten und Trachten des abscheulichen Wüterichs schien nur dahin zu gehen, mich zugrunde zu richten. Zuweilen drohte er es mir auch unter den größten Schwüren an. Und fürwahr, um ein Haar hätte er es wirklich ins Werk gesetzt.

Die Geduld riß mir eines Tages über seinen unausstehlichen Übermut aus, und ich versetzte ihm etliche tüchtige Hufschläge. Das spannte seine Bosheit aufs höchste, und er gedachte es mir. Wie ich einmal Werg zu tragen habe, das mir mit Stricken fest aufgeschnürt war, was hat er da zu tun? Er stiehlt sich unterwegs in einem Dorfe eine glühende Kohle und versteckt sie in meiner Ladung. Es dauert keinen Augenblick, siehe, so war der ganze Praß entzündet und brannte lichterlohe, und da stand ich mitten in Flammen. Vor Schreck kam ich aus aller Fassung; ich wußte meinem Leibe keinen Rat, je schärfer das Feuer auf meinem Rücken brannte, je verwirrter ward ich. Ich gab mich für verloren.

Allein hold lächelte mir das Glück in dieser dringenden Not und rettete mich von dem mir bereiteten gegenwärtigen Verderben, um vielleicht mich zu neuen größeren Gefahren aufzusparen. Es zeigte sich mir in der Nähe eine vom gestrigen Regen zusammengelaufene Pfütze; mit einem Satze saß ich darin bis über die Ohren und stracks war ich von Feuer, Last und Tod befreit.

Allein, sollte man’s denken? Diese seine Schandtat schob der Bösewicht gar noch auf mich. Er hatte die Unverschämtheit, gegen die anderen Stallknechte auszusagen: aus freien Stücken sei ich im Vorübergehen bei den Feuern der Nachbarn gestolpert und gefallen und habe meine Bürde recht mir Willen angesteckt. Hohnlächelnd nach mir hinblickend, setze er hinzu: »Wie lange werden wir doch noch den Feuerwurm da für nichts und wieder nichts ernähren?«

Wenige Tage darauf spielte er mir noch einen weit ärgeren Streich.

Er verkaufte in der nächsten Hütte das Holz, das ich hatte holen müssen, und trieb mich lediglich nach Hause; lamentierte aber ganz erbärmlich und fluchte und schwur; er wolle eher ich weiß nicht was sein als mein Treiber! Ich wäre so voller Untugenden, daß mit mir nicht auszukommen sei.

»Seht nur«, schrie er, »was das erzfaule, träge Luder, das nicht wert ist, daß man es anspeit, für gefährliche Händel anrichtet! Wer ließe sich wohl einfallen, daß er, sowie er nur irgendeine hübsche Frau oder ein artiges Mädchen oder einen niedlichen Jungen auf seinem Wege antrifft, gleich mit der Bürde herunter ist, auch wohl mit dem Zaune dazu, verbuhlt auf sie zuläuft und trotz seiner Eselhaftigkeit den Liebhaber bei ihnen zu spielen sich unterfängt? Er schmeißt sie ohne Umstände zu Boden und ist rasch darüberher, sein Lüstchen auf irgendeine Art an ihnen zu kühlen. Er versucht’s auch wohl, sie zu küssen; doch was kann er anders mit seiner unflätigen Schnauze als blaue Flecken stoßen oder beißen? Dabei ziehen wir den kürzeren. Das kann uns Zank und Streit zuziehen, und wir werden gewiß noch einmal deshalb in die Tinte kommen! Eben nur erst ward er noch eines jungen Fräuleins ansichtig. Wohin flog das Holz, das er trug? Bei ihr stand er in wilder Liebesglut! Behend hatte er sie schon am schmutzigen Boden hingestreckt und angesichts aller Welt wollte er darauf. Wären nicht flugs auf ihr Heulen und Zetergeschrei eine Menge Leute ihr zu Hilfe geeilt und hätten sie ihm aus den Klauen gerissen, das arme erschrockene Kind wäre auf die allerjämmerlichste Art um ihr Leben gekommen, und wir hätten die Verantwortung davon!«

Durch diese und ähnliche Lügen und Schandreden, die mich innerlich um so mehr krampften, da ich sie stumm und gleichsam beschämt mit anhören mußte, wiegelte der Bube die Gemüter seiner Kameraden dermaßen zu meinem Verderben auf, daß endlich einer darunter anfing:

»Ei, so laßt uns doch den Allerweltshurer, den Erzhörnermacher da nach Verdienst belohnen! Weißt du was, Bruder, schlachte du ihn ab! Seine Eingeweide gib den Hunden, das andere Fleisch laß für die Tagelöhner kochen; damit hat er seiner Sünden Sold! Die Haut wollen wir mit Asche austrocknen, sie der Herrschaft hineintragen und der weismachen, ein Wolf habe ihn erwürgt.«

Diese Setenz war, was mein gottloser Kläger wünschte. Ungesäumt rüstete er sich zur Exekution und lief und wetzte sein großes Messer. Die Schadenfreude lachte ihm zu den Augen heraus, als er dachte, daß er sich nun für meine Hufschläge rächen könne, die leider zu meinem größten Leidwesen ihre Absicht so schlecht erfüllt hatten.

Jedoch ein anderer aus der ehrbaren Knechteversammlung nahm das Wort und sprach:

»Nein, Brüder! das wäre unverantwortlich, wenn wir den schönen Esel da totmachen und seiner notwendigen Dienste uns darum berauben wollten, weil ich bisweilen der Kitzel sticht! Was Henker! Wir dürfen ihn ja nur wallachen, so sind wir sicher genug, daß ihm ferner kein Lüstchen mehr anwandele und wir von ihm künftig nicht das geringste mehr zu fürchten haben. Er wird obendrein dadurch noch ansehnlicher und fetter. Oh, ich kenne die Menge nicht allein solcher träger Langohren, sondern selbst der mutigsten Pferde, die vorher gar unbändig sich gebärdeten und vor Brunst sich nicht zu lassen wußten; wenn sie aber diese Schule durchgegangen waren, so zahm, so tauglich wurden, daß sie alles mit sich machen ließen und gleich gut, es sei zum Tragen oder Ziehen oder sonst wozu, zu gebrauchen waren! Wenn ihr also sonst nichts dawider habt und nur so lange warten wollt, bis ich hier in der Nähe zu Markte gewesen bin, so kann ich mir von zu Hause mein hierzu nötiges Werkzeug mitbringen und euch den verbuhlten Zeisig da mit ein paar Schnitten auf ewig so kirre machen wie ein Lamm.«

Hierdurch wäre ich freilich vom Tode gerettet gewesen; allein für welchen Preis!

Ich trauerte und weinte, als ob ich nicht einen Teil meiner selbst, sondern mein ganzes Ich verlieren sollte. Endlich beschloß ich, entweder zu verhungern oder mir den Hals zu brechen; ich stürbe alsdann zwar, doch stürbe ich wenigstens ganz.

Indem ich noch über meine Todesart noch unschlüssig nachsann, ward es Tag, und mein Halunke kam wieder, wie gewöhnlich, mich nach dem Berge abzuholen.

Eben hatte er mich an einen starken Eichenzacken gebunden und war etwas weiter hingegangen, um das Holz zu fällen, das ich heimtragen sollte, als auf einmal ein abscheulicher Bär aus der nächsten Höhle brummend herauszottelte. Sobald ich den sah, fuhr ich vor Furcht und Schreck zusammen, stellte mich auf die Hinterbeine und zerrte und ruckte, bis die Halfter, womit ich angebunden war, abriß. Nun fort, was das Zeug hält! Den Berg nicht etwa hinuntergelaufen, sondern gekollert wie eine Kugel. Wieder aufgerafft, über die Ebene hingestoben, geflogen, so sehr strebte ich, dem schrecklichen Bären samt meinem Treiber, der schlimmer noch war als ein Bär, zu entkommen.

Ein Wanderer, der mich so allein ankommen sah, fing mich auf, schwang sich hurtig auf mich und, hast du nicht gesehen, auf mich losgepaukt und querfeldein gesprengt.

Ich war froh, daß ich nur laufen durfte, damit ich weiter und weiter von den vermaledeiten Schweineschneidern wegkam. Aus Prügeln macht’ ich mir nichts mehr, ich war sie endlich gewöhnt.

Allein umsonst war mein Eilen; es sollte mir nicht so gut werden, mich zu verstecken oder zu entwischen. Das mir feindliche Glück lauerte im Hinterhalte.

Die Stutereiknechte hatten eine Färse verloren und suchten und patrouillierten danach in der Gegend umher. Von ungefähr trafen sie auf uns, erkannten mich im Augenblick an der Halfter wieder und wollten sich meiner bemächtigen. Mein Reiter hatte Mut und widersetzte sich.

»Beim Element!« rief er, »laßt mich! Was fallt ihr mich an, was soll die Gewalt?«

»Wir begegnen dir, wie es dir geziemt; du bist ein Dieb!« gaben ihm jene zur Antwort, »du hast uns den Esel gestohlen! Und sage gleich an, wo hast du den Treiber, was hast du mit ihm angefangen? Gewiß hast du ihn totgeschlagen!«

Damit rissen sie ihn zu Boden, schlugen ihn mit Fäusten, traten ihn mit Füßen; er mochte noch so sehr Stein und Bein schwören, daß er den Treiber mit keinem Auge gesehen und mich, da ich ganz frei und allein gelaufen gekommen, nur der Belohnung wegen, die er dafür vom Eigner zu erhalten gehofft, aufgefangen hätte.

»Wollte Gott«, sprach er, »der Esel könnte reden! Er würde meine Unschuld bezeugen, und ihr solltet euch schon für diese Behandlung hinter den Ohren kratzen!«

Allein das half alles nichts, die Knechte waren ungläubig. Sie legten ihm einen Strick um den Hals und schleppten ihn mit nach dem Busche, wo der Bursche zu holzen pflegte. Er war nirgends zu finden; wohl aber sah man hin und wieder zerstreute Glieder seines zerrissenen Leibes. Mir war es außer allem Zweifel, daß der Bär das Stück Arbeit verrichtet, Und traun! Ich hatte gern gesagt, was ich wußte, wenn ich nur hätte reden können. Da das aber nicht anging, tat ich, was ich konnte, ich frohlockte im Grunde des Herzens über meine endliche Rache.

Nach und nach wurden alle zerstreuten Teile des Leichnams zusammengefunden. Man setzte sie, soviel als es sich tun ließ, wieder aneinander und verscharrte sie an demselben Orte.

Meinen armen Bellerophon aber hielten nunmehr die Knechte für einen unstreitig überführten Dieb und Mörder und führten ihn vor der Hand gebunden nach der Stuterei. Mit Anbruch des folgenden Tages aber, sagten sie, sollt’ er zum Richter gebracht und seiner verdienten Strafe ausgeliefert werden.

Eben waren die Anverwandten des Burschen im besten Weinen und Wehklagen um seinen Tod, siehe, da kam richtig mein Herr Schweineschneider anspaziert, um an mir seine Operation zu verrichten. Allein es ward ihm gesagt: »Alleweile läge ihnen die Sache nicht am Herzen; er möchte morgen wiederkommen, da könnte er den verdammten Esel, anstatt zu kastrieren, auch wohl gar erwürgen, sie wollten ihm alle dabei helfen!«

Solchergestalt ward meine Beschneidung bis auf den andern Tag verschoben. Wie dankte ich da nicht aus Herzensfülle dem Jungen für diese Galgenfrist, die er mir durch seinen Tod erworben! Meine Freude währte aber sehr kurz.

Die Mutter des Burschen, ganz untröstlich über ihren Verlust, kam in völliger Trauer zu mir in den Stall geheult und geschrien, riß sich mit beiden Händen ihre grauen, mit Asche bedeckten Haare aus, zerschlug und zerkratzte sich die welken Brüste und rief:

»Und die infame Bestie hier soll so ruhig stehen, die Nase in die Krippe hängen und nur für Ausfüllung ihres bodenlosen Wanstes besorgt sein? Nicht achten meines Jammers, nicht gedenken des schrecklichen Unglücks seines Führers? Soll wohl gar meines Alters, meiner Schwäche noch spotten und für ihre Feigheit leer auszugehen glauben? Ja, sich unschuldig dünken, sich dem bösesten Gewissen zum Trotz, wie’s alle Bösewichter machen, weißbrennen?

Nein, bei allen Göttern! Du schändliches Vieh, du könntest die beredtste Zunge erborgen und würdest nicht einmal ein Kind von deiner Unschuld überzeugen! Konntest du nicht mit Beißen, konntest du nicht mit Hufschlägen den armen Jungen schützen? Ja, wie er noch lebte, da mochtest du wohl deine Hufe gegen ihn selbst spielen lassen; aber sie zu seiner Verteidigung gebrauchen – das konntest du nicht! Hättest du ihn wenigstens nur auf den Rücken genommen und wärst mit ihm davongerannt, und hättest ihn also aus den Händen des blutdürstigen Banditen gerettet! Aber so deinen Bruder, deinen Meister, deinen Gefährten, deinen Pflegevater im Stiche zu lassen und allein davonzulaufen! Du mußt nicht wissen, daß diejenigen, welche einem, der sich in Lebensgefahr befindet, Hilfe versagen, wie Totschläger behandelt werden, weil es in der Tat bübisch ist! Allein du sollst dich meines Verlustes nicht länger erfreuen, Mörder! Du sollst gleich fühlen, wie der Schmerz selbst den abgelebten Unglücklichen Jugendkräfte verleiht!«

Mit diesen Worten machte sie sich die Hände frei, band sich ihren Gürtel ab und knüpfte und schnürte mir damit die Beine dicht und fest zusammen, so daß ich keins nur rühren konnte, geschweige ausschlagen. Und nun ergriff sie den Baum, womit die Stalltüre zugestemmt wurde, und hörte auch nicht auf, mich damit zu bleuen, bevor sie nicht alle Kräfte verließen und der Bleuel, vermöge seiner eigenen Schwere, ihr aus den Händen sank.

Böse, daß die Arme ihr so bald versagten, lief sie zum Feuerherde, holte einen lebendigen Feuerbrand und begann mein Gemächte zu braten. In der äußersten Not wußt ich mir nicht anders zu helfen, als ich spritzte hintenheraus ihr dermaßen ins Gesicht, daß sie kein Auge mehr auftun noch vor Gestank bleiben konnte, und ich also das Verderben von mir abwendete; sonst wäre ich armes Eselein wirklich, gleich dem Meleager durch den Feuerbrand der rasenden Althäa67 ums Leben gekommen.

Achtes Buch

Zur Zeit des Hahnenschreis kam ein Bursche aus der Stadt, ich hielt ihn für einen von den Leuten Charitens, der Dame, welche mit mir bei den Räubern gleiche Trübsal erlitten hatte. Er setzte sich zu den Knechten ans Feuer und erzählte denselben folgende wunderbare und traurige Geschichte von ihrem Tode und dem Unglücke ihrer ganzen Familie.

»Ihr Hüter der Pferde, Schafe und Rinder«, hub er an, »die unglückliche Charite ist nicht mehr! Ein schrecklicher Zufall hat sie uns entrissen! Doch ist sie noch ohne Geleite von hinnen gegangen; aber ihr müßt alles wissen! Ich will die ganze Begebenheit von Anfang erzählen! Sie wäre wert, von gelehrten Händen niedergeschrieben und für die Nachwelt aufbewahrt zu werden.

In der Stadt war ein junger Ritter von sehr edler Abkunft und großem Vermögen, mit Namen Thrasyll. Schmausen, Buhlen, Zechen war sein Geschäft, Gauner seine Gesellschaft, und Menschenblut hatte schon mehrmals seine Hände befleckt. So wahr dies alles, so bekannt war es auch. Gleichwohl war er einer der Eifrigsten, die sich um Charitens Hand bewarben, als diese mannbar geworden.

Von allen Mitbewerbern der Vornehmste von Geburt, suchte er noch durch sehr ansehnliche Geschenke die Eltern für sich einzunehmen; doch umsonst! Seine schlechte Aufführung überwog, und er hatte den Schimpf, einen Korb zu bekommen.

Charite ward dem Tlepolem zugestanden.

Thrasyll ließ darum seine Leidenschaft für sie, so hoffnungslos sie auch war, nicht fahren, sondern nährte dieselbe zugleich mit dem Unwillen über die erlittene Verschmähung und suchte nur durch eine blutige Tat seine Rache und Liebe zu vergnügen. Eine günstige Gelegenheit bot sich ihm dazu dar, und er ließ sie nicht ungenutzt vorbeigehen.

An dem Tage, als Charite durch die List und Tapferkeit ihres Bräutigams glücklich aus den Händen der Räuber befreit worden war, kam er, unter die Menge der Gratulanten gemischt, und tat außer sich vor Freuden über die gegenwärtige Erhaltung und über das darauffolgende Beilager, aus dem, wie er sagte, notwendig die allerglänzendste Nachkommenschaft ersprießen müßte.

Er ward von der Zeit an, besonders um seiner Familie willen, unter die vorzüglichsten Gastfreunde unseres Hauses aufgenommen. Weislich verbarg er seine heimliche Tücke und spielte den Herzensfreund in größter Vollkommenheit. Durch seine Gespräche, durch häufige Besuche, durch einstweilige Gesellschaft bei der Mahlzeit, beim Weine, wußt’ er sich täglich mehr und mehr beliebt zu machen. Jedoch versank er darüber unversehens selbst in den tiefsten Abgrund der Liebe, und ganz natürlich! Denn der erste Funke der Liebe ist klein und erwärmt angenehm das Herz; aber wenn er durch den Umgang angefacht wird, so lodert er in Flammen auf, die endlich in wilder Glut unser ganzes Wesen verzehren.

Thrasyll dachte also lange bei sich selbst nach, wie er sich Charite heimlich entdecken könnte. Allein, wie ihr anzukommen, da sie beständig von Leuten umgeben und bewacht war? Wie es zu machen, ihr von seiner Liebe vorzureden, da ihre Neigung zu ihrem Gemahle im ersten Wachstume war und mit jedem Tag stärker wurde? Ja fände er, welches doch im mindesten nicht wahrscheinlich, fände er auch Gehör bei Charite; ihre jungfräuliche Unerfahrenheit würde dem Manne sogleich die verstohlene Liebe verraten.

Doch alle diese unüberwindlichen Schwierigkeiten schreckten ihn nicht ab. Einer so heftigen Leidenschaft als der seinigen dünkte nichts unmöglich. Hört, ich bitte euch! Hört mit bekümmerten Herzen, welch einen entsetzlichen Weg seine rasende Liebe einschlug!

Eines Tages nahm ihn Tlepolem mit sich, als er Wild zu jagen ausging, wofern man anders Rehe Wild nennen kann; denn andere, mit Hauern oder Hörner bewehrte Tiere ließ Charite aus Besorgnis ihren Gemahl nicht aufsuchen. Schon war der Hang eines dicht mit Wald bewachsenen Hügels mit Netzen umstellt, und die Jäger gingen auf den Anstand; man ließ die Spürhunde los, das im Lager liegende Wildbret aufzutreiben. Stracks verteilten sich diese allenthalben durch das Dickicht, und wie wohl sie abgerichtet waren, jagten sie mit heimlichen Gekläff, bis sie Witterung aufnahmen. Nun wurden sie laut, daß weit umher der ganze Forst vom heftigsten Gebell erscholl.

Kein flüchtiges Reh stand vor ihnen auf, kein schüchternes Dammtier, keine vor anderen Tieren zahme Hindin; aber ein gewaltiger Keiler, den man noch nie da gesehen hatte. Seine hangende Wamme, dick mit Kot gepanzert, gleich einem Bären über und über zottig; hoch die Borsten des Rückens gesträubt, schäumte er vor Wut, fletschte die Zähne und drohte Gefahr aus feuerflammenden Augen. Wie ein Blitzstrahl fährt er unter die Hunde, die sich ihm am kühnsten genaht, haut rechts, links um sich her mit seinen gekrümmten Gewehren, und sie liegen tot am Boden gestreckt. Nun rennt er gerade gegen das Zeug an, stürzt es im ersten Anlauf nieder, und davon, und ins Freie!

Wir alle waren schier verscheucht. Keiner anderen als gefahrlosen Jagden gewohnt und noch dazu ohne Waffen, ohne Schutz, stoben wir auseinander und verkrochen uns, so gut wir nur konnten, hinter Gesträuchen und Bäumen; allein dem Thrasyll dünkte dies die schönste Gelegenheit zur Ausübung hinterlistiger Anschläge.

›Ei!‹, rief er dem Tlepolem zu, ›wir werden uns doch nicht die Schande antun und, gleich den feigen Memmen da, vor Furcht und Schreck eine so fette Beute uns entwischen lassen? Unsere Pferde her! Wir müssen nach! Nimm du einen Jagdspieß, ich nehme eine Lanze!‹

Gesagt, getan. Sie sitzen zu Pferde und sprengen hinter dem Eber her; dieser, seiner angeborenen Stärke eingedenk, stand und schien in weilender Wut zu überlegen, welcher von beiden seinen mörderischen Zahn zuerst empfinden sollte.

Tlepolem flog vorauf und schloß mit seinem Jagdspieße den Eber in den Rücken. Unterdessen richtete mein Thrasyll seine Lanze anstatt nach dem Keiler nach dem Pferde des Tlepolem und schneidet demselben die Hessen ab. Das Pferd sank sogleich, als es sich verwundet fühlte, mit dem Hinterteile nieder und warf wider Willen seinen Reiter ab. Wie dieser fiel, saß der Eber auf ihm und zerfetzte erstlich seine Kleider, als er aber aufstand, ihn selbst auf das jämmerlichste.

Nun freute der Busenfreund sich der gelungenen Tücke und hütete sich wohl, sich von der großen Gefahr zum Mitleid rühren zu lassen. Vielmehr, indem der arme Tlepolem in Todesangst sich vor den Wunden zu decken sucht und ihn erbärmlich um Hilfe anruft, rennt er ihm seinen Spieß durch die rechte Hüfte, damit er ja auf der Stelle bliebe. Er tat es mit aller Zuversicht, da er wußte, daß diese Wunde von den Hieben des Ebers nicht zu unterscheiden sein würde. Darauf nahm er es mit dem Schweine auf, und nachdem er es mit leichter Mühe erlegt, rief er uns allesamt aus unseren Schlupfwinkeln hervor und verkündete uns den Tod unseres armen Herrn. In größter Bestürzung und Betrübnis liefen wir hinzu.

Thrasyll, ungeachtet er sich in seinem Herzen freute, daß er glücklich den Mord vollbracht, den er sich angelobt, wußte dennoch seine Freude zu verstellen und eine ernste, betrübte Miene anzunehmen. Er warf sich auf die Leiche hin, die er selbst gemacht hatte, und umarmte sie inbrünstig; unterließ nichts, was der erste heftige Schmerz zu tun pflegt. Nur weinen, das konnt’ er nicht!

Da er in seinem erdichteten Leide der Wahrheit des unsrigen so ganz gleichkam, so ließ sich niemand einfallen, ihn wegen des Mordes in Verdacht zu haben, und wir glaubten ihm auf sein Wort, daß der Eber unsern Herrn erschlagen habe.

Kaum war dies Unglück geschehen, so trug das Gerücht auch schon die traurige Nachricht davon nach Tlepolems Wohnung, zu den Ohren seiner unglücklichen Gattin.

Sobald diese die entsetzliche Nachricht vernommen, fährt sie halb sinnlos in wilder Hast auf, stürzt wie eine Rasende vollen Laufs durch die volkreichen Gassen, läuft querfeldein, laut schreiend über das Unglück ihres Mannes. Scharenweise und traurig strömen die Leute hinter ihr her; wer ihnen begegnet, gesellt sich und seinen Schmerz zu ihnen. Die ganze Stadt wird darüber leer.

Bereits war man zum Orte gelangt, wo Tlepolems Leichnam lag. Mit scheidender Seele sank Charite auf denselben nieder und wollte da ihr Leben aufgeben, da sie ihrem Tlepolem geweiht. Mit Not ward sie noch von den Ihrigen hinweggerissen und wider Willen beim Leben erhalten.

Man nahm die Leiche auf und brachte sie im Geleite des ganzen Volkes nach dem Begräbnis.

Da hattet ihr den Thrasyll sehen sollen, wie überlaut er schrie, wie er sich zerschlug; die Tränen, die ihm bei Bezeugung der ersten Betrübnis versagt waren, flossen ihm nun, vermutlich vor immer zunehmender Freude. Allerlei Namen der Liebe wurde von ihm verschwendet, die Wahrheit zu hintergehen; unter dem kläglichsten Leidwesen rief er beständig:

›O mein Tlepolem! Mein Freund, mein Gespiele, mein Kamerad, mein Bruder!‹

Ja, zuweilen fiel er Charite in die Arme und hielt sie ab, sich den Busen zu zerschlagen; beschwor sie, ihre Trauer zu mäßigen und nicht so zu weinen, suchte durch liebreiches Zureden den Stachel des Schmerzes zu stumpfen und sie durch allerlei herbeigezogenen Beispiele ähnlicher Zufälle zu trösten. Dabei vergaß er nicht, unter dem Scheine der innigsten Teilnahme an ihrem Verluste das schöne Weib aufs vertraulichste zu liebkosen, um seiner häßlichen Leidenschaft durch diese ungebührliche Lust Nahrung zu geben.

Allein nach vollbrachtem Leichenbegräbnisse wünschte die junge Witwe nichts sehnlicher, als ihrem Manne recht bald nachzufolgen.

Sie bedachte bei sich alle Mittel dazu und wählte endlich jenes sanfte, ruhige, das keines Gewehrs bedarf, sondern dem stillen Schlaf ähnlich ist: das Verhungern.

Bleich, verfallen, sich gänzlich vernachlässigend, saß sie hin in tiefer Finsternis und hatte schon abgerechnet mit dem Leben. Doch Thrasyll ruhte nicht. Mit den dringendsten Bitten stürmte er auf sie ein, lag unablässig durch ihre Freunde, durch ihre Eltern ihr in den Ohren. Sie mußte nachgeben und ihren vor Mattigkeit, Totenblässe und Vernachlässigung entstellten Körper durch Bad und Speise wieder erquicken. Sie tat es aus Ehrfurcht vor ihren Eltern; machte aus Not eine Tugend und unterzog sich – zwar nicht mit fröhlichem, jedoch mit heiterem Gesicht – den Verrichtungen der Lebendigen, so wie man es verlangte. Allein in ihrem Innern nagte Harm und Betrübnis ihr beständig am Leben. Tag und Nacht hing sie der zärtlichsten Sehnsucht unter unaufhörlichen Tränen nach. Ja, sie hatte ihren Verstorbenen unter der Gestalt des Bacchus gebildet, und stets stand sie vor ihm und erwies ihm göttliche Verehrung. Das war ihr einziger schmerzlicher Trost.

Thrasyll konnte es nicht erwarten, daß sich ihr Schmerz ausgeweint, der Sturm ihrer Seele gelegt und die höchste Betrübnis durch die Länge der Zeit sich verloren hätte. Aus Übereilung und Unbesonnenheit stand er nicht an, sich ihr zur Ehe anzutragen, da sie noch ihren Gemahl beweinte, noch ihrer Kleider zerriß, noch sich die Haare zerraufte. Der einfältige Schritt deckte alle Geheimnisse seines Herzens auf und verriet sein heilloses Spiel.

Charite schauderte mit Abscheu vor dem schändlichen Antrag zurück, und nicht anders, als ob die Pest sie angehaucht oder der Strahl des Jupiters sie getroffen hätte, sank sie ohnmächtig nieder, und die Sinne vergingen ihr. Nach einer Weile kam sie zwar wieder zu sich selbst und erhob ihr jämmerliches Klagegeschrei von neuem; indessen, die Augen waren ihr nun über den abscheulichen Thrasyll aufgegangen.

Sie gab ihm zur Antwort; sie könne sich nicht sogleich erklären, sie müsse die Sache erst reiflicher überlegen.

Mittlerweile erschien der Schatten des grausam ermordeten Tlepolem dem tugendhaften Weibe im Traume. Von Blut und Totenblässe war sein Antlitz entstellt.

›Du meine Gattin!‹ sprach er zu ihr, ›wenn mein Andenken deinem Herzen wert bleibt, wird nie ein anderer dich so nennen dürfen! Doch, hat mein unglückseliger Tod den Bund unserer Liebe zerrissen, so lebe glücklich mit jeglichem andern, nur dem gottlosen Thrasyll gib deine Hand nicht! Er sei ewig von deinem Gespräche, von deinem Gastmahle, von deinem Bette verbannt! Fliehe seine blutige Rechte! Hochzeit mit ihm wäre Totschlag; denn er ist mein Mörder! Die Wunden, die deine Tränen gebadet, waren nicht alle mir vom Eber geschlagen! Ach! Die Lanze Thrasylls allein hat uns voneinander getrennt!‹

Er fügte alles übrige hinzu und entdeckte die Schandtat ganz umständlich. Charite, die, unter Betrübnis das Gesicht ins Kissen gedrückt, eingeschlummert war und selbst im Schlafe noch ihre schönen Wangen mit Tränen netzte, fuhr wie von einem Geschütz erweckt aus dem rastlosen Schlummer auf; erneute ihre Klagen, wimmerte und schluchzte, zerriß ihr Gewand und zerkratzte mit wütenden Händen ihre schönen Arme. Dennoch vertraute sie niemandem die nächtliche Erscheinung, noch tat sie, als ob ihr irgend etwas von der Ermordung ihres Mannes entdeckt worden; aber stillschweigend beschloß sie bei sich; erst den verhaßten Mörder zu strafen und dann sich selbst vom jammervollen Leben zu befreien.

Siehe, der schamlose Freier stellte sich wieder ein und lag ihr ohne Unterlaß mit seinem Antrage, wovon ihre Seele nichts wissen mochte, in den Ohren. Was sagte er nicht, ihr Herz mit Liebe zu bestechen; wir bat und fluchte er nicht in weichem Tone!

Sie verlarvte sich mit List, hörte ihn leutselig an und gab ihm zur Antwort: ›Noch schwebt deines Freundes, meines teuren Gemahls, reizendes Bild mir beständig vor Augen, noch schallt in meinen Ohren der liebliche Klang seiner Stimme, noch lebt mein Tlepolem ganz in diesem Herzen. Soll denn seine betrübte Witwe nicht wenigstens das von den Gesetzen bestimmte Trauerjahr abwarten? Meinerseits erfordert dies der Wohlsand ebensosehr als deinerseits die Sorge für deine Sicherheit; denn durch unsere zu frühe Verbindung würde mein seliger Mann im Grabe zum Unwillen gereizt werden und du, Thrasyll, würdest es dann mit dem Leben entgelten müssen.‹

Thrasyll, dem nichts von Arglist schwant, begnügte sich mit dieser erhaltenen Hoffnung noch nicht, sondern fuhr ohne Schonung fort, Charitens Widerstand bei jeder Gelegenheit mit der süßesten Beredsamkeit zu bestürmen.

Endlich stellt sie sich überwunden und spricht zu ihm: ›Alles, was ich tun kann, geliebter Thrasyll, ist dies einzige, daß wir bis zur Vollendung des Trauerjahres in geheimer Vertraulichkeit miteinander leben. Allein es muß aufs sorgfältigste vor unseren Freunden verborgen bleiben!‹

Dieser trügerische Vorschlag verfing. Thrasyll willigte mit tausend Freuden in das geheime Verständnis und hätte gewünscht, es wäre schon Nacht, damit nichts mehr seinem Glücke entgegenstände.

›So komm denn, Geliebter‹, sprach Charite, ›komm mit einbrechender Nacht leise an meine Haustüre, aber wohlvermummt und sonder Begleitung! Du darfst einmal nur pfeifen; meine Amme soll dein mit dem Ohre am Schlüsselloch warten. Sie wird unverzüglich dich einlassen und im Dunkeln nach meiner Kammer führen, daß dich niemand sieht.‹

Thrasyll war entzückt über diese Anordnung der Hochzeit, die, ach! so schrecklich ablaufen sollte. Kein Verdacht kam ihm in den Sinn. Von Ungeduld gequält, seufzt er nur über des Tages trägen Gang, über den tödlichen Verzug der Nacht.

Als endlich seinem sehnlichen Verlangen die Sonne untergegangen war und die nächtlichen Schatten herrschten, da vermummt er sich, wie es ihn Charite geheißen, stellt an der Tür sich ein, folgt der Amme, die bereits auf ihn mit Schadenfreude lauschte, stillschweigend mit leisem Tritte nach und schlüpft, voll der süßesten Hoffnung, in Charitens Schlafgemach.

Den Befehlen ihrer Gebieterin treu, tut die Alte mit ihm sehr freundlich und bindet ihm auf, ihre Frau sei nur noch bei ihrem kranken Vater, sie werde aber augenblicklich kommen. Unterdessen reicht sie ihm ein Glas Wein nach dem andern, worin sie heimlich einen Schlaftrunk gemischt hatte. Thrasyll, nichts Böses gewärtig, trinkt, seine Ungeduld zu täuschen, so hastig hinein, daß er nur allzubald im härtesten Schlafe begraben, jeglicher Schmach bloßgegeben, daliegt. Nun wird Charite gerufen.

In wilder Hitze stürzt sie herbei, beugt mit männlichem Trotz über den Meuchelmörder sich hin und ruft: ›Ha! Bist du da, du treuer Gefährte meines Gemahls! Du trefflicher Weidmann! Du zärtlicher Liebhaber! Ist das die Faust, die das Blut meines Herzens verspritzt hat? Sind das die Augen, denen ich zu meinem Unglück gefallen habe? Ha, sie ahnen schon die Finsternis, die sie hinfort decken wird, und kommen der Strafe zuvor! Ruhe sanft! Träume süß! Kein Dolch, kein Schwert soll dich verletzen! Fern sei’s von mir, durch ähnliche Todesart dich meinem Gemahle gleichzustellen! Leben sollst du, aber deine Augen sollen ersterben, und nur im Schlafe sollst du künftighin sehen. Ich will machen, daß du den Tod deines Feindes glückseliger preisen sollst als dein Leben. Wenigstens wirst du das Licht nicht wieder schauen und nur an fremder Hand hinfort dich leiten. Du wirst Chariten nicht umfangen, nicht mir ihr der hochzeitlichen Freuden genießen! Wirst weder die Ruhe des Todes noch die Wonne des Lebens schmecken! Als ein elendes Scheusal wirst du zwischen Himmel und Hölle herwanken, wirst lange nach der Hand forschen, die dich des Gesichts beraubt hat, und zum Übermaß des Unglücks nicht einmal wissen, über wen du zu klagen hast, unterdessen ich am Grabe meines Tlepolem stehen und das Blut deiner Augen ausgießen werde, ein Opfer seinem seligen Geiste! Aber was zögere ich? Was verweile ich deine Strafe einen Augenblick, in dem du dich vielleicht noch glücklich in meinen Armen träumst? So erwache denn aus den Finsternissen des Schlafs zu anderen ewigen Finsternissen! Schlage deine leeren Augenlider auf, erkenne meine Rache, fühle dein Unglück und überdenke dein Elend! Siehe, also gefallen deine Augen einem tugendhaften Weibe, also erleuchte die Hochzeitsfackeln diene Brautkammer! Merk auf! Die Furien sind Brautführerinnen, Blindheit ist dein Geleite, und ewig nagendes Gewissen breitet dir die Arme entgegen!‹

Nachdem sie also in wütender Begeisterung dem Thrasyll sein künftiges Schicksal geweissagt, nimmt sie eine Haarnadel vom Kopfe uns sticht ihm die Augen aus.

Schier entfliegen diesem Schlaf und Rausch vor dem unbekannten Schmerz.

Sie aber reißt das Schwert aus der Scheide, womit ihr Tlepolem sich zu umgürten pflegte, und mit dem Vorsatz einer schrecklichen Tat läuft sie wild mitten durch die Stadt, geradenwegs zu dem Grabmahle ihres Gemahls hin.

Wir anderen und das ganze Volk lassen die Häuser leerstehen, und in vollem Lauf hinter ihr her, und einer den andern ermahnend, das Schwert ihr aus den Händen zu winden!

Neben der Gruft des Tlepolem blieb sie stehen, mit dem blanken Schwerte einen jeglichen von sich abhaltend, und wie sie sah, daß alles um sie weine und lamentiere, sprach sie:

›Trocknet diese unzeitigen Tränen, stellet diese Klagen ein; sie entehren meinen Mut! Ich habe mich gerächt an dem Meuchelmörder meines Gemahls, habe meinen schandbaren Freier gestraft. Jetzt ist es Zeit, daß dies Schwert mir den Weg zu meinem Tlepolem bahne!‹

Als sie darauf alle nach der Ordnung erzählt, was ihr Gemahl ihr im Traume entdeckt hatte und wie sie den Thrasyll durch List gefangen, stieß sie sich das Eisen durch die rechte Brust, sankt zur Erde und hauchte, sich in ihrem Blute wälzend und unvernehmliche Worte stammelnd, ihre männliche, edle Seele aus.

Die Freunde nahmen alsbald den Leichnam der Unglücklichen auf, wuschen hin ab und legten ihn zu dem Tlepolem ins Grab. Beide Gatten sind also auf ewig vereint.

Wie dies Thrasyll vernahm, wußte er nicht, wie er genugsam für alles angerichtete Unglück büßen sollte. Mit dem Schwerte sich das Leben nehmen, düngte ihm ein viel zu leichter Tod. Er ließ sich in Tlepolems und Charites Gruft bringen. Allda schrie er zu wiederholten Male überlaut:

›Empfangt hier, ihr Geister, die ich beleidigt, empfangt euer freiwilliges Opfer!‹

Darauf schloß er fest die Türen des Grabmahls hinter sich zu und ließ sich, nach eigenmächtig über sich gefälltem Urteile, Hungers sterben.«

Also erzählte der Bediente aus der Stadt unter langen Seufzern und öfteren Tränen den Stutereiknechten, die ihm insgesamt mit der größten Rührung zuhörten. Sie beklagten sehr das Unglück ihrer gewesenen Herrschaft, beschlossen aber endlich, aus Furcht vor der zukünftigen davonzulaufen.

Der Gestütmeister, dem meine Pflege so eifrig war anbefohlen worden, stahl alles rein weg, was nur von einigem Werte im Hause war, packte es mir und noch anderen Tieren auf, und so wanderte er fort aus der alten Herberge. Wir trugen Weiber und kleine Kinder, trugen Hühner und Gänse, junge Ziegen und junge Hunde. Kurz alles, was nicht geschwind genug fortgekonnt und also die Flucht verzögert hätte, mußte mit unseren Füßen laufen. So überschwer auch die Last war, die mir zuteil geworden, so fühlt’ ich sie doch kaum, weil ich mit Freuden vor dem grausamen Räuber meiner Mannheit floh.

Wir hatten einen rauhen, waldigen Berg überstiegen und schon ein ganzes Stück Wegs in der Ebene zurückgelegt, als es dämmerig ward und wir zu einer volkreichen, wohlhabenden Burg kamen. Die Einwohner warnten uns, weder in der Nacht noch des Morgens in der Frühe weiterzugehen. Sie sagte, es gäbe in der Gegend eine abscheuliche Menge großer, starker, reißender Wölfe, die alles anfielen und sogar wie Räuber den Reisenden an der Straße auflauerten; ja, jetzt trieb sie der Hunger schon so weit, daß sie in die benachbarten Dörfer einbrächen und der Menschen sowenig als des Viehes schonten. Auf dem Wege, den wir zu passieren hätten, läge mancher halbverzehrte Leichnam, manches abgenagte Gerippe. Wir sollten uns also ja vorsehen! Das beste, was wir tun könnten, wäre, daß wir uns erst am hellen lichten Tage, wenn die Sonne schon hoch stünde, wieder auf den Weg begäben, denn das Licht mache die Tiere doch etwas schüchtern. Inzwischen müßten wir immer vor unvermuteten Überfällen auf der Hut sein und nicht einzeln zerstreut, sondern in einem dichten Haufen beisammen marschieren, sonst könne es uns dennoch übel ergehen.

Allein unsere Führer kümmerten sich viel um diese heilsame Weisung! Die Schelme fürchteten weiter nichts als das Nachsetzen und suchten nur ihre heimliche Flucht bestens zu beschleunigen. Sie warteten nicht einmal, bis es hell ward, sondern gleich nach Mitternacht trieben sie uns mit unserer Ladung wieder aus.

Ich, der ich mir die bedrohte Gefahr fein hinter die Ohren geschrieben, ich stieß und drängte, was ich wußte und konnte, damit ich nur mitten unter den andern Eseln und Pferden zu gehen kam und meinen Hintern vor den Anfällen der reißenden Wölfe deckte. Wie frisch konnte ich nicht laufen! Um nicht hinten zu bleiben, schritt ich dermaßen zu, daß sich jedermann über meine Schnelligkeit verwunderte. Furcht beflügelte mich wie einst den Pegasus, denn der ehrliche Gaul hat zuverlässig seine Flügel auch nur der Feigheit zu danken. Er fürchtete sich vor den Bissen der feuerspeienden Chimära68 und tat Sätze bis an den Himmel, da sagte man, er sei beschwingt!

Indessen waren unsere Treiber wie zum Treffen gerüstet. Der eine schwang die Lanze, der andere einen Jagd-, der dritte einen Wurfspieß, der vierte einen Knüttel. Andere trugen Steine, woran es überhaupt in der felsigen Gegend nicht fehlte. Noch andere führten spitze Zaunpfähle, die meisten aber suchten durch brennende Fackeln dem Feinde Schrecken einzujagen. Es fehlte an weiter nichts als an der Trompete, so war das Kriegsheer fertig.

Jedoch unsere Furcht war vergeblich. Es traf uns aber ein anderer Unfall.

Die Wölfe, entweder vom Gelärme der gedrängt einhermarschierenden Schar oder vom hellen Glanze der Fackeln verscheucht, oder auch anderwärts streifend fielen uns nicht allein nicht an, sondern ließen sich auch nicht einmal in der Ferne blicken. Allein die Bauern in einem Dorfe, vor dem wir nahe vorbeizogen, hielten uns, unserer Menge wegen, für Räuber, gerieten deshalb in große Bestürzung und hetzen uns ihre ungeheuren, grimmigen Hunde, ärger noch als Wölfe und Bären, die sie zur Sicherheit hatten, mit lautem, heftigem Geschrei auf den Hals. Die Bestien, von Natur böse und durch die Stimmen ihrer Herren noch mehr angereizt, stürzten wütend auf uns ein. Den Augenblick hatten sie uns umzingelt und nun Menschen und Vieh ohne Unterschied gepackt, zerbissen, zu Boden geworfen. Wahrlich, ein tragischer Anblick, wie die Rotte Hunde wild unter uns wütete, hier Fliehende faßte, dort Stillstehende an der Kehle hielt oder niederzog, anderwärts Gefallene and er Erde knetete und rechts und links, was ihr nur vorkam, mit unbarmherzigen Zähnen zerfleischte. Doch das war noch nicht alles! Es kam besser. Von den Häusern und von den nächsten Hügeln herab ließen die Bauern unablässig Steine auf uns hageln. Wir wußten nicht mehr, ob wir uns vor den Hundebissen oder Steinwürfen schützen sollten.

Endlich wurde die Frau Gestütmeisterin, die ich zu tragen die Ehre hatte, an ihrem Haupte getroffen. Sie fing Zetermordio zu schreien an, so daß der Herr Gemahl gleich zur Hilfe herbeieilte. Das Blut strömte ihr übers Gesicht; er wischte es flugs ab, war bemüht, es zu stillen, und rief dabei aus vollem Halse den Bauern zu:

»Aber um Gottes willen! Was fallt Ihr uns arme Leute und harmlose Wanderer denn so feindselig an und richtet uns zugrunde? Wir sind ja keine Räuber, die euch Gut und Blut zu nehmen kommen, getan haben wir euch auch nichts, und ihr bewohnt ja weder Höhlen der wilden Tiere noch rauhe Felsen wie Barbaren, daß ihr auch am Blutvergießen ergötzen könntet!«

Kaum hatte er das gesagt, so hörte der Steinregen auf und die angehetzten Bullenbeißer wurden zurückgerufen und angenommen. Einer von den Bauern rief aus dem Wipfel einer hohen Zypresse hinunter: »Ei, berauben wollen wir euch nicht, wir fürchteten es aber von euch; darum empfingen wir euch also. So gehet immer ruhig und in Frieden weiter!«

Äußerst übel zugerichtet zogen wir unsere Straße. Der zeigte eine große Beule von einem Steinwurfe, der eine klaffende Wunde von einem Hundebiß vor. Ein jeder hatte seinen Teil.

Als wir ein gut Stück Wegs weiter vorgerückt waren, kamen wir zu einem Walde mit hohen Bäumen und luftigen, offenen, grünen Plätzen. Da gefiel es unseren Treibern, stillzuhalten, um auszuruhen und sich gehörig zu verbinden.

Sie lagerten sich hier und da ins Gras, und nachdem sie sich erst ein wenig erholt hatten, sorgte jeglicher für seine Verletzung. Dieser wusch sich im vorüberfließenden Bache das Blut ab, jener legte nasse Schwämme auf eine Geschwulst. Ein anderer band wieder eine weit voneinanderstehende Wunde mit Leinwand zu. Solchergestalt waren alle beschäftigt, sich Linderung und Hilfe zu verschaffen.

Mittlerweile sah ihnen ein alter Kerl oben von einem Hügel herunter zu. Ziegen, die um ihn her weideten, kündigten ihn für einen Hirten an.

Einer von den unsern fragte denselben, ob er keine Milch oder frischen Käse zu verkaufen hätte. Er schüttelte etliche Male mit dem Kopfe und rief darauf: »Wie? Hier denkt ihr an Essen und Trinken oder an anderlei Erquicken? Ihr müßt nicht wissen, wo Ihr seid!« Mit den Worten trieb er seine Herde zusammen, schwenkte sich und zog hinweg.

Des Hirten Rede und Flucht jagte unseren Leuten keine kleine Furcht ein. Indem sie aber erschrocken nachforschten, was dies wohl für ein Ort sein möchte, doch niemand finden konnten, der ihnen Auskunft gegeben hätte, stand mit einmal ein anderer alter Mann neben ihnen am Wege; groß, viele Jahre auf dem Nacken, krumm auf den Stab gebeugt, matt die Beine nachschleppend und übermäßig weinend.

Sobald er sie sah, umfaßte er unter dem heftigsten Tränensturze eines jeglichen Knie und bat also flehentlichst: »Bei allem, was euch lieb und teuer ist, bei eurem Leben, das reich sein möge an Glück und Heil und dem meinen an Länge gleichen, mir armem, schwachem Greise, rettet meinen Kleinen vom Tode und gebt ihn meinem grauen Haupte wieder! Ach, mein Enkel, meines Wegs süßer Gefährte, wollte dort ein singendes Vögelchen haschen und fiel in eine tiefe unter Gesträuch verborgene Grube. Er schwebt in der äußersten Lebensgefahr; noch aber lebt er. Er ruft mich, er schreit, er weint. Schwach, wie ich bin, kann ich ihm nicht helfen. Ihr aber, jung und stark, leicht könnt ihr mir unglücklichem Alten die größte Wohltat erweisen und den letzten Zweig meines Stammes, meinen einzigen Nachkommen, vom Untergange erretten!«

Also flehte er, sein graues Haar zerraufend. Alle waren von Mitleid gerührt. Ein junger Kerl, mutiger, straffer denn alle anderen und noch dazu der einzige, der unbeschädigt aus dem vorigen Treffen entronnen war, machte flugs sich auf, fragte, wo der Knabe versunken und ging hastig mit dem Alten fort, welcher mit dem Finger nach nicht weit davon stehendem Gesträuche hindeutete.

Man ließ uns darauf weiden und sorgte ferner für sich selbst. Nach einer Weile packte man wieder zusammen und wollte weiter, allein der junge Kerl war noch nicht wieder zurück. Man schrie, man rief ihn bei Namen: er kam nicht! Man wartete länger und länger: vergebens! Endlich schickte man ihm jemand nach, der ihn aufsuchen und wenn er sich etwa verirrt, zurechtweisen sollte.

Dieser war kaum weg, so kehrte er schon leichenblaß wieder zurück und erzählte voller Wunder, daß er ihren Kameraden zwar gefunden und gesehen habe, aber wie! Ein entsetzlicher Drache habe auf ihm gesessen und an ihm mit großer Gier genagt; fast sei er damit zu Rande gewesen. Kein Alter aber habe sich irgendwo blicken lassen.

Als sie das hörten und mit der Rede des Hirten zusammenhielten, zweifelten sie nicht mehr, daß dieser sie vor dem Drachen, der in diesem Walde hause, habe warnen wollen. Wie machten sie, daß sie von dem grausigen Orte wegkamen! Wir mochten noch so sehr eilen, dennoch war der Knüttel hinter uns her, um uns besser anzutreiben.

Nachdem wir in größter Geschwindigkeit einen weiten Weg zurückgelegt hatten, kamen wir nach einem Dorfe, wo wir übernachteten. Dort erfuhren wir eine sonderbare Geschichte, dir für den Liebhaber des Erzählens schon wert ist.

Ein Sklave, dem sein Herr die Aufsicht über das Gesinde anvertraut hatte und der als Verwalter auf dem großen Gute gesessen, wo wir eingekehrt waren, hält es mit einer fremden Freien, ungeachtet er mit einer von den Sklavinnen des Meierhofes verheiratet war. Seine Frau, aus rasender Eifersucht über dies Kebsweib, legt Feuer an und verbrennt ihres Mannes Rechnungen mit allem Vorrate; ja, nicht zufrieden mit dieser Rache ihres befleckten Ehebetts, wütet sie noch gegen ihr eigenes Fleisch und Blut. Sie legt sich einen Strick um den Hals, bindet daran das Kind, das sie mit ihrem Manne gezeugt, und zusamt diesem Anhange stürzt sie sich in einen tiefen Brunnen. Den Herrn reizte der Mord zum Zorne. Er ließ den Sklaven, durch dessen Liederlichkeit die Frau doch zu der Untat gebracht worden, beim Felle nehmen, splitterfasernackt ausziehen, von Kopf bis Fuß mit Honig beschmieren und an einen alten verfaulten Feigenstamm, worin alles von Ameisen kribbelte und wibbelte, dicht und fest anbinden. Wie die Ameisen bei ihrem Auf- und Abpatrouillieren den süßen Honiggeruch witterten, fielen sie in unzähliger Menge über den armen Unglücklichen her, und unter ihren kleinen, emsigen Bissen mußte er des langsamsten, erbärmlichsten Todes sterben; sie schroteten so lange, bis alles Fleisch vom Gebein herunter war. Noch fanden wir das kahle Gerippe am Marterholze hangen.

Nachdem wir auch diesen abscheulichen Aufenthalt mit seinen betrübten Bewohnern verlassen, ging es wieder weiter. Den ganzen Tag durchmaßen wir flaches, ebenes Land, bis wir ermüdet in einer vornehmen, volkreichen Stadt eintrafen. Da beschlossen unsere Treiber für immer zu bleiben; denn so weit würde niemand ihnen nachspüren, und wegen der gesegneten Fruchtbarkeit des Bodens sei hier wohlfeil leben.

Drei Tage lang gaben sie ihrem Vieh Ruhe, Rast und Mast, damit es desto verkäuflicher würde, und dann ging es damit zu Markte. Der Ausrufer verkündigte mit lauter Stimme eines jeglichen Preis; zu den Pferden und anderen Eseln fanden sich gar bald fette Käufer. Allein vor mir ging alles mit Verachtung vorüber; mich konnten sie nicht loswerden. Zuletzt war ich’s satt, mich von müßigen Feilschern, die mein Alter aus den Zähnen beurteilen wollten, herumhudeln zu lassen, und aus Verdruß faßt’ ich die stinkende Hand eines derselben, der mit seinen unflätigen Fingern mit gar zu oft am Zahnfleische kratzte, und zerkaute sie brav. Das schreckte vollends alle Umstehenden von meinem Ankauf ab; mit einer so erzbösen Bestie mochte sich keine Seele behängen.

Der Ausrufer, der sich heiser und zuschanden geschrien hatte, fing nun an, sich auf meine Kosten lustig zu machen. »Was wollen wir denn auch«, rief er, »an dem ledernen Klopphengste da verkaufen? Ist er doch so abgetragen und abgelaufen, so schäbig und bei all seiner dumpfen Tätigkeit noch so wild, daß er auch zu gar nichts weiter taugt, als höchstens sein Fell noch zu einem Schuttsiebe. Ich dächte also, wir verschenkten ihn lieber, wenn sich anders jemand finden will, der sich das Futter, das er frißt, nicht dauern läßt.«

Darüber entstand ein großes Gelächter unter den umstehenden Leuten.

Allein mein feinseliges Geschick, dessen schwere Hand trotz meiner Flucht durch so viele Länder noch immer auf mir lag und das durch alles vergangene Elend lange noch nicht versöhnt war, blickte auch jetzt wieder mich scheel an. Ein Käufer, recht wie er sein mußte, um mein Unglück zu vollenden, mußte sich dennoch wunderbarerweise darbieten. Wißt ihr, was für einer? – Ein alter Kastrat, ein Glatzkopf, nur auf dem Hinterhaupte noch mit einigen wenigen langen, krausen, gräulichen Haaren versehen, einer aus der Zunft desjenigen Pöbels, der mit der syrischen Göttin, beim Klange der Zimbeln und Krotalen69, durch Städte und Dörfer betteln geht.

Höchst kauflustig trat er zum Ausrufer hin und fragte: »Wo ist der Esel her?«

»Aus Kappadozien«, versetzte jener, »er hat recht Mark in den Knochen!«

»Ist er schon alt?« fragte er wieder.

»Ein Sterndeuter«, antwortete voller Schalkheit der Ausrufer, »der ihm neulich die Nativität gestellt hat, gibt ihm gerade fünf Jahre, aber das weiß er wohl selbst am besten aus seinem Geburtsbriefe. Übrigens ist es gleich dem Kornelischen Gesetze zuwider, daß ich Euch einen römischen Bürger zum Sklaven verhandle, so kauft die gute ehrliche Haut immer, sie kann Euch in und außer dem Haus nützlich sein.«

Hiermit hatte das Fragen meines allerliebsten Käufers noch kein Ende. Von einem kam er auf das andere. Endlich erkundigte er sich auch gar ängstlich, ob ich auch recht fromm sei.

»Oh, was das betrifft«, erwiderte der Ausrufer, »fromm wie ein Lamm. Er hält zu allem stille, beißt nicht, schlägt nicht, er könnte nicht besser sein, wenn gleich der duldsamste Mensch in seiner Haut steckte. Ihr könnt Euch den Augenblick davon überzeugen. Schiebt ihm nur einmal den Kopf zwischen die Schenkel, ob er nicht alles leidet.

Also hohnneckte der Ausrufer den armseligen Schlucker.

Dieser merkte den Spott sehr gut, tat, als ob er darüber rappelköpfisch würde, und sprach:

»Möchte doch die allmächtige, allgebärende, syrische Göttin samt dem heiligen Sabazius70 und Bellonen71, der idäischen Mutter und Venus, der Allherrscherin mit ihrem Adonis – dich altes Totengerippe von Ausrufer auf ewig taub, stumm und blind machen, daß du Lästerzunge mich so mit deinem Narrenspaße zum besten hast! Denkst denn du Gimpel, daß ich meine Göttin einem wilden Tiere anvertrauen könne? Es würde ja, sobald es kollerig würde, das heilige Bild abwerfen, und dann könnte ich mit zerstreuten Haaren herumrennen und für meine arme am Boden gestreckte Göttin einen Arzt suchen!«

Als ich ihn so sprechen hörte, wolle ich sogleich wie besessen springen und setzen, damit er vom Kaufe abstehen möchte, wenn er mich so wild sähe; allein er war zu hitzig. Er kam meiner Absicht zuvor und bezahlte flugs die verlangten siebzehn Denar an meinen Herrn. Dieser freute sich herzlich, mich loszuwerden, und säumt nicht, an einem Ginstseile mich meinem neuen Eigentümer, der Philebus hieß, zu übergeben. Er zog mich nach Hause.

Kaum hatte er die Hausschwelle betreten, so schrie er schon: »Schaut, Mädchen! Schaut doch den allerliebsten Sklaven, den ich euch vom Markte mitbringe!«

Diese seine Mädchen waren nichts anderes als ein Schwarm Verschnittener, die voller Freuden herbeistürzten und mit feinen, grellen Weiberstimmchen in höchst unangenehmes Gekreisch erhoben. Sie dachten wirklich, Philebus habe irgendein junges, artiges Kerlchen von Sklaven zu ihrem Dienste gekauft. Als sie sich aber betrogen fanden und nicht eine Hindin für eine Jungfrau, sondern statt eines Kerls einen Esel untergeschoben sahen, zogen sie verzweifelte Gesichter und höhnten ihren Herrn aus.

»Nicht also!« riefen sie, »wo wäre das ein Sklave für uns? Ein Buhle für Euch ist es! Aber Ihr werdet ihn doch nicht lediglich auf Euren Leib Euch halten, sondern auch zuweilen uns damit ergötzen?«

Unter diesem und dergleichen Geschnatter führten sie mich an eine Krippe und banden mich an.

Es war bei ihnen ein junger, ziemlich vierschrötiger Kerl, ein geschickter Zinkenist, der für das Geld, das sie ihrem Maule abgespart hatten, war angeschafft worden. Bei den Umzügen mit der Göttin mußte er auf der Zinke blasen; zu Hause bedienten sie sich desselben um die Wette zu ihren Lüsten. Sobald dieser mich sah, brachte er mir von freien Stücken reichlich zu essen und sprach erfreut zu mir:

»Herzlich willkommen, teurer lieber Vicarius72 des allerschmutzigsten Dienstes in der Welt! Oh, möchtest du recht lange leben und unseren Herren gar wohlgefallen, damit ich nicht völlig ausgemergelt werde und wieder ein wenig zu Kräften komme!«

Als ich das hörte, ging mir über meine künftige Bestimmung heißes Grauen an.

Anderntags legte die gesamte Priesterbande Gewänder von allerlei Farben an, putzte sich aufs lächerlichste heraus, schminkte sich zierlich das Gesicht, malte die Augenbrauen und zog in Prozession aus. Einige von ihnen mit safrangelben, leinenen, auch seidenen Binden, weiß und purpurn gestreiften Kleidern, von einer Schärpe umgürtet, und mit braunen Schuhen, setzten die Göttin, in einen seidenen Mantel gehüllt, auf meinen Rücken. Die Arme entblößt bis an die Schultern, große Schwerter und Äxte schwingend, hüpften sie jauchzend einher; von dem Geflüster der Flöten mehr und mehr zu ihrem ekstatischen Tanze ermuntert.

Nachdem sie vor vielen schlechten Hütten vorübergezogen, kamen sie zum stolzen Landsitze eines vornehmen Reichen. Mit dem ersten Fuß, den sie hineinsetzten, gerieten sie in fanatische Wut, erhoben ein mißtönendes Geheul und machten das seltsamste Getümmel. Sie wirbelten lange mit gesenktem Haupte, den Hals aufs sonderbarste biegend und wendend und das lose Haar schüttelnd, im Kreise herum. Zuweilen bissen sie sich in die aufgeschwollenen Muskeln und zuletzt zerritzten sie sich gar die Arme mit ihren zweischneidigen Schwertern.

Einer unter ihnen raste noch toller als die übrigen; er rollte fürchterlich die Augen, schnaufte, brauste, schäumte, stellte sich wahnsinnig: und das zum Beweis, daß er ganz göttlichen Geistes voll sei, gerade als müsse die Gegenwart der Götter den Menschen nicht stärken und erheben, sondern schwächen und niederdrücken. Aber hört, was die göttliche Vorsehung ihm dafür zum Lohne gab!

Sie ließ ihn überlaut weissagen; gleisnerisch sich selbst anklagen, als habe er sich gegen die heilige Religion einer Sünde schuldig gemacht, und zur Buße für sein schweres Verbrechen eigenhändige Kasteiung von sich selbst fordern. Nun nahm er eine Geißel, welche dergleichen dies Halbmannsgesindel immer führt, mit einer wollenen Schnur, die unten weit aufgefasert und mit vielen spitzen Schafknöchelchen versehen ist, und zerpeitschte sich damit gottserbärmlich, ohne jedoch die allergeringste Empfindlichkeit gegen den Schmerz erblicken zu lassen.

Der Boden schwamm vom Blute, das aus den Schnitten und Hieben dieses Weiblings floß. Ich geriet über solch ein Blutvergießen in die größte Angst. Ich fürchtete, die fremde Göttin möchte endlich auch noch auf Eselsblut (wie manche Leute auf Eselsmilch) Appetit bekommen. Sie wurden inzwischen endlich müde oder vielmehr sie hatten es satt, sich weiter zu zerfleischen, und machten der Schinderei ein Ende. Die Leute drängten nun herbei und schenkten ihnen reichlich eherne, ja auch silberne Münzen, die sie mit aufgehaltenem Schoße einsammelten; auch gab man ihnen ein Faß Wein, Milch, Käse und Roggen- und Weizenmehl; ja sogar Gerste für den Träger der Göttin.

Sie rafften alles sehr gierig zusammen, taten es in Säcke, welche sie mit Fleiß dazu eingerichtet hatten, und hingen es mir über den Rücken, so daß ich doppelt schwer zu tragen hatte und zu gleicher Zeit als Magazin und als Tempel einherging. Solchergestalt zogen sie beständig umher und setzten die ganze umliegende Gegend in Kontribution.

Erfreut über ihrer gesegnete Ernte, wollten sie sich nun einmal traktieren. Was haben sie zu tun? Als sie nach einer Burg kommen, wird ein Orakel geschmiedet: »Es hungere die syrische Göttin, der Pächter solle ihr einen fetten Hammel zum Opfer bringen.«

Das geschieht. Nun richten sie die leckerste Mahlzeit zu, gehen ins Bad, waschen sich und lesen sich da einen recht stammhaften, wohlversehenen Bauernkerl aus, den nehmen sie mit zu Gaste.

Kaum ist die Vorkost berührt, als schon das ausgelassene Gesindel sich der abscheulichsten Unzucht überläßt. Nackend wird der arme Bauer ausgezogen, und alle sind zugleich über ihm her und muten ihm die allerschändlichsten Dinge zu.

Ich konnte diese Greuel nicht mit ansehen. »O ihr Bürger, Hilfe!« wollte ich rufen; allein nichts als O und keine Silbe weiter kam heraus, doch laut und so stark; daß sich dessen kein Esel zu schämen gehabt hätte.

Ich hätt’ es nicht besser treffen können; denn in verwichener Nacht hatte man aus dem nächsten Dorf einen Esel gestohlen. Die Eigentümer desselben hatten schon vergeblich danach in allen Herbergen umhergesucht. Sie hörten mein Iah im Innern des Hauses, dachten, man halte ihr Tier in irgendeinem Schlupfwinkel verborgen, und stürmten, desselbigen wieder habhaft zu werden, Knall und Fall zu uns in die Stube herein, wo sei denn die Unfläter bei ihrem heillosen Spiele überrumpelten. Augenblicklich riefen sie die Nachbarn zusammen und eröffneten ihnen diesen schmutzigen Auftritt, nicht ohne den bittersten Spott über die keusche Zucht der hochehrwürdigen Herren. Im Nu wußte es alle Welt.

Die Priester wußten sich vor Schimpf und Schande nicht zu bergen. Hurtig packten sie alles zusammen und machten sich bei Nacht und Nebel aus dem Staube.

Nachdem wir noch vor Sonnenaufgang ein großes Stück Weges gemacht, befanden wir uns mit Tagesanbruch in einer abgelegenen einsamen Gegend. Da steckten sie eine Weile die Köpfe zusammen, und das Ende vom Liede war, mir vollständig den Garaus zu machen.

Sie nahmen mir die Göttin vom Rücken und setzten sie auf die Erde, zogen mir alle Decken ab; und somit mich an eine Eiche gebunden und mit den zusammengekettelten, mit Tierknöchelchen bewaffneten Geißel schier zu Tode gehauen! Einer wollte mir sogar mit der Axt die Hessen abhacken, daß ich so öffentlich seine unbescholtene Tugend befleckt hätte; doch die übrigen widersetzten sich, zwar nicht um meinetwillen, sondern wegen der am Boden liegenden Göttin. Also kam ich noch mit dem Leben davon. Sie packten mir alles wieder auf, und mit flachen Degen mich vor sich hertreibend, gelangten wir zu einer ansehnlichen Stadt.

Wie sie hierselbst ihre Zimbeln und Trommeln ertönen ließen und die sanfte Weise des phrygischen Gesanges anstimmten, kam ihnen alsbald ein vornehmer, religiöser, ausnehmend gottesfürchtiger Herr entgegen, bar demütig die Göttin, bei ihm einzukehren, nahm uns insgesamt mit in seinen weitläufigen Palast und trachtete durch die tiefste Verehrung, durch die fettesten Opfer, sich unsere Gottheit, geneigt zu machen.

Hier war es, ich erinnere mich dessen gar wohl, wo ich die allergrößte Lebensgefahr lief.

Ein Pächter hatte unserm Wirte, seinem Herrn, eine schöne feiste Hirschkeule zum Geschenk gemacht. Man hatte sie, unvorsichtigerweise, nicht allzu hoch hinter der Küchentüre aufgehängt, und ein Jagdhund, der sie ausgewittert, hatte sich, höchst vergnügt über den Fund, derselben bemächtigt und sich heimlich davongeschlichen. Sobald der Koch diesen Verlust inne ward, machte er ich die größten Vorwürfe über seine Nachlässigkeit und lamentierte und weinte entsetzlich. Was sollte er seinem Herrn nun zu essen vorsetzen? Er hatte von dessen Unwillen alles zu fürchten. Aus Verzweiflung läuft er hin, nimmt von seinem kleinen Sohne zärtlichst Abschied, holt dann einen Strick und will sich erhängen.

Zum Glücke erfuhr sein treues Weib noch zur rechten Zeit, was ihm begegnete. Sie läuft zu ihm, reißt ihm den unglücklichen Strick aus den Händen und spricht:

»Du hast ja wohl über dein Unglück den Verstand verloren, daß du nicht einmal das Rettungsmittel siehst. Das dir die barmherzigen Götter in dieser Not beschert haben. Bist du noch irgendeiner vernünftigen Vorstellung fähig, so sammle dich und höre mich an: Führe den fremden Esel da abseits und schlachte ihn. Löse ihm dann eine Keule just ab, daß sie wie die verlorene aussieht, richte sie mit einer schmackhaften Brühe zu und trage sie keck dem Herrn auf; ich gebe dir mein Wort, er merkt es nicht!«

Der verdammte Kerl ließ sich den Rat, sein Leben durch meinen Tod zu retten, wohlgefallen. Hoch strich er die Klugheit seiner trauten Hälfte heraus und ging sofort und schärfte sein Schlachtermesser, um ihren Vorschlag zu vollziehen.

Neuntes Buch

Also bewaffnete der verfluchte Schinder seine gottlosen Hände gegen mich. In so dringender Gefahr galt kein Säumen; ich entschloß mich kurz, durch die Flucht mich vor dem nahen Verderben zu retten. Stracks reiße ich die Halfter ab, woran ich gebunden war, und renne, was nur das Zeug hält, davon; nicht ohne zur größeren Sicherheit öfteres hinten auszuschmeißen. Ich sprenge wild durch das Vorhaus hindurch und geradenwegs in den Speisesaal hinein, wo der Herr des Hauses mit den Priestern das Opfermahl hielt. Ich war so im Schuß, daß ich beim Hereinprellen Tisch, Teller, Schüsseln und Geräte und alles was mir nur im Wege stand, um und um stieß, daß es mit entsetzlichem Gepolter durcheinanderstürzte.

Unser Wirt erschrak und ließ mich flugs greifen und von einem seiner Leute an einen sicheren Ort einsperren, damit ich ihn, wenn ich etwa wieder rappelköpfisch würde, durch meine freche Zwischenkunft nicht noch einmal in der Ruhe des Gastmahls stören möchte.

Da ich durch meine verschmitzte Flucht also in Sicherheit gestellt und den Händen des barbarischen Koches entrissen war, freute ich mich ordentlich meines Gefängnisses. Aber, wo nur das Glück nicht mit uns ist, was hilft uns da all unsere Klugheit und all unser Witz! Das, was die göttliche Vorsehung über uns verhängt hat, geschieht darum nicht weniger! Ich dachte, wie schlau ich der Gefahr entronnen sei, und war nun eben erst recht tief hineingeraten. Denn, zitternd wie Espenlaub, kam plötzlich ein Kerl in den Speisesaal gerannt, ich erfuhr es nachher aus den Gesprächen der anderen Bedienten, und meldete dem Herrn:

Eben sei aus der nächsten Gasse ein toller Hund zur Hintertüre hereingekommen und habe mit blinder Wut die Jagdhunde angefallen; darauf sei er in die Ställe gelaufen und habe da alles gebissen, und als er endlich wieder herausgekommen, auch selbst der Menschen nicht geschont. Der Eseltreiber Myrtil, der Koch Hephästion, der Kammerdiener Hypatius, Apollonius der Arzt, und noch andere mehr, die denselben hätten wegjagen wollen, wären alles lästerlich zugerichtet. Bei verschiedenen von den Tieren, die sich in den Ställen befanden, finge auch schon die Tollwut sich zu äußern an.

Diese Nachricht setzte die ganze Tischgesellschaft in Schrecken: Jedermann hielt augenblicklich auch mich für toll. Man nimmt, was man an Wehr nur vorfindet, ermuntert sich gegenseitig, die Gefahr gemeinschaftlich zu bestehen, und somit Jagd auf mich gemacht! Nicht anders, als wären sie insgesamt selbst rasend geworden.

Es ist wohl kein Zweifel, daß sie mich mit ihren Spießen, Fangeisen, Äxten, Beilen und was sie sonst noch für Mordgewehre hatten, in Kochstücke zerstochen und zerhackt haben würden, wenn ich der Gefahr nicht noch zur rechten Zeit inne geworden wäre und mich in das Zimmer, welches meinen Herren zur Wohnung angewiesen worden, geflüchtet hätte. Da schloß und riegelte man mich ein und besetzte die Türe. Ehe man sich selbst bloßstellte, wollte man dem Gifte lieber Zeit lassen, völlig zu wirken, um mich aufzureiben.

Als ich mich im Zimmer so frei und allein sah, machte ich mir die Wohltat des Glückes zunutze und streckte mich der Länge nach auf ein dastehendes, gemachtes Bett und schlief nach geraumer Zeit zum ersten Male wieder als ein Mensch.

Bereits war es heller Tag, als ich mich von meinem weichen Lager ganz munter wieder erhob und draußen vor der Türe meine Wächter sich um mich zanken hörte.

»Ich kann’s nimmermehr glauben«, sprach einer, »daß der arme Esel drinnen toll sein sollte! Eher wollt ich sagen, daß das Gift bei ihm schon ausgetobt habe und bereits wieder verflogen sei!«

Die Meinungen waren geteilt. Man schritt zu einer genaueren Untersuchung und guckte durch eine Ritze in der Stubentür; da sah man mich denn ganz fromm und ruhig stehen. Nun wurde die Türe geöffnet und man kam und beobachtete mich näher, ob ich mich wirklich besänftigt hätte. Und einer, den mir der Himmel zum Retter gesandt, tat den übrigen folgenden Vorschlag, meine völlige Wiederherstellung zu erproben. Nämlich, man solle mir einen Eimer frisches Wasser zu saufen hinhalten, bezeugt’ ich dagegen nicht den geringsten Abscheu und tränke wie gewöhnlich, so könne man sicher sein, daß mir nichts mehr fehle. Hingegen, schauderte ich davor zurück und trüge Scheu zu trinken, so wäre es nicht richtig mit mir. Dies wäre schon eine sehr alte Erfahrung, die man noch täglich bewährt fände.

Auf den Rat wurde gleich aus dem nächsten Brunnen ein Kübel frischen klaren Wassers geholt und mir, wiewohl mit einigem Zagen, hingehalten. Ich aber trat ohne Anstand hinzu, ja ich ging demselben noch einige Schritte entgegen, steckte, als ob ich noch so durstig wäre, den ganzen Kopf hinein und soff auch alles Wasser, im eigentlichsten Verstande ein Lebenstrunk für mich, bis auf den letzten Tropfen rein aus. Auch litt ich geruhig, daß man mich streichelte und mit Händen klopfte, die Ohren mir kraute und bei der Halfter mich herumführte, kurz alles, was sie mir nur versuchen mochten, bis sie endlich ihr rasendes Vorurteil gegen mich abgelegt hatten und von meinem völligen Wohlbefinden überzeugt waren. Also entrann ich dieser doppelten Lebensgefahr.

Am folgenden Tage ward ich wiederum mit dem heiligen Geräte behangen und unter Krotalen- und Zimbelklang aufs Almosenbetteln ausgeführt. Nachdem wir durch allerhand Dörfer und Flecken gezogen, blieben wir endlich in einer Burg stilleliegen, die nach dem Berichte der Einwohner auf den Trümmern einer ehemaligen reichen Stadt erbaut war.

In der Herberge, wo wir gastfreundlich aufgenommen wurden, erfuhren wir eine lustige Geschichte von einem armen Zimmermann, dem seine Frau auf die schnurrigste Weise von der Welt Hörner aufgesetzt hatte. Sie sei hier zum besten gegeben:

Ein armer Zimmergeselle, der nur kümmerlich sein Brot im Tagelohn verdiente, hatte ein Weib, die, aller Armut ungeachtet, wegen ihres Hanges zur Üppigkeit übel berüchtigt war. Eines Tages, als er früh auf seine Arbeit ging, huschte flugs zu ihr ein flinker Galan ins Haus. Kaum sind aber beide zusammen und fangen in voller Sicherheit an, der Liebe zu pflegen, siehe, da kehrt der Mann schon wieder heim, ohne daß er jedoch um etwas gewußt oder dergleichen sich versehen hätte; vielmehr, da er die Türe dicht und fest verschlossen und verriegelt fand, freute er sich in seinem Herzen über die strenge Eingezogenheit seines treuen Weibes. Er klopfte an und gibt durch Pfeifen das Zeichen, daß er da sei. Wie der Blitz hat sich das verschmitzte und auf solche Fälle ausgelernte Weib aus ihres Liebhabers Armen losgeschlungen und denselben in einem großen Fasse versteckt, das halbverschüttet und leer in einem Winkel dastand. Nun machte sie dem Manne auf; gleich in der Türe aber läßt sie ihn böse an.

»Wie?« keift sie, leer und müßig kommst du wieder nach Hause? Pfui über dich Erzfaulenzer! Du magst nur immer die Hände in den Schoß legen und nicht einmal so viel arbeiten, daß wir unser elendes Leben erhalten können, da ich armes betrübtes Weib mich doch Tag und Nacht mit dem Wollespinnen plage und mich abarbeite, damit wir nur in der Kiffe hier nicht im Finstern sitzen dürfen! Wie weit glücklicher Nachbarin Daphne dagegen lebt! Vom frühen Morgen bis in die sinkende Nacht zecht, schlemmt und buhlt sie nach Herzenslust mit jungen Kerlen!«

Verblüfft über den Willkommen, begann der Mann gar glimpflich: »Nu, nu, gutes Weibchen, laß nur gut sein! Hat mir der Meister gleich keine Arbeit gegeben, wie er vor Gericht zu tun hatte, so ist heut’ darum doch für unser Sattwerden gesorgt. Denk! das alte Faß da, was uns nur überflüssig ist und im Wege steht, hab’ ich für fünf Denare verkauft! Der Käufer wird das Geld dafür den Augenblick herbringen und es abholen. Komm, Schatz, und hilf es mir aus dem Wuste da hervorziehen, damit wir es ihm überliefern können.«

Da galt es Besonnenheit, und sie fehlte der Abgefeimten nicht. Sie schlug ein spöttisches Gelächter auf und rief: »Nu, das ist wahr, ein gar vortrefflicher Handelsmann bist du! Eine Sache, die ich dummes Weib, ohne einen Fuß vor die Türe zu setzen, soeben für sieben Denare verkauft habe, die weißt du doch noch für weniger loszuwerden!«

Wer war froher wie der Mann über den unerwarteten Profit! Hastig frage er: »I, wer ist denn das, der es sich so teuer hat anschmieren lassen?« »St!« sprach sie, »dort steckt er drinnen und untersucht, ob’s auch ganz ist!«

Der Galan trat vortrefflich in die Lüge ein. Ganz unbefangen reckte er den Kopf aus dem Fasse und sprach: »Die Wahrheit zu sagen, Mutter, Euer Faß ist doch schon ziemlich wandelbar; es hat hin und wieder ansehnliche Risse.« Darauf richtete er sich an den Mann und sagte ganz fremd zu ihm: »Oh, guter Freund, holt mir einmal eine Lampe, ich will doch innen den Schmutz abkratzen und zusehen, ob das alte Ding wohl noch zu gebrauchen ist; denn wegwerfen möchte’ ich mein Geld auch nicht!«

Der arme Tropf, ohne daß ihm die Stirn juckt, geht und zündet unverzüglich die Lampe an, kommt dann damit und spricht: »Laßt mich lieber das machen, Kamerad! Warum wollet Ihr Euch bemühen? Wann ich fertig bin, könnt Ihr’s besichtigen!« Damit zieht er sich aus und kriecht, die Lampe in der Hand, an dessen Statt in das Faß und pocht, scharrt und schapt es aufs emsigste aus. Unterdessen schmiegt sich der leichtfertige Buhle über seine Frau Zimmermann hin, welche sich auf das Faß gebückt hatte und bezimmerte sie nach Herzenslust. Kopf und Arm in das Faß gehängt, zeigte sie dabei mit schamloser Verschlagenheit ihrem Manne bald hier, bald dort noch etwas zu säubern an; bis endlich Mann und Liebhaber beide ihr Werk vollendet. Da zahlte dieser seine sieben Denare, und der arme Hahnrei mußte noch obendrein seinem Hörnerpflanzer das Faß auf dem Nacken nach Hause tragen.

Nach diesem Aufenthalt von etlichen Tagen in dieser Burg, während desselben sie sich auf öffentliche Kosten weidlich mästeten, auch ihre Sache durch Weissage nicht übel machten, fielen die frommen Priester noch auf eine neue Art, Geld zu verdienen. Sie erteilten einen Orakelspruch, und durch künstliche Auslegung paßten sie denselben allen möglichen vorgelegten, noch so sehr voneinander verschiedenen Fragen an. Ungefähr so. Das Orakel lautete:

»Darum reißen zusammengespannte Stiere das Land auf, Daß in der Zukunft die Saat sprieße gesegnet hervor.«

Fragte nun ein verliebtes Paar, ob es sich heiraten solle, so sagten sie: es läge ausdrücklich in der Antwort; sie sollten sich unter dem Joche der Ehe zusammen vereinigen, und eine Saat von Kindern würde aus ihnen ersprießen. Wollte jemand wissen, ob er gewisse Besitzungen kaufen sollte: allerdings! Es würde ihm ja ein Joch Ochsen verheißen und Felder mit blühenden Saaten. Erholte ein anderer sich Rats wegen einer bevorstehenden Reise, über die er in Sorgen stand – er sollte damit nicht zaudern, die Ochsen, das allerfrömmste Vieh, ständen schon angespannt und fertig; die Reise würde für ihn auch ersprießlich sein, das kündige der sprießende Boden an. War die Frage, ob es ratsam sei, ein Treffen zu liefern oder Räubern nachzusetzen? – Höchst ratsam! Das Schicksal verheiße Sieg, denn gleich den Stieren würden die Feinde ihren Nacken unter das Joch schmiegen, und gesegnet würde die Raubernte sein, die man von den Banditen einsammeln würde.

Mit dieser spitzfindigen Betrügerei scharrten sie kein kleines Geld zusammen, bis sie endlich wegen des beständigen Fragens des Antwortens müde waren und weitergingen.

Der Weg, den wir machten, war ärger denn alles, was ich die Nacht durch ausgestanden hatte. Bald versank ich in grundlose Wasserrinnen, bald blieb ich in zähem Moraste stecken, bald glitt ich mit allen vieren auf schlüpfrigem Boden. Endlich und endlich geriet ich, nach langem Stolpern und Stürzen, auf eine ebene Straße; meine Füße aber waren ganz morsch und ich so abstrapaziert, daß ich kaum noch fort konnte.

Siehe da! Plötzlich kam ein Trupp bewaffneter Reiter in so gestrecktem Galopp hinter uns hergesprengt, daß sie kaum die Pferde anhalten konnten, als sie bei uns ankamen. Sie fielen hitzig über den Philebus und seine Confratres her, faßten sie bei der Gurgel, schimpften sie gottlose Kirchenräuber, schlugen sie mit geballten Fäusten und legten ihnen Handfesseln an.

»Gebt heraus, ihr Spitzbubenpack«, schrien sie immer, »gebt gleich den goldnen Kelch heraus, den ihr von den heiligen Polstern der Mutter der Götter heimlich entwendet habt! Ihr habt ihn gestohlen, als ihr vorgabt, geheime Feierlichkeiten im Verborgenen zu begehen, und bloß darum habt ihr euch auch in aller Stille noch vor Anbruch des Tages weggemacht! Aber ihr irret euch sehr, wenn ihr glaubtet, der Strafe für eine solche Schandtat entrinnen zu können.«

Einer derselben tappte mir unterdessen auf dem Rücken herum, visitierte alles durch, was ich trug, und zog endlich aus dem Schoß der Göttin selbst vor aller Augen den goldenen Kelch hervor.

Indessen schlug selbst die Überführung der gräßlichsten Gottlosigkeit das unverschämte Priestergesindel noch nicht nieder. Fingen sie nicht gar noch zu lachen an und wollten sich weißbrennen?

»Es ist doch himmelschreiend«, riefen sie, »wie unverdienterweise man in Gefahr gerät! Um eines Kelches willen, den die Mutter der Götter ihrer Schwester, der syrischen Göttin, zum Gastgeschenke gegeben, sollen wir armen unschuldigen Vorsteher ihrer Religion mit Leib und Leben zur Verantwortung gezogen werden, als ob wir uns an so heiligen Sachen vergreifen könnten!«

Allein sie redeten nur in den Wind. Die Reiter nahmen sie mit sich zurück und warfen sie geschlossen in den ärgsten Kerker. Den Kelch brachten sie wieder in den Schatz des Tempels und meine Göttin alldazu. Mich aber führten sie folgenden Tages auf den Markt und ließen mich wiederum zum Verkaufe ausrufen.

Ein Bäcker aus dem nächsten Städtchen bezahlte mich noch um sieben Nummen teurer, als Philebus vorher für mich gegeben hatte. Er belud mich mit Getreide, das er aufgekauft, und trieb mich einen rauhen, steinigen Weg, voller Stürze und Wurzelenden, zu sich nach Hause. Viele Pferde und Esel in beständigem Kreislaufe trieben das Mühlen von allerhand Größe, nicht allein bei Tage, sondern auch die Nacht durch bei Lichte.

Mein Herr hatte anfangs ungemein viel Gütigkeit für mich, vermutlich, um mir von meiner neuen Lage einen desto günstigeren Begriff beizubringen. Er ließ mich den ganzen ersten Tag feiern, und meine Krippe war immer vollauf mit Futter angefüllt. Aber länger dauerte auch die Flitterzeit nicht.

Den folgenden Tag wurd’ ich mit dem frühesten an eine der größten Roßmühlen angespannt. Man verkappte mir das Gesicht und trieb mich an, in die Runde, innerhalb der gezogenen Schranken, herumzugehen und einen und denselben und immer wieder von neuem anzufangenden Umlauf zu beginnen. Um es, meinen Gedanken nach, recht klug zu machen, bezeigte ich zu der leichten Kunst so wenig Gelehrigkeit als nur möglich. Zwar hatte ich, wie ich noch als Mensch unter den Menschen lebte, dergleichen Maschinen wohl tausendmal herumdrehen sehen; demunerachtet stellt’ ich mich ganz neu und fremd dazu an. Ich stand wie in den Boden gewurzelt da und ging nicht von der Stelle. Ich bildete mir ein, ich würde zu solcherlei Verrichtungen für unnütz und unbrauchbar erklärt und lieber zu irgendeiner leichteren Arbeit bestimmt oder gar aus Gnaden in Müßiggang ernährt werden. Ach, wie weit schoß ich vom Ziele!

Ich war bald von einem Haufen Leute, mit Prügeln bewaffnet, umgeben, und indem ich so mit verbundenen Augen, in der schönsten Hoffnung versunken, dastand, ließen die auf ein gegebenes Signal auf einmal, unter gräßlichem Geschrei unzählige Streiche hageldicht auf mich einfallen.

Denkt euch den Schreck!

Vergessen waren da augenblicklich meine geklügelten Anschläge, und fix legte ich mich aus allen meinen Kräften ins Zeug und trollte lustig umher in die Runde. Allesamt wollten sich über eine so schnelle Sinnesänderung zu Tode lachen.

Bereits war der größte Teil des Tages verstrichen. Kaum konnt’ ich noch fort, als man mich wieder abkappte, ausspannte und an die Krippe stellte. So müde ich indessen auch war, so sehr ich eines Ersatzes an Kräften bedürftig, und so laut sich auch in mir mein Magen meldete, dennoch hing ich lieber meiner geliebten, nie mich verlassenden Neugier nach, als daß ich das im Überfluß mir vorgeschüttete Futter ruhig ausgefressen hätte. Mit großem Behagen erforschte ich das ganze Wesen und die innere Beschaffenheit eines so unseligen Aufenthaltes, als eine Stampfmühle ist.

Ihr gütigen Götter! Wie viele Menschen gab es da, über und über mit Blutstriemen bezeichnet, den Rücken zerbläut, mit Lumpen mehr beschattet als bedeckt! Einige hatten noch einen geringen Fetzen um die Scham geworfen; die meisten aber waren so bekleidet, daß sie darum nicht weniger als nackend gingen.

Was für Gebrandmarkte, Halbgeschorene, Geschlossene sah ich da nicht! Fahl zogen sie einher wie Schatten. Die Augenwimpern waren ihnen vom Rauch und Dampf des Backofens abgesengt; sie konnten kaum aus den Augen sehen. Und wie im Kampfe die Fechter mit Staub, so waren sie vom Kopf bis zu den Füßen mit Mehl und Asche gepudert und unkenntlich vor Schmutz.

Allein das ist alles noch nichts gegen den Zustand, worin ich meine Gespanntschaft, die Pferde, Maultiere und Esel, antraf; der ist fast nicht zu schildern. Fürs erste waren es lauter uralte Tiere, lauter Schindkracken, die vor Schwäche schwindelten. Die standen nun mit festgeschlossenen Augen, den Kopf zur Erde gesenkt, da an der Krippe und kauten schläfrig Heu; der ganze Hals ein Eiterfraß, die Nüstern vom unaufhörlichen Pusten schlaff und weit offen, die Vorderblätter vom ginstnen Zugseile durchgerieben und schwärig, die Rippen bloß und vom beständigen Gepeitsche, die Hufe breit voneinandergelaufen, und endlich das äußerst dürre Gerippe über und über mit bösem Grinde überzogen!

Wie ein schneidend Schwert fuhr es mir durch die Seele, als ich bedachte, daß ich mich wahrscheinlich in kurzem in dem nämlichen Zustande befinden würde. »Wehe!« seufzte ich bei mir selbst, »so überschwenglich elend sollst du noch werden, armer Lucius!« Und schwermütig ließ ich den Kopf hängen.

In meiner angeborenen Neugierde fand ich noch den einzigen Trost bei so jammervollem Leben. Sie fand beständig Nahrung, da man sich um meiner Gegenwart willen keinen Zwang antat, sondern frei sprach und handelte, wie man nur wollte.

In der Tat, der göttliche Sänger73 der Griechen hat recht, wenn er von seinem Helden singt: Nur dadurch habe er die höchste Staffel menschlicher Weisheit erreicht, daß er vieler Menschen Städte gesehen und Sitten gelernt und so viel unnennbare Leiden erduldet habe. Auch ich habe in der Rücksicht meinem Esel viel zu danken. Unter seiner Hülle bin ich in so mancherlei Leiden geübt und, wo nicht mit Weisheit, doch wenigstens mit Wissenschaft bereichert worden. Vorzüglich verdanke ich ihm ein gar allerliebstes Histörchen, welches ich euch unmöglich vorenthalten kann. Hier ist es!

Der Bäcker, dem ich zugehörte, war ein sehr guter und überaus bescheidener Mann, hatte aber den Ausbund aller argen, garstigen Weiber von der Welt zur Frau. Er stand bei ihr alles nur ersinnliche Hauskreuz aus. Ich hatte wahrhaftig selbst manchmal Mitleiden mit ihm in meinem Herzen. Dem abscheulichen Weibe fehlte keine Untugend, kein Laster; alle insgesamt waren in ihrer scheußlichen Seele, wie der Unrat in einem Pfuhle, zusammengeflossen. Sie war boshaft, grausam, mannsüchtig, dem Trunk ergeben, hartnäckig, zänkisch, geizig in schnöder Anmaßung des Guten anderer Leute, höchst verschwenderisch in schändlicher Verbringung des ihrigen, der Ehrlichkeit gram, der Zucht feind. Dabei verachtete und verspottete sie die Götter samt der wahren Religion. Sie bekannte sich zu einer lästerlichen Lehre von einem Gott, des sie für den Alleinigen ausgab, und unter dem Vorwande allerlei zu beobachtender, nichtiger Gebräuche hinterging sie die Welt, betrog den Mann, soff vom frühen Morgen an und hurte ohne Unterlaß.

Dieser grimmige Drache von Weib hatte einen Pik auf mich; ich weiß nicht, warum? Noch vor Tage, wenn sie noch lange auf dem Ohre liegen blieb, schrie sie schon: »Spannt doch den neuen Esel an die Mühle!« Sobald sie aber aus dem Neste gekrochen, war ihre erste Sorge, daß mir in ihrer Gegenwart das Fell tüchtig ausgegerbt wurde, und zur Abfütterungszeit, wenn schon alles ausgespannt war und fraß, durft’ ich doch ganz spät erst an die Krippe gelassen werden. Diese ihre Strenge machte mich desto aufmerksamer auf ihre Sitten.

Ich hörte beständig einen jungen Menschen bei ihr ein- und ausgehen. Für mein Leben gern hätt’ ich ihm ins Gesicht gesehen; nur konnte ich nicht vor der Kappe über den Augen. Ich hätte dann schon alles anwenden wollen, die garstige Aufführung des bösen Weibes an den Tage zu bringen.

Ferner stak sie tagtäglich vom Morgen bis auf den Abend mit einer alten Vettel zusammen, welche die Unterhändlerin zwischen ihr und ihren Galanen abgab. Wenn sie miteinander gefrühstückt und ein gutes Schlückchen zu sich genommen hatten, dann ging’s an ein Beratschlagen, wie dem guten, ehrlichen Manne wieder auf eine listige Art eine Nase zu drehen sei.

So böse ich auch der Fotis ihres Versehens wegen war, daß sie mich in einen Esel, anstatt in einen Vogel verwandelt hatte, so kamen mir dennoch die großen Ohren, wie schlecht sie auch ins Gesicht fallen mochten, außerordentlich zustatten. Ich konnte alles und jedes wörtlich hören, was auch noch so weit von mir gesprochen wurde. Eines Tages belauscht’ ich die beiden Sibyllen bei folgendem Gespräche:

»Ja, Madamchen«, sprach die getreue Vertraute, »von dem sag’ ich mich los! Haben Sie sich für ihren eigenen Kopf eine solche Matztasche von Liebsten auserkoren, der gleich vor Furcht vergehen möchte, wenn Ihr herzlieber Mann nur ein wenig das Gesicht verzieht, und so kraftlos ist, daß er schon nicht weiter kann, wenn Ihr Verlangen erst rech belebt zu werden anfängt, so mögen Sie auch sehen, wie Sie mit ihm auskommen! Dafür lobe ich mir den Philesietärus! Das ist ein anderer Kerl! Jung, schön, freigebig, brav, schert der sich viel um die Wachsamkeit der eifersüchtigen Männer! So war ich bin! Der Junge wäre wert, daß ihm alle Weiber ihre beste Gunst schenkten! Er wäre wert, eine goldne Krone zu tragen; wäre es auch nur um des meisterhaften Streiches willen, den er neulich einem solchen abgünstigen Ehekrüppel gespielt hat. Hören Sie denn einmal an, Madamchen, und urteilen Sie selbst, was zwischen Liebhaber und Liebhaber für ein Unterschied ist! Sie kennen doch hier in der Stadt den Ratsherrn Barbarus? Weil er eine so giftige Zunge hat, nennen die Leute ihn immer den Skorpion, und er hat ein so überaus feines, allerliebstes Weibchen, das er wie Argus bewacht und stets unter Schloß und Riegel hält.«

»Wie sollte ich ihn nicht kennen?« versetzte darauf die galante Bäckerin, »seine Frau Arete ist mit mir in die Schule gegangen.«

»Oh, so werden Sie auch schon«, sprach jene wieder, »die ganze Geschichte mit dem Philesietärus wissen!«

»Nein! Nicht ein Wort davon«, war die Antwort; »aber ich möchte sie wohl wissen. Erzählt’ sie doch von Anfang an, Mütterchen, ich bitte Euch!«

Darauf hub das alte Plappermaul folgendermaßen zu erzählen an:

»Dieser hochgelahrte Herr Barbarus hatte vor kurzem eine notwendige Reise zu tun. Er wußte sein geliebtes Weib unterdessen nicht besser aufzuheben, als daß er ihr einen von seinen Leuten, mit Namen Mirmex, den er immer vorzüglich treu befunden, zum Keuschheitswächter bestellte. Ewiges Gefängnis in Ketten und Banden und bei Wasser und Brot war das geringste, was er demselben androhte, falls er seine Frau von einer Mannsperson auch nur mit dem Finger im Vorbeigehen würde berühren lassen. Er schwur bei allen Göttern, das Leben würde er ihm nehmen, und das auf die jämmerlichste, schmählichste Art! Nach solcher ausdrücklichen Installation trat er seine Reise ruhigen Herzens an; desto unruhiger aber hinterließ er den armen Mirmex. Dieser lebte in tausend Ängsten. Keinen Schritt durfte Arete ohne ihn tun, wie der Schatten verfolgte er sie; zu Hause beim Wollspinnen wich er ihr nicht von der Seite. Ging sie abends, was nicht zu ändern war, in das Bad, so saß er ihr immer auf den Hacken und haftete wie eine Klette an einem Zipfel ihres Kleides. So gewissenhaft versah er sein aufgetragenes Ehrenwächteramt.

Inzwischen war die Schönheit der Frau Ratsherrin zu groß, als daß sie der wachsamen Aufmerksamkeit des Philesietärus lange hätte verborgen bleiben können, und alles, was er von ebendieser gepriesenen strengen Zucht und Hut hörte, das reizte und feuerte ihn nur um so mehr an, alles in der Welt zu wagen und zu dulden, um ein solches Kleinod zu erobern.

Er kannte die Zerbrechlichkeit menschlicher Tugend und wußte, wie vor dem Golde alle Hindernisse weichen und selbst diamantene Tore aufspringen. Er trat also einmal den Mirmex an, als er ihn eben allein fand, entdeckte ihm seine Liebe zur Arete und flehte aufs rührendste, seiner Qual Linderung zu verschaffen. Er könnte sein Leben nicht länger ertragen, wo er nicht bald der Erfüllung seiner Wünsche teilhaftig würde; er müsse sterben. Was er fordere, sei auch nur eine Kleinigkeit; Mirmex habe nicht das geringste dabei zu befürchten; er wolle nur abends, unterm Schutze und Schleier der Finsternis, sich allein bei ihm in das Haus einschleichen, keine sterbliche Seele solle ihn sehen, und nicht länger als einen Augenblick wolle er sich aufhalten.

Bei diesen und ähnlichen flehentlichen Bitten ließ es der feien Zeisig aber nicht bewenden, sondern er fügte noch ein Überredungsmittel hinzu, das da fähiger als alles war, die mauerfeste Treue des Kerles in ihren tiefsten Grund zu erschüttern. Er hielt ihm nämlich die Hand hin und ließ ihm daraus den Glanz schöner neugeprägter Goldstücke ins Gesicht blitzen, wovon zwanzig der Dame, ihm aber zehn mit tausend Freuden bestimmt wären.

Entsetzen ergriff den Mirmex bei dieser Zumutung des Philesietärus, und er lief, als ob ihm der Kopf brenne, mit verschlossenen Ohren davon. Allein der Sonnenglanz des Goldes hatte ihn einmal verblendet und verfolgte ihn überall! So weit er auch auf seinen Beinen davon rannte, so fest er sich auch dagegen in dem Hause verschanzte, dennoch stach er ihm beständig in die Augen. Immer schwebten die blanken Goldstücke vor seinem Gesichte, immer überrechnete er den reichen Gewinn. Mit sich selbst in unaufhörlichem Zwiste, schwankte sein Sinn wie ein Nachen bald hier-, bald dorthin. Ein Gedanke, ein Vorsatz verdrängte, verjage den andern. Jetzt hielt ihn Treue, jetzt zog ihn Habsucht; dann schreckte ihn Marter, dann lockte ihn Wollust. Bis zuletzt Gold über Todesfurcht obsiegte; denn selbst die Zeit verminderte die schnöde Begierde nach dem schimmernden Metall nicht! Nicht Tag, nicht Nacht fand der Arme Ruhe. Trotz der abscheulichsten Drohungen seines Herrn war er seiner selbst nicht mehr Meister; es ängstigte, es drängte, es zwängte ihn innerlich. Er mußte endlich Scham und Verzug verbannen und seiner Gebieterin den Antrag ihres Liebhabers hinterbringen.

Dame Arete fiel nicht ab von dem angeborenen Leichtsinn unseres Geschlechtes. Sofort war der Handel mit ihr geschlossen und ihre Keuschheit für das verfluchte Gold verpfändet.

Niemand war nun froher als Mirmex, war es gleich auf Kosten seiner Treue. Er konnte den Augenblick nicht erwarten, das Geld, das er zu seinem Unglücke gesehen hatte, nur zu berühren, geschweige in Empfang zu nehmen. Er flog zum Philesietärus, berichtete ihm voller Freuden, wie sein geäußertes Verlangen mit großer Mühe bewerkstelligt sei, forderte auf der Stelle seine versprochene Belohnung und sah sich denn endlich so glücklich, goldene Münzen in einer Hand zu halten, die kaum noch eherne berührt hatte.

Jetzt war es stockfinstere Nacht; jetzt nimmt er den wackeren Liebhaber, das Haupt wohlverhüllt, allein mit sich nach Hause und führt ihn in Aretes Schlafzimmer.

Kaum hatten sich beide Liebenden voller Entzücken umarmt und jeglicher Hülle entledigt ihrer Liebe mit aller Inbrunst lechzender Begier die ersten Opfer gebracht, als wider Vermuten der Herr Gemahl, der die Nacht durch gereist war, vor dem Hause anlangt. Er klopft, er ruft, niemand will hören; er wird ungeduldig, schmeißt mit Steinen wider die Haustür; es kommt noch niemand. Nun kriegt er Schwanzfedern und schimpft und flucht auf den Mirmex und bedroht denselben mit der schrecklichsten Strafe, wo er nicht unverzüglich aufmache.

Der arme Teufel, über die unglückliche Überraschung in der äußersten Verwirrung, wußte vor Bestürzung seinem Leibe keinen Rat. Doch besann er sich noch so viel, daß er sagte, er haben den Hausschlüssel mit so großer Sorgfalt verwahrt, daß er ihn nun in der Dunkelheit selbst nicht wieder zu finden wisse. Unterdessen hörte Philesietärus den Lärm, warf hurtig sein Kleid über und, ohne an seine Schuhe zu denken, barfuß zur Kammer hinaus!

Nun kam mein Mirmex gemach mit dem Hausschlüssel angestochen und schloß auf. Donnernd und wetternd stürzte sein Herr zum Hause herein und gleich in die Schlafkammer; Philesietärus aber husch! hinter ihm weg und unbemerkt und glücklich davon!

Solchergestalt von seiner Angst gerettet, schloß Mirmex ruhig sein Haus wieder ab und legte sich schlafen, sonder Ahnung von dem, was ihm andern Tags bevorstand. Denn als der Herr Ratsherr Barbarus morgens beim Erwachen die Schuhe entdeckte, welche der flüchtende Philesietärus unter dem Bette hatte stehenlassen, verspürte er mit einmal ein so gewaltiges Jucken vor der Stirn, daß er flugs aus den Umständen die Wahrheit mutmaßte. Indessen fanden Sr. Wohlweisen nicht für gut, Dero Herzeleid weder Ihre Frau Gemahlin noch jemand von den Leuten merken zu lassen, sondern Sie versteckten die Schuhe heimlich unter Ihrem ratsherrlichen Kleide und stellten Befehl, den Mirmex sogleich zu binden und nach dem Gerichtsplatz zu schleppen. In hoher eigener Person begaben Sie sich auch dahin, stillschweigend Ihren Gram unter Ihrer Würde verbergend; aber fest überzeugt, durch Hervorweisung der Schuhe Dero Ehrenschänder genau auf die Spur zu kommen.

Aber was geschah?

Eben wie Barbarus, das Gesicht von verbissener Wut aufgeschwollen, mit dem geschlossenen Mirmex in Prozession die Straße hinanzog und dieser, weil sein Gewissen ihn verklagte, durch Heulen und Lamentieren alle Leute vergeblichem Mitleid bewegte, so kam Philesietärus in Geschäften die Straße herunter und ihnen gerade entgegen. Der erste Blick erinnerte ihn sogleich an seine gestriges Vergessen; er zweifelte nicht, daß dies die Folgen davon seien. Augenblicklich rüstet er sich mit seiner ganzen Entschlossenheit und Gegenwart des Geistes und, wie ein Pfeil unter die Sklaven, und dem Mirmex mit großem Geschrei und nicht anders, als ob er ihn auf der Stelle erdrosseln wolle zu Halse!

›Ha,!‹ ruft er, ›treff’ ich dich, du Erzschandbube? Daß dein Herr und alle himmlischen Götter dich doch für die falschen Schwüre, die du da ausstößest, in den Abgrund vertilgten! Du bist ein Dieb! Du hast im Badehause mir gestern meine Schuhe gestohlen! Du solltest krumm zusammengeschlossen in den finstersten Kerker geschmissen werden, und wie einen Hund sollte man dich da ohne Erbarmen verrecken lassen!‹

Der Ton der Wahrheit, womit er dies hervorbrachte, und die Keckheit, mit welcher er seinen vorgeblichen Dieb behandelte, übertölpelten richtig meinen Barbarus. Flugs machte er linksum und kehrte wieder nach Hause. Er krümmte dem Mirmex kein Haar; mit lachendem Herzen gab er ihm die Schuhe und hieß ihn, sie ihrem Herrn wieder zuzustellen.«

Noch redete das Mütterchen, so hub Madame Bäckerin mit einem tiefen Herzensseufzer an:

»Ach! glücklich, wem solch braver Liebhaber beschert wird! Mir armen Frau ist leider nur eine feige Memme zuteil geworden. Es braucht nicht einmal des Geklappers der Mühle, der verkappte, schäbige Esel da macht ihn schon zittern und beben!«

»Nun«, antwortete die Alte wieder, »so geben Sie sich nur zufrieden, Madamchen! Noch heutigen Tages sollen Sie selbst so glücklich sein, jenen wackeren Jungen in Ihre Arme zu schließen. Da! Ich verspreche es Ihnen mit Hand und Mund. Auf diesen Abend! Sie können sich darauf verlassen!«

»Topp!« versetzte jene, und die Kupplerin trippelte fort.

Unterdessen war die tugendsame Bäckerin nicht faul. Sie richtete ein köstliches Mahl zu; sie schafft herrlichen Wein an, bäckt, siedet, bratet, deckt den Tisch aufs stattlichste. Kurz, hätte sie einen Gott zu bewirten gehabt, sie hätte sich darauf nicht besser vorbereiten können als auf die Ankunft ihres Buhlen. Ihr Mann war just bei einem Walkmüller in der Nachbarschaft zu Gaste.

Wie es Mittag ward und ich ausgespannt wurde, um gefüttert zu werden, freute ich mich bei weitem nicht so sehr, daß ich nun meiner Arbeit quitt war, als daß mir die Auge wieder aufgebunden wurden, damit ich frei dem schändlichen Wesen des garstigen Weibes zusehen konnte.

Bereits hatte sich die Sonne in den Ozean getaucht und erleuchtete die unterirdischen Gegenden, als die Alte, den feinen Liebling am Arm, anmarschiert kam. Es war ein blutjunges Bürschchen, noch glatt ums Kinn und selbst noch fähig, statt eines Mädchens zu dienen. Er ward mit den zärtlichsten Küssen empfangen und mußte sogleich am Tische Platz nehmen; aber kaum daß er von Speise und Trank zu kosten anfing, hörte man auch schon unvermutet den Mann wieder nach Hause kommen. Sein Herzensweibchen hätte ihn lieber, ich weiß nicht wohin? gewünscht, oder daß er Hals und Beine möchte gebrochen haben! Allein, was half’s? Er war einmal da. Hurtig war sie also mit ihrem vor Furcht leichenblassen Liebsten unter eine hölzerne Wanne, worin man das Getreide zu schwingen pflegte, und die von ungefähr dastand. Nachdem er also versteckt, geht sie mir nichts, dir nichts unverzagt ihrem Manne entgegen und fragt ihn, wie er denn schon so früh wieder von dem Gastmahle seines Busenfreundes heimkehre? Wehmütig und seufzend gab dieser ihr zur Antwort:

»Aus Ungeduld über die schändliche, niederträchtige Aufführung seines verruchten Weibes bin ich davongelaufen. Ihr gütigen Götter! Wer hatte so was von einer so braven, nüchternen Hausfrau denken sollen? Ja, ich schwöre es bei der heiligen Ceres, noch jetzt, da es meine Augen gesehen, kann ich’s kaum über das Herz bringen, es zu glauben!«

Neugierig gemacht durch die Worte, hörte das freche Weibsstück nicht auf, ihrem Manne mit Bitten anzuliegen, ihr den ganzen Vorgang von Anfang zu erzählen, bis er ihr endlich nachgab und also, seiner eigenen unkundig, die Schande seines Freundes ausschwatzte:

»Stelle dir vor, mein Kind, Freund Walkmüllers Frau, die immer so züchtig und ehrbar tat und überall im Ruf einer treuen Ehegattin und trefflichen Haushälterin stand, dies Weib hatte insgeheim einen Liebhaber, mit dem sie Ehebruch trieb. Immer steckte sie heimlich mit ihm beisammen und hurte, und wie wir beide aus dem Bade zu Tische kamen, war sie grade mit nichts anderem beschäftigt. Unsere plötzliche Ankunft überraschte sie; indessen wußte sie sich zu helfen. Sie steckte ihren Liebhaber unter einen geflochtenen weidenen Korb, mit Tuch behangen, unter welchem der Schwefeldampf angemacht war, um ihm die gehörige Weiße zu geben, und wie sie denselben also ihrer Meinung nach sehr sicher untergebracht hatte, ging sie ruhig mit uns zu Tische. Allein, gar übel war mein Herr Urian da in dem Schwefelgewölbe aufgehoben. Er erstickte schier und fiel in Ohnmacht. Der scharfe Schwefel versetzte ihm den Atem und kribbelte ihn so heftig im Gehirne, daß er einmal über das andere zu niesen anfing. Mein Freund, der sich einbildete, es sei seine Frau, denn der Korb stand gerade hinter ihr, rief erst immer: ›Prost!‹ Aber wie das Ding zu oft kam und gar nicht aufhören wollte, so ging ihm ein Licht auf. Zurück stieß er den Tisch, sprang auf, nahm den Korb weg. Da fand er den Galan, keuchend, in den letzten Zügen!

In der äußersten Wut, worin er über den ihm angetanen Schimpf geriet, wollte er ein Messer nehmen und die halbe Leiche noch ermorden. Allein, das hätte uns böse Händel übern Hals ziehen können; ich gab es nicht zu. Ich versicherte ihm, der Kuckuck würde solange nicht mehr rufen, wir brachten uns gar nicht seines Todes schuldig zu machen; er würde sogleich von selbst am Schwefel krepieren. Doch all mein Zureden hätte nichts geholfen, wäre die Sache nicht sprechend gewesen. Kaum, daß sich der Kerl noch regte! Dadurch ließ sich der Walkmüller besänftigen, und bevor der Sterbende gänzlich verschied, lud er ihn auf und trug ihn in das Gäßchen daneben.

Unterdessen riet ich seinem Weibe wohlmeinend, sich aus dem Staube zu machen und so lange irgendwo bei einem Freunde zu bleiben, bis sich erst der Zorn ihres Mannes ein wenig gelegt hätte. Wenn sie wartete, bis er zurückkäme, so stände ich nicht dafür, daß er nicht in der Hitze sowohl ihr als auch sich selbst ein Leid zufügte.

Sie folgte dem Rat. Und weil ich voraussah, daß nun weiter an kein Essen würde gedacht werden, so ging ich fort.«

Wie der Bäcker auserzählt hatte, da hätte man sie hören sollen, wie sie mit namenloser Gleisnerei auf das unbarmherzigste und in den niederträchtigsten Ausdrücken auf ihr Ebenbild, auf die Frau Walkmüllerin, loszog! Wie sie sie lästerte!

»Oh, das ehrlose, das unzüchtige Mensch!« hieß es, »die ist ja die Schande unseres ganzen Geschlechts! So mit Hintansetzung aller Tugend, aller Scham, aller ehelichen Treue aus dem Hause ihres Mannes einen Hurenwinkel zu machen! Nein, die verdient nicht mehr den ehrenvollen Namen einer Frau, einer Gattin; eine Hure ist sie! Ein Nickel!«

»Ja«, fügte sie gar hinzu, »dergleichen Weiber sollten lebendig verbrannt werden!«

Indessen, aus Besorgnis, nicht auch noch entdeckt zu werden, wenn sie ihren Herzgeliebten noch länger in der unbequemen Lage unter der Wanne ließe, legte sie sehr darauf an, daß ihr Mann recht früh zu Bett gehen möchte. Nur glückte es ihr nicht. Da er von seinem Gastmahle hungrig nach Hase gekommen war, so bat er sich von ihr erst noch was zu essen aus; und zu ihrem größten Leidwesen mußte sie ihm das auftischen, was für einen ganz andern bestimmt war. Hurtig war sie dennoch damit da.

Das Herz tat mir im Leibe weh, als ich des garstigen Weibes vorhergehende Aufführung mit ihrer gegenwärtigen Gleisnerei verglich. Ich sann unaufhörlich hin und her, ob es denn nicht möglich wäre, die Betrügerin zu entlarven und meinem Herrn behilflich zu sein, das saubere Bürschchen, das wie eine Schildkröte unter seiner Wanne lag, zu entdecken. Endlich, mitten in meinem Leide über die meinem Herrn angetane Schmach, war es von der göttlichen Vorsehung verhängt, daß uns unser alter lahmer Wärter hinaus an den See zur Tränke treiben mußte. Dadurch gewann ich die erwünschteste Gelegenheit zur Rache. Ich merkte, als ich mich der Wanne näherte, daß sie zu schmal war und die Finger des Galans darunter hervorragten. Unvermerkt tat ich einen Seitenschritt und stellte und stemmte einen meiner Hufe mit solcher Gewalt auf die hervorstehenden Spitzen, daß ich sie völlig zermalmte, und daß der liebe Buhle gleich vor unerträglichem Schmerz jämmerlich zu krähen anfing, die Wanne von sich abwarf und aufsprang. Somit war die ganze unzüchtige Szene aufgezogen!

Der Bäcker ließ sich seine Hahnreischaft eben nicht zu Herzen gehen; sondern mit heiterm, freundlichem Gesicht, redete er das zärtliche Herzblatt seiner Frau, das wie eine Milchsuppe blaß und zitternd und bebend vor ihm stand, also an:

»Fürchte nichts Böses von mir, mein Söhnchen! Ich bin weder ein grausamer Barbar noch ein ungeschliffner Bauer. Fern sei es von mir, daß ich dich im Schwefeldampf erstickte, wie dort der Walkmüller, oder daß ich die Strenge der Gesetze gegen dich anrief und auf Leib und Leben Ehebruchs halber dich anklagte. Mit einem so schmucken Jungen als du bist, weiß ich schon besser umzugehen! In Frieden will ich dich mit meiner Frau, und du sollst unser Bett mit uns beiden teilen. Meine Frau und ich haben von jeher in jener vollkommenen Einmütigkeit miteinander gelebt, wovon die Weisen schwatzen. Was ihr gefällt, gefällt mir auch. Nur hab’ ich, wie billig, als Mann allemal den Vorrang.«

Auf diese hämische Spöttelei führte er das Bürschchen, sehr wider seinen Willen, zu Bette, schloß sein keusches Weib unterdessen anderswo ein und, allein mit ihrem Liebsten, übte er an demselben die ganze Nacht hindurch die süße Rache für die ihm zugedachte Hörner. Sobald aber der lichte Sonnenwagen den Tag gebar, so ließ er zwei von den stärksten Bäckerknechten hereinkommen, das Knäblein hoch von ihnen in die Höhe halten, und nun ihm brav den Hintern ausgepeitscht!

»Wie?« sprach er dabei, »ein solcher Gelbschnabel, ein so rotziges Bübchen, das noch selbst gemißbraucht wird, will mit seiner unreifen Mannheit schon den Dirnen nachlaufen? Will freie, durch das heilige Band der Ehe gebundene Weiber verführen? und so frühe sich den Schandnamen eines Ehebrechers erwerben? Nein, solchem Mutwillen muß gesteuert werden!«

Unter diesen und ähnlichen Reden strafte er ihn tüchtig ab und warf ihn darauf zum Hause hinaus. Tausend, wie trollte sich mein Abenteurer; nur froh, daß er mit dem Leben davonkam, so übel sein Steiß auch bei Nacht und bei Tage mochte zugerichtet sein!

Seiner teuren Hälfte aber schrieb der Bäcker auf der Stelle den Laufpaß und jagte sie von sich.

Dieses ohnehin erzböse Weib ward durch diesen gerechten Schimpf dermaßen aufgebracht und wild, daß sie ihre ganze Verruchtheit aufbot und keinen weiblichen Kniff unversucht ließ, sich zu rächen. Sie gatterte eine alte Hexe aus, welche den Ruf hatte, durch Beschwörungen und Schwarzkünsteleien alles in der Welt ausrichten zu können, und sparte weder Bitten noch Geschenke, dieselbe dahin zu bewegen, ihren Mann entweder wieder gutzumachen und mit ihr auszusöhnen oder, wo sie das nicht könnte, wenigstens ein Gespenst oder sonst einen bösen Geist zu bannen, um denselben totzuquälen.

Die geistermächtige Zauberin versuchte erstlich die leichten Waffen ihrer entsetzlichen Kunst und bemühte sich, des Mannes tiefverwundetes Herz zu heilen und wieder zur Liebe zu bewegen. Allein, da ihr dies nicht so wohl als sie es dachte gelang, so ward sie böse auf die Geister und, nicht weniger von der ihr versprochenen Belohnung als von der erlittenen Verachtung angereizt, fing sie an, dem armen Manne nach dem Leben zu trachten, und schickte den Schatten eines gewaltsam umgekommen Weibes über ihn, um ihn zu töten.

Aber vielleicht tadelt mich hier ein krittlicher Leser und spricht:

»Aber, wie ging es denn an, daß du einfältiger Esel bei deiner Mühle alles erfahren konntest, was doch die Weiber, nach deinem eigenen Geständnisse, insgeheim vorgenommen haben?«

Er lasse sich dienen und höre, wie es möglich war, daß ich erzneugieriger Mensch unter meiner Eselsmaske alles haarklein erfuhr, wie es mit meines armen Herrn Tode zugegangen!

Es war so um Mittag herum, als plötzlich in der Bäckerei ein altes, höchst betrübtes Mütterchen erschien, halb behangen mit einer elenden Kutte, barfuß, bleich wie ein Tuch, hundsmager und das Gesicht größtenteils verdeckt von struppigem, gräulichem, zerrauftem und von Asche schmutzigem Haar. Sie nahm den Meister freundlich bei der Hand, ging mit ihm in die Stube hinein und schloß die Tür ab, als ob sie etwas Geheimes miteinander zu sprechen hätten. Sie blieben selbander eine geraume Zeit drinnen. Endlich war das Getreide auf den Mühlen alle geworden, und da des Zwiegesprächs noch kein Ende war, so traten die Bäckerknechte an die Tür und riefen den Meister, wieder frisches zum Aufschütten herauszugeben; aber sie mochten rufen, so laut sie wollten, kein Meister antwortete. Nun klopften sie, rufen, so laut sie wollen, kein Meister antwortete. Nun klopften sie, nun donnern sie an die Türe, es rührt und regt sich nichts! Da ahnet ihnen nichts Gutes; sie sprengen die Türe mit Gewalt auf. Als sie in die Stube treten, wo ist das Weib? Den Meister aber sehen sie tot an einem Balken hängen. Da war Klagen und Leidwesen! Man knüpfte endlich die Schleife auf, nahm den Toten ab, wusch ihn noch zu guter Letzt, und als alle gehörigen Leichenanstalten gemacht, trug man ihn unter zahlreicher Begleitung zu Grabe.

Andertages kam seine Tochter aus dem nächsten Städtchen, wo sie vorlängst verheiratet war, in großer Betrübnis gerannt, zerraufte sich das fliegende Haar und zerschlug sich die Brust mit vollen Fäusten. Zwar hatte ihr niemand das Unglück ihrer Familie hinterbracht; sie wußte aber alles. Nachts im Traume war ihr das traurige Bild ihres Vaters, einen Strick um den Hals, erschienen und hatte ihr ihrer Stiefmutter schändliches Betragen, von dem Ehebruch und den versuchten Beschwörungen an bis auf die Art, wie sie ihn durch ein Gespenst hatte erwürgen lassen, entdeckt. Als sie es schluchzend in der Bäckerei erzählte, hörte ich’s mit an. – Sind Sie nun zufrieden, Herr Splitterrichter?

Das arme Weib wollte im Leid vergehen, so sehr schmerzte sie das Unglück ihres Vaters! Doch durch das Zureden ihrer Freunde tröstete sie sich endlich, verrichtete am neunten Tage, nach Sitte und Brauch, das gewöhnliche Opfer am Grabe des Verstorbenen, und dann stellte sie von den ererbten Sklaven, Geräten, Pferden und Eseln eine Auktion an. Alles, was bis dahin nur einem einzigen zugehört, ward von dem mutwilligen Glücke nun unter vielerlei Besitzern verteilt. Mich erstand ein Gärtner für fünfzig Nummen. Freilich sagte er, wäre das teuer; aber er rechnete auch darauf, sich sein Brot mit mir zu erwerben.

Ich muß hier schon beschreiben, wie es mir wieder in diesem neuen Dienst erging.

Morgens früh pflegte mich mein Herr mit allerhand Gartengewächs zu beladen und nach der nächsten Stadt zu führen. Wenn er allda seine Ware verkauft hatte, so setzte er sich auf meinen Rücken und ritt mit baumelnden Füßen gemach wieder nach seinem Garten heim. Nun ging er an seine Arbeit; er grub, er pflanzte, er goß und was er all mehr mit gekrümmtem Rücken zu tun hatte! Ich aber blieb müßig und pflegte unterdessen der Ruhe. So ging es einen Tag wie den andern, bis endlich das kreisende Jahr nach der Ordnung alle Zeichen des Himmels bis zum Steinbock durchlaufen, und nun, nach den Freuden des mostreichen Herbstes, kalter Reif herabsank. Dann war schlechte Zeit für mich! Ich hatte beständig von Nässe und von Frost zu leiden. Mein Stall war unbedeckt; ich stand unter freiem Himmel. Mein Herr war so arm, daß er nicht so viel Stroh hatte, sich selbst, geschweige mir, eine Streu oder ein schlechtes Obdach zu machen; er mußte sich mit einer elenden Laubhütte behelfen.

Überdies hatte ich auch des Morgens nicht wenig auszustehen, wenn ich so mit nackten Füßen durch den gefrorenen Kot oder auf den spitzen Holpern marschieren mußte; und hätte ich dabei nur noch den Abgrund meines Bauches mit gewöhnlicher Kost ausfüllen können! Aber leider! So gut ward’s mir nicht! Meinem armen Herrn und mir diente zwar dieselbe, aber doch die allerelendste Speise zur Nahrung. Ach! Nichts denn schlechter, kraftloser, in den Samen geschossener Lattich, halb verwest vor Alter, hart wie Besenreis und von faulem gallenbitterm Geschmacke war unser einziges Gericht.

Eine Nacht, da der Mond nicht schien und es pechfinster war und regnete, als ob es mit Mulden gösse, hatte sich ein Herr aus der Nachbarschaft von seinem Wege verirrt, und weil er ganz durchnäßt und sein Pferd nicht weiter konnte, war er in unsern Garten eingekehrt. Aus Erkenntlichkeit für die gute Aufnahmen, die er in unsrer freilich schlechten, bei solchen Umständen aber, zum Schutz und zur Ruhe herrlichen Wohnung gefunden hatte, versprach er bei seiner Abreise seinem gütigen Wirte, ihm etwas Korn und Öl, auch zwei Faß Wein zu schenken; er solle nur nach seinem Gute kommen und es abholen. Mein Herr vergaß das nicht; sobald er abkommen konnte, nahm er einen Sack und ein paar leere Schläuche, schwang sich auf meinen bloßen Rücken, und damit den angewiesenen Gütern zu, die sechzig Stadien von uns lagen. Als wir hinauskamen, empfing meinen Herrn sein vornehmer Gastfreund sehr höflich und bewirtete ihn aufs vortrefflichste; indem sie aber noch zusammen beim Weine guter Dinge waren, ereignete sich ein großes Wunder.

Eines von den vielen Hühnern auf dem Hofe lief mit lautem Gackern umher, als ob es legen wollte. Der Herr sah es und rief: »Seh’ man nur einmal die treffliche Leghenne. Tag für Tag ein Ei! Alleweile wird sie wieder legen! He, Junge! Setzte doch gleich dort in den Winkel den Korb hin, in den die Hühner legen!«

Ungeachtet der Junge sofort den Befehl ins Werk richtete, so ging die Henne doch nicht auf das gewöhnliche Nest, sondern brachte dicht vor den Füßen ihres Herrn, zu seiner nicht geringen Bestürzung, eine frühzeitige Geburt hervor. Ihr denkt etwa ein Windei? – Nein! Ein völliges, förmliches Küchlein, mit Flügeln, Füßen, Augen, das sogleich piepend hinter der Mutter herlief.

Hierbei blieb es nicht. Noch ein weit größeres Wunder geschah, worüber jedermann mit allem Rechte in Schrecken geriet.

Gerade unterm Tische, worauf noch die Überbleibsel der Mahlzeit standen, tat sich die Erde auf und sprang ein reicher Blutquell hervor, der die Tafel über und über bespritzte. Und in dem nämlichen Augenblick, da alle dornsteif vor Erstaunen dastanden und voller Furcht die göttliche Vorbedeutung anstaunten, kam jemand aus dem Weinkeller herbeigestürzt und meldete, daß aller Wein, den man vorlängst auf Fässer gezogen, darin nicht anders gäre und brause, als ob Feuer darunter wäre. Auch wurden zu derselben Zeit verschiedene Wiesel gesehen, die eine tote Schlange mit den Zähnen herumzerrten, und ein lebendiger Laubfrosch, der dem Schäferhunde aus dem Halse gesprungen kam, worauf der Widder, der daneben gestanden, über den Hund herfiel und denselben mit einem Biß erwürgte.

Herr und Gesinde waren über diese so vielerlei außerordentlichen Ereignisse ganz weg; sie wußten nicht, was sie zuletzt oder zuerst tun sollten, den Zorn der himmlischen Mächte zu besänftigen.

Noch war alles in der ersten schrecklichen Erwartung irgendeines großen Unglücks, als ein Bedienter vollen Laufs ankam und dem Gutsherrn die Nachricht hinterbrachte, daß soeben alle seine Kinder jämmerlich ermordet worden wären. Der gute Mann hatte ihrer drei gehabt, schon erwachsene Söhne, die er mit solcher Sorgfalt unterrichtet und erzogen, daß sie ihm Freude und bei aller Welt die größte Ehre machten. Diese Jünglinge waren Herzensfreunde mit dem Inhaber eines kleinen Gütchens, an welches zum Unglück die schönen weitläufigen Besitzungen eines jungen reichen Edelmanns anstießen. Des Adels seiner Ahnen sich überhebend, hatte dieser Junker sich einen so großen Anhang in der Stadt gemacht, daß er tun konnte, was er wollte. Er griff also um sich wie ein Feind und plünderte anfangs die Armut seines ohnmächtigen Nachbars, erwürgte dessen Schafe, trieb die Ochsen weg und trat die Saat nieder, bevor sie reif war. Bald, so war er nicht mehr mit der Ernte zufrieden, er wollte auch das Land haben. Er zettelte einen Grenzprozeß an und nahm das Gut in Anspruch.

Hatte bis dahin der arme Nachbar zu allem stillgeschwiegen, so konnte er doch nicht zugeben, daß man ihn gänzlich auszöge und von seinen väterlichen Grundstücken nicht so viel übrig ließe, wohin er sein Haupt legen konnte. Bei so bedrängten Umständen berief er alle seine Freunde zusammen, um Zeugen abzugeben bei Anzeigung seiner Grenze. Unter diesen waren nun vorzüglich jene drei Jünglinge, die ihres Freundes Unglück wie ihr eigenes empfanden.

Der hochadlige Tollkopf ließ durch die Gegenwart so vieler Bürger sich weder furchtsam noch irremachen; nicht ein Haarbreit wollt’ er von seinen Anmaßungen ablassen. Dabei mäßigte er sich nicht einmal in Worten. Als jene mit der äußersten Höflichkeit seine Ansprüche widerlegten und sich geflissentlichst in acht nahmen, sein Ungestüm auf keinerlei Weise zu reizen, fuhr er jählings auf und tat, seiner Gewohnheit nach, einen großen Schwur, bei seiner teuren Ahnen und seiner eigenen Seligkeit: Er schere sich viel um alle die Hundsfötter von Mittelsmänner! Seine Leute sollten den Augenblick, ihnen zum Trotz, den ruppigen Nachbar bei den Ohren von dem Gute herunterwerfen!

Die schimpfliche Rede verdroß jedermann, und ganz frei versetzte darauf einer der Jünglinge: Er solle nur auf seinen Reichtümern nicht zu sicher fußen und gar zu sehr den unumschränkten Tyrannen spielen! Noch gäbe es für die Armen bei den Gesetzen Schutz und Gerechtigkeit gegen den Übermut der Reichen.

Das hieß Öl ins Feuer gegossen! Schwefel in die Glut geworfen! Die Furie gepeitscht!

Der wilde Mensch schnappte über in seiner Wut. Er rief: An den Galgen sollten sie alle mitsamt ihren Gesetzen gehen! Und gab Befehl, die Hirten und Bauernhunde auf sie zu hetzen; böse, große Bestien, die sich vom Aase auf dem Felde nährten und recht dazu abgerichtet waren, jeden Vorübergehenden zu zausen und zu beißen.

Sobald die abscheulichen Bestien durch das Hetz! Hetz! der Hirten angefeuert und angereizt sind, stürzen sie in wildem Grimme und mit fürchterlichem Gebelle auf die armen Leute ein und beißen, zerfleischen und zerreißen sie aufs allererbärmlichste. Wehe! wen sie gleich fassen, aber weher noch, wen sie erst nach langem Verfolgen erhaschen!

In dem Gewirre und Getümmel der Flucht geriet der jüngste der drei Brüder ins Gedränge, stieß an einen Stein und stürzte zu Boden. Gleich hatten die Hunde den Unglücklichen unter und fingen an, ihn in Stücke zu zerreißen. Sein Sterbegeschrei hörend, erkennen die Brüder die Gefahr; sie eilen zu Hilfe herbei. Sie wickeln die Röcke um ihre Linke und suchen durch Steinwürfe ihren Bruder zu verteidigen und die Hunde von ihm abzujagen; allein umsonst! Es war der grausamen Blutgier derselben kein Einhalt zu tun; der Arme verschied unter ihren Bissen! Seine letzten Worte waren: »Brüder, laßt an dem reichen Bösewicht euern jüngeren Bruder nicht ungerächt!«

Nun drangen die beiden übrigen Brüder blindlings, nicht aus Verzweiflung, sondern aus Verachtung ihres Lebens auf den reichen Wüterich ein, und schleuderten in der äußersten Bosheit Steine über Steine nach ihm. Allein ohne allen Anstand schwang dieser seine Lanze und warf sie dem einen mitten durch die Brust. Augenblicklich verließ den Getroffenen das Leben, dennoch fiel er nicht zur Erde; denn das Eisen der Lanze fuhr, nachdem es Brust und Rücken durchbohrt, so tief in den Boden, daß der schwingende Schaft den Leichnam in der Schwebe emporhielt.

Nach dem andern Bruder schleuderte ein großer, starker Kerl von Bedienten, der seinem Herrn zu Hilfe kam, einen gewichtigen Stein; doch, anstatt den rechten Arm zu zerschmettern, auf den er gerichtet, streifte der mattgeworfene Wurf nur die äußersten Fingerspitzen desselben und fiel unschädlich zur Erde. Der Jüngling bediente sich listig dieses glücklichen Zufalls zur Rache; er tat, als sei von dem Wurfe ihm die Hand zerquetscht, und sprach also zum grausamen Reichen:

»So freue dich denn, du raubsüchtiger Bluthund! Freue dich des Untergangs einer ganzen Familie! Weide deine unersättliche Grausamkeit am Blute dreier Brüder! Und triumphiere frohlockend über den Mord deiner Mitbürger! Aber wisse: so sehr du auch die Armen um das Ihrige betrügst und weiter und weiter deine Grenzen hinausrückst; dennoch wirst du immer einen Nachbarn haben! Und hätte mir nur des Geschickes Mißgunst meine Rechte nicht gelähmt, du solltest jetzt dein Haupt vor deinen Füßen suchen!«

Durch diese höhnische Rede noch mehr erbost, zog mein Meister Bandit das Schwert, und damit in blinder Wut gegen den Jüngling an, um denselben eigenhändig darniederzurennen. Allein, da kam er schlecht an! Der Jüngling, der zu seinem Erstaunen nicht so wehrlos war, als er’s sich eingebildet, fing ihm die geschwungene Rechte auf, bemächtigte sich seines Schwerts und erschlug den Nichtswürdigen mit mehreren Streichen. Dann richtete er das vom Blute seines Feines rauchende Eisen, um sich vor dessen Bediensteten zu retten, gegen sich selbst und durchhieb sich die Kehle.

Dies war es, was die schrecklichen Wunderzeichen vorbedeuteten! Dies war es, was man dem unglücklichen Vater berichtete!

Vor Leid konnte der arme Greis weder ein einziges Wort hervorbringen noch auch eine stumme Träne weinen. Er ergriff das Messer, womit er vorgelegt hatte, und schnitt sich damit nach seines Sohnes Beispiele mehrmals in die Gurgel, bis er tot vorwärts auf den Tisch hinsank und mit dem Strome seines Blutes die Flecken des Wunderblutes hinwegspülte.

Nachdem der Gärtner das Schicksal dieses so im Hui erloschenen Hauses genugsam beklagt hatte, seufzte er schmerzlich über sein eigen Mißgeschick und rang die Hände, nach einer teuer mit Tränen bezahlten Mahlzeit so weiten Weges mit leeren Händen wieder heimziehen zu müssen. Er setzte sich auf und ritt voller Trübsinn fort.

Allein auch sein Heimritt fiel unglücklich aus.

Es begegnete uns ein großer Kerl, der dem Kleide und Aussehen nach ein Soldat aus einer Legion war; er fragte in seiner Sprache, auf Lateinisch, ziemlich trotzig: »Wo willst du mit dem leeren Esel hin?« Der Gärtner verstand kein Latein, war auch viel zu sehr in Traurigkeit vertieft, als daß er auf die Anrede hätte achten sollen; ohne zu antworten, ritt er also vorbei. Dadurch fand der grobe, übermütige Soldat sich so beleidigt, daß er gleich zu schimpfen anfing und meinen Herrn mit seinem Stocke von mir herunterprügelte. Demütiglich antwortete ihm mein Herr da:

Er verstehe ja seine Sprache nicht; unmöglich könne er also wissen, was er von ihm haben wolle!

Nun wiederholte der Soldat seine vorige Frage in gebrochenem Griechisch: »Ik, sak, wo du hinwollen mit dein leere Esel?«

»Nach der nächsten Stadt«, antwortete der Gärtner.

»Nu glüklik Reis’!« versetzte der Soldat, »aber deine Esel ik hierbehalten, sie solle helf aus der nächsten Schloß des Hauptmanns Bakasch hole!«

Somit fiel er mir in den Zügel und zog mich zu sich.

Der Gärtner wischte sich das Blut ab, das ihm von den empfangenen Schlägen übers Gesicht lief, und bat flehentlich, ihm doch aus Erbarmen seinen Esel zu lassen.

»Kamerad!« sprach er, »bei allem, was Euch je lieb und wert gewesen ist und noch sein wird, verfahrt glimpflich mit mir armen Manne, raubt mir meinen Esel nicht! Es ist so nur ein faules, dickfelliges Tier, das wahrlich Euch zu nichts dienen kann! Kaum, daß er mir eine Handvoll Gemüse aus meinem Gärtchen nach der Stadt hineinträgt, so liegt er schon keuchend darnieder, geschweige, daß er irgendeine schwere Last fortschleppen könnte!«

Aber das half alles nichts! Der Grobian ward nur noch wilder und kehrte gar seinen Stock, um meinem Herrn mit dem Kolben eins auf den Kopf zu versetzen. Wie dieser das merkt, tut er, als wolle er ihm zu Füßen fallen und, um sein Mitleid zu erregen, die Knie ihm umfassen; allein im Bücken zieht er ihm behend beide Füße unter dem Leibe weg, daß jener die Länge lang, plump, auf die Erde schlägt, und nun über ihn her und ihm Gesicht, Hände, Rippen wacker mit Zähnen, Nägeln, Fäusten, Ellbogen, zerbissen, zerkratzt, zerfäustelt, zerbleut!

Der Soldat, der ausgestreckt, so lang er war, am Boden dalag und sich weder zu helfen noch zu wehren vermochte, schrie nur immer: Wenn er wieder aufkäme, solle es dem Hunde von Gärtner dafür übel ergehen! Mit seinem Seitengewehr wolle er ihn in tausend Kochstückchen zerhacken!

Mein Gärtner ließ sich das fein gesagt sein, nahm die Blutpritsche, schleuderte sie weit weg, und hast du nicht gesehen? wieder von neuem auf den Kriegsknecht losgepaukt!

Dieser, über und über zerschlagen, braun und blau und blutrünstig, wußte sein Leben nicht mehr anders zu retten, als daß er sich tot stellte. Darauf sprang der Gärtner auf, holte sich das Seitengewehr, schwang sich auf mich und jagte spornstreichs in die Stadt. Seinen Garten ließ er Garten sein! und begab sich lieber zu einem seiner Freunde, erzählte demselben sein Abenteuer und bat, ihm in der Gefahr beizustehen und ihn samt seinem Esel auf ein paar Tage zu verbergen, damit er der Todesstrafe entginge. Aus alter Freundschaft schlug dieser ihm seine Bitte nicht ab, sondern nahm uns willfährig auf. Mir banden sie die Füße und schleppten mich die Treppe hinauf in ein oberes Kämmerchen; der Gärtner aber kroch unten in einen Kasten, der einen Deckel hatte, welcher zugemacht wurde. Und so hielten wir uns verborgen.

Mittlerweile war, wie ich nachher erfahren, der Soldat wieder aufgestanden und hatte sich, von allen empfangenen Schlägen taumelnd, als ob er betrunken wäre, und morsch und lendenlahm, an seinem Stocke mit Mühe und Not nach der Stadt geschleppt. Allein, da er sich schämte, von seiner Impertinenz und Bärenhäuterei irgend jemand von den Stadtleuten etwas merken zu lassen, verbiß er so lange stillschweigends die erlittene Schmach und Beleidigung, bis er sich einigen von seinen Kameraden anvertrauen konnte. Diese rieten ihm, weil er außer der Schande über den ihm angetanen Schimpf auch noch die Regimentsstrafe wegen des eingebüßten Seitengewehrs zu fürchten hätte, so solle er sich nur im Quartiere verstecken; sie wollten sich derweilen alle erdenkliche Mühe geben, uns nach den angegebenen Abzeichen ausfindig zu machen, um ihn zu rächen.

Leider! Hielten sie Wort. Ein hundsföttischer Nachbar verriet unsere Herberge. Gleich gingen die Schurken zum Magistrat und gaben vor: »Auf dem Marsche sei ein silbernes Gefäß von großem Werte ihrem Hauptmann verlorengegangen, ein gewisser Gärtner habe es gefunden, wolle es aber nicht wieder herausgeben, sondern verberge es bei einem seiner Freunde.«

Der Magistrat hatte kaum den Verlust und den Namen des Hauptmanns vernommen, als er in höchst eigener Person vor unsrer Tür war und unserm Wirte mit lauter Stimme anbefahl: Unverzüglich uns herauszugeben, man wisse zuverlässig, daß wir in seinem Hause geborgen wären; wo nicht, so würde man ihn für straffällig ansehen.

Doch unser Wirt, dem es ernst war, seinen in Schutz genommenen Freund zu retten, ließ sich nicht ins Bockshorn jagen, sondern verleugnete uns keck.

Es wären schon verschiedene Tage, sagte er, daß er den Gärtner nicht mit Augen gesehen hätte.

Die Soldaten widerstritten es ihm und schwuren beim Kaiser: Bei ihm und nirgends anders sei derselbe verborgen.

Demungeachtet beharrte jener auf seiner Aussage; also beschloß der Magistrat, durch Haussuchung hinter die Wahrheit zu kommen. Pedell und andere Gerichtsdiener wurden ins Haus geschickt, mit Befehl, alle Winkel geflissentlich durchzusuchen. Diese kehrten aber nach einer Weile zurück und referierten, es sei im ganzen Hause weder der Mensch noch Esel anzutreffen.

War vorher schon gestritten worden, so ging es nunmehr auf beiden Teilen noch heftiger los.

»Es ist nicht wahr!« schrien die Soldaten, »sie haben nicht recht zugesehen! Der Spitzbube muß drinnenstecken, wir beschwören es beim Kaiser!«

»Bei allen Göttern! Er ist nicht bei mir!« gab unser Wirt zurück; »wenn er da wäre, würde ich ihn gewiß nicht verleugnen!«

Über dem lauten Gezanke ward ich neugierig, zu sehen, was es denn unten gäbe, und machten einen langen Hals und steckte die Nase zum Fenster hinaus. Unglücklicherweise mußte sich in dem Augenblick eben einer von den Soldaten umsehen und meinen Schatten in die Augen kriegen.

»Ha, was seh’ ich denn da?« rief er sogleich seinen Kameraden zu, »schaut des Esels Schatten! Guck, Esel!«

Damit sprangen flugs einige nach mir die Treppe hinauf, packten mich an und schleppten mich wie einen Gefangenen hinunter.

Nun hatte aller Streit ein Ende.

Ein jeder ging und suchte im Hause herum, ob er den Gärtner nicht auch entdecken könnte, bis man denselben endlich in seinem Kasten fand. Der arme Teufel ward sehr unsanft aus seinem Schlupfwinkel gezogen, sofort dem Magistrate überliefert und auf Leben und Tod ins Gefängnis geführt.

Jedermann wollte sich über mein possierliches Herausgucken zum Kappfenster totlachen, und »Guck, Esel!« und »Schaut des Esels Schatten!« wurden von der Zeit an als sprichwörtliche Ausrufungen gebraucht, wenn jemand sich irgendworin aus Vorwitz oder Einfalt selbst verriet.

Zehntes Buch

Ich weiß nicht, was den folgenden Tag aus meinem armen Herrn, dem Gärtner, geworden sein mag; denn der Soldat, der seiner überschwenglichen Grob- und Frechheit halber so brav war ausgeprügelt worden, zog mich, ohne jemandes Widerrede, aus meinem Stalle und führe mich, wie es mir vorkam, nach seinem eigenen Quartier. Nachdem er mich allda mit seiner Bagage bepackt und recht militärisch ausgeputzt und gerüstet hatte, nämlich alle seine Waffen, wie es bei der Armee gehalten wird, über dem Gepäck oben sehr zierlich angebracht, den blitzenden Helm, den spiegelnden Schild, ja sogar auch eine baumlange Lanze, die er zwar nach der Regel nicht brauchte, sondern nur den armen Reisenden zum Schrecken führte, begab er sich mit mir auf den Marsch.

Nach einem nicht allzu mühsamen Weg durch eine Ebene gelangte wir zu einem Städtchen, wo wir in keinem Gasthof, sondern in der Wohnung eines Rittmeisters einkehrten. Der Soldat empfahl mich einem Knechte und verfügte sich hurtig zu seinem Obersten.

Ich erinnere mich, daß sich nach einigen Tagen daselbst eine höchst gottlose Geschichte zutrug, die ich hier einrücken will, damit ihr sie auch erfahrt.

Unser Hausherr hatte einen trefflich unterrichteten und, demzufolge, höchst tugendhaften und bescheidenen Sohn; möge der Himmel einem jeglichen von euch einen ähnlichen bescheren! Dieses jungen Menschen Mutter war schon längst gestorben; der Vater hatte ihm aber eine Stiefmutter gegeben, mit welcher er noch einen Sohn gezeugt, der bereits über zwölf Jahre alt war.

Es sei nun, daß diese Dame, die überhaupt im Hause mehr ihrer Schönheit als ihres Charakters wegen geachtet wurde, von Natur aus unzüchtig war, oder daß nur ihr böses Geschick sie zu der äußersten Schandtat hintrieb. Genug, sie warf ein Auge auf ihren Stiefsohn. – Mache dich nunmehr, bester Leser, nicht auf ein Lust-, sondern auf ein Trauerspiel gefaßt! Jetzt verlasse ich die Socken und gehe auf Kothurnen einher.

Anfangs, als das erste zärtliche Verlangen in das Herz der Dame einschlich und sanft ihre Wangen rötete, bekämpfte sie es zwar und unterdrückte es stillschweigend; allein als endlich der Liebe ganze Glut unbändig in ihrem Innern tobte, da verließen sie die Kräfte, und sie erlag der Gewalt der Leidenschaft.

Sie stellte sich unpäßlich und verbarg die Wunde ihrer Seele unter einer vorgeblichen Krankheit ihres Leibes. Wie leicht dies sei, weiß ein jeder, da Kranke und Liebende einander nicht allein im schmachtenden Ansehen, sondern auch im übrigen Befinden vollkommen ähnlich sind. Totenbleich war ihr Gesicht; ihre Augen matt, es zitterten ihre Knie. Sie schlief äußerst unruhig und stöhnte ohne Ende.

Man glaubte, sie habe das Fieber; nur daß sie auch weine!

O der blödsinnigen Ärzte! Nicht zu merken, was ein heftig schlagender Puls, eine innere Hitze, ein schwacher Atem, ein heftiges Herumwerfen von einer Seite zur andern andeuten! Doch braucht’s, ihr guten Götter, der Arzneikunde so wenig und nur einigermaßen Bekanntschaft mit der Liebe, um das Rätsel einer sonder körperliche Hitze brennenden Kranken auf den ersten Blick zu erraten!

Auf äußerste getrieben vom Übermaße ihrer Leidenschaft, entschloß sich zuletzt die Dame, das so lange gehaltene Stillschweigen zu brechen. Sie ließ den Gegenstand ihrer Liebe, ihren Stiefsohn – ach! daß sie ihn mit keinem andern Namen benennen konnte, um nicht zu erröten! – zu sich rufen. Er kam sofort, dem Befehle seiner kranken Stiefmutter gehorsam, und mit einem männlichen Ernste trat er in das Schlafgemach der Gattin seines Vaters und der Mutter seines Bruders.

Sie, die im Augenblick zuvor so fest entschlossen war, das Geständnis ihrer Liebe zu wagen, versank mit einmal wieder in die alten Zweifel und Bedenklichkeiten. Noch einmal sträubte ihre Tugend sich. Sie hat das Herz nicht mehr, ein Wort von dem hervorzubringen, was ihr vorher zur gegenwärtigen Unterredung schicklich geschienen. Sie weiß nicht, was sie sagen soll. Sie stammelt. Sie stockt.

Mit niedergeschlagenen Augen kam der Jüngling, der noch nichts Böses ahnte, ihrer Verlegenheit durch eine Erkundigung nach der Ursache ihrer gegenwärtigen Krankheit zu Hilfe.

Nun hat sie wieder Mut, die unglückliche Gelegenheit der Einsamkeit zu nutzen. Sie bedeckt sich das Gesicht mit ihrem Kleide, und unter einem Strom von Tränen spricht sie also mit zitternder Stimme:

»Wisse, die einzige Ursache und Quelle meines Leidens sowie das einzige Rettungsmittel meines Lebens und meiner Wohlfahrt bist allein du! Deine Augen sind, ach! durch die meinen in mein Herz gedrungen und haben mein innerstes Mark angezündet. Oh, erbarme dich meiner, die um dich stirbt, und verbanne die Furcht vor deinem Vater; erhältst du ihm doch seine sterbende Gattin! Ach, ich liebe dich bloß, weil du sein wahres Ebenbild bist; und ich liebe dich mit Recht! Nutze nur Zeit und Gelegenheit und sei außer Sorge! Wir sind allein; ungewußt und ungetan.«

Bestürzt über diese unerwartete Zumutung stutzt der Jüngling. Der bloße Gedanke, sich so sträflich an seinem Vater zu vergehen, machte ihn im Herzen schaudern; dennoch faßte er sich, und um durch unzeitige Strenge seine Stiefmutter nicht aufzubringen, suchte er lieber durch leere Versprechungen sie zu täuschen. Er beschwor sie, sich nur vor der Hand zu beruhigen und für ihre Gesundheit und Wiederherstellung Sorge zu tragen, bis durch irgendeine Reise sein Vater ihnen freiere Gelegenheit gäbe, ihren beiderseitigen Wünschen zu vergnügen. Und schüchtern floh er der Verführerin aus den Augen.

Um sich bei diesem unglücklichen Vorfall desto besser zu beraten, verfügte er sich sogleich zu seinem alten vormaligen Hofmeister, einem Manne von bewährter Klugheit und Rechtschaffenheit. Nach langer Überlegung schien ihnen nichts heilsamer, als durch eine schnelle Flucht dem Ungewitter zu entgehen, welches das zürnende Glück zusammenzöge.

Die Dame liebte indessen viel zu heftig, als daß sie den mindesten Verzug hätte leiden können! Nur allzubald hatte sie durch irgendeine unbegreifliche List ihren Gemahl dazu bewogen, nach seinen entlegensten Gütern eine Reise zu unternehmen, und kaum daß er fort war, so überließ sie sich dem Taumel ihrer üppigen Hoffnung und forderte vom Jünglinge die Erfüllung seines Versprechens.

Unter bald diesem, bald jenem Vorwande wußte der Jüngling ihr eine Zeitlang auszuweichen. Sie merkte aber endlich aus seinen mannigfaltigen Antworten nur gar zu deutlich, wo er hinauswollte. Und dies merken und ihre abscheuliche Liebe in einen noch weit abscheulicheren Haß verwandeln, war eins.

Sie macht einen Sklaven, der ihr von Hause war mitgegeben worden, einen erzverruchten Bösewicht, zu ihrem Vertrauten und geht mit demselben über ihre gottlosen Absichten zu Rate. Nichts schien ihnen besser, als den armen jungen Menschen aus dem Wege zu räumen. Gleich also ging der Gaudieb, holte das geschwindeste Gift, mischte es mit Wein und hielt es zu dessen Hinrichtung bereit. Allein, während sie noch zusammen über die Art und Weise beratschlagen, wie es dem armen Unschuldigen beizubringen sei, kommt der jüngere Bruder desselben, der Dame leiblicher Sohn, nach den Frühstunden aus der Schule heim. Es dürstete ihn, weil er eben gegessen hatte. Er sieht den Wein, läßt sich ja nicht einfallen, daß Gift darein gemischt sei, und trinkt ihn rein aus.

Kaum hatte er den seinem Bruder bereiteten Trank hinunter, so sank er bewußtlos zur Erde. Erschreckt durch einen so plötzlichen Tod, erhob der Hofmeister ein so jämmerliches Geschrei, daß Mutter und Gesinde hinzuliefen. Es war klar, daß der Wein vergiftet gewesen, doch niemand wußte, wem die Schuld davon beizumessen. Einer hatte den andern in Verdacht. Das grausame Weib verriet sich nicht. Ja, als ein echtes Muster stiefmütterlicher Bosheit ließ sie sich nicht vom herben Tode ihres rechten Sohnes, nicht vom Bewußtsein eines Meuchelmordes, nicht vom Unglücke ihres Hauses, nicht von dem Schmerze rühren, welchen der Verlust seines Kindes dem Vater verursachen mußte; sondern einzig darauf bedacht, aus diesem unglücklichen Zufall für die Rache Vorteil zu ziehen, schickte sie hurtig einen Läufer an ihren Gemahl ab, der ihm die Botschaft von der Ermordung seines Sohnes hinterbringen mußte. Und als der unglückliche Vater auf diese traurige Nachricht in aller Geschwindigkeit nach Hause zurückkehrt, klagt sie mit teuflischer Ruchlosigkeit ihren Stiefsohn bei demselben an: Mit seinem Gifte sei ihr Sohn vergeben worden.

In der Tat war dies keine Lüge, da der Knabe an dem Gifte gestorben, das eigentlich dem Bruder zugedacht gewesen; doch nicht also wollte sie es verstanden wissen. Ihr Stiefsohn hatte ihr an ihrer sträflichen Begierde nicht zu Willen sein, hatte an seinem Vater nicht zum Blutschänder werden wollen. Für einen Brudermörder sollte er also angesehen werden! Und hiermit noch nicht zufrieden, setzte sie hinzu: Sie selbst drohe er mit seinem Schwerte zu durchbohren, wo sie nicht verschwiege, was er ihr Schändliches zugemutet.

Dem armen Rittmeister brach das Herz vor Gram über den Verlust seiner beiden Söhne; denn beider sah er sich schon im Geiste verlustig; der jüngste lag auf der Bahre, und der älteste, Brudermords und Blutschande schuldig, hatte nur allzu gewiß sein Leben verwirkt.

Doch die verstellten Klagen seiner leider! zu zärtlich geliebten Gemahlin besiegten bald in ihm das Vaterherz und flammten ihn so sehr mit dem äußersten Haß gegen sein eigen Blut an, daß, sobald nur die Leichenbestattung seines Jüngsten vollbracht war, er, das Gesicht von noch frischen Tränen beströmt, das graue Haar von Asche beschmutzt, geraden Weges nach dem Gerichtsplatz hinlief und, unbewußt des entsetzlichen Betruges seiner Frau, mit Tränen, mit fußfälligen Bitten, kurz, mit dem heftigsten Affekt die Richter um Rache gegen seinen einzigen Sohn anflehte, indem er mit der innigsten Wehmut denselben öffentlich anklagte: Er habe das Bett seines Vaters mit Blutschande befleckt, Meuchelmord an seinem Bruder verübt und seiner Stiefmutter den Tod angedroht!

Der Anblick des jammernden Greises erregte bei Rat und Volk so viel Mitleid, daß man aus Unwillen gegen den Angeklagten alle Form rechtens als langweilig und überflüssig verwarf und, ohne die nötigen Beweise des Klägers, noch die förmliche Verteidigung des Beklagten anzuhören, einhellig schrie: »Zu Tode gesteinigt das Unkind! Zu Tode gesteinigt den Auswurf der Natur!«

Indessen der Oberrichter, der nicht ohne Grund befürchtete, es möchte endlich aus diesem in seinem Anfange unbedeutenden Unwillen ein Unfug entstehen, der sowohl für ihn selbst als für die bürgerliche Ordnung und für die ganze Stadt verderblich werden könnte, widersetzte sich laut diesem raschen Ausspruche. Er erhob sich und ersuchte seine Herren Kollegen höflichst, während er den Bürgern ernstlich gebot, die Sache nach der Väter Weise zur gerichtlichen Erörterung gedeihen zu lassen. Es geziemte sich keineswegs, einen Ausspruch zu tun, bevor nicht die Gründe und Gegengründe beider Parteien kaltblütig geprüft wären. Er würde nimmermehr zugeben, daß jemand bei ihnen wie bei wilden barbarischen Nationen oder bei tyrannischen Selbstherrschern unverhörter Sache verurteilt und der Welt mitten im Frieden ein so abscheuliches Beispiel von Ungerechtigkeit gegeben würde!

Diese kluge Vorstellung war nicht fruchtlos. Augenblicklich erhielt der Herold Befehl, auszurufen: »Die erwählten Väter sollen zu Rate sitzen!«

Sobald ein jeglicher nach seinem Range Platz genommen, trat abermals auf des Herolds Ruf der vorige Ankläger auf. Auch der Beklagte ward vorgeladen und eingeführt, und wie im Marsgerichte zu Athen74 ward den Sachverwaltern angedeutet, sonder Einleitung in die Reden und ohne Erregung der Leidenschaften zu sprechen!

Daß sich dies alles so zugetragen, weiß ich aus verschiedenen Gesprächen, die ich mit anzuhören Gelegenheit hatte. Mit welchen Worten aber der Ankläger seine Klage vorgebracht und wie der Beklagte sich dagegen verteidigt, ferner ihre gegenseitigen Repliken, Dupliken, Tripliken weiß ich nicht, da ich nicht selbst dabei zugegen gewesen, sondern daheim an meiner Krippe blieb, und was ich nicht weiß, kann ich euch auch nicht erzählen. Doch was ich sonst erfahren, will ich treulich hier niederschreiben.

Nachdem der Wortwechsel beider Parteien ein Ende genommen, tat der Rat folgenden Spruch: »Die Wahrheit so schwerer Beschuldigungen sei durch gründliche Beweise an den Tag zu legen, Verdacht und Mutmaßung allein seien nicht hinlänglich. Der Kläger müsse notwendig den Sklaven stellen, der ganz allein um die Sache wissen solle.«

Es geschah.

Allein dieser Schurke, den weder der ungewisse Ausgang dieses großen Gerichts noch der Anblick der hochansehnlichen Ratsversammlung oder sein böses Gewissen aus der Fassung zu bringen vermochten, erzählte lauter selbsterdichtete Lügen her, die er für die wirkliche Wahrheit ausgab. Er sagte aus:

Der Jüngling habe aus Unwillen, daß er bei der Stiefmutter kein Gehör gefunden, ihn zu sich gerufen, habe, um an denselben sich zu rächen, ihm aufgetragen, ihren Sohn umzubringen, habe ihm eine große Belohnung für seine Verschwiegenheit versprochen, habe auf seine Weigerung ihn zu erstechen gedroht, habe ihm eigenhändig zubereitetes Gift gegeben, um es seinem Bruder beizubringen; habe aber endlich aus Verdacht, als zaudere er nur mit der Vergiftung, um ihn zu verraten, dem Kinde den Giftbecher mit eigner Hand gereicht.

Nach dieser mit aller Wahrscheinlichkeit ausgeschmückten und mit verstellter Furcht vorgebrachten Aussage des Bösewichts schritt man zum Rechtsspruch.

Keiner der Richter blieb dem Jüngling günstig genug, um ihn nicht als offenbar überführt zum Säcken zu verurteilen.

Bereits sollten die Stimmtafeln, die insgesamt mit dem Zeichen der Verdammung beschrieben waren, nach uralter Sitte in die eherne Urne geworfen werden. Dies getan, wäre das Schicksal des armen Beklagten unwiderruflich entschieden gewesen, und er wäre unverzüglich den Händen des Nachrichters zur Vollziehung des Urteils überliefert worden.

Allein ein alter grauköpfiger, biederer Ratsherr, ein Arzt von anerkannter Geschicklichkeit, hielt mit der Hand die Öffnung der Urne zu, damit niemand seine Stimmtafel hineinwürfe, und sprach also zur Versammlung:

»Da Sie, meine Herren, mich in diesem hohen Alter mit Ihrer Achtung beehren, freue ich mich, daß ich so lange gelebt habe, und um so weniger kann ich jetzt zugeben, daß an diesem fälschlich beschuldigten Jüngling ein offenbarer Meuchelmord begangen werde, noch daß Sie, von einem nichtswürdigen Sklaven belogen, wider Eid und Pflicht richten. Religion und Gewissen fordern von mir Gerechtigkeit. Hören Sie, wie sich die Sache eigentlich verhält!

Vor kurzem kam der Schurke da (auf den Sklaven zeigend) zu mir und bot mir hundert Goldstücke, wenn ich ihm das allerschleunigst wirkende Gift verkaufen wollte; es sei für einen Kranken, der unsäglich an einem unheilbaren Übel leide und sich dadurch von der Qual des Lebens befreien wollte. Ich merkte zwar bald aus dem üblen Zusammenhang seiner Reden Unrecht; gleichwohl gab ich ihm einen Trank, doch nahm ich Rücksicht auf die darauf zu erwartenstehende Untersuchung und nahm das mir gebotene Geld nicht so schlechtweg an, sondern sagte: Da leicht eins von den Goldstücken unwichtig oder falsch sein könnte, so möchte er sie mir lieber mit seinem Petschierringe in dem Beutel versiegeln; morgen wollten wir sie zusammen in Gegenwart eines Wechslers untersuchen. Er tat’s, und er ist gefangen! Sobald dieser (auf den Jüngling zeigend) vor Gericht gefordert wurde, schickte ich gleich in aller Geschwindigkeit jemand von meinen Leuten nach diesem Gelde. Hier ist’s, ich zeige es öffentlich vor! Lassen Sie’s ihn besichtigen, meine Herren, ob er es nicht am Siegel für das seinige erkennen wird? Und dann frage ich: Hat dieser Kerl das Gift von mir gekauft, wie kann dann der Jüngling des Brudermords bezichtigt werden?

Damit ergriff den Bösewicht ein mächtiges Zittern und Beben; an die Stelle seiner lebhaften Gesichtsfarbe trat schreckliche Totenblässe, und ein kalter Schweiß floß ihm über alle Glieder. Nicht einen Augenblick stand er stille vor Unruhe; bald kratzte er sich hier, bald da am Kopfe. Er murmelte unverständliche Worte zwischen den Zähnen daher oder schwatzte lauter dummes Zeug. Alle Welt erkannte ihn sofort für schuldig.

Es währte jedoch nicht lange, so hatte sich der Ruchlose wieder ermannt; er leugnete alles und hieß den Arzt mit der größten Hartnäckigkeit lügen.

Der alte, ehrliche Arzt, den Eid und Pflicht zur Gerechtigkeit verbanden und der so öffentlich seine Rechtschaffenheit in Zweifel ziehen sah, wendete alle ersinnliche Mühe an, den verstockten Bösewicht zu widerlegen. Umsonst!

Endlich bemächtigten sich auf des Rats Befehl die Gerichtsdiener des Schelmes Händen und fanden ein eisernes Petschaft, das mit dem Siegel des Beutels zusammengehalten wurde. Beider vollkommene Übereinkunft bestärkte den vorgefaßten Verdacht.

Nun ließ man, wie es der Gebrauch bei den Griechen ist, Folterrad und Folterbank hereinbringen und tat, als solle der Missetäter darauf gespannt werden; doch es rührte ihn nicht! Er blieb standhaft. Ja, mit Feuer und Geißel setzte man ihm zu: aber auch das vergebens! Er gestand kein Wort.

»Ich werde nimmermehr dulden«, sprach darauf der Arzt, »wahrlich! ich werde nicht dulden, daß die Unschuld wider Recht und Gerechtigkeit den Tod erleide, während zugleich dieser Bösewicht, unseres Urteils spottend, seiner wohlverdienten Strafe entrinne! Sehen Sie hier, meine Herren, ein neues, untrügliches Kennzeichen der Wahrheit meiner Aussage!

Als der gottlose Schurke da zu mir kam, das heftige Gift zu kaufen, so glaubt’ ich, es gezieme sich nicht für mich und meinesgleichen, irgend jemand etwas zu geben, das ihn töten könne, da die Medizin dem Menschen das Leben zu erhalten erfunden ist, nicht aber, es ihm zu rauben. Ich fürchtete indessen auch, wenn ich ihm sein Begehr geradezu abschlüge, so möchte ich durch diese unzeitige Weigerung nur desto mehr zur Vollbringung seiner vorhabenden Schandtat beitragen, indem er unfehlbar entweder anderwärts tödliches Gift kaufen oder auch wohl mit einem Dolche oder anderer Waffe seinen bösen Anschlag ausführen würde. Also gab ich ihm nicht Gift, sondern nur Alraun, das, wie bekannt, einen plötzlichen, todähnlichen Schlaf bewirkt. Er weiß das nicht, der Bösewicht. Im Wahne nun, daß er sich wirklich des Todes schuldig gemacht, nimmt er lieber mit der Folter fürlieb, als daß er bekennen sollte. Indessen, hat das Kind den von meinen Händen zubereiteten Trank bekommen, so ist es nicht tot! Es ruht nur, es schläft! Rüttelt es; der schwere Schlummer wird sogleich verfliegen, und es wird wieder zum Tageslichte hervorgehen. Falls es aber nicht wieder erwacht, falls es jenen ewigen Totenschlaf schläft, so hat es mit der Ursache seines Todes eine andere Bewandtnis. Untersuchen Sie!«

Die Rede des alten Graukopfs erhielt Beifall. Man ging sofort in großer Eile zum Grabmale, wo der Körper des Kindes war beigesetzt worden. Kein einziger von den Ratsherren, kein Vornehmer, kein Geringer blieb zurück. Die Neugier trieb sie alle dahin.

Mit eigenen Händen hob der Rittmeister selbst die Decke des Sarges ab. Sowie er das Kind rüttelte, siehe, so ermunterte es sich aus dem Schlafe und stand vom vermeintlichen Tode wieder auf. Entzückt fiel ihm der Vater um den Hals, zeige seinen wiedererhaltenen Sohn mit lallender Freude dem Volke und trug ihn, eingehüllt in Leichentüchern, wie er war, auf seinen Armen vor Gericht.

Die Schandtat des ruchlosen Sklaven und der noch ruchloseren Stiefmutter wurde nunmehr entdeckt, und die nackte Wahrheit kam an den Tag. Das Weibsbild wurde auf ewig ins Elend verwiesen, der Sklave aufgehängt; dem biedern Arzt aber wurde mit allgemeiner Übereinstimmung der mit Gold angefüllte Beutel für den so sehr zur gelegenen Zeit angebrachten Schlaftrunk zugestanden.

Also endigte sich, zu nicht geringer Verherrlichung der göttlichen Vorsicht, dies so verworrene tragische Begebenheit des alten Rittmeisters, der sich in so kurzer Zeit völlig kinderlos und wiederum als Vater zweier Söhne sah.

Was mich betrifft, mit mir spielte das Schicksal ferner also:

Der Soldat, der mich so billig an sich gebracht hatte, mußte, aus schuldigem Gehorsam gegen die Order seines Obersten, einen Brief an den allergroßmächtigsten Kaiser nach Rom bringen, und für elf Denare verhandelte er mich nebenan an zwei Brüder, die beide einem reichen Herrn dienten, der eine als Brot-, Zucker-, und Pastetenbäcker, der andere als Leib-, Mund- und Magenkoch. Sie wohnten und wirtschafteten selbander auf einem Zimmer und kauften mich zum Tragen der Gerätschaften, welche sie auf der Reise ihres Herrn durch verschiedene Länder nötig hatten.

Nie ist mir das Glück holder gewesen, als da ich der Stubengesell dieser zwei Brüder war. Abends, wann ihr Herr abgespeist hatte, brachten sie gewöhnlich ein Menge delikater Schüsseln von der reichlich besetzen Tafel in ihre Zelle getragen. Der eine Überbleibsel von Schweinefleisch, von jungen Hühnern, von Fischen und dergleichen Leckerbissen mehr, der andere Brot, Gebackenes, Pasteten, Torten, Konfekt die Fülle. Darauf gingen sie ins Bad, um sich zu erquicken, und schlossen mich bei all den Näschereien ein, von denen ich’s mir denn gar vortrefflich schmecken ließ. Denn so dumm und ein so wahrer Esel war ich nicht, daß ich des Himmels liebliche Gaben hätte verschmähen und an das spröde Heu mich hätte halten sollen!

Lange ging mir mein verstohlenes Handwerk glücklich vonstatten, weil ich’s mit Vorsicht und Bescheidenheit trieb. Ich begnügte mich von dem ansehnlichen Vorrate allemal mit wenigen, und meinen Herren fiel es gar nicht ein, daß sie Mißtrauen in mich zu setzen hätten.

Allein als ich mehr und mehr Vertrauen gewann, unentdeckt zu bleiben, und immer das Wohlschmeckendste wegnaschte und das Schlechtere liegenließ, da wurden meine Brüder aufmerksam. Zwar von mir ließ sich noch keiner von ihnen so was träumen; doch paßten sie scharf auf, wer sie alltäglich so bestehlen möchte. Ja, sie beargwöhnten sich sogar untereinander selbst, und jedweder bemerkte, überzählte und bezeichnete seinen Teil auf das allergenaueste.

Endlich verlor der eine die Geduld: »Ist’s wohl billig? ist’s wohl zu verantworten«, sprach er zu seinem Bruder, »daß du mir täglich erst das beste von meinem Anteile wegstiehlst, es verkaufst und das Geld für dich heimlich zurücklegst und dann noch mit mir in gleiche Teile gehen willst? Höre! Steht’s dir nicht mehr an, in Kompanie mit mir zu bleiben? Gut! Wir können ja in allem übrigen Brüder sein und haben nur die Gemeinschaft unter uns aufgehoben, denn das sehe ich wohl ein, wenn nicht bald den Klagen über die Verteilung unter uns abgeholfen wird, so nimmt unsere Freundschaft noch ein Ende mit Schrecken.«

»Nun, das ist wahr«, entgegnete der andere, »das nenne ich mir eine edle Unverschämtheit! Du bemaust mir Tag vor Tag meine Portion, und während ich in der Stille darüber seufze und meinen Bruder nicht eines niederträchtigen Diebstahls beschuldigen will, kommst du mir auch noch in der Beschwerde zuvor! Aber gut, daß wir darüber einmal miteinander sprechen, so kann allem Übel noch vorgebeugt werden, damit der heimliche Groll nicht endlich noch eine Feindschaft unter uns anrichtet, wie zwischen Eteokles und Polynikes75

Nachdem die Brüder sich lange umhergezankt, sich untereinander die bittersten Vorwürfe gemacht, sich beiderseits hoch und teuer zugeschworen hatten, daß sie von allem Betrug und Diebstahle rein wären, so kamen sie friedlich überein, alle mögliche List anzuwenden, ihren gemeinschaftlichen Dieb ausfindig zu machen. Sie konnten durchaus nicht begreifen, wo immer just das Delikateste von ihren Gerichten hinkäme. Unmöglich könne doch der Esel von solcherlei Speisen versucht werden, und so große Fliegen, wie vormals die Harpyien76 waren, welche dem Phineus die Mahlzeit wegfraßen, kämen doch auch nicht zu den Fenstern herein!

Inzwischen, die herrliche Tafel, die ganz menschliche Kost, in der ich so täglich schwelgte, schlug bei mir gar zu gut an. In kurzer Zeit war ich speckfett. Weich und sanft war meine Haut anzufühlen, und mein Haar glänzte wie ein Spiegel.

Über diese Schönheitsblüte merkten meine Herren Unrat, zumal sie auch gewahr wurden, daß ich das Heu immer unberührt liegenließ. Sie paßten mir auf. Um die gewöhnliche Zeit schlossen sie die Tür ab, als ob sie nach dem Bade gingen, belauerten mich aber draußen. Durch eine Ritze sahen sie denn bald, wie ich nach Appetit jetzt von diesem, jetzt von jenem hingesetzen Gerichte naschte.

Sie hatten solch ein Wunder über diese sonderbare Leckerhaftigkeit eines Esels, daß sie den Schaden vergaßen, der ihnen dadurch zugefügt wurde, und vor Lachen bersten wollten. Sie riefen noch andere von ihren Kameraden herbei und zeigten denen auch, was sie für ein geschmackvolles Langohr besäßen. Da war ein Gelächter. Endlich kam noch der Herr dazu und fragte, was es denn so zu lachen gebe. Man sagte ihm die Ursache. Er trat an die Spalte, guckte durch, und sah all sein Freude an mir. Er lachte, daß ihm der Leib weh tat und daß er gar nicht mehr konnte. Endlich ließ er die Tür aufmachen und kam herein und sah mir in der Nähe zu. Denn da ich merkte, daß die Sache eine so lustige Wendung genommen, und es mir schein, als ob das Glück mich anlächle, so schöpfte ich Mut aus der Freude der Anwesenden und ließ mich im mindesten nicht stören, sondern fraß ganz sorglos fort, bis der Hausherr, über die Neuheit des Schauspiels erfreut, mich in seinen Speisesaal führen ließ, oder vielmehr selbst mit eigenen hohen Händen hineinführte und Befehl gab, für mich die Tafel zu decken und ordentlich, wie es sich gehört, anzurichten.

Ich hatte mich zwar schon ganz artig vollgestopft, jedoch, um mich bei dem Herrn beliebter und angenehmer zu machen, verzehrte ich alles, was mir vorgesetzt wurde, mit großem Appetit. Noch dazu waren es allerhand stark gewürzte Gerichte, die sonst wohl einem Esel widerstehen möchten, die man aber recht vorsätzlich, um mich desto besser auf die Probe zu stellen, gewählt hatte: Ragouts mit Assaf, tüchtig gepfefferte Frikassees, Fische mit einer ausländischen Brühe, kurz, lauter Hochgeschmack. Der Saal erscholl während meines Geschmauses von hellem Gelächter.

»Oh!« schrie endlich ein Spaßvogel, der zugegen war, »gebt doch dem Burschen auch ein wenig Wein! Er wird dursten!«

»Wohlgesprochen, Schelm!« sprach der Herr, der das Wort auffing, »leicht könnte der Kauz auch wohl mit einem Gläschen Met fürliebnehmen. He! Junge, spüle gleich da den großen silbernen Pokal aus und reich denselben voller Met unserm Schmäcksbrädel hin! Sagt ihm zugleich, ich brächt’s ihm zu.«

Alle Anwesenden standen voller Erwartung. Ich meinesteils, ich sah nicht ab, warum ich hätte den Schüchternen spielen sollen. Fröhlichen Muts spitzte ich aufs possierlichste meine Lippen und schlürfte den ganzen Pokal auf einen Zug hinunter. Einstimmig schrie alles miteinander: »Wohl bekomm’s! Wohl bekomm’s!«

Kurz, ich gewährte dem Herrn so viel Kurzweil, daß er auf der Stelle meine Eigentümer hereinkommen ließ und ihnen für mich viermal soviel bezahlte, als ich ihnen gekostet hatte.

Er tat mich, nicht ohne die angelegentlichste Empfehlung, zu einem Freigelassenen, der bei ihm sehr in Gunst stand und ziemlich begütert war. Dieser hielt mich ziemlich menschlich und artig, und, um sich noch beliebter bei seinem Patrone zu machen, war er auch beflissen, zu allerhand Gaukeleien mich abzurichten, die denselben belustigen könnten.

Er lehrte mich nicht allein, wie die Menschen auf dem Ellbogen bei Tische liegen, sondern auch ringen und mit aufgehobenen Vorderfüßen tanzen. Ja, was das Allerpossierlichste und Wunderbarste schien, er lehrte mich sogar, ihn aufs Wort zu verstehen und durch Winke antworten. Verlangte ich etwas, so nickte ich mit dem Kopfe, schlug ich etwas aus, so schüttelte ich. Durstete ich und wollte zu trinken haben, so sah ich mich nach dem Mundschenk um und blinkte demselben mit einem Auge ums andere zu.

Ich stellte mich um so gelehriger an, da ich auch ohne Anweisung alle die Faxen machen konnte, nur damit zurückhalten mußte, weil zu fürchten stand, daß, wenn ich mich so ohne Lehrmeister als Mensch gebärdete, man mich als ein Wunder- und Unglückstier schlachten und den Geiern des Himmels zum Fraße überlassen möchte.

In kurzem verbreitete sich das Gerücht von meinen Wunderkünsten so sehr unter die Leute, daß mein Herr sich nur sehen lassen durfte, so hieß es: »Seht, seht! Das ist der, der den neckischen Esel hat, welcher wie ein Mensch speist und ringt und tanzt, und Schnaken macht und alles versteht, was man ihm sagt, auch durch Winke sich wieder verständlich machen kann!«

Doch ich muß euch wohl erst sagen (was ich allerdings gleich zu Anfang hätte sagen sollen), wer und woher mein Herr war.

Thyasus (also nannte er sich) war aus Korinth, der Hauptstadt von ganz Achaia, gebürtig. Seiner Geburt und seinem Stande gemäß hatte er sich von einer Ehrenstufe zur andern, bis nun endlich zum fünfjährigen Oberrichteramt, wozu er eben ernannt worden war, emporgeschwungen. Um diese hohe Würde mit allem erforderlichen Pompe anzutreten und den ganzen Umfang seiner Freigebigkeit sehen zu lassen, hatte er sich zu Kampfspielen, die drei Tage dauern sollten, anheischig gemacht, und weil er wünschte, bei dem Volke Ehre einzulegen, so war er selbst bis nach Thessalien gereist, um die edelsten wilden Tiere und die berühmtesten Fechter aufzukaufen. Bereits war seine Absicht erreicht und alles nach Wunsch angeschafft, und er eilte wieder nach Hause. So viele schöne Wagen, Kutschen und Kaleschen er auch mit sich hatte, so fuhr er dennoch auf der Reise in keiner einzigen; sie mußten alle nebst den Sänften, nebst den stolzen thessalischen Zeltern, nebst den köstlichen gallischen Zuchthengsten ledig hinten nachfolgen. Vorauf paradierte er auf mir, der ich auf das stattlichste mit goldenem Geschirr, prächtigem Sattel, purpurner Schabracke, gesticktem Gurte und hellklingenden Schellen herausstaffiert war. Er koste im Reiten oftmals sehr liebreich mit mir und versicherte mir unter anderem, daß es ihm eine unsägliche Freude sei, so in mir zu gleicher Zeit einen Gesellschafter und Träger gefunden zu haben.

Als wir nun unsere Reise teils zu Lande, teils zur See zurückgelegt hatten und zu Korinth ankamen, so strömte das Volk allenthalben haufenweise zusammen; nicht sowohl, wie’s mir vorkam, um dem Thyasus Ehre zu erweisen, als aus Begierde, mich zu sehen. So sehr war der Ruf von meiner Geschicklichkeit vor uns hergegangen!

Das machte sich der anschlägige Freigelassene, mein Verpfleger, zunutze; er merkte nicht so bald, daß die Leute so großes Verlangen nach meinen Künsten trügen, als er mich unter dem Schlosse hielt und mich niemand anders als für Geld sehen ließ. Das brachte ihm täglich keine Kleinigkeit ein.

Unter den vielen Leuten, die sich die Neugier, mich zu sehen, was kosten ließen, befand sich auch eine reiche, vornehme Dame. Diese belustigte sich so sehr an meiner Drolligkeit und meinen mannigfaltigen Gaukeleien, daß sie sich gar zuletzt, nachdem sie mich lange aufs lebhafteste bewundert hatte, sterblich in mich verliebte. Sie verschmähte jedes andere Mittel, sich von dieser unsinnigen Leidenschaft zu heilen, und strebte nur wie eine andere Pasiphae77 nach meinem Genusse. Kurzum, sie bot meinem Wächter eine große Summe Geldes für eine einzige Nacht von mir. Leider fand sie in der eigennützigen Denkart desselben keinen Widerstand! Ohne Bedenken gestand ich der Nichtswürdige ihr Begehren zu, und abends, als wir von der Tafel unseres Herrn zurückkamen, fanden wir vor der Kammertüre die Dame schon unserer warten.

Alle Welt! Was wurde da für Anstalten gemacht! Vier Verschnittene bereiteten flugs auf der Erde ein weiches Lager. Über große, von leichtem Flaum hochgeblähte Pfühle deckten sie ein mit Gold und tyrischem Purpur gesticktes Laken und legten Kissen von allerhand Größe darauf, womit das zärtliche Frauenzimmer teils die Wangen, teils den Nacken zu unterstützen pflegte. Dies getan, und das ganze Zimmer mit schimmernden Wachskerzen so hell wie bei Tage erleuchtet, verzögerten sie nun nicht länger die Wollust ihrer Gebieterin und begaben sich hinweg.

Nun entkleidete sich die Dame ganz und gar, legte auch die Binde ab, somit sie ihren schönen Busen eingeschnürt hatte, trat an das Licht und salbte sich aus einem zinnernen Gefäß sich und mich reichlich mit Balsam; vorzüglich aber badete sie damit meine Schenkel und Lenden samt den Werkzeugen der Wollust, welche sie vorher mit chiischem Rosenwasser gereinigt. Priapus78, sofort durch ihre niedlichen Hände herbeigezaubert, winkte ihr gefällig mit starrem, erhobenem Zepter. Sobald sie die günstige Gegenwart des Gottes vernommen, umhalste sie mich aufs zärtlichste und küßte mich; aber nicht, wie in liederlichen Häusern feile Dirnen ihre kampflustigen Buhler zu küssen pflegen, sondern mit dem wärmsten, innigsten Gefühle der Seele. Sie liebkoste mich mit all den süßen Worten der Liebe, womit die Weiber ihre Zuneigung an den Tag legen, um die unsrige zu erwecken.

»Dich liebe ich!« rief sie, »nach dir sehnt mein Herz sich! Du, mein Einziger! Mein Auserwählter! Ohne dich kann ich nicht leben!« und so dergleichen.

Endlich faßte sie mich bei der Halfter und zog mich zu sich auf das Bette nieder. Ich machte ihr keine sonderliche Mühe; denn Behendigkeit hatte ich gelernt, und meine Begierde, nach so langer Zeit einmal wieder bei einem hübschen Weibe zu schlafen, war ganz rege, um so mehr, da ich mir vorher in gutem Weine gütlich getan und der wohlriechende Balsam meinen Kitzel auf äußerste gereizt hatte.

Angst und bange war ich aber dennoch, wie bei so langen Stakbeinen den Thron der Liebe zu besteigen? Wie so sanfte, zarte, glänzende, von lauter Milch und Honig geknetete Glieder mit eisernen Hufen zu umfassen? Wie so kleine ambrosiaduftende Purpurlippen küssen? Und wie endlich, möchte die Dame auch vor Lust bis in die äußersten Fingerspitzen glühen, ein so übergroßes Opfergefäß in das enge Heiligtum der Wollust hineinzubringen sei?

»Wehe dir«, dachte ich bei mir selbst, »wo du eine so vornehme Dame sprengst! Dann kannst du dich nur gefaßt machen, bei deines Herrn Kampfspielen mit zu fungieren und den reißenden Tieren vorgeworfen zu werden!«

Unterdessen verdoppelte die Dame ihre Liebkosungen, herzte, küßte mich und girrte und verdrehte im Taumel stechender Begierden die Augen. Zuletzt rief sie: »Ha, nun hab’ ich dich! Hab’ ich dich, mein Täubchen! Mein Vögelchen!« Und mit den Worten zeigte sie, daß alle meine Besorgnis und Furcht töricht und überflüssig war; denn sie umschlang mich und nahm mich ganz, ganz sage ich, auf!

So oft ich, ihrer schonend, mein Hinterteil zurückzog, so oft flog sie elastisch in jähem Schwung mir nach, und, je fester und fester mit ihren Armen mein Rückgrat umfassend, schloß, drückte, preßte, schmiegte sie sich brünstiger an mich an, so daß ich, beim Herkules! gar glaubte, es mangle mir noch etwas zur Befriedigung ihrer Üppigkeit, und im Ernst auf den Argwohn geriet: die Mutter des Minotaurs müsse sich wohl nicht ohne Grund lieber einen brüllenden Liebhaber zur Kurzweil erkoren haben.

Nachdem die Dame auf die Art die Nacht mit mir sehr geschäftig und des Schlafes uneingedenk hingebracht hatte, dingte sie von meinem Wärter für denselben Preis die folgende wieder und begab sich, um von niemand gesehen zu werden, noch vor Tage hinweg. Der Freigelassene vergönnte ihr um so williger, sich abermals nach ihrem Gefallen mit mir zu belustigen, weil er, ungerechnet, daß er reichlich dafür bezahlt wurde, auch seinem Patrone das Vergnügen dieses neuen Schauspiels geben wollte.

Sobald wir die Szene aufs neue eröffnet, rief er diesen unverzüglich herbei. Thyasus machte ihm ein großes Geschenk dafür und bestimmte mich sogleich, bei seiner Lustbarkeit dieselbe Komödie öffentlich vor dem Volke zu spielen. Da aber weder meine holdselige Dame, ihres Standes wegen, noch sonst jemand anders eine Mitaktrice abgeben mochte, so mußte man für vieles Geld eine Missetäterin dazu nehmen, die vom Statthalter der Provinz verurteilt war, den wilden Tieren vorgeworfen zu werden. Wie ich hörte, war ihre Geschichte ungefähr diese:

Der Vater des Mannes, den sie gehabt, hatte vormals bei einer vorhabenden Reise seinem Weib, die er gesegneten Leibes zurückließ, befohlen, daß, wenn sie eine Tochter zur Welt brächte, sie dieselbe gleich umbringen sollte79. Die Frau war in der Abwesenheit desselben wirklich von einer Tochter entbunden worden; aus natürlicher mütterlicher Zärtlichkeit aber hatte sie’s nicht über ihr Herz bringen können, den Befehl des Mannes zu erfüllen, sondern hatte das Kind ihrer Nachbarschaft zum Erziehen gegeben, und als ihr Mann wieder zurückkam, sagte sie, sie habe eine Tochter geboren und sie, seinem Willen gemäß, getötet.

Das Mädchen wuchs heran. Als es nun mannbar und, ohne Wissen des Vaters, die Mutter es nicht standesgemäß aussteuern konnte, entdeckte sich dieselbe in dieser Verlegenheit ihrem Sohne; um so mehr, da sie auch zu verhüten hatte, daß Bruder und Schwester nicht, aus Jugend und Unwissenheit, zu genau miteinander bekannt würden.

Der Jüngling, von dem besten Herzen, tat, was die Pflicht gegen seine Mutter und Schwester ihm auferlegte. Er verschwieg das ihm anvertraute Geheimnis aufs heiligste, und unter dem Scheine eines allgemeinen Mitleids gegen eine arme verlassene Waise übte er die zärtlichste Bruderliebe gegen das Mädchen. Er nahm sie zu sich in sein Haus, bestimmte ihr von seinem eigenen Vermögen eine ansehnliche Mitgift, und eben wollte er sie an seinen vertrautesten Freund verheiraten, als das Glück diese so löbliche, so großmütige Absicht auf die grausamste Weise vereitelte.

Von höllischer Eifersucht war diese Missetäterin, dieses edeln Jünglings Gattin, besessen. Sie sah das Mädchen für ihre Nebenbuhlerin, für eine Beischläferin ihres Mannes an, ward derselben von Tag zu Tag gehässiger und trachtete ihr endlich mit schrecklicher Mordlust nach dem Leben. Sie ging dabei folgendermaßen zu Werke:

Sie bemächtige sich heimlich des Ringes ihres Gemahls, begab sich aufs Land und sandte von dort aus einen mit ihr einverstandenen, aber aller Treue und Redlichkeit abgeneigten Sklaven an das Mädchen. Dieser mußte sagen: Der junge Herr, der eben nach dem Landhause gekommen, schicke ihn, sie möchte ihm doch unverzüglich dahin folgen: aber allein, ohne alle Begleitung. Zum Kreditiv seiner Gesandtschaft mußte er den gestohlenen Ring produzieren.

Auf dieses Merkmal stand das Mädchen um so weniger an, dem Befehle ihres Bruders Gehorsam zu leisten. Ohne Verzug und Begleitung, wie es verlangt worden, machte sie sich auf und fing sich in der ihr in so hinterlistiger Weise gelegten Schlinge.

Das vor Eifersucht rasende Weib versicherte sich derselben sogleich, ließ sie nackend ausziehen und zerpeitschte sie halbtot. Das Mädchen schrie und beteuerte, was die Wahrheit war: nicht Beischläferin, sondern die Schwester ihres Mannes sei sie! Mit Unrecht hege man Eifersucht gegen sie. Doch anstatt die wilde Furie zu besänftigen, brachten sie diese Worte nur noch mehr auf; sie hielt sie für nichts als Unwahrheit und Arglist. Sie nahm einen glühenden Feuerbrand und fuhr damit ihrer Schwägerin zwischen die Lenden. So mußte das beste, harmloseste Mädchen des entsetzlichsten Todes sterben!

Auf die Nachricht dieses unglücklichen Vorfalls stürzten Bruder und Bräutigam in Eile herbei; aber all ihr Jammern, ihr Wehklagen rief die arme Unglückliche nicht wieder ins Leben zurück! Das einzige, was ihnen noch zu tun übrig blieb, war – sie zur Erde zu bestatten.

Der elende Tod seiner so zärtlich geliebten Schwester, und zwar durch die Hand, welche am wenigsten dazu berechtig war, war indessen mehr, als das empfindliche Herz des Bruder zu erdulden mochte. Aus der tiefsten Melancholie verfiel er bald in ein so heftig-hitziges Fieber, da er schon am äußersten Rande des Lebens stand. Dessenungeachtet ging dennoch seine Gattin, wenn anders ein Weib von solchen Gesinnungen mit einem so ehrwürdigen Namen zu benennen ist, zu einem übelberüchtigten Arzt, welcher wohl eher als einen zählen konnte, dem er durch seine tiefe Wissenschaft aus der Welt geholfen hatte. Sie bot demselben fünfzig bare Sesterzien, wenn er ihr von seinem schnell wirkenden Gifte abließe, um ihren Mann damit desto gewisser fortzuschaffen. Der Arzt wer nicht unerbittlich; er verfügte sich mit zu dem Kranken, interrogierte, observierte, meditierte, dissertierte, alles nur zum Schein, und verordnete endlich zur Bruststärkung und Abführung der Galle jenen Trank, der seiner Heilsamkeit halber bei den Arzneikundigen den Namen des heiligen Trankes führt. Als er aber dem Patienten anstatt dieses Lebenstrankes einen Sterbetrank eingeführt und ihm denselben in Gegenwart einiger Freunde und Verwandten und des Gesindes reichen wollte, da fiel ihm das Weib, das gern des Mitwissers ihrer Verbrechens überhoben sein und das versprochene Geld ersparen wollte, plötzlich in die Arme, ergriff den Becher und sprach:

»Nicht also, bester Herr Leibmedikus! Nicht einen Tropfen von dieser Medizin darf mein lieber Mann einnehmen, bevor Sie nicht selbst einen guten Teil davon ausgetrunken haben! Wer weiß, es könnte ein tödliches Gift darinnen sein! Und Sie sind ein viel zu kluger Mann, als daß Sie diese kleine Vorsicht einer Frau übelnehmen könnten, die so aus inniger Seele für das Leben ihres Mannes besorgt ist!«

Kam je etwas irgend jemandem unerwartet, so war es dem Leibarzte der verzweifelte Streich dieses gottlosen Weibes. Er stutzte gewaltig und hätte fast alle Fassung verloren; doch hier galt nicht langes Bedenken! Sollte er durch Zögern und Zagen sich verraten? Er tat frisch einige starke Züge aus dem Becher.

Nachdem er also kredenzt, nahm der Kranke den Becher und leerte ihn aus. Dies geschehen, wollte der Arzt flugs nach Hause eilen, um die Wirkung des getrunkenen Giftes durch ein starkes Gegengift zu zerstören; allein der Teufel von Weibe hielt ihn fest und setzte hartnäckig durch, was sie kühn begonnen hatte. Sie wollte ihn durchaus nicht von der Stelle lassen, bis der Trank zu wirken angefangen und dessen Heilsamkeit am Tage läge. Durch vieles Bitten und Flehen ließ sie sich aber dennoch bewegen und erlaubte ihm, fortzugehen. Unterdessen, als der Arzt seine Wohnung erreichte, hatte sich das Gift schon durch den ganzen Körper verbreitet und war bis ins innere Mark eingedrungen. Unter den größten Schmerzen und die Augen schon halb vom Todesschlafe geschlossen, konnte er kaum noch seiner Frau erzählen, was vorgefallen war, und ihr auftragen, den Lohn für den zweifachen Mord einzufordern: so erlag er unter den gewaltsamsten Verzuckungen und gab den Geist auf.

Der junge Mann blieb eben auch nicht länger am Leben; unter seines Weibes erdichteten Tränen verschied er auf die nämliche Art. Einige Tage nach seiner Beerdigung und nach den gebräuchlichen Totenopfern kam die Frau des Arztes und verlangte von seiner Witwe den bedingten Lohn für die doppelte Vergiftung. Ihrem Charakter zu allen Zeiten treu, bewies sich die Gottlose sehr höflich und bekannte sich mit vieler anscheinenden Redlichkeit zu dieser Schuld, versprach auch, sie absofort zu entrichten, ja noch goldene Berge hinzuzutun, wofern ihre Gläubigerin ihr noch ein wenig von demselben Gifte zur gänzlichen Vollbringung ihres angefangenen Vorhabens ablassen wollte. Die Frau des Arztes war leider leicht durch ihre glatten Worte und schlauen Ränke angeführt. Unverzüglich ging sie nach Hause, holte die Büchse, worin das Gift enthalten war, und überließ sie ganz dem reichen Weibe, um sich bei derselben ein desto größeres Verdienst zu erwerben.

Kaum sah sich diese so viele Macht zu schaden in Händen, als sie auf weiter nichts bedacht war, als die Anzahl ihrer Verbrechen zu vergrößern.

Sie hatte von ihrem soeben vergifteten Manne eine kleine Tochter. Unzufrieden, daß die Gesetze diesem Kinde des Vaters ganze Hinterlassenschaft zusprachen, die sie so gern selbst gehabt hätte, trachtete sie ihrer Tochter nach dem Leben; wie hätte sie sich auch als eine bessere Mutter denn Ehegattin erweisen sollen, da ihr bekannt war, daß die Mütter ihre Kinder beerben! Genug, aus dem Stegreif hatte sie stracks ein Mahl veranstaltet, wobei sie ihrer eigenen Tochter mitsamt der Frau des Arztes Gift beibrachte.

Der armen zarten Kleinen Eingeweide waren bald davon verzehrt, und sie starb auf der Stelle. Wie aber des Arztes Witwe schneidende Schmerzen ihr Inneres durchirren fühlte, so argwohnte sie gleich, was ihr geschehen. Bald, da auch der Atem ihr schwer wurde, war sie nur allzu gewiß, daß sie Gift bekommen. Sie sprang also auf und rannte geradewegs nach des Statthalters Wohnung. Ihr lautes Geschrei um Hilfe, ihr wiederholtes Rufen, daß sie die abscheulichsten Schandtaten zu entdecken habe, erregten einen großen Zusammenlauf des Volks und machten, daß sie bei dem Statthalter unmittelbar vorgelassen und angehört wurde. Sie erzählte von Anfang an die ganze Reihe Missetaten ihrer ruchlosen Giftmischerin, und eben war sie damit zu Ende, als ein Schwindel sie ergriff und ihre noch halbgeöffneten Lippen schloß. Sie knirschte mit den Zähnen, sie wand sich, sie ächzte, sie sank tot hin zu des Statthalters Füßen.

Der Statthalter, ein tätiger Mann, ließ der schändlichen Giftmischerin vielfache Freveltaten nicht durch langwierigen Verzug erkalten, sondern alsobald ihre Bedienten ergreifen und dieselben durch die Gewalt der Folter zum Geständnis der Wahrheit bringen. Dadurch verurteilte er die arge Missetäterin, daß sie den wilden Tieren vorgeworfen werde, eine Strafe, die freilich noch unter ihrem Verbrechen, jedoch die allerqualvollste war, die nur erdacht werden konnte.

Mit diesem Weibe nun sollte ich öffentlich Beilager halten!

Ich erwartete den Tag der Schauspiele mit dem beängstigsten Herzen. Ehe ich mich mit einem so lasterhaften Weibe befleckte und mir Verachtung aller Scham auf eine so schändliche Weise öffentlich zur Schau stellte, eher hätte ich mich tausendmal lieber selbst umbringen mögen; hätte ich nur nicht plumpe Hufe statt der menschlichen Hände gehabt, so daß ich keinen Degen herausziehen konnte! Die einzige Hoffnung, die bei dem Trübsale mich noch so einigermaßen aufrecht hielt, war: bereits schmückte der Frühling in seinem Beginnen jegliche Staude mit blühenden Knospen, bekleidete die Wiesen mit Schmelz, und schon prangten auf grünem Dornenthrone die Wohlgeruch atmenden Rosen, welche mich wieder zu weiland Lucius umwandeln sollten.

Es erschien endlich der Tag der Spiele. Unter lautem Jauchzen und Freudengeschrei des Volkes wurd’ ich in Pomp nach dem Amphitheater geführt.

Pantomimische Tänze eröffneten die Lustbarkeit. Während der Zeit, wo man sich daran ergötzte, blieb ich außen vor der Tür und weidete allda mit großem Belieben das hin und wieder hervorgekeimte Gras ab. Bisweilen stellt’ ich mich auch in das offene Portal und vergnügte meine Neugierde an den angenehmen Vorstellungen die gegeben wurden.

Blühende Jünglinge und Mädchen von reizender Gestalt führten in schimmerndem Putze mit unnachahmlicher Anmut den griechischen pyrrhischen Reigen auf. Nachdem sie sich wohl in Ordnung gestellt hatten, begannen sie allerlei zierliche Wendungen: jetzt drehten sie sich wie ein Rad im Kreise herum, jetzt, bei den Händen sich haltend, bildeten sie eine lange schräge Reihe, jetzt stießen sie ins Gevierte zusammen, jetzt trennten sie sich wieder und kreuzten verwirrt durcheinander.

Nach mannigfaltiger Abänderung der Wiederholung dieser Bewegungen gebot endlich der Schall der Trompete dem Tanze ein Ende. Der Vorhang fiel80, und die Verzierung der Bühne ward zum Urteil des Paris verändert.

Von Holz war ein hoher Berg errichtet, der den berühmten von Homer besungenen Ida vorstellte. Gesträuche und allerlei lebende Bäume bedeckten die Seiten. Von dem Gipfel rann ein klarer, künstlicher Bach. Einige Ziegen weideten am Ufer, ein Jüngling machte den Hirten, gleich dem Paris81 mit köstlichem, von den Schultern herabfließendem phrygischen Gewande und einem goldenen Bunde geschmückt.

Jetzt trat ein bildschöner Knabe auf, nackend, nur daß ein kurzer Mantel um die linke Schulter flatterte. Blondes Haar, aus dem zwei goldene und durch ein goldenes Band vereinigte Fittiche hervorstachen, krönte seinen Scheitel und wallte auf dem entblößten Rücken. Der geflügelte Schlangenstab, den er trug, kündigte ihn als Merkur an. Tanzend schwebte er herbei, überreichte dem Paris den Apfel und deutete demselben durch Gebärden den Willen Jupiters an. Sofort zog er sich behend wieder zurück und verschwand.

Es erschien darauf ein Mädchen von hohem Ansehen, der Göttin Juno um so ähnlicher, da ein weißes Diadem ihre Stirne umwand und sie ein Zepter in der Hand trug.

Dieser folgte eine andere, die man sogleich für Minerva erkannte. Sie hatte einen schimmernden, mit einem Ölzweige umkränzten Helm auf, führte einen Schild und schwang eine Lanze, wie die Göttin, wenn sie im Kampf erscheint.

Eine dritte schlüpfte hinter diesen beiden her. Unnennbare Grazie war über ihr ganzes Wesen verbreitet, und die Farbe der Lilie blühte auf ihrem Antlitze. Es war Venus, aber die jungfräuliche Venus. Kein Gewand versteckte die tadellose Schönheit ihres Leibes; sie ging nackend einher, nur ein durchsichtiger seidener Schleier beschattete ihre Blöße. Bald erhoben buhlerische Winde mutwillig den leichten Flor, und die Blume der Jugend prangte unverhüllt; bald drückte denselben ihr brünstiger Hauch fest an den Körper an, und unter der luftigen Hülle ward sichtbar jeglicher wollüstiger Umriß verborgen. Man bemerkte nur zweierlei Farben an der Göttin: weiß der Leib denn sie stammt vom Himmel ab; grün der Schleier, weil sie aus dem Meere entsprossen.

Eine jegliche der drei Mädchen, welche die Göttinnen machten, hatte ein eigenes Gefolge.

Mit der Juno kamen Kastor und Pollux, von zwei Schauspielern dargestellt, welche runde Helme trugen, oben mit zwei funkelnden Sternen geziert. Unter dem lieblichen Getön der Flöten ging Juno mit ruhiger Majestät einher und versprach dem Hirten durch ernste Gebärden die Herrschaft über ganz Asien, falls er ihr den Preis der Schönheit zuerkennen würde.

Minerva, im Waffenschmuck, begleiteten ihre gewöhnlichen Gefährten und Schildknappen in den Schlachten: Schrecken und Furcht, tanzend mit entblößten Schwertern. Ein Pfeifer, der hinter ihnen herging, spielte einen kriegerischen Marsch und ermunterte oder mäßigte ihren rüstigen Schritt abwechselnd bald durch hohe schmetternde, bald durch gedämpfte pathetische Töne. Die Göttin, mit unruhigem Haupte, drohendem Blicke, raschen, gebeugtem Gange, gab dem Paris durch eine lebhafte Gebärdensprache zu verstehen: falls er sie den Sieg der Schönheit davontragen ließe, so wolle sie ihn durch Tapferkeit und durch erfochtene Kriegstrophäen berühmt machen.

Venus war von einem ganzen Volke fröhlicher Amoretten umgaukelt. Süßlächelnd stand sie mit dem ihr eigenen Liebreiz mitten unter denselben, zum allgemeinen Entzücken des Schauplatzes. Man hätte die runden, zarten Knaben allesamt für wahre Liebesgötter halten mögen, die aus Himmel oder Meer herbeigeflattert, so sehr entsprachen sie ihrer Rolle durch ihre kleinen Fittiche und Pfeile und überhaupt durch ihre niedliche Leibesgestalt. Sie trugen der Göttin die flammende Fackeln vor, als ginge sie zum Hochzeitsschmause. Auch die lieblichen Töchter jungfräulicher Schönen, die holden Grazien und die reizenden Horen, umflossen die Göttin. Schalkhaft warfen sie dieselbe mit Sträußen und Blumen und schweben in künstlichem Reigen einher, nachdem sie also mit den Erstlingen des Lenzes der Mutter der Wollust gehuldigt.

Jetzt flüsterten die viellöcherigen Flöten süße lydische Weisen. Jegliches Herz wallte vor Vergnügen. Nun hub leiblicher denn alle Musik Venus sich zu bewegen an. Langsam erhob sich ihr Fuß, es schmiegte sich anmutig sich ihr Körper mit sanft auf die Seite gebogenem Haupte, jede reizende Stellung in Harmonie mit dem weichen Getöne der Flöten! Bald lächelte Huld und Milde auf ihrer Stirn, bald schreckte drohender Ernst; zuweilen tanzte sie allein mit den Augen.

Wie sie vor den Richter hintrat, schien die Bewegung ihrer Arme demselben zu verheißen: daß, wenn er ihr vor den übrigen Göttinnen den Vorzug gäbe, sie ihm eine Gemahlin zuführen würde, die an Schönheit ihresgleichen nicht auf Erden fände und ihr ganz und gar ähnlich sein sollte. Und sofort reicht ihr mit Freuden der phrygische Jüngling den goldenen Apfel hin, das Zeichen des Sieges.

Wundert ihr euch nun noch, ihr einfältigen Schöpse oder vielmehr ihr gierigen Geier von Advokaten, daß heutzutage die Gerechtigkeit jeglichem Richter feil sei, da schon im Anfang aller Dinge in einen zwischen Göttern und Menschen zu entscheidenden Handel Parteilichkeit sich eingemischt; da der allererste Richter – den Zeus, der höchste Zeus, noch dazu selbst bestellt, und der nur ein schlichter Hirte war – durch Wollust sich hat bestechen lassen und das zum gänzlichen Verderben seines Geschlechts! Traun! Auch aus der Folgezeit sind ähnliche Beispiele von den edlen Heerführern der Argiver bekannt. Ist doch der gelehrte, erfindungsreiche Palamedes82 nicht anders als auf falsche Beschuldigungen der Verräterei wegen verdammt; ist doch des hohen Ajax unüberwindliche Tapferkeit auch den Ränken des lügenhaften Ulysses nachgestellt worden! Und war etwa die Gerechtigkeit bei den Atheniensern, diesen Gesetzgebern, diesen Weisen, diesen Lehrern aller Künste und Wissenschaften, war sie etwa da besser bestellt? Wurde nicht bei ihnen jener Greis von göttlicher Klugheit, welchen der delphische Apollo selbst für den weisesten aller Sterblichen erklärt hat, wurde nicht Sokrates bei ihnen auf die verleumderische Anklage einer schändlichen Rotte, als sei er, der die Jugend besserte, ein Verderber derselben, mit Gift hingerichtet? Ein Schandfleck in der Geschichte dieses Volks, den keine Ewigkeit auszubleichen vermag! Anstatt daß bis auf den heutigen Tag die allervortrefflichsten Philosophen dieses Weisen83 herrliche Lehrsätze vor allen anderen annehmen und aus brünstigem Verlangen nach Glückseligkeit zu seinem Namen schwören, wenden sie sich vielmehr geflissentlich von ihm ab!

Doch, damit nicht etwa jemand diesen Ausfall tadeln und bei sich selbst sprechen möge: »Da haben wir’s! Nun liest der Esel uns gar die Moral!«, so kehre ich von meiner Digression wieder zur Geschichte zurück.

Nachdem Paris also das Urteil gesprochen, so traten Juno und Minerva unzufrieden und zornig von der Bühne ab. Eine jede drückte auf eine eigentümliche Art den Unwillen über ihre Verschmähung durch Gebärden aus; Venus aber legte ihre Freude über den erhaltenen Sieg durch einen hüpfenden Tanz mit ihrem ganzen Gefolge an den Tag.

Hierauf sah man oben auf dem äußersten Gipfel des Berges aus einer verborgenen Röhre in Wein aufgelösten Safran hoch in die Luft springen und dann als ein wohlriechenden Regen auf die weidenden Ziegen herniedersprühen, so daß bald ihre blendende Weiße sich in Safrangelb verwandelte. Nachdem der ganze Schauplatz mit diesem angenehmen Wohlgeruch angefüllt war, so eröffnete sich plötzlich die Erde, und weg war der quellenströmende Ida!

Nun trabte ein Scherge fort, um auf Verlangen des Volkes aus dem öffentlichen Gefängnis die Missetäterin zu holen, die, wie ich oben erzählt habe, ihrer vielfachen Mordtaten, halber verurteilt war, den wilden Tieren vorgeworfen zu werden, sich vorher aber noch öffentlich mit mir vermählen sollte. Auch wurde das Bett mit großer Sorgfalt bereitet, das uns zum hochzeitlichen Lager dienen sollte; es glänzte von indischem Elfenbein und strotzte von Polstern mit Flaumfedern ausgestopft und mit bunter Seide überzogen.

Allein, außerdem ich mich schämte, mit einer so gottlosen, schandbaren Kreatur angesichts des ganzen Volkes Beilager zu halten, so fürchtete ich mich auch, mein liebes Leben dabei einzubüßen. »Welches Tier«, dachte ich bei mir selbst, »man auch herauslassen mag, das Weibsstück zu zerreißen, so wird es doch nimmermehr weder klug noch künstlich abgerichtet, noch enthaltsam genug sein, daß, wenn es uns selbander im Liebesknoten verschlungen antrifft, es gerade nur die Delinquentin hinwegnehmen und dich, weil du nichts verbrochen hast, unverletzt liegenlassen sollte!«

Da es mir also weit mehr um die Rettung meines Lebens denn um die Schonung meiner Schamhaftigkeit zu tun war, so nahm ich wohl des Augenblicks wahr, wo mein Wärter eben seine ganze Aufmerksamkeit auf Zubereitung des Bettes geheftet hatte, das andere Gesinde aber teils mit Zurüstung der Tiergefechte, teils mit Erwartung des schlüpfrigen Schauspiels beschäftigt, auf mich zahmen, frommen Esel gar nicht acht hatte, stahl mich zum Stadttore, das ziemlich in der Nähe war, unvermerkt hinaus, und nun aus Leibeskräften ausgerissen!

Sechstausend Schritte hatt’ ich in vollem Galopp zurückgelegt, als ich mich vor Cendreä befand, das der edlen korinthischen Kolonie zugehört, vom Ägäischen und Saronischen Meere bespült wird und einen sehr sicheren, schiffreichen Hafen hat.

Ich mied das Getümmel der Menschen und begab mich lieber beiseite auf das einsame Gestade. Allda streckt’ ich dicht an der Brandung meine müden Glieder gemächlich auf weichen Sand hin. Bereits hatte die Sonne das äußerste Ziel des Tages erreicht. Der süßeste Schlaf sank auf mich hernieder.

Elftes Buch84

Ungefähr um die erste Nachtwache wurde ich durch ein jähes Erschrecken aus dem Schlafe geweckt. Eben stieg in vollem Glanze der Mond aus den Meeresfluten herauf.

Die Majestät dieses hehren Wesens erfüllte mich mit tiefster Ehrfurcht, und überzeugt, daß alle menschlichen Dinge durch seine Allmacht regiert werden, überzeugt, daß nicht allein alle Gattungen zahmer und wilder Tiere, sondern auch die leblosen Geschöpfe durch den unbegreiflichen Einfluß seines Lichtes fortdauern, ja daß selbst alle Körper auf Erden, im Himmel und im Meere in vollkommenster Übereinstimmung mit demselben ab- und zunehmen, so bediente ich mich der feierlichen Stille der Nacht, mein Gebet an das holdselige Bild dieser hilfreichen Gottheit zu verrichten; um so mehr, da das Schicksal, meiner so großen und langwierigen Qualen satt, mir endlich Ahnungen meiner Erlösung eingab.

Flugs schüttelte ich jeglichen Rest von Trägheit ab, stand munter auf, badete mich, um mich zu reinigen, im Meere, und nachdem ich mein Haupt siebenmal unter die Fluten getaucht, welches die Zahl ist, die der göttliche Pythagoras als die schicklichste zu gottesdienstlichen Verrichtungen angibt, betete ich frohen und munteren Herzens, doch betränten Angesichts, zur heiligen Göttin also:

»Königin des Himmels! Du seist nun die allernährende Ceres, des Getreides erste Erfinderin, welche, in der Freude ihres Herzens über die wiedergefundene Tochter, dem Menschen, der gleich den wilden Tieren mit Eicheln sich nährte, eine mildere Speise gegeben hat und die eleusinischen Gefilde bewohnt, oder du seiest die himmlische Venus, welche im Urbeginne aller Dinge durch ihr allmächtiges Kind, den Amor, die verschiedensten Geschlechter gegattet und also das Menschengeschlecht fortgepflanzt hat, von dem sie zu Paphos in dem meerumflossenen Heiligtume verehrt wird, oder des Phöbus Schwester, welche durch den hilfreichen Beistand, den sie den Gebärerinnen leistet, so große Völkerschaften erzogen hat und in dem herrlichen Tempel zu Ephesus angebetet wird. Oder du seiest endlich die dreigestaltige Proserpina, die nachts mit grausigem Geheul angerufen wird, den tobenden Gespenstern gebietet und unter der Erde sie einkerkert, während sie entlegenen Haine durchirrt, wo ein mannigfacher Dienst ihr geweiht ist: Göttin! die du mit jungfräulichem Scheine alle Regionen erleuchtest, mit deinem feuchten Strahle der fröhlichen Saat Nahrung und Gedeihen gibst und nach der Sonne Umlauf dein wechselndes Licht einteilst; unter welchem Namen, unter welchen Gebräuchen, unter welcher Gestalt dir die Anrufung immer am wohlgefälligsten sein mag! Hilf mir in meinem äußersten Elende! Stehe mir bei, daß ich nicht gänzlich zugrunde gehe; nach so vielen, so schwer überstandenen Trübsalen verleihe mir endlich einmal Ruhe und Frieden! Ich habe genug des Jammers, genug der Gefahren! Nimm von mir hinweg die schändliche Tiergestalt! Laß mich wieder werden, was ich war; laß mich Lucius werden und gib mich den Meinigen wieder! Oder habe ich ja irgendeine unversöhnliche Gottheit ohne mein Wissen beleidigt: Ach, so sei lieber mir erlaubt, zu sterben denn so zu leben, o Göttin!«

Nachdem ich solchergestalt gebetet und mein Leid geklagt hatte, kehrte ich auf meinen vorigen Ruheplatz zurück, und ein süßer Schlaf bemächtigte sich aufs neue meiner Sinne.

Kaum war ich eingeschlummert, siehe, so erhob sich eine göttliche Gestalt mitten aus dem Meere! Erst zeigte sich ihr selbst den Göttern ehrwürdiges Antlitz, darauf entstieg nach und nach ihr ganzer Körper den Wellen.

Das herrliche Gebild schien vor mir stillezustehen.

Ich will versuchen, euch diese wunderbare Erscheinung zu schildern, wenn anders die Armut menschlicher Sprache zu der Beschreibung hinreicht oder die mir erschienene Gottheit mir Fülle der Beredsamkeit will angedeihen lassen.

Reiche, ungezwungene Locken spielen sanft in angenehmer Verwirrung um den Nacken der Göttin; ihren hohen Scheitel schmückte ein vielförmiger Kranz mit mancherlei Blumen. Über der Mitte der Stirn glänzte mit blassem Scheine eine flache Rundung nach Art eines Spiegels oder vielmehr der Scheibe des Mondes, darumher auf beiden Seiten sich gewundene Schlangen gleich Furchen zogen, und darüber hin, wie bei der Ceres, Kornähren gelegt waren.

Ihr Kleid war feines Zeug, das bald weiß, bald gelb, bald rosenrot wechselte. Es umhüllte sie ein Mantel von blendender Schwärze, der unter dem rechten Arm hindurch über die linke Schulter geschlagen war. Der Zipfel wie ein Schild eines Kriegers über den Rücken zurückgeworfen, fiel in mannigfachen Falten hinab, und die Fransen des Saumes flatterten zierlich im Winde. Sowohl auf der Verbrämung als auf dem Mantel selbst flimmerten zerstreute Sterne in deren Mitte der Vollmond in seiner ganzen Pracht glänzte, und eine schwere Kette allerlei künstlich zusammengeordneter Blumen und Früchte irrte allenthalben verloren darüber hin.

In ihren Händen führte die Göttin weit voneinander verschiedene Dinge; denn in der Rechten hielt sie eine goldene Klapper, durch deren schmales Blech, das sich wie ein Gürtel zusammenbog, einige Stäbe gezogen waren, die beim dreimaligen Schütteln des Armes einen hellen Klang gaben. Von der Linken aber hin ihr ein goldenes Trinkgeschirr herab, über dessen Handhabe an der Seite, wo sie sichtbar war, eine Schlange sich emporreckte mit hocherhobenem Haupte und geschwollenem Nacken.

Ihre ambrosiaduftenden Füße bedeckten Schuhe aus Blättern der Siegespalme geflochten.

Also geschmückt und des wonnigen Arabiens Wohlgeruch um sich her verbreitend, würdigte die hohe Göttin mit folgender Anrede:

»Schau! Dein Gebet hat mich gerührt. Ich, Allmutter Natur, Beherrscherin der Elemente, erstgeborenes Kind der Zeit, Höchste der Gottheiten, Königin der Manen, Erste der Himmlischen; ich, die in mir allein die Gestalt aller Götter und Göttinnen vereine, mit einem Wink über des Himmels lichte Gewölbe, die heilsamen Lüfte des Meeres und der Unterwelt klägliche Schatten gebiete. Ich, die alleinige Gottheit, welche unter so mancherlei Gestalt, so verschiedenen Bräuchen und vielerlei Namen der ganze Erdkreis verehrt – denn mich nennen die Erstgeborenen aller Menschen, die Phrygier, pessinuntische Göttermutter, kekropische85 Minerva; den eiländischen Kypriern paphische Venus; den pfeilführenden Kretern dictynnische 86 Diana; den dreizüngigen Siziliern stygische Proserpina; den Eleusinern Altgöttin Ceres. Andere nennen mich Juno, andere Bellona, andere Hekate87, Rhamnusia88 andere. Sie aber, welche die aufgehenden Sonne mit ihren ersten Strahlen beleuchtet, die Äthiopier, auch die Arier und die Besitzer der ältesten Weisheit, die Ägypter, mit den angemessensten eigensten Gebräuchen mich verehrend, geben meinen wahren Namen mir: Königin Isis89. – Ich erscheine dir aus Erbarmen über dein Unglück; ich komme zu dir in Huld und Gnaden. Hemme denn den Lauf deiner Tränen! Stelle ein dein Trauern, dein Klagen! Der Tag deines Heils ist da, kraft meiner Allmacht; öffne nur deine betrübte Seele meinem göttlichen Gebote!

Der Tag, welcher auf diese Nacht folgt, ist mir durch uralte Gewohnheit geheiligt. Die Winterstürme sind vorüber, des Meeres Ungestüm hat sich gelegt; die Schiffahrt beginnt. Meine Priester weihen mir ein neugezimmertes Schiff und opfern mir die Erstlinge jeglicher Ladung. Erwarte ihren heiligen Zug weder mit schüchternem noch frechem Gemüt. Auf mein Geheiß wird der Hohepriester einen Rosenkranz in der rechten Hand am Sistrum hangen haben. Dränge nur unverzüglich dich durch die Menge hindurch, gehe im Vertrauen auf meinen Schutz getrost dem Zuge entgegen, bis du dich so nahe bei dem Hohepriester befindest, daß du unter dem Scheine eins Handkusses unvermerkt einige Rosen ihm rauben kannst: sofort wirst du die Gestalt dieses garstigen, mir längst verhaßten Tieres ablegen! Fürchte bei Ausführung dieses meines Gebots keine Schwierigkeit; denn in diesem selben Augenblick, da ich hier vor dir stehe, bin ich auch dort meinem Hohenpriester im Traume gegenwärtig und offenbare ihm, was geschehen wird, und wie er sich dazu zu verhalten habe. Auf meinen Befehl soll vor dir das herzudrängende Volk Platz machen. Niemand soll bei der frohen Feierlichkeit und dem festlichen Schauspiele Scheu vor diesem deinem häßlichen Ansehen tragen, noch soll irgendein böser Ausleger deine plötzliche Umwandlung boshafterweise verunglimpfen. Nur sei eingedenk und verliere nicht aus dem Gedächtnis, daß mir von nun an deine übrigen Tage bis auf deinen letzten Atemzug verbürgt sind! Denn billig bist du derjenigen, durch deren Wohltat du wieder unter die Menschen zurückgekehrt, dein ganzes Leben schuldig. Inzwischen wirst du glücklich, wirst du rühmlich unter meinem Schutze leben, und wann du hier deinen Weg vollendet hast und zur Unterwelt hinabwandelst, so wirst du auch dort, auf jener unterirdischen Halbkugel, mich, die du vor dir siehst, die ich des Acherons Finsternisse erleuchte und in den stygischen Behausungen regiere, als ein Bewohner der elysischen Gefilde fleißig anbeten und meiner Huld dich zu erfreuen haben. Ja, wofern du dich durch unablässigen Gehorsam, durch gewissenhafte Beobachtung meines Dienstes, durch strenge Fasten und Keuschheit genugsam um meine Gottheit verdient machst, so wirst du auch erfahren, daß es allein in meiner Macht steht, dir selbst das Leben zu fristen bis über das vom Schicksal dir bestimmte Ziel hinaus.«

Nachdem die ehrwürdige Gottheit also huldreich zu mir gesprochen, wich sie in sich selbst zurück.

Unverzüglich war mein Schlaf dahin, und voller Furcht und Freude und wie mit Schweiß übergossen stand ich auf. Im äußersten Erstaunen über die so offenbare Erscheinung dieser gewaltigen Göttin wusch ich mich abermals im Meere und dachte ihren hohen Befehlen samt der beigefügten Ermahnung nach.

Kurze Zeit darauf, als das schwarze Gewölk der Nacht verschwunden und die goldene Sonne hervorging, da sah man alle Landstraßen mit einer großen Menge Leute angefüllt, die zur heiligen Feierlichkeit allerorten herzukamen.

Alles und jegliches schien mir dermaßen mit der Fröhlichkeit meines Herzens zu sympathisieren, daß nicht allein die Tiere aller Arten, sondern auch die Häuser, ja der Tag selbst mich heiterer und vergnügter anzulächeln schienen. Anstatt des gestrigen rauhen Nebels wallten milde, gelinde Lüfte überall, von Frühlingsluft begeistert, stimmten die Vögel angenehme Konzerte an und begrüßten der Gestirne Mutter, die Fürstin der Zeiten und des Weltalls Beherrscherin mit lieblichem Gesange. Auch fruchttragende und andere, nur schattengebende Bäume, erweckt vom Hauche der Mittagswinde, wiegten mit sanftem Wohllaute ihre Zweige, prangend mit den glänzenden Knospen junger Blätter. Jeglicher brausende Sturm schwieg; das Meer, keine düsteren Wogen auftürmend, spülte ruhig an das Gestade, und der Himmel, von Wolken rein, schimmerte im blendenden Glanze seines eigenen Lichtes.

Siehe, da erschien allgemach der lustige Vortrab des heiligen Aufzuges. Ein jeder ging nach seiner Phantasie aufs komischste maskiert. Der eine, mit einem Degengehänge über die Schulter, stellte einen Soldaten vor; der andere, eine Chlamys90 um, einen Säbel an der Seite und einen Jagdspieß in der Hand, war ein Jäger. Ein dritter, in goldenen Socken, von einem seidenen Gewande umflossen, mit dem köstlichsten Geschmeide geschmückt, die Haare um den Kopf in Flechten gewunden, schwebte als ein Fräulein einher. Noch ein anderer, mit Halbstiefeln, Schild, Helm und Dolch ausgerüstet, schien eben aus der Fechterschule zu kommen. Einer war auch da, der, mit einem purpurverbrämten Kleide, Liktoren mit den Fasces vor sich her, als eine Magistratsperson fungierte. Nicht minder sah man einen Mantel, Stock, Pantoffeln und langem Ziegenbarte einen Philosophen spielen. Es fehlte auch nicht an solchen, die mit Leim- und Angelruten den Vogelstellern und Fischern nachäfften. Auf einem Tragsessel prangte ferner ein zahmer Bär, in eine vornehme Dame verkleidet. Ein Affe folgte ihm, wie der Mundschenk des Zeus herausgeputzt; einen Turban auf, einen safrangelben, gestickten Rock an und eine goldene Schale in der Hand. Den Schluß machte sein Esel, dem man Fittiche angeklebt hatte und dem zur Seite ein schwacher Alter ging: Dieser sollte den Bellerophon91 vorstellen sowie jener den Pegasus; man mußte lachen, wie man sie sah.

Nach diesen Possen, die dem umherschwärmenden Volke unsägliches Vergnügen machten, kam endlich die feierliche Prozession meiner Schutzgöttin einhergezogen. Weiber in blendend weißen Gewändern, bekränzt mit jungen Blüten des Frühlings, trugen voller Freude mancherlei Sachen. Den Schoß mit Blüten angefüllt, bestreuten die einen den Weg, welchen der heilige Zug nahm; andere führten auf dem Rücken schimmernde Spiegel, in denen der Göttin zahlreiches Gefolge als ihr entgegenkommend erschien. Einige hatten elfenbeinerne Kämme in den Händen und taten mit Gebärden und Bewegung ihrer Arme und Finger, als schmückten sie das königliche Haar der Isis. Noch andere besprengten die Gassen mit allerhand wohlriechenden Salben und mit köstlichem Balsam. Darauf folgte eine große Menge beiderlei Geschlechts mit Lampen, Fackeln, Wachskerzen und anderen Arten künstlicher Lichter, zu Ehren der Mutter der Gestirne. Allerlei liebliche Instrumente und Pfeifen ließen sich nun hören. Ein munterer Chor der auserlesensten Jugend, mit schneeweißen, ärmellosen Kleidern angetan, vermählte seine Stimmen mit ihren süßen Weisen und sang ein Lied, das ein großer Dichter unter Eingebung der Musen auf gegenwärtige Gelegenheit gedichtet hatte; bei diesen Sängern befanden sich die Pfeifer des großen Serapis. Auf Querpfeifen, die nach der rechten Seite gehalten wurden, bliesen sie die beim Dienste dieses Gottes gewöhnlichen Melodien. Jetzt kamen Herolde, die mit weitschallender Stimme ausriefen: »Platz, Platz für die Heiligtümer!« Hierauf strömten die in den heiligen Gottesdienst Eingeweihten einher, sowohl männlichen und weiblichen Geschlechts, jeglichen Standes, jeglichen Alters. Alle trugen leinene Kleider von blendender Weiße; die Weiber das gesalbte Haar in durchsichtigen Flor eingehüllt, die Männer das Haupt so glatt geschoren, daß die Scheitel glänzten. Diese irdischen Gestirne der erhabenen Religion machten mit ehernen, silbernen, ja auch goldenen Sistren eine sehr wohlklingende Musik. Allein die Oberpriester, in ein anliegendes Gewand von weißer Leinwand gekleidet, das ihnen bis auf die Füße hinabging, trugen die Symbole der allgewaltigen Götter. Der erste hielt eine helleuchtende Lampe, denen, welcher wir uns bei unsern Schmäusen bedienen, eben nicht ähnlich, sondern von Gold und in der Gestalt eines Nachens, in dessen Mitte eine breite Flamme aus einer Öffnung hervorloderte. Der zweite, eben wie jener gekleidet, führte in beiden Händen Altare, die mit besonderem Namen Hilfsaltare heißen, weil die Göttin sich vorzüglich hilfreich zu denselben herabzuneigen würdigt. Der dritte hielt einen Palmzweig, dessen Blätter sauber aus Gold gearbeitet waren, nebst einem geflügelten Schlangenstab, gleich dem des Mercurius. Der vierte trug das Sinnbild der Billigkeit zur Schau: eine offene linke Hand mit ausgestreckten Fingern, denn da die linke von Natur unbehend und langsam ist, so scheint sie der Billigkeit angemessener als die rechte. Eben derselbe Oberpriester trug auch ein goldenes Gefäß, in der Gestalt einer Brust gerundet, woraus er Milch opferte. Der fünfte erschien mit einer Schwinge, die von goldenen Zweigen geflochten war, und der sechste mit einem Wasserkruge. Unmittelbar darauf sah man die Götter selbst, die sich gefallen ließen, auf den Füßen sterblicher Menschen einher zu wandern. Da war, mit schrecklichem, langhalsigem Hundskopfe, der Bote der Ober- und Untergötter92. Er trug sein halb schwarzes, halb goldenes Antlitz empor und schwang in der Linken einen Caduceus und in der Rechten einen grünen Palmzweig. Dicht hinter ihm folgte eine Kuh in aufrechter Stellung. Diese Kuh, das segenvolle Bild der allgebärenden Göttin, trug der seligen Priesterschaft einer auf seinen Achseln mit großem Prunke. Von einem andern wurde der mystische Korb getragen, welcher die Geheimnisse der wundertätigen Religion in seinem Innersten verwahrt. In beiden Armen hielt ein anderer Glückseliger des höchsten Wesens ehrwürdiges Bild. Weder mit einem Vogel noch mit einem zahmen oder wilden Tiere, noch auch mit einem Menschen hatte es einige Ähnlichkeit; doch war es, der sinnreichen Erfindung und selbst der Neuheit wegen, nicht nur anbetungswürdig, sondern auch der unaussprechlichste Beweis der höheren, aber in tiefstes Stillschweigen einzuhüllenden Religion. Es war eine kleine, aus schimmerndem Golde sehr künstlich gebildete Urne mit rundem Boden; auswärts mit den wundersamen, hieroglyphischen Charakteren der Ägypter bezeichnet. Ihr kurzer Hals verlor sich hinten in eine wohlgeschwungene Handhabe, an welcher sich eine Schlange hinanwand, deren Kopf mit buntschuppigem, giftgeschwollenem Nacken hoch darüber emporragte. Ganz zuletzt erschien der Trost, die Hilfe, welche mir die mitleidige Göttin verheißen. Mein Heil in den Händen, trat der Hohepriester einher. Vollkommen der göttlichen Offenbarung gemäß trug seine Rechte ein Sistrum für die Göttin und für mich einen Kranz, einen wahrhaftigen Siegeskranz; denn nach so viel erduldetem Elende, nach so viel bestandenen Mühen und Gefahren ward ich nun endlich mit dem Beistande der höchsten Göttin Sieger über mein grausames Schicksal. Inzwischen ließ ich mich nicht von jäher Freude hinreißen und stürzte blindlings hinzu, damit ich nicht die Ordnung und Andacht der Prozession stören möchte, wenn ich ungestüm angelaufen käme, sondern so gesetzt, so ehrfurchtsvoll, als immer ein Mensch hätte tun könne, schlich ich mich ganz geduckt bis zu meinem Heilbringer allgemach hinan, indem auf göttliche Eingebung mir das Volk auf beiden Seiten auswich.

Da gemahnte es den Hohepriester sofort seines nächtlichen Gesichts. In sichtbarer Verwunderung, daß alles genau mit demselben übereinträfe, blieb er stehen, reichte mir von selbst die Rechte hin und hielt den verhängnisvollen Kranz mir dicht vor den Mund.

Zitternd und unter dem gewaltigsten Herzklopfen ergriff ich mit gierigen Lippen den aus den schönsten Rosen gewundenen Kranz und verschlang ihn hastig. Stracks ward die himmlische Verheißung erfüllt!

Zusehens fiel die häßliche Tiergestalt von mir ab. Es verging das schmutzige Haar. Die Haut verdünnte sich. Der fette Panzen zog sich ein. Aus den Hinterhufen drängten sich Zehen hervor. Zu Händen mit Fingern versehen wurden die Vorderhufe. Der lange Hals verkürzte sich Kopf und Gesicht wurden rund. Die ungeheuren Ohren nahmen ihre vorige Kürze wieder an. Die tölpischen Zähne wurden menschlich. Und er, der traun mich mehr denn alles übrige gekränkt hatte, der lange Zagel verschwand.

Es staunte das Volk. Die Priester beteten die Allmacht der Göttin an, die sichtbarlich im Nu, gleichwie einem Traumgesichte, meine Verwandlung bewirkte. Aller Hände waren gen Himmel gestreckt, und man hörte nur einen Schrei des Erstaunens ob dem so großen Wunder.

Mein Herz vermochte eine so plötzliche, so überschwengliche Freude nicht zu fassen. Starr und stumm stand ich da und wußte nicht, was ich zuerst sagen, womit ich die wiedererhaltene Stimme und Sprache am glücklichsten versuchen und mit welchen Worten ich der wohltätigen Göttin meinen Dank zu erkennen geben sollte. Bald winkte der Hohepriester, der zwar von allen meinen Abenteuern durch göttliche Eingebung unterrichtet, darum aber nicht weniger über das Wunder, das vor seinen Augen vorging, erstaunt war, daß mir ein leinen Gewand gereicht würde, weil ich mich von dem Augenblick an, als ich mich von der garstigen Eselshülle befreit fühlte, in mich selbst zusammengeschmiegt hatte und solchergestalt und mit vorgehaltenen Händen, so gut ich nur konnte, meine Blöße zu decken suchte. Einer von den Geweihten zog sofort seinen Oberrock aus und warf mir ihn schleunigst über.

Nun hob der Hohepriester mit fröhlichem Gesichte und begeistert über meine Menschwerdung also an:

»Willkommen, o Lucius, nach so viel und mancherlei bestandenen Abenteuern, nach so wilden, erlittenen Stürmen und Ungewittern des Schicksals, willkommen im Hafen der Ruhe, willkommen am Altare der Barmherzigkeit! Schau, trotz deiner Geburt, deines Standes, deiner großen Gelehrsamkeit selbst, bist du auf die schlüpfrige Bahn der Jugend geglitten, zur Buhlerei mit einer Magd hinabgesunken und hast einen unseligen Vorwitz teuer bezahlt. Und trotz seiner Blindheit, seiner Bosheit, seiner Schadenfreude hat das feindselige Glück durch die schlimmsten Widerwärtigkeiten dich hierher zu deinem Heile geführt. Es gehabe sich nun wohl und gehe und übe an andern Wut und suche andere Gegenstände für seine Grausamkeit! Wer, wie du, von unserer erhabenen Göttin zum Diener erkoren, der steht außer der Macht desselben. Mag es dir noch so sehr durch Räuber, durch wilde Tiere, durch Sklaverei, durch mühselige Märsche, durch tägliche Todesgefahr mitgespielt haben: der Tyrannei des blinden Wesens ist nun ein Ende. Du bist in den Schutz einer sehenden Gottheit aufgenommen, die auch die übrigen Götter durch den Schein ihres Lichtes erleuchtet! Nimm denn eine fröhliche Miene an, so wie sie sich zu diesem weißen Gewande schickt, und begleite mit Frohlocken das Gepränge deiner göttlichen Wohltäterin. Es sehen dich die Ungläubigen, sehen dich und erkennen ihren Irrtum! Schauet auf, ihr Unglückseligen! Sehet da des durch die Allmacht der großen Isis vom Elend erretteten Lucius’ Triumph über das Unglück! Doch, um sicherer, um desto beschirmter hinfort zu wandeln, so verleibe dich, o Lucius, auf der Stelle unserm heiligen Orden ein; unterziehe freiwillig dich mit unbedingtem Gehorsam unsern gottesdienstlichen Satzungen: bis für dich der glückliche Augenblick kommt, da du das feierliche Gelübde wirst ablegen dürfen! Je früher du dich der Göttin weihest, je süßere Früchte wirst du für deine hingegebene Freiheit einernten.«

Nachdem der Hohepriester also mit heiliger Salbung gesprochen, schwieg er keuchend. Ich aber mischte mich unter die Geweihten und begleitete den heiligen Zug.

Da hätte man sehen sollen, wie nach mir geguckt wurde! Alle Welt wollte mich kennen. Einer wies mich immer dem andern, bald durch Winke, bald durch Fingerzeigen, und wohin ich mich wandte, hört’ ich wispern: »Da, da geht der, welchen heut’ die allmächtige Isis wiederum zum Menschen verwandelt hat! Wie glücklich, wie selig ist er doch zu preisen! Er muß vorher einen sehr unschuldigen, tugendhaften Lebenswandel geführt haben, daß ihm eine so ausnehmende Gunst des Himmels widerfahren und sowie er nur gleichsam wieder in das Leben getreten, er sogleich auch zum Priester angeworben worden ist!«

Unter solcherlei Gerede und unter dem Getöse feierlicher Gebete rückten wir allmählich fort, bis wir dem Gestade naheten und endlich an denselben Ort kamen, wo ich vergangene Nacht meine Ruhestätte gehabt hatte.

Daselbst wurden die Bilder der Götter gehörig in Ordnung aufgestellt. Mit keuschem Munde verrichtete sodann der Hohepriester ein förmliches Gebet, reinigte mit brennender Fackel, Ei und Schwefel ein künstlich gezimmertes und ringsumher mit ägyptischen Wundermalereien geziertes Schiff und weihte und heiligte es der Göttin.

Im blendenden Segel dieses heiligen Kiels stand mit großen Buchstaben das Gelübde für die gesegnete Schiffahrt des neuen Jahres geschrieben. Hoch erhob sich der runde, glattbehauene Tannenmast mit wallendem Wimpel. Auf dem Hinterteile prangte eine vergoldete Gans mit gewundenem Halse, und über und über glänzte das ganze Schiff von geglättetem, köstlichem Zitronenholz.

Nun kamen Priester und Laien und trugen um die Wette Körbchen voll Gewürze und solcherlei Geschenke herbei und gossen eine Milchmährte 93 über die Wellen hin.

Als endlich das ganze Schiff mit reichlichen Gaben und Sühneopfern angefüllt war, wurden die Ankertaue gelöst, und ein eigener, frischer Wind trieb es in die hohe See.

Sobald es aus unserm Gesichte verschwunden war, nahmen die heiligen Träger ein jeglicher dasjenige wieder, was er gebracht hatte, und unter denselben Gebräuchen, worunter die feierliche Prozession gekommen, kehrte sie fröhlich wieder nach dem Tempel zurück.

Wie wir vor dem Tempel angelangt waren, begab sich der Hohepriester nebst denen, welche die Bilder der Götter trugen, und denen, welche vorlängst in das Allerheiligste waren aufgenommen worden, in die Sakristei der Göttin und setzten allda gehörig die atmenden Bilder nieder. Darauf erschien einer von ihnen, der von allen der Geheimschreiber genannt wurde, vor der Pforte und berief das Kollegium der Pastophoren (Erzpriester) zusammen. Sodann sprach er von einer hohen Kanzel herab aus einem Buche und aus besonderen Schriften den Segen über den Kaiser, den Senat, die Ritter und das ganze römische Volk, über die Schiffahrt und über alles aus, was der Herrschaft unseres Reiches untertan ist, und schloß endlich mit der Formel: »Gehet nun heim, es ist vollbracht!« – »Amen«, antwortete auf sein Gebet mit lautem Geschrei die Gemeinde, »Amen!« Und heilige Zweige und Kräuter oder Kränze tragend, küßten alle, mit Freuden überströmt, die Füße der Göttin, die, aus Silber gebildet, auf den Stufen des Tempels stand, und zogen dann jeglicher seines Weges heim. Ich aber, ich konnte es nicht von meinem Herzen erlangen, nur einen Fingerbreit von dannen zu weichen. Meine ganze Seele auf der Göttin Ebenbild geheftet, blieb ich da und dachte meinem Schicksale nach.

Unterdessen hatte das flügelschnelle Gerücht nicht gesäumt, flugs in meinem Vaterlande der huldreichen Göttin große Wohltat nebst meinen besonderen Abenteuern hin und wieder auszuposaunen. Eiligst kamen Freunde und Diener und meine nächsten Blutsverwandten, nach abgelegter Trauer über die falsche Nachricht von meinem Tode vor plötzlicher Freude außer sich, mit allerlei Geschenken herbei, mich durch göttliche Gnade Neugeborenen wiederzusehen. Ihr Anblick war mir ein wahres Labsal, da ich schon alle Hoffnung aufgegeben hatte, sie jemals mit Augen wiederzuschauen. Für ihre Geschenke aber bedankte ich mich herzlich, da meine Familie mir so viel geschickt hatte, als ich überflüssig zu Kleidung und zum Lebensunterhalt brauchte.

Nachdem ich mich mit einem jeglichen von ihnen aufs freundschaftlichste unterhalten und allen meine erlittenen Trübsale und meine jetzige Glückseligkeit erzählt hatte, kehrte ich wiederum zum Anschauen meiner Göttin zurück.

Ich mietete mir ein Haus innerhalb der Ringmauern des Tempels, worin ich meine Wohnung eine Zeitlang aufschlug, um desto bequemer mit den Priestern der Göttin Umgang zu pflegen und unzertrennlich mit denselben den öffentlichen und Privatgottesdienst abzuwarten. Da ging auch keine Nacht hin – der Schlaf schloß kein einzig Mal meine Augen –, daß die Göttin mich nicht in einem Gesichte ermahnt hätte, mich, der ich vorlängst schon zu ihrem Dienste berufen wäre, doch endlich einweihen zu lassen! Indessen, so sehnlich ich’s auch selbst begehrte, so hielt mich dennoch eine heilige Furcht davon zurück. Ich hatte beobachtet, daß diese Religion sauer zu erfüllende Pflicht auferlege, zu vielerlei Enthaltsamkeit fordere und das Leben, das leider! der Mühen schon genug hat, durch gar zu strenge Selbstverleugnung noch mehr erschwere. Je mehr ich das bedachte, desto mehr eilte ich mit Weile.

Eine Nacht aber schien es mir im Schlafe, ich sähe den Hohenpriester mir den Schoß voll Sachen bringen, und als ich ihn fragte, was ich denn damit solle, da gäbe er mir zur Antwort: Soeben wären mir diese Sachen aus Thessalien samt meinem Diener Schimmel nachgeschickt worden.

Lange sann ich beim Erwachen hin und her, was dies Gesicht wohl zu bedeuten haben möchte; zumal, da ich gewiß war, niemals einen Kerl, der Schimmel geheißen, in meinem Dienst gehabt zu haben. Wie ich aber auch meinen Traum drehen und wenden mochte, so konnt’ ich mir dennoch nichts weiter daraus nehmen, denn allenfalls eine Hoffnung zu einem bevorstehenden Glücke, weil mir doch Sachen waren zugebracht worden.

Unruhig in der Ahnung irgendeines frohen Begegnisses, harrte ich am Morgen der Eröffnung des Tempels.

Die weißen Vorhänge wurden endlich aufgezogen; wir beteten vor dem ehrwürdigen Bilde der Göttin. Der Hohepriester ging von einem umstehenden Altar zum andern, verrichtete Opfer und goß unter feierlichen Gebeten aus dem Weihkessel, der aus einem Quell im Allerheiligsten des Tempels gefüllt worden, Wasser aus. Dies auf gebührende Weise vollbracht, begannen alle Eingeweihten laut die Frühmette zu singen. Und siehe da, die Bedienten, die ich zu Hypata gelassen hatte, als Fotis aus Versehen mich zum Langohr gemacht, traten herein. Meine mütterlichen Anverwandten brachten sie mir nebst meinem Pferde, das sie, nachdem es schon durch verschiedene Hände gegangen war, an einem Zeichen auf dem Rücken wiedererkannt und reindiziert hatten. Zu meiner großen Verwunderung sah ich also meinen Traum vollkommen ausgehen, sah die mir verheißenen Sachen, sah meinen treuen thessalischen Schimmel, der als ein Bedienter mir war angedeutet worden.

Hierdurch bewegt, widmete ich mich mit desto lebendigerem Eifer dem Dienste der Göttin. Diese gegenwärtigen Wohltaten waren mir für meine zukünftige Hoffnungen Bürge. Nicht minder entflammte von Tag zu Tage mehr und mehr meine Begierde nach dem Empfängnis der Heiligtümer. Mit den dringendsten Bitten lag ich zum öftern dem Hohepriester an, mich in der Weih-Nacht Geheimnisse aufzunehmen. Allein dieser fromme, im Rufe der lautersten Gottesfurcht stehende Mann wußte immer mit ebensoviel Freundlichkeit und Milde, als nur ein liebreicher Vater bei Bezähmung des jugendlichen Ungestüms seines Sohnes anwenden kann, die Ungeduld meiner Seele durch süße Hoffnung hinzuhalten. Die Göttin, sagte er, bestimme durch unmittelbare Eingebung allemal zuvor sowohl den Tag der Weihe, als auch den Priester, welcher dieselbe und den zur Feierlichkeit erforderlichen Aufwand zu verrichten habe. Ob diese Weissagung auch verziehe, so müsse ich ihrer dennoch mit geziemender Geduld harren. Zudringlichkeit sei ebenso gefährlich als Widerspenstigkeit. Ich versündige mich nicht minder an der Göttin, wenn ich ihrem Rufe voreilig zuvor-, denn saumselig nachkäme. Niemand aus seinem Orden besitze auch eine so ruchlose Frechheit, das Geschäft der Einweihung zu übernehmen, ohne gleichfalls seinerseits ausdrücklichen Befehl der Göttin dazu erhalten zu haben: das hieße, sich des Todes schuldig machen. In den Händen der Isis läge überhaupt das Leben eines jeglichen Menschen, lägen die Schlüssel zum Reiche der Schatten; in ihren Mysterien würde Hingebung zu einem freiwillig gewählten Tod und Wiedererlangung des Lebens durch die Gnade der Göttin gefeiert und vorgestellt. Auch pflege die Göttin nur solche zu erkiesen, die nach vollbrachter Lebenszeit am Rande des Grabes sich befänden, weil denen die großen Geheimnisse der Religion am sichersten könnten anvertraut werden. Durch ihre Allmacht würden dieselben dann gleichsam wiedergeboren und zu einem neuen Leben zurückgeführt. Wäre ich nun gleich aus besonderer, sichtbarer Gunst der großen Göttin vorlängst schon zu ihrem seligen Dienste auserkoren und berufen, so müsse ich demungeachtet mich jener himmlischen Verordnung unterwerfen, mich gerade wie ihre anderen Diener aller unheiligen und verbotenen Nahrungsmittel von nun an zu enthalten. Ich würde dadurch desto fähiger, zu den verborgensten Geheimnissen der allerreinsten Religion zugelassen zu werden. Also der Hohepriester.

Ich schickte mich denn in Geduld und befließ mich mit stiller Gelassenheit und anständigem Stillschweigen tagtäglich des Gottesdienstes auf das allereifrigste.

Aus Huld täuschte mich die mächtige Göttin nicht, noch ließ sie mich lange nach meinem Heile schmachten. Im Dunkel der Nacht offenbarte sie mir durch nichts weniger als dunkle Worte: Er sei gekommen, der Tag, der mir ewig wünschenswerte Tag, an dem ich des allerhöchsten Glückes sollte teilhaftig werden! Zugleich bestimmte sie den Aufwand, den ich bei der Einweihung zu machen, und ernannten gar ihren Hohenpriester Mithras94 selbst zu meinem Mystagogen (Einführer in die heiligen Geheimnisse), weil er, wie sie sagte, durch eine gewisse Übereinkunft der Gestirne mit mir verwandt sei.

Kaum graute der Tag, so sprang ich schon vor Freuden über die gnadenreichen Befehle der hohen Göttin aus dem Schlafe auf und lief zur Wohnung des Hohenpriesters hin. Er trat eben aus seiner Zelle. Indem ich ihn begrüßen und nun aufs dringendste die Aufnahme als eine heilige Pflicht von ihm heischen wollte, so ward er mich gewahr und kam mir durch folgende Anrede zuvor:

»Heil dir, o Lucius, den die hehre Isis eines so auszeichnenden Wohlwollens würdigt! Und du säumst noch? Verweilst dich selbst? Es ist ja nun da, der Tag, der von dir so sehnlich erwünschte Tag, an dem auf der vielnamigen Göttin Geheiß du von mir selbst in ihrer Religion heilige Geheimnisse sollst eingeweiht werden!«

Somit reichte mir freundlich der Alte seine Rechte und führte mich stracks zur Pforte des geräumigen Tempels. Mit feierlichem Gebrauche verrichtete er das Amt der Eröffnung, und nach Vollendung des Morgenopfers holte er Bücher aus dem Allerheiligsten hervor, welche mit unbekannten Charakteren geschrieben waren. Sie enthielten gewisse Formeln, welche teils durch die sinnbildliche Bedeutung der Figuren von allerhand Tieren, teils durch verschränkte, nach Art des Rades gewundene oder wie die Gäbelein der Weinreben sich ringelnde Züge vor dem Verständnis jedes vorwitzigen Unheiligen gesichert waren. Hieraus las er mir alles vor, was ich zur eigentlichen Einweihung vorzubereiten und anzuschaffen hätte.

Sofort kaufte ich aufs geflissentlichste und im Überfluß alles Nötige teils selbst, teils durch meine Bekannten zusammen.

Wie es endlich nach des Hohenpriesters Angabe die Zeit erforderte, so führte er mich, vom ganzen Priesterschwarme begleitet, in das nächste Bad. Erstlich mußte ich mich nach gewöhnlicher Weise baden, darauf hielt er ein Gebet über mich, besprengte mich über und über mit Weihwasser und reinigte mich.

In den Tempel zurückgekehrt, ließ er mich, da schon zwei Teile des Tages vorüber waren, zu den Füßen der Göttin hintreten, und nachdem er mir insgeheim gewisse Aufträge erteilt hatte, die ich zu verschweigen habe, so gebot er mir endlich ganz laut, daß es alle Anwesenden hören konnten: zehn Tage lang der Werke der Venus mich zu enthalten und weder Fleischspeisen zu essen noch Wein zu trinken.

Ich erfüllte diese geheiligten Vorschriften mit aller Gewissenhaftigkeit.

Nun war der Tag der Einweihung da. Sobald sich die Sonne gen Abend neigte, kamen allenthalben her die Leute zusammen und verehrten mir, nach altem gottesdienstlichem Brauche, allerhand Geschenke. Darauf mußten sich alle und jegliche Profanen entfernen. Ich wurde mit einem groben, leinenen Gewande angetan, und der Hohepriester führte mich bei der Hand in das innerste Heiligtum des Tempels ein.

Vielleicht fragst du hier neugierig, geneigter Leser, was nun gesprochen und vorgenommen worden! – Wie gern wollte ich’s sagen, wenn ich es sagen dürfte! Wie heilig solltest du es erfahren, wenn es dir zu hören erlaubt wäre! Allein Zunge und Ohr würden gleich hart für den Frevel zu büßen haben!

Doch es möchte dir schaden, wenn ich deine fromme Neugier so auf die Folter spannte; so höre denn und – glaube, traue! Es ist wahrhaftig.

Ich ging bis zur Grenzscheide zwischen Leben und Tod. Ich betrat Proserpinens Schwelle, und nachdem ich durch alle Elemente gefahren, kehrte ich wiederum zurück. Zur Zeit der tiefsten Mitternacht sah ich die Sonne in ihrem hellsten Lichte leuchten; ich schaute die Unter- und Obergötter von Angesicht zu Angesicht und betete sie in der Nähe an.

Siehe! Nun hast du alles gehört: aber auch verstanden? Unmöglich! So vernimm wenigstens, was ich ohne Sünde dir Laien verständlich machen kann!

Erst gegen Morgen war die Einweihung vollendet. Ich hatte während derselben zwölfmal die Kleidung verändert und ging endlich aus dem Innersten des Tempels in einem Aufzuge hervor, der zwar auch mystisch war, von dem aber kein Gesetz verbietet, ganz frei zu reden! da mich drinnen sogar sehr viele Anwesende gesehen haben.

Mitten in dem Tempel mußte ich vor der Göttin Ebenbild auf eine hölzerne Bank hintreten. Mein Leibrock war von Kattun, mit bunten Blumen bemalt, und von den Schultern herab bis zu den Fersen fiel mir ein köstlicher Mantel, auf dessen beiden Seiten allerhand Tiere von verschiedenen Farben zu sehen waren: hier indische Drachen, dort hyperboreische95 Greife in Löwengestalt, aber mit Adlerköpfen und Flügeln, wie sie die andere Welt hervorbringt. Bei den Eingeweihten heißt dieser Mantel die olympische Stole.

Ich führte eine brennende Fackel in der rechten Hand und war mit einem Kranze von Palmblättern geziert, die so geordnet waren, daß sie um mein Haupt gleich Strahlen herumstanden.

So als Bild der Sonne ausgeschmückt, stand ich gleich einer Bildsäule da. Ein Vorhang öffnete sich und zeigte mich den neugierigen Blicken des Volkes.

Hierauf beging ich den erfreulichen Entstehungstag der Mysterien mit leckeren und fröhlichen Gastmählern. Am dritten Tage aber wurde den heiligen Satzungen gemäß mit allerhand Feierlichkeiten der Beschluß der Schmausereien und der ganzen Einweihung gemacht.

Noch einige Tage blieb ich da, mich mit unsäglicher Wonne am Anblick des Götterbildes zu weiden. Ich war durch eine zu unvergeltbare Wohltat verpflichtet. Nachdem ich mich in Demut, zwar nach meinem geringen Maße doch bei weitem noch nicht vollkommen, alles Dankes entledigt hatte, so schickte ich mich endlich auf ausdrücklichen Geheiß der Göttin zu meiner Abreise an. Kaum vermochte ich die Bande der inbrünstigen Liebe, die mich bei meiner Wohltäterin zurückhielten, zu lösen. Vor ihrem Angesicht stürzte ich nieder und wusch lange in stummer Betäubung ihre Füße mit meinen Küssen, bis ich zuletzt unter Tränen in diese, von häufigen Schluchzen unterbrochen, erstickten Worte ausbrach:

»Göttin! Heilige, ewige Erhalterin des Menschengeschlechts! Die du nicht aufhörst, Schutz den schwachen Sterblichen zu verleihen; die du dem Elenden die milde Zärtlichkeit einer Mutter angedeihen lässest! Kein Tag, keine Nacht, kein geringer Augenblick schwindet leer an deinen Wohltaten dahin. Zu Wasser und zu Lande beschirmst du die Menschen, entfernest von ihnen jegliche Lebensgefahr und reichst ihnen deine hilfreiche Rechte, mit welcher du das verworrene Gewebe des Schicksals auseinanderwirrst, die Unglücksstürme zum Schweigen bringst und der Sterne schädlichen Lauf einhältst. Dich verehren die Ober- und Untergötter. Du wirbelst die Erde im Kreise herum, entzündest das Licht der Sonnen, regierst die Welt und hältst den Tartarus untertan. Dir antworten die Gestirne, jauchzen die Götter, wechseln die Jahreszeiten und dienen die Elemente. Auf deinen Wink wehen die Lüfte, füllen sich die Wolken, keimt das Gesäme und sprießt das Gras. Deine Majestät scheuen die Vögel unterm Himmel, die wilden Tiere auf den Bergen, die Schlangen in den Klüften und die Ungeheuer im Meer. Doch bin ich zu schwach an Geiste, dein Lob zu preisen, bin zu arm an Habe, dir würdige Opfer zu bringen; Fülle der Worte gebricht mir, das Gefühl deiner Herrlichkeit auszusprechen. Ja, leihe tausend Lippen mir und ebenso viele Zungen nebst einem ewigen Fluß ununterbrochener Rede, dennoch bin ich zu ohnmächtig. So laßt dir denn wohlgefallen, was demütiglich meine fromme Armut dir anlobt! Ewig soll dein göttliches Antlitz, ewig dein beneideter Name hochverehrt im innersten Heiligtum meines Herzens leben!«

Nachdem ich also zur Göttin gebetet, nahm ich auch vom Hohenpriester Mithras Abschied. Mit einer Rührung, als wenn ich mich von meinem Vater trennen müßte, hing ich an seinem Halse und küßte ihn und bat ihn um Vergebung, wenn ich die von ihm mir erwiesenen großen Wohltaten nicht würdiglich zu vergelten vermöchte. Endlich, nach langen, herzlichen Danksagungen, verließ ich ihn und begab mich hinweg.

Mein Sinn war gerade nach meiner Heimat gerichtet, von der ich nun so lange Zeit abwesend gelebt hatte. Indessen, nach wenigen Tagen mußte ich auf Antrieb der Göttin meine Sachen über Hals und Kopf zu Schiffe bringen und gen Rom segeln. Mit günstigem Winde erreichte ich schnell und glücklich den Hafen, nahm einen Wagen und kam wohlbehalten am zwölften Dezember gegen Abend in dieser hochheiligen Hauptstadt an.

Täglich war meine vornehmste Sorge, die Königin Isis anzubeten, deren erhabene Gottheit allda unter dem von der Lage des Tempels hergenommenen Namen, Isis vom Marsfelde, mir der größten Heiligkeit verehrt wird. Ich ward einer der eifrigsten Diener, zwar fremd im Tempel, doch in der Religion einheimisch.

Siehe, als die große Sonne nach durchlaufenem Tierkreise das Jahr vollendet, da erschien mir die wohltätige Göttin wiederum im Traume und ermahnte mich zu einer abermaligen feierlichen Aufnahme und Einweihung in die Geheimnisse.

Ich konnte nicht begreifen, was dies vorstellen, was dies bedeuten sollte. Denn eingeweiht glaubt’ ich schon aufs vollkommenste zu sein. Endlich, nachdem ich lange den Skrupel mit mir herumgetragen hatte, zog ich die Priester darüber zu Rate. Welch ein neues, wunderbares Licht ging mir da auf!

Ich wäre zwar, sagten sie, in der Göttin Geheimnisse eingeweiht, aber in die des großen Gottes, des höchsten Vaters der Götter, des unüberwindlichen Osiris, wäre ich noch nicht aufgenommen. Ungeachtet beider Gottheit und Religion verbunden, ja ganz dieselbe sei, so wäre dennoch ein wesentlicher Unterschied zwischen der Weihe; daher sollte ich nur denken, daß ich auch zum Diener des großen Gottes berufen würde. Der Knoten wurde bald gelöst.

In einem Gesichte sah ich in der folgenden Nacht einen von den Priestern. Mit einem leinenen Gewande angetan, brachte er mir Thyrusstäbe und Efeuzweige und andere Sachen, die ich nicht sagen darf, in das Zimmer; setzte sich auf meinen Stuhl nieder und gebot mir, einen Einweihungsschmaus zu veranstalten. Zuletzt zeigte er mir, zum Merkmal, woran ich ihn wiedererkennen möchte, daß an seinem linken Fuß der Knöchel dermaßen verrenkt sei, daß er hinke.

Nach einer so offenbaren Willenserklärung der Götter waren alle meine Zweifel gehoben. Sobald also der Göttin Frühmette vorbei war, betrachtete ich mir alle Priester aufmerksam, ob keiner darunter sei, der, gleich meinem Traumgesichte, hinke. Ich entdeckte wirklich einen. Es befand sich jemand unter den Pastophoren (Erzpriestern), der nicht allein wegen des Merkmals am Fuße, sondern auch an Statur und Mienen vollkommen demjenigen ähnlich war, der mir im Traume erschienen. Wie ich nachher erfuhr, hieß er Asinius Marcellus (Dürr-Esel), ein Name, der mit meiner vormaligen Verunstaltung in Verwandtschaft stand.

Unverzüglich trat ich zu ihm. Er wußte aber schon, was ich ihm sagen wollte; denn er hatte gleichfalls Befehl erhalten, meinen Mystagogen abzugeben. In vergangener Nacht hatte es ihm geschienen, als habe ihm der große Gott, während er demselben Kränze aufsetzte, mit dem Munde, der aller Menschen Schicksal bestimmt, deutlich verkündet: Er werde ihm einen Madaurer zuschicken, den er trotzt seiner Armut sogleich in seine Mysterien einweihen solle: weil dieser dereinst durch seine Fügung sich sehr in den Wissenschaften hervortun, er aber einen ansehnlichen Schatz finden würde.

Solchergestalt zur Einweihung auserwählt, wurde ich gleichwohl durch meine wenige Barschaft, aber sehr wider meinen Willen, davon zurückgehalten. Nicht allein, daß meine geringe Habe auf der Reise ziemlich geschmolzen war, so überstieg auch der zur Aufnahme erforderliche Aufwand in Rom bei weitem denjenigen, welchen ich in der Provinz dabei zu machen genötigt gewesen. Man kann nicht mehr als ich bei dieser Gelegenheit die drückende Last der Armut fühlen! Das Messer stand mir, mit einem alten Sprichwort zu reden, an der Kehle, da die Gottheit mich immerfort zur Erfüllung meines Berufes antrieb.

Endlich, nachdem ich lange einmal über das andere vergebens erinnert worden und ich mir gar nicht anders mehr zu helfen wußte, so verkaufte ich meine Garderobe, womit ich denn, so gering sie auch war, die erforderliche Summe noch zusammenbrachte; zwar geschah es auch nur auf besondere Anmahnung.

»Wie?« hieß es, »du, der du kein Bedenken tragen würdest, um ein nichtiges Vergnügen sogar deinen Rock vom Leibe dahinzugeben: du stehst noch an, dich um so großer Geheimnisse willen einer verdienstlichen Armut in die Arme zu werfen?«

Ich schaffte denn alles in Überfluß an, was nötig war; ließ mir wiederum zehn Tage lang an leblosen Speisen genügen, und nachdem ich nun auch in die nächtlichen Orgien des größten Gottes, Serapis, aufgenommen war, besucht’ ich noch fleißiger als zuvor den heiligen Gottesdienst, mit dem vollkommensten Vertrauen in die geschwisterliche Religion.

In dieser Lage genoß ich nicht allein der größten Gemütsruhe, ungeachtet ich in der Fremde lebte, sondern ich hatte auch noch mein reichliches Auskommen: denn das Glück gab sein Gedeihen zu den Rechtshändeln, deren ich mich vor Gericht annahm.

Es währte jedoch nicht lange, so erschienen mir, ehe ich mir’s versah, die Götter aufs neue und heischten von mir, mich zum dritten Male weihen zu lassen.

Sorgenvoll, wußte ich nicht, was ich darüber denken sollt. So sehr ich mir auch den Kopf zerbrach, so konnte ich doch auf keine Weise weder die Absicht der Himmlischen erraten noch mir vorstellen, was nach einer wiederholten Weihe mir noch fehlen könnte, wofern beide Hohepriester anders mich nicht hintergangen oder vielleicht mir manches vorenthalten hätten? Fast war mir ihre Ehrlichkeit verdächtig.

Indem ich aber also auf diesem Meere unruhiger Gedanken umherschwankte und meinen Verstand bald darüber verloren hätte, so er hielt ich durch ein Traumgesicht folgende Offenbarung:

»Sei unbesorgt! Nichts ist bei deinen vorigen Einweihungen versehen worden! Wenn du jetzt zu einer dritten aufgefordert wirst, so geschieht es bloß, weil dir die Götter vorzüglich hold sind. Freue dich denn und jauchze! Was andere kaum einmal, das wirst du dreimal werden. Kraft dieser Zahl, glaube es fest, wirst du ewig glückselig sein! Übrigens ist diese künftige Einweihung unumgänglich nötig. Bedenke nur, daß das Gewand der Göttin, welches du in Griechenland angelegt hast, allda in ihrem Tempel zurückgeblieben ist, und daß zu Rom du dich dieses heiligen Schmuckes weder an gewöhnlichen noch außerordentlichen Bet- und Dankfesten bedienen kannst. Darum, mit Heil, Glück und Segen! laß dich hinwiederum einweihen und folge fröhlichen Muts der Eingebung der großen Götter!«

Hierauf zeigte mir der durch göttliche Allmacht zugesandte überredende Traum an, was ich anzuschaffen und weiter zu tun hätte.

Ich nahm sonach keinen Anstand, sondern hinterbracht gleich meinem Erzpriester das gehabte Gesicht, unterzog mich dem Joche der Fasten, verdoppelte freiwillig die durch ein unverbrüchliches Gesetz gebotenen zehntätige Frist der Enthaltsamkeit und kaufte aus frommen Eifer alle zur Weihe nötigen Sachen in weit reichlicherem Maße an, als es vorgeschrieben war. Und wahrlich! Niemals habe ich mich weder diese Kasteiung des Fleisches noch die gemachten Ausgaben gereuen lassen; auch hatt’ ich nicht Ursache! Ungerechnet, daß mit der Götter Segen ich mir schon ein ansehnliches Vermögen durch Advozieren erworben hatte, so würdigte mich nach mehreren Tagen der großen Götter Größter, der Größten Höchster, Höchsten Gewaltigster und der Gewaltigsten König – Osiris, nicht mehr unter eines andern Bildung, sondern von Angesicht zu Angesicht mit mir zu reden. Im Traume schien er in seiner eigenen ehrwürdigen Gestalt mir zu befehlen: unverzüglich mich den allerrühmlichsten Rechtshändeln zu widmen trotz der Neider, welche der Ruf meiner durch unermüdlichen Fleiß erworbenen Gelehrsamkeit mir zuziehen möchte. Ferner erhob er mich aus dem gemeinen Haufen seiner Diener in das Kollegium der Pastophoren; ja, er erkieste mich sogar zu einem seiner fünfjährigen Dekurionen.

Flugs ließ ich die Haare mir glatt wieder abscheren, und ohne meine Glatze auf irgendeine Weise zu verbergen oder zu bedecken, trat ich voller Freude in dies sehr alte Kollegium ein, das schon zu Sullas Zeiten gestiftet worden war.


5

Eine mit Gemälden geschmückte Halle in Athen.

6

Götter der Unterwelt

7

Äthiopier und Indier waren ehedem gleichbedeutende Namen, welche beide die am weitesten gegen Mittag gelegenen Völker anzeigten. Daher reden die Alten auch von zwei Arten von Äthiopiern, von denen, die das sind, wo die Sonne sich versteckt (d. i. den Äthiopiern in Afrika), und von denen, die das sind, wo die Sonne herkommt (d. i. den Indiern in Asien).

8

Gegenfüßler oder Antipoden nennt man die jeweils auf der entgegengesetzten Seite der Erdkugel lebenden Menschen.

9

Um des Kreons, Königs von Korinth, Tochter Kreusa zu heiraten, verstieß Jason die Medea. Diese bat sich eine Tagesfrist aus, sich zur Abreise zuzurüsten. Sie ward ihr zugestanden. In der Zeit verfertigte sie einen Kranz, welchen sie der Kreusa zum Hochzeitsgeschenk verehrte. Dieser Kranz war mit einer Masse bestrichen, die Feuer fing, sobald sich Kreusa dem Altar näherte. Alles geriet dadurch in Flammen, und Kreusa und ihr Vater verbrannten samt dem Palaste.

10

Ein schöner, von Luna entführter Jüngling; er wurde in ewigen Schlaf versetzt.

11

Wurde seiner Schönheit wegen von einem Adler Jupiters entführt und Mundschenk der Götter.

12

Der listenreiche Odysseus.

13

Die Nymphe, die Odysseus 7 Jahre auf ihrer Insel zurückhielt.

14

Pökel, Salzlake.

15

Finsterer Höllenabgrund.

16

Der vielköpfige Höllenhund.

17

Ich habe mich hier nicht enthalten können, durch ein paar hinzugefügte Züge das Lächerliche der Aufführung des Milo in die Augen fallender zu machen. Durch eine wörtliche Übersetzung würde ich sonst eine Untreue an meinem Autor begangen haben.

18

Ein schöner Jäger, der die jungfräuliche Göttin Diana (Artemis) beim Bade überraschte, in einen Hirsch verwandelt und von den eigenen Hunden zerrissen wurde.

19

Berühmte Prophetin, der die Sibyllinischen Bücher zugeschrieben werden.

20

Chaldäer wurden bei den Alten alle Nativitätssteller genannt, sie mochten sein, woher sie wollten.

21

Apuleius hat sich einer Nachlässigkeit schuldig gemacht, daß er hier mit einmal einen Bedienten auftreten läßt, dessen er doch vorn bei der umständlichen Beschreibung des Auszugs des Lucius mit keinem Worte erwähnt hat. Im II. Buche spricht er gar von mehreren Bedienten, die bei desselben Verwandlung in Thessalien (das er dessen Vaterland nennt) zurückgeblieben wären.

22

Die Alten bildeten die Gerechtigkeit mit scharfsehenden Augen.

23

Geldstücke, Heller.

24

Geflügelte, unheilbringende Windgeister.

25

Lynkeus, ein Heros, berühmt durch sein scharfes Gesicht. Argus ein hundertäugiger Riese.

26

Orpheus.

27

Bevor die Leiche weggetragen wurde, rief man sie nochmals beim Namen und sagte ihr das letzte Lebewohl.

28

Die Griechen und Römer nennen die ägyptischen Philosophen Propheten und Priester.

29

Stadt in Ägypten.

30

Pharus, Insel an der Nilmündung. Sistrum, eine beim Isiskult in Ägypten gebrauchte Klapper.

31

Von Lethe, dem Strom des Vergessenheit.

32

Von Styx, dem Fluß der Unterwelt.

33

Ein dreileibiger Riese, den Hercules entführte.

34

Ein Sühnopfer wurde mit Eisenkraut bekränzt und durch die ganze Stadt mit Verwünschungen geführt, damit auf dasselbe alles Unglück der Stadt fallen möchte.

35

Ajax der Große, der starke Held vor Troja, der im Wahnsinn gegen eine Schafherde kämpfte und sich selbst tötete.

36

Der Liebesgott Amor.

37

Göttin der Ställe, Pferde und Esel.

38

Die Anrufung des Namen des Kaisers bei Gewalttätigkeiten oder Unterdrückung war ein eben so sicheres Rettungsmittel, als wenn man in ein Asyl flüchtete.

39

Ein tapferes Bergvolk, das mit den Zentauren, zweigestelligen Ungeheuern, halb Mensch, halb Roß, kämpfte.

40

Die Türen der Alten waren ganz anders verschlossen und verwahrt als die unsrigen.

41

Brautlied.

42

Sohn des Zeus.

43

Die Fabel Amors und Psychens, die hier eingeschaltet ist, ist schon aus Werken der Kunst aus den besten Zeiten Griechenlands bekannt. Apuleius aber ist der einzige Schriftsteller des Altertums, der sie uns erzählt.

44

Paphos, Knidos und Cythera, Städte mit berühmten Venustempeln.

45

Posterkissen, auf die man die Götterbilder stellte.

46

Der milesische Gott ist Apoll.

47

Sulzer sagt in seiner Theorie der schönen Künste von der lydischen Tonart: »Eine der Haupttonarten der griechischen Musik, die Plato aus seiner Republik verwiesen hat, weil sie ungeachtet ihres lebhaften Charakters doch etwas Weichliches hatte. Daß unser heutiges F-dur, wenn dieser Ton völlig nach der Art der Kirchentonarten behandelt wird, wirklich die lydische Tonart der Alten sei, wie die Tradition anzuzeigen scheint, läßt sich vermuten, weil er wirklich diesen Charakter hat.«

48

Mit folgender Stelle bin ich frei verfahren. Sie ist verfälscht. Die Lesarten weichen voneinander ab und tun alle kein Genüge.

49

Pythia, die weissagende Priesterin des Apollo in Delphi.

50

Der Gott der Wälder.

51

Ceres, die Göttin der Feldfrüchte. Juno, die Gemahlin Jupiters.

52

Sohn des Oceanus.

53

Der Götterbote.

54

Beiname der Venus.

55

Das im Märchen von Aschenbrödel verwandte Motiv.

56

Fluß in der Unterwelt.

57

Ganymed.

58

Taenarum, Ortschaft im südlichen Lakonien mit einem Neptuntempel und einem Eingang in die Unterwelt.

59

Dis = Pluto, Gott der Unterwelt.

60

Der Fährmann in der Unterwelt.

61

Der Hauptstrom der Unterwelt.

62

Dirce ward von Zethus und Amphion an einen wilden Stier gebunden und geschleift. Das bekannte Sujet des Farnesischen Stiers.

63

Der Königssohn Phrixus floh mit seiner Schwester Helle auf einem goldenen Widder nach Kolchis.

64

Der Sänger und Zitherspieler Arion rettete sich auf einem Delphin vor Seeräubern.

65

Die Königstochter Europa entführte Jupiter auf einem Stier.

66

Das geflügelte Roß, später das Dichterroß.

67

Mutter des Meleager und der Deïanira.

68

Ein feuerspeiendes Untier mit drei Köpfen.

69

Klappern, Kastagnetten.

70

thrazisch-phrygische Gottheit.

71

Bellona, Kriegsgöttin der Römer.

72

Stellvertreter.

73

Homer.

74

Im Areopag, dem höchsten Gericht zu Athen.

75

Königssöhne, die sich gegenseitig durchbohrten.

76

Menschenraubende Unholdinnen.

77

Die Tochter des Sol, Gemahlin des Minos, die in Liebe zu einem Stier entbrannte und den Minotaurus gebar.

78

Gott der Fruchtbarkeit.

79

Es ist bekannt, daß es bei den Griechen und Römern den Vätern freistand, ob sie ihre neugeborenen Kinder wollten am Leben lassen oder nicht.

80

Bei den Alten fiel eigentlich wenn das Stück zu Ende war, der Vorhang nicht nieder, sondern er ward von unten hinaufgezogen. Daher hieß es bei ihnen: »der Vorhang wird aufgezogen«, also das, was bei uns »der Vorhang fällt« heißt. Um den des Altertums unkundigen Leser nicht in Verwirrung zu setzen, bin ich lieber bei unserer Art zu reden geblieben.

81

Der troische Königssohn, der den Schönheitspreis nicht Juno und Minerva, sondern Venus zuerkannte und den Trojanischen Krieg heraufbeschwor.

82

Wurde vor Troja auf Veranlassung des Odysseus als angeblicher Verräter getötet.

83

Sokrates.

84

Den Altertumsforschern ist dieses Buch wegen der darin enthaltenen Nachrichten von dem Dienste und den Geheimnissen der Isis höchst wichtig. Es sind die einzig ausführlichen, die wir davon haben.

85

Die athenische Minerva.

86

Eine kretische Göttin, die von den Griechen der Diana gleichgestellt wurde.

87

Griechische Spuk- und Zaubergöttin.

88

Nemesis, Göttin der Vergeltung.

89

Ägyptische Göttin, von allen fremden Gottheiten von den Römern am meisten verehrt.

90

Oberkleid der Männer.

91

Held, der das Ungestüm Chimära erlegte.

92

Anubis, Sohn des Osiris.

93

Mährte (niederdeutsch), Gemisch, Kaltschale.

94

Der persische Sonnengott, dessen Kult sehr verbreitet war; vieles in ihm ist christlichem Kult ähnlich.

95

Aus dem Norden stammend.